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Selene - Kapitel 6

Roman zum Thema Fantasie


von BluesmanBGM

Kapitel VI - Gipfelgrat

"Wie ist das eigentlich mit deiner Familie? Ich meine...deiner irdischen Familie. Mama und Papa Wiedenbrink. Du lebst allein in dem großen Haus, oder?"
Nachdem Rick keine seiner Fragen zu den kosmischen Erlebnissen auf die Reihe zu bringen schien, und seine ungelenken Versuche, aus ihrem immensen Wissen ein wenig Kapital zu schlagen, ebenso erfolglos waren, versuchte er es ersatzweise mit normaler Konversation über banale Dinge.
Der Alltag war zumindest ein kleiner Anker. Sie war als Mensch geboren worden, also musste sie doch auch Wurzeln in der Welt der Menschen haben.
Vielleicht würde ihm dies irgendwann eine Chance eröffnen, wirklich nach jenen Dingen zu fragen, die in den Tiefen seines Bewußtseins auf Antworten hofften.
Und da war mehr. Seit den düsteren Andeutungen von Inanna spürte Rick immer wieder den Wunsch, nach einem menschlichen Kern in Seli zu suchen.
Seli gab für einen langen Moment gar keine Antwort und sie kletterten weiter die Böschung hinauf. Kleine Steinchen rieselten nach unten, als der Weg steiler wurde.
"Meiner irdischen Familie geht es gut. Sie leben ihr menschliches Leben..." sagte sie dann knapp.
Rick wartete für eine volle Minute, aber sie sprach nicht weiter.
"Lass mich raten. Sie haben völlig vergessen, daß sie überhaupt jemals eine Tochter hatten..." vermutete er, und schüttelte dann den Kopf.
Eine leichte Verärgerung stieg in ihm auf. Es war zwar nicht seine Angelegenheit. Aber es betraf Menschen. Menschen wie ihn. Menschen als Schachfiguren. Er sprach weiter, und versuchte dabei, moralisch überlegen zu klingen. "Findest du das eigentlich fair?"

Er hatte erwartet, daß sie entweder mit einer flapsigen Antwort ausweichen oder mysteriöses Zeug reden würde. Fairness ist für geringere Wesen. Ladida.
Aber sie überraschte ihn mit einer unerwarteten Ernsthaftigkeit bis hin zur Traurigkeit. War er in ein Fettnäpfchen getreten?
"Es ist besser für sie. Mehr Zeit und Liebe für ihr anderes Kind. Ihr Kind mit einer verletzlichen und menschlichen Seele. Er fühlte sich vernachlässigt. Und das völlig zu recht. Sie haben alles für ihre kleine Prinzessin Selene getan. Alles, was das egoistische Kind nur wollte, hat es auch bekommen. Fast jeden Wunsch..."
Sie blieb stehen und blickte sich zu ihm um.

"Verstehst du? Ich habe das getan, und nicht bemerkt, was ich tue. Ich war noch nicht erwacht. Hatte keine Kontrolle darüber. Er hat gelitten und die Welt nicht mehr verstanden. Seine Eltern waren ihm fremd geworden, weil sie Marionetten waren. Darum sollte unsereins keine engen Familienbindungen haben. Tja. Passiert leider zu oft. Jetzt sind die Dinge wieder in Ordnung und all ihre positiven Erinnerungen an mich sind auf ihn verschoben. Und es ist gut..."
"Und du bist allein..." entgegnete Rick mit einem resignierenden Achselzucken.
"Wer das Universum mit einem Gedanken umgreift, ist niemals allein..." korrigierte sie ihn, aber Rick wollte noch immer einen Hauch Verletzlichkeit heraushören.
Ein Bild aus dem Traum, daß sich in seinen Gedanken festgesetzt hatte, war die Zwiesprache zwischen dem Kristallsamen und jeder einzelnen Zelle des Embryos.
Hatte man sich hier nicht gemeinsam auf einen menschlichen Faktor geeignet?

Wieder rieselten Steinchen und Kiesel den Abhang hinunter und Rick trat ein Stück zur Seite, als ein staubiger Schwall an ihm vorbeiprasselte.
"Dann war dir also nicht immer bewußt, daß du..." Er suchte wieder nach passenden Worten.
"Nein. Das ist eine der möglichen Folgen des Inkarnierens. Wir vergessen manchmal für eine Kindheit oder für ein ganzes Leben, wer wir eigentlich sind. Als ich mir vor ein paar Jahren wieder meiner Natur bewußt wurde, habe ich die nötigen Konsequenzen gezogen. Eines Morgens habe ich mich von meinen Eltern und meinem Bruder verabschiedet, habe sie auf die Stirn geküsst, und die Tür hinter mir geschlossen. Und bin wie ein leiser Windhauch aus ihren Leben getreten."
"Wie geht das?" fragte Rick. "Einfach so futsch und weg? Was ist mit all den anderen Menschen, die dich gekannt haben? Mit Freunden, Verwandten, Lehrern?"
"Eine belanglose Realitätsverbiegung auf minimaler Skala. Es hat zugeben eine kleine Ausbuchtung in der Temperaturbalance des Kosmos ausgelöst, aber damit können ich und euer Universum leben. Du mußt dir begreiflich machen, daß das, was ihr Magie nennt, in letzter Instanz immer eine Frage der Thermodynamik ist. Schwieriger wird das erst in Universen mit 12 Dimensionen aufwärts, weil dann hochauflösende Naturgesetze ins Spiel kommen. Nicht, daß es mich stören würde..."
Sie zuckte amüsiert mit den Achseln, scheinbar belustigt über die unerträgliche Leichtigkeit des Universums.
Rick fühlte, daß der Strohhalm des menschlichen Kerns, nach dem er zu greifen versuchte, zwischen seinen Fingern hindurchglitt. Warum ließ sich ein solcher Kern nicht einfach greifen und halten, so wie eine warme Hand? Aber da war es wieder, das höhere Wesen. Und die Distanz.

"Was ist mit deinen anderen Eltern? Habt ihr denn auch sowas wie wahre Eltern? Ich meine, ihr müsst doch einen Ursprung haben? Dort draußen..."
Er deutete unbestimmt nach oben in den Himmel.
"Ich hatte einst eine Mutter. Sie ist gegangen..." sagte Seli kryptisch.
"Wohin?" fragte Rick.
"Überall hin..." Seli lächelte aus unerfindlichem Grund.
"Und wie war sie so?" Rick war sich bewußt, daß seine irdischen Floskeln vermutlich nicht wirklich brauchbar waren.
"Wie ein Regenbogen. Alle Farben vereint..."
"Schön..." sagte Rick, der nicht wirklich verstand.

Ein neuer Steinschauer prasselte an ihm vorbei und Kiesel flogen gegen seine Knie. Er blickte mürrisch nach oben, wo Seli ein paar Schritte vor ihm im schrägen Hang gelaufen war. Sie war stehengeblieben und schien zu lauschen.
"Kannst du nicht ein bißchen aufpassen? Hier fliegen immer mehr Steine..." nörgelte Rick und wischte sich demonstrativ die staubigen Schuhe ab.
"Das war ich nicht..." entgegnete Seli und berührte die Erde. "Sie sind hier..."
Jetzt bemerkte auch Rick eine Vibration, die aus dem Boden kam. Ein leises Grummeln und Ächzen war zu hören. Die Vibration nahm an Intensität zu, und es fühlte sich auf einmal an, als würde direkt unter ihnen eine Art von U-Bahnzug vorbeirauschen.

Ein tiefes Dröhnen und Pulsieren quoll aus dem Berg selbst. Die Felsen weiter oben knirschten und knackten und Steinbrocken bröselten heraus.
"Oh Oh..." Seli blickte sich in alle Richtungen um. Der Hang geriet in Bewegung. Erde. Sand. Steine. Gras. Bäume und Büsche.

Rick begann irritiert nach oben zu laufen, und aus dem steilen Gefälle zu entkommen, aber das was gar nicht so einfach, denn das ganze Gefälle kam ihm nun entgegen.
Es war, als versuchte man im Einkaufszentrum auf einer schneller und schneller nach unten laufenden Rolltreppe nach oben zu kommen. So sehr man auch gegen den Strom strampelte und strampelte, man blieb dennoch auf der selben Stelle. Der ganze Berghang wurde zur Rolltreppe nach unten.
Seine Füße sanken immer mehr ein und Steinchen und Erdbrocken wachsender Größe knallten schmerzhaft gegen seine Beine und Knie.
Ein lautes rollendes Poltern rechts und links verriet ihm, daß dort bereits größere Felsbrocken nach unten geschleudert wurden, und als er erschrocken nach oben blickte, sah er dort, wie die Kalksteinzacken am Gipfelgrat rabiat durchgeschüttelt wurden, sich knirschend und krachend hin und beugten und neigten wie kleine Kieselsteinchen, und dabei zu Brocken zerfielen, die den Hang herunterrieselten. Abwärts. Immer schneller. In ihre Richtung.
Brocken? Rieselten? Ein weiterer polternder Schatten rollte links knapp innerhalb seines Augenwinkel vorbei und riß Büsche und Gras mit sich.
Die Fragmente von oben hatten mittlerweile die Ausmaße von Medizinbällen und mehr angenommen.

"Ausweichen..." rief Seli plötzlich direkt neben ihm und gab ihm einen rabiaten Schubs in die andere Richtung. Ein unförmiger Felsklumpen von der Größe eines mittleren Kühlschranks pflügte dreckschleudernd den Hang hinab und passierte genau die Stelle, an der Rick gerade eben noch gestanden hatte.
Eine breite Furche klaffte nun in gerader Linie exakt dort entlang, wo Rick noch vor Sekundenbruchteile gewesen war.
"Woaah..." rief dieser und torkelte noch weiter links. Und mit dem ganzen Hang rückwärts. Abwärts. Als kleiner und verwundbarer Teil der Lawine.
Staub und Dreck wirbelten in einer Druckwelle auf und Rick fühlte ein Stechen in seinen Augen, als der destruktive Sandsturm gegen sein Gesicht prasselte.
Er blinzelte und konnte für einen Moment nichts mehr sehen, außer wässrigen Schemen und Staub. Alle seine Sinne verloren die Orientierung.
Der Boden um ihn herum strudelte nach unten. Das ohrenbetäubende Donnern und Prasseln kam aus allen Richtungen. Und nun verschwand mit der Sicht auch noch der letzte Anker zur Realität in einer grauen Wolke aus staubigem Nichts.
"Weiter nach links. Lauf..." hörte er Seli über dem donnernden Chaos und tastete sich hilflos in die genannte Richtung weiter. Oder irgendwohin.
Die Stimme war aus der anderen Richtung gekommen, aber der Weg dorthin war durch die prasselnden Geröllströme versperrt. Weitere dunkle Felsschatten polterten als Schemen im Staubnebel talwärts.
Tatsächlich erreichte Rick am vermutlich linken Rand der Abbruchzone so etwas wie festen Grund und holte Luft.
Als er sich die tränenden Augen ausgewischt hatte, bemerkte er, daß er im Schutz des Wurzelgeflechts einer alten Eiche stand. Der Baum knarrte und neigte sich unter dem donnernden Ansturm hin und her, aber das knorrige Gestrüpp im und über dem Boden schien der Erde hier für den Moment genug Halt zu geben.
Wie eine keilförmige Insel in einem lawinenartigen Strom aus Fels und Sand. Aber wie lange? Bis zur nächsten Lawine. Bis zum nächsten großen Felsbrocken.

Rick krallte sich dennoch an den Baumstamm und versuchte zu erkennen, was um ihm herum passierte.
Eine kreisrunde Öffnung hatte sich knapp Hundert Meter weiter oben mitten im steilen Hang gebildet. Ein gähnender Krater mit einem schwarzen Loch in die Tiefe, mindestens so breit wie ein Fußballfeld. Ein niederfrequentes Pulsieren und Dröhnen hallte durch den Schlund aus dem Inneren des Berges.
Langsam schien sich der abrutschende Hang etwas zu beruhigen und das Rauschen und Poltern verebbte ein wenig.
Und Rick hörte noch ein weiteres Geräusch. Das Klappern und Stampfen von metallischen Beinen auf dem Boden. Viele, sehr viele Beine. Viele schwere Dinge.
Ganz so als hätte man mit einem Ast in einen Ameisenhaufen gestochen, quoll eine ganze Armee an Morgresch-Kreaturen aus der offenen Wunde im Berg und rollte wie eine mechanische Lawine talwärts.
Der lockere Boden begann unter ihren staksenden Beinen wieder stärker zu vibrieren und der bisher rettende Baum ächzte und knarrte in seiner schwindenden Umklammerung aus brauner Erde.
Es waren Hunderte. Vielleicht Tausende. Alle möglichen Spielarten und Variationen, aber immer schwarz und ölig. Immer von innen heraus erleuchtet von einem violetten Schimmer aus lebendem Neonlicht. Rick sah schnappende Kiefer und Zangen im Sonnenlicht glänzen.
Die Armee strebte den Hang hinunter. Allerdings nicht genau in seine Richtung, sondern schräg nach rechts vorbei über die neu geschaffene Lawinenhalde.
Rick ließ den Baumstamm zögerlich los und versuchte, noch weiter nach links zu gelangen. Er wollte mehr Distanz zwischen sich und die Dinger zu bringen.
Er stolperte rückwärts über den losen Grund, bis seine Hände hinter ihm ein neues Hindernis ertasteten. Rauer Stein und stechende Äste. Dornen an seiner Haut.
Er blieb stehen und duckte sich eher provisorisch als effektiv.

Zuerst glaubte Rick, das maschinelle Gewimmel aus öligen Körpern würde einfach laut stampfend und quietschend weiter den Hang hinab stürmen, und ihn überhaupt nicht beachten, aber zu seinem Schrecken musste er nun feststellen, daß eines der zangenbewehrten Wesen am Rand der Phalanx beinahe neugierig innegehalten hatte, und mit seinen grell funkelnden, violetten Augen genau in seine Richtung blickte.
Ein schriller, binärcodierter Schrei hallte wie eine Herausforderung von den Felsen zurück.
Das Wesen stapfte zur Seite und drehte sich in seine Richtung. Dann lief es schräg zum Hang und kam schnell näher.
Weitere Morgresch-Drohnen hielten an und schienen dem verhallenden Schrei zu lauschen. Eine Kakophonie aus Klicktönen und elektrischem Schnarren begann.
Dann lösten auch sie sich aus dem Verband und kamen direkt auf Rick zu.
Er konnte jetzt verschiedene Modelle der Drohnen ausmachen, alle entfernt inspiriert vom Körperbau irgendwelcher Insekten.
Ganz vorne die zangenstarrende Kreatur als Anführer, die wie eine Mischung aus Hirschkäfer, Skorpion und schleimiger Dampfmaschine wirkte. Dahinter zwei oder drei der aufgequollenen Zecken von vorhin. Dann irgendetwas entfernt kugelartig Unförmiges ohne jedes Gefühl für Vorne und Hinten, daß aussah, wie ein rollendes Knäuel von Raupen oder Würmern aus metallischen Schläuchen und Scharnieren. Zuletzt noch ein paar kleinere, milbenartige Objekte, die schlicht wie glatte Kanonenkugeln mit einer Vielzahl klappernder und dürrer Spinnenbeine aussahen.
Der Boden unter seinen Füßen begann wieder heftiger zu zittern, als der Widerhall von Dutzenden klingenartigen Metallklauen wie eine automatisierte Stampede durch die Luft und den Untergrund hallte. Rick blickte sich hastig um.
Es gab keinen Fluchtweg mehr. Neben ihm war ein Steilabbruch, hinter ihm eine noch aufrecht stehende Felswand und dichtes, stachliges Gestrüpp. Vor lauter Suchen nach einem Rückzugsort hatte er sich im Staub und Dunst in eine Sackgasse manövriert.
Wo war Seli? Warum hatte sie ihn allein gelassen? Waren sie absichtlich getrennt worden? Und konnte sie ihm jetzt hier im Guptenfeld überhaupt noch helfen? Wollte sie das noch?

Er begann mit aufsteigender Panik in seinem Schulrucksack zu wühlen.
Wozu eigentlich? Hatte er heute morgen zufällig eine dicke Megawaffe eingepackt, die ihm gegen eine anstürmende Horde von mindestens einem Dutzend teilweise lastwagengroßer Killermaschinen aus dem Weltraum helfen würde?
Nein. Natürlich nicht. Er hatte ja verschlafen. Selbst wenn er zufällig eine solche mystische Fantasiewaffe herumliegen gehabt hätte, hätte er sie in der Eile wohl daheim vergessen. Also blieb nur eine Alternative. Das einzige Objekt in seiner Tasche, das man mit etwas blühender Fantasie als Ersatzwaffe verwenden konnte.
Das siegreiche Werkzeug zahlreicher Fechtkämpfe noch in seinen Grundschulzeiten. Er umfasste das altvertraute Material und zog das Ding triumphierend hervor.
"Zurück..." rief er laut und drohend. "Ich habe ein Holzlineal..."

Rick schwenkte das eichenholzfarbene 30-cm-Lineal mit dem großen schwarzen Tintenklecks darauf hastig hin und her. Hey. Der Klecks hatte Geschichte.
Da hatte mal jemand in der fünften Klasse den Namen eines Mädchens draufgeschrieben, daß damals angeblich unbedingt mit Rick gehen wollte. Lovey-dovey. Mit Herzchen. Ein dicker Klecks schwarzer Tinte hatte der Lesbarkeit dieser peinlichen Botschaft ein schnelles Ende gemacht.
Irgendwo am Rande seines Bewußtseins registrierte Rick, daß das eigentlich im Moment völlig irrelevant war. Fokus. Fokus. Fokus.
Sie war dann sowieso mit dem doofen Sportheini Markus gegangen. Außerdem wurde er gerade von einer Horde Alien-Killermaschinen bedroht.
Also blieb nur eines. Linealschwertkampf. Ausgangspose Nr. 3. Sir Lancelot pariert den Angriff von Captain Jack Sparrow.

Er kam sich dabei natürlich bescheuert vor, aber was als nächstes passierte, war gleich noch bescheuerter. Die heranstürmende Horde bremste tatsächlich irritiert ab und gruppierte sich wenige Meter entfernt in einem Halbkreis um ihn. Ein Schwall übelriechender Luft schwappte herüber. Wie eine Mischung aus Ozon und dem Duft einer brennenden Fabrik für scharfen Allzweckreiniger. Rick hustete.
Die Zecken legten in der bereits bekannten Geste der bedrohlichen Niedlichkeit ihre Köpfe schief und funkelten ihn violett glimmend an. Wahrscheinlich verwirrte es ihre logischen Systeme, daß ein hilfloser Menschling gerade ernsthaft versuchte, ihnen mit einem angenagten Stückchen Holz zu drohen. Oder war es eine Geheimwaffe?
Wahrscheinlich mussten sie soviel Unfug erst in ein logisches Raster einfügen und dann in ihrer schmierigen Nanopampe speichern.

Das schien jedoch schnell erledigt zu sein, denn die Hirschkäferkreatur riß ihre Zangen erneut kreischend auseinander und kam dann mit einem lauten Schlag mit dem metallischen Hinterkörper gegen den Boden ein ganzes Stück vorwärts. Der Grund unter seinem Füßen zitterte und riß Rick fast von den Beinen.
Zangen und schnarrende Sensortentakel leckten näher und näher heran.
Rick versuchte, irgendwohin zurück zu weichen, aber in seinem Rücken war nur blanker Fels. Ende Gelände.
Eine Klappe öffnete sich an der asymetrischen Kopfseite der Kreatur und eine Art von klebrigem Tastschlauch fuhr wabernd und zuckend heraus.
Wie der Saugrüssel eines bizarr verdrehten und mechanischen Schmetterlings.
Der Schlauch peitschte ruckartig nach vorne, wickelte sich wie eine gierige und organische Zunge um das Lineal und riß es Rick rabiat aus der Hand. Schlauch und Lineal verschwanden zurück in den insektoiden Kopf.
"Hey..." Rick deutete seinem Eigentum hinterher. "Das brauche ich zum Fechten und Linienziehen..."
Das Wesen spie ihm als Antwort mit einem Rülpslaut einen ölig-zerkauten Klumpen aus Sägemehl und Holzsplittern entgegen.
Nachdem sich die Systemlogik durch die Zerstörung des Lineals vom Unsinn befreit hatte, kam auch wieder Bewegung in die Gruppe. Tödliche Bewegung.
Zangen schnappten, Rohre schlängelten, Messer und Sägeblätter blitzten in der Sonne.
Die Morgresch rückten langsam Schritt für Schritt näher, als wollten sie die Angst ihres Opfers auskosten, registrieren und speichern.
Rick schloß die Augen, aber seine Nase und seine Ohren und der zitternde Boden teilten ihm noch immer zuviel mit.
Die Klingen kamen näher. Schnapp. Schnapp. Surr. Krach. Noch einen Meter. Noch fünfzig Zentimeter. Sie schnappen kurz vor seinem Körper rhythmisch auf und zu, so daß er bereits den warmen Lufthauch spürte. Es war vorbei...

Über all der Kakophonie aus Krachen und Quietschen und elektrischem Brummen hörte Rick plötzlich ein neues Geräusch.
Ein scharfes metallisches PLING, kurz darauf gefolgt von einem zweiten, identischen Geräusch. Er öffnete erstaunt die Augen.
Eine der Zeckenkreaturen kippt plötzlich mit einem bizarren Kreischlaut des Erstaunens zur Seite weg und rempelte dabei ihren Nebenmann an.
Die Drohnen drehten sich kollektiv um, wobei die gekippte Kreatur seltsam ungelenk rotierte, als hätte sie völlig die Balance verloren.
Rick starrte ungläubig auf das Geschehen und plötzlich entdeckte er auch den Grund. Das wankende Wesen hatte seine Stabilität und seine beiden metallenen Hinterbeine verloren. Dort waren nur noch zwei kurze Stümpfe zu sehen, die an den Rändern noch leicht rauchten und glühten.
Die messerbestückten Beine lagen nutzlos im Gras.
Als sich die Morgresch gedreht hatten, und das Geräusch von Ächzen und hydraulischem Zischen abebbte, konnte Rick in der einsetzenden Stille eine wohlbekannte Stimme hören, die sich an die Maschinen wandte.
"Tut Tut Tut. Habt ihr eure Lektion immer noch nicht gelernt? Der Mensch dort drüben ist ein Freund von mir..."

Rick sprang ein Stück den Fels hinauf und blickte über die Rücken der Drohnen hinweg. Auf der anderen Seite stand Seli mit weit ausgestreckten Armen. Und zwei Schwertern in den Händen, deren Klingen demonstrativ links und rechts nach außen wiesen.
Nein. Eigentlich waren es keine normalen oder gar irdischen Metallschwerter, sondern eine seltsame Kreuzung aus Schwert und breitem Krummsäbel. Das Material schien eine Art von eher fragilem und milchig-blauem Glas zu sein, und an den Rändern loderten kleine hellblaue Flämmchen oder Energieentladung.
Die Schwerter pulsierten im gleichmäßigen Takt von Herzschlägen aus Energie und Rick hatte den seltsamen Eindruck, daß eine eigene Form von Leben in ihnen war.
Magische Waffen? Sword und Sorcery gegen außerirdische Invasoren? Oder ein Engel mit dem flammenden Schwert? Rick fiel die Kinnlade mal wieder nach unten.
Die Morgresch-Drohnen fauchten leise und begannen eine neue Kakophonie aus Klicktönen.
"Och. Ich habe euer geklautes Guptenfeld nicht übersehen. Aber das macht keinen Unterschied. Vertraut nur nicht zu sehr auf euer technologisches Schreckgespenst. Ihr legt euch hier mit Mächten an, für die selbst euer grandioser Hive nur ein krabbelnder und kurzlebiger Ameisenhaufen ist. Und wenn ich beißen will, dann mache ich das auf meine Art so oder so. Euer Feld ist dabei nur ein kleines Ärgernis. Hat man euch das nicht gesagt? Ich würde euch also nicht raten, mich herauszufordern..."
Sie ließ die Klingen langsam und elegant durch die Luft gleiten. Dabei erzeugten diese ein fremdartiges Geräusch ohne erkennbare physische Ursache.
Wie ein wild heulender Schneesturm über der weiten Ebene der baumlosen Tundra. Wie der akustische Spiegel einer Winternacht voll beissender Kälte. Allein der Klang schien Dinge zu zerschneiden. Alle Dinge materiell und immateriell. Und Rick zitterte tief drin.

"Wie ihr sicher sehen könnt..." sprach Seli weiter im Dozententon und mit einer tödlichen Gelassenheit. "...sind das zwei Klingen, die in den Schmieden der algebraischen Priester auf Cron hergestellt wurden. Sie sind zwar fremd in diesem Universum, aber das beeinträchtigt ihre Macht nicht im Geringsten. Oh. Amüsante Randnotiz. Euer Guptenfeld ist wie Feuer für ihre mathematische Schärfe. Sowas nennt man glaube ich jemanden mit seinen eigenen Waffen schlagen. Ätsch..."
Sie schloß abwartend die Augen und senkte die Klingen ein Stück. Die Drohnen verharrten bewegungslos, während das violette Licht in ihren Körpern pulsierte.
"Ihr seid ja immer noch da...?" Seli öffnete ihre Augen wieder, und zuckte leicht resignierend mit den Achseln.
"Ich bin einfach zu nett. Okay. Okay. Zusatzinfo. Es sind ja nicht nur die Klingen. Habt ihr mal von den Schwertmeistern von Leish Reen gehört? Natürlich habt ihr das. Ihr wisst ja angeblich alles. Die höchsten Meister dieser Kunst gelten als völlig unbesiegbar im heiligen Tanz der Doppelklingen. Die alte Legende sagt, daß es nur ein einziges Wesen gibt, daß noch besser ist, und die Meister besiegen kann. Das höchste Wesen, daß einst dem Ersten der Schwertmeister die Inspiration und die große Lehre gebracht hatte..." Sie grinste leicht verlegen. "Sagen wir es einfach mal so. Ihr habt jetzt ein echtes Problem..."

Die Drohnen fauchten und kreischten mit einem Mal laut auf und sprangen dann mit einem federnden Schritt hochkatapultierend nach vorne.
Sie versuchten, sich aus dem Halbkreis erneut in einer diesmal kollektiven Attacke auf Seli zu stürzen.
Mit allem was sie hatten. Zangen. Klingen. Messern. Sägen. Energieblitzen. Und dem Gewicht ihrer zermalmenden Körper.
Die ganze bebende Masse knallte mit dumpfer Wucht auf die Stelle, an der Seli gerade noch gestanden hatte.
Aber sie war bereits in einem blitzschnellen Ausfallschritt zur Seite gewichen und hatte sich in einem Salto nach hinten katapultiert.
Unter einer nur leichten Mißachtung der Schwerkraft berührten ihre Füße den schrägen Hang, ohne daß der Körper zur Seite kippte.
Sie balancierte sich kurz mit den Schwertern aus und sprang dann in einer Spiralbewegung behende wieder nach vorne.
Mitten in den wabernden Pulk aus schwarzen Metallkörpern, Zähnen, Klauen, Messern und Schläuchen.
Und der Tanz der Doppelklingen begann.
Beschwingt. Elegant. Präzise. Und absolut vernichtend. Geometrie und Tanz und Martial Arts und absolute Zerstörung in Reinkultur.

Alles ging so schnell und wirbelnd und elegant, daß Rick dem sensorischen Gewitter aus hochkomplizierten Schlägen, Mustern und Hieben kaum folgen konnte.
Die blau glimmenden Schwerter schnitten durch massive Metallkörper und Panzerungen wie ein warmes Messer durch weiche Butter. Wie ein heißer Draht durch Styropor. Geschmolzenes Metall und Funken und Splitter stieben von jedem hochpräzisen Hieb weg wie ein kleines Feuerwerk.
Zuerst flogen verschiedene Klauen und Beine und ein paar der Drohnen kippten hilflos zappelnd zur Seite.
Dann kappte eine der Klingen die ganze obere Hälfte eines der kleineren Kugelwesen ab, als würde man ein weiches Frühstücksei zerteilen.
Zeitgleich drang die andere Klinge tief in den Körper der skorpionartigen Zangenkreatur und riß mit einem einzigen Streich eine meterlange Öffnung in die Außenhülle. Schwarzes Öl spritzte auf. Ein röchelnder, elektrischer Aufschrei folgte. Mehr Qualm und Funken.
Eine der Klingen drang in eines der künstlichen Augen ein und spaltete dieses mit einem hellen Lichtblitz. Glühende Flüssigkeit quoll in Schlieren heraus.

Ein neuer Schwall schwarzes Öl spritzte auf und vergoß den Lebenssaft der Maschinen. Noch ein Schwall. Ein Regen aus öligen Tröpfchen versprühte sich.
Die Klingen wirbelten weiter. Kein Schlag verfehlte sein Ziel. Chirurgische Präzision.
Noch mehr Metall verwandelte sich unter den eiskalten und glutheißen Schneiden in glühende Tropfen.
Eine Drohne wankte mit gespaltenem Kopf zur Seite und brach zuckend zusammen. Ein Feuersturm raste in Sekundenschnelle durch den Körper und das violette Glimmen aus dem Inneren erstarb.
Das wabernde Ding mit den Schlauchtentakeln rollte wie eine polternde Kanonenkugel auf Seli zu. Einen tänzerischen Ausweichschritt und einen blitzschnellen Streich später war alles vorbei, und anstatt einer einzigen Kugeln rollten nun drei Hälften funkensprühend weiter talwärts und verschwanden im Rauch.
Der schwarze Qualm und das lodernde Feuer verdunkelten die Szenerie und bald konnte Rick nur noch das umherzuckende Licht der magischen Klingen erkennen.
Feuer, Öl, Gestank, Funken, Metallsplitter, gleißende Tropfen, brennende Glut. Alles vermischte sich hinter einem Vorhang aus schwarzem Nebel.
Eines entzündete das andere. Luft und Boden und Metall brannten. Und die elektronischen Schreie wurden spärlicher und leiser.

Rick hatte das Zeitgefühl verloren. Wie lange hatte der ungleiche Kampf gedauert? Eine Minute? Fünf Minuten? Länger?
Irgendwann begann der Tanz der beiden Klingen hinter den Rauchschwaden langsamer zu werden und ebbte schließlich ganz ab. Feuer loderte an etlichen Stellen auf und eine leichte Brise wehte den stinkenden Qualm den Hang hinab.
Seli stand auf einem weit verteilten Trümmerfeld und Schrotthaufen aus filetiertem Metall und blickte sich zufrieden um.
Der Boden in großem Umkreis und all die Wrackteile waren mit dicken Pfützen aus schwarzem Öl bedeckt, das sich in großen Platschern überall in der Landschaft verteilt hatte. Die ganze Szenerie schien in einen abstrakten Riesenklecks aus Öl und rußigen Trümmern getaucht.
Wäre es ein Gemälde in der Galerie für moderne Kunst, dann würde vermutlich ein abstruser Titel wie "Stahlgewitter der Vergänglichkeit" darunter stehen. Oder "Rhapsodie in Schmieröl".
Nur Seli und ihre bunten Klamotten waren makellos und ohne jeden Spritzer. Das heißt fast. Bis auf...
"Du...du hast da was..." sagte Rick. Er deutete demonstrativ auf seine Wange.
Seli blickte ihn kurz irritiert an und berührte dann sichtlich erstaunt ihre eigene Wange. Ein einzelner schwarzer Tropfen hatte sie während der gesamten Schlacht dort getroffen, und lief nun zähflüssig ihren Finger herunter.
"Bläh. Tatsächlich. Wie frech..." murmelte sie leicht angesäuert. "Tja. Ich bin wirklich nicht in bester Form heute..."
Und Rick kam mal wieder zu der Einsicht, daß er sich doch für einen Moment hinsetzen sollte.

Einige Minuten vergingen. Der instabile Hang hatte sich wieder beruhigt und nur noch vereinzelt ronnen kleine Ströme aus Schutt und Sand nach unten.
Aus dem gähnenden Kraterloch weiter oben quoll nun weißer Dampf und eine stickige Schwüle mit chemischem Hauch wehte hinab. Ein dumpfes Pulsieren mischte sich in den Wind. Rick konnte nur vermuten, daß irgendwelche Kühlsysteme ihre Abluft einer unbekannten Maschinerie aus dem Inneren des Berges bliesen. Was ging dort unten vor sich?
Die trampelnde Horde aus der Hauptgruppe der Morgresch-Armada war den Hang hinab verschwunden - zu welchem Ziel auch immer.
Falls sich die Information des verlorenen Kampfes durch eine Art von Funknetz auch zu ihnen verbreitet hatte, so schien sie das Schicksal ihrer nun zu Einzelteile filetiert über die Landschaft verteilten "Artgenossen" nicht im Geringsten berührt zu haben.
Rick holte tief Luft und versuchte, seine Gedanken rational zu sammeln. Was gar nicht so einfach war.

In gewisser Weise schien Seli jetzt in einem angespannteren Zustand als er zu sein. Sie wischte sich mit ihrem schmuddeligen Taschentuch ständig an den schon lange nicht mehr sichtbaren Ölfleck an ihrer durch das Rubbeln bereits geröteten Wange, und murmelte leise vor sich hin.
"Wie peinlich. Wie peinlich. Ich bin ein Tollpatsch. Das liegt nur an den menschlichen Körpern und dem doofen Feld. Erzähl das bloß nicht den Schwertmeistern von Leish Reen. Die müssten dann ihre gesamte religiöse Literatur umschreiben und ein paar Dogmen zum Thema Unfehlbarkeit in die Tonne werfen..."
Rick versuchte das surrreale Gemurmel zu ignorieren. Das Schicksal der ganzen Welt stand auf dem Spiel, und Fräulein Wiedenbrink machte sich Sorgen darüber, daß ein kleiner Makel auf ihre Allmacht gespritzt war.
Irgendwie warf das ein seltsames Licht auf ihre ganze Motivation. Was würde passieren, wenn sie in ihrer Mission scheitern würden? Wenn über 7 Milliarden Menschen heute nachmittag tot wären, einschließlich er selbst? Wenn die Erde ein toter Aschehaufen geworden ist?
Würde sich Seli dann vielleicht auch nur kurz und künstlich darüber aufregen, daß sie sich einen Fingernagel dabei eingerissen hatte? Oder daß sie den Salat im Garten nicht mehr hatte ernten können. Aber sei es drum. Es war nur ein kleiner Planet und ein paar unbedeutende Lebensformen. Auf zu neuen Ufern.
Wir sind nicht wie ihr. Eine Stimme hallte in seinen Gedanken nach, und Rick schob die aufgewirbeltem Zweifel nach hinten.

Er versuchte sich abzulenken und betrachtete dafür die seltsamen Schwerter, die Seli recht achtlos in das Gras geworfen hatte. Er nahm aus einem Impuls heraus eine der beiden Klingen am Griff in die Hand. Sie wirkten zerbrechlich und beinahe unscheinbar. Wie blaues Glas oder sogar ein wenig wie Plastik.
Nicht wie eine magische Waffe, eher wie ein dekoratives Schaustück für die Wand, daß man auf dem Rummelplatz an der Losbude als Sonderpreis gewinnen konnte.
Fein ziselierte Schriftzeichen liefen über Griff und Klinge. Rick verstand sie nicht, aber irgendetwas daran fühlte sich subjektiv eher technisch nüchtern, als magisch an.
Der Griff war seltsam. Warm und lebendig, als ob ein Herz in der Klinge schlagen würde. Das bläuliche Licht beantwortete seine unsichere Berührung mit einem leichten Aufflackern in Form konzentrischer Schlieren.
Diese zerbrechlich wirkenden Dinger hatten vorhin durch dickes Metall und Panzerung geschnitten wie durch weiche Butter. Was war das überhaupt?
Er erinnerte sich an schwertschwingende Muskelhelden aus den TV-Cartoons. Die wurden doch gerade durch magische Waffen erst zum echten Helden.
War es vielleicht das, was er brauchte?
Er ließ die Klinge in einer ungelenken Geste durch die Luft schwirren und erneut ertönte der eisige Laut eines Wintersturms über der gefrorenen Tundra.
Rick schauderte und eine Gänsehaut lief ihm in mehreren Pulsen den Arm hinauf. Na toll. Das passierte den Cartoonhelden nie.

"Das sind zwei Eisfeuerklingen aus den Schmieden der Abtei von Cron..." erklärte Seli.
Rick blickte auf und bemerkte, daß sie ihr dezent selbstmitleidiges Genörgel endlich beendet, und stattdessen wieder ihren Dozententon aufgesetzt hatte, um die kleinen Menschlein an der Weite und den Wundern des Universums teilhaben zu lassen. "Mächtige Waffen aus einer anderen Realität, mit denen unsere metallischen Kollegen nicht gerechnet hatten. Im Gegensatz zu mir werden diese beiden Klingen in einem Guptenfeld nämlich nicht eingeschränkt, sondern noch um ein Vielfaches stärker. Sie ziehen ihre Stärke quasi aus einer Überbetonung der logischen Naturgesetze. Ein kleines Paradoxon..."
Sie nickte demonstrativ in Richtung eines tonnenförmigen Felsbrockens, der schräg im Boden steckte. "Versuch es..."

Rick zögerte für einige Sekunden und ging dann ein paar Schritte auf den Brocken zu. Es war solider Kalkstein, bedeckt von einer grauen Oxidationsschicht mit einem Fleckenmuster aus Moos und Flechten. Der Brocken war vermutlich für Jahrtausende weiter oben am Berg gestanden und hatte Patina und Vegetation angesetzt, bis er von der Gewalt der aufbrechenden Bergflanke vor wenigen Minuten hierher geschleudert worden war.
Rick sah den massiven Felsen an und dann die Klinge. Kurzentschlossen holte er weit aus und schlug zu.
Die glimmende Schneide glitt ohne jeden Widerstand durch den Stein. Funken stieben auf, und der Rest des Felsblocks wurde von einer magnetartigen Kraft in zwei Trümmer gespalten. Selbst die Steinbröckchen, die durch den Hieb weggeschleudert wurden, zerfielen in einem Funkenregen zu feinstem Staub und Asche.
Rick stolperte erschrocken zurück und musste husten, als ihn der feine Staubregen harmlos im Gesicht traf. Von dem Felsblock waren nur noch zwei reduzierte Trümmer mit rauchenden Kanten übrig, mindestens ein Viertel seiner Masse hatte sich in formloses Staubmehl und in der Luft verwehende Energie verwandelt.

"Wow..." stieß Rick hervor und konnte dem Drang nicht widerstehen, eine Art von heldenhafter Pose einzunehmen. "Jetzt kann ich zu He-Man Kumpel sagen..."
Er streckte das bläulich glühende Schwert steil in die Luft, als erwarte er noch weitere Wundertaten, die sein Ego wieder aufpolieren würden.
"Ist das nicht seltsam..." kicherte Seli amüsiert. "Kaum gibt man Jungs von der Erde irgendetwas Langes und Hartes in die Hand, fühlen sie sich gleich als Helden..."
"Blödsinn..." murmelte Rick mit einer leichten Wärme im Gesicht. Er verdrängte den Gedanken an seine heroische Aktion vorhin mit dem Holzlineal in der Hand.

"Wie dem auch sei..." wechselte Seli das Thema. "Die Schwerter oder besser gesagt ihre Schöpfer und deren Welt haben eine interessante kleine Geschichte, die du in Grundzügen kennen solltest, bevor du die Verantwortung übernehmen kannst..."
Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen, während sie erzählte, als würde sie einmal mehr in ferne Welten und Zeiten reisen.
"Sie stammen von einer Welt namens Cron, die sich in einem anderen Universum mit äußerst ungewöhnlichen physikalischen Eigenschaften befindet. Der ganze Planet Cron ist quasi eine riesige Abtei. Ein Tempel. Ein Heiligtum für ein ganzes Universum. Der Nabel der Welten.
Ein Kloster mit Abteilungen und Schulen so groß wie eure Kontinente. Ein heiliger Grund, so weit wie eure Ozeane. Tempeltürme und Mönchszellen wie Bienenwaben, hoch und mächtig wie eure Gebirge. Strahlend weiß. Marmorsäulen bis in die Wolken. Erbaut vor sogenannter langer, langer Zeit von den algebraischen Priestern.
Deren Aufgabe es ist, seit Äonen ohne Pause, Generation für Generation, über den Zustand ihres Universums zu lernen, zu lehren, zu meditieren und ihre heilenden Gleichungen in die Himmel zu senden..."
"Du meinst so wie Gebete...?" unterbrach Rick.

"Nein. Nicht wirklich. Mit etwas so Unsicherem geben sich die Priester auf Cron nicht mehr ab..." entgegnete Seli mit einem wissenden Lächeln.
"Das Universum, in dem sich Cron befindet, hat wie gesagt sehr ungewöhnliche Grundeigenschaften. Die zuständige Fachkraft für die dortige Schöpfung ist ein wenig, nun ja, nennen wir es experimentierfreudig. In jedem Fall haben mathematische Gleichungen und Zahlen dort große Macht über die Realität, und alles, was sich logisch erdenken und aus den Gesetzen ableiten lässt, kann auch die faktische Realität beeinflußen und erschaffen. Ihr würdet es wieder mal Magie nennen.
Das ist die eine Seite dieser Welt.

Auf der anderen Seite ist jenes Universum aber auch höchst instabil, und droht fortwährend an einem Ungleichgewicht seiner Massenkonstanten zu kollabieren. Die starke Entropie ist ein ständiger Begleiter jeder Form von Existenz dort. Daher ist es die heilige Aufgabe der algebraischen Priester, ständig neue und stabilisierende Gleichungen zu ersinnen, und diese als Gedankenwellen an das Universum zu senden.
Sie formen quasi eine Gestalt, die dem Universum ständig mathematisch glaubhaft versichert, daß es noch ein ganz klein wenig länger existieren muß. Würden sie damit aufhören, ihre heiligen Gleichungen zu weben, wäre es oft nur eine Frage von Monaten bis zum Kollaps von Billionen von Welten.
Also das nenne ich Verantwortung. Besonders dann, wenn es junge und physische Lebewesen trifft, die über sich selbst hinauswachsen müssen. Wenn eine Welt allein ein ganzes Universum aufrecht erhalten muß..."
"Eine grausame Schöpfung..." murmelte Rick, als er kurz über die Tragweite der Aufgabe nachgedacht hatte.

"Tatsächlich?" Seli zog ihre linke Augenbraue wieder einmal nach oben.
"Das kleine Problem hat es zumindest geschafft, daß sich unzählige Welten in diesem Universum zu einem großen Verbund zusammengeschlossen haben, eben um die Priester in ihrer heiligen Aufgabe zu unterstützen.
Die Erkenntnis, daß ihr Universum nur durch eine galaxienübergreifende Zusammenarbeit Bestand haben wird, hat zum Ende kleiner Konflikte und sinnloser Kriege geführt. Eben, weil sie ständig das Ende all ihrer Welten durch ein für dich grausames Naturgesetz oder gar einen grausamen Schöpfer vor Augen haben, sind sie als Kinder einer Schöpfung zusammengewachsen..." Sie schmunzelte.
"Aber in gewisser Weise hast du ja Recht. Es ist eine etwas bekloppte Schöpfung. Wir haben es ihr gesagt. Sie war halt schon immer ein Problemkind.
Der eigentliche Fehler dabei ist vielleicht, daß all diese verzahnten Mechanismen zu offensichtlich auf einen Schöpfer hinter den Kulissen verweisen.
Die Macht der Gleichungen über die Physik ist der Schlüssel und die physikalische Instabilität der Welt ist das Schlüsselloch. Und sie passen doch ein wenig zu exakt ineinander, um noch die Freiheit zu beinhalten, an Zufall glauben zu können.
Das stellt die Atheisten in einem solchen Universum natürlich vor große Probleme oder macht ihre Philosophie automatisch obsolet. Was wiederum einen Eingriff in die Freiheit des Lebens darstellt. Das ist ein Stilproblem. Ein Fingerabdruck des Schöpfers am Tatort. In der Regel gestaltet man solche Dinge etwas subtiler.
Ein wenig Feintuning bei den Grundeinstellungen und Anfangsbedingungen einer Schöpfung hier, ein paar genau abgestimmte Naturgesetze dort, damit Materie und die Bausteine des Lebens entstehen können, plus ein paar kleinere Mängel und Fehler. Auf diese Weise hat dann jede Philosophie ihren Platz und niemand ein zu deutliches Anrecht auf die Wahrheit, die ohnehin nicht für euch gedacht ist..."

Wahrheit. Verantwortung. Kinder einer Schöpfung. Freiheit des Lebens. Es klang alles sehr edel und weise. Und distanziert. Und trotzdem störte Rick irgendetwas. Ein Detail. Irgendetwas, daß heute schon gesagt wurde. Etwas, daß er gesehen und doch nicht gesehen hatte. Das leicht nagende Gefühl in seinem Hinterkopf, daß er eine Frage stellen sollte, die er nicht greifen konnte. Warum...warum...irgendetwas.
Er blickte auf, und bemerkte, daß ihn Seli seltsam nachdenklich ansah und für einen Moment nicht weitergesprochen hatte.

Sie deutete auf die Klingen. "Wie auch immer. Bisweilen stabilisiert sich das Universum für eine oder zwei Generationen, und die Mission wird eher zu einem Ritual als zu einer Notwendigkeit. In diesen Phasen widmen sich die Priester auch archaischen Trivialitäten und schaffen Kunstwerke und Gegenstände, in die ihr Wissen über die Strukturen hinter den Welten einfließen.

Die beiden Eisfeuer-Schwerter sind ein solches Werk, und ich hatte sie zum Glück als Kuriosum in einer kleinen Taschenwelt gelagert. Amüsant. Ich hätte nicht gedacht, daß ich sie tatsächlich mal gebrauchen könnte..."
"Wie funktioniert das?" Rick konnte zwischen dem Thema Mathematik und den scheinbar magischen Fähigkeiten der Schwerter keinen Zusammenhang herstellen. In einem Fantasyroman hätten vermutlich die Mächte der Dunkelheit durch finstere Rituale eine solche Zerstörungsmacht in ein archaisches Schwert gebannt.
"Och. Das Übliche. Konstanten im Multiversum. In die Schärfe der Klingen sind auf tiefster Branenebene Gleichungen eingewoben, die in Interaktion mit der Materie treten. Und diese dann glaubhaft davon überzeugen, daß sie doch bitte von lästigen Dingen wie molekularem Zusammenhalt oder dem Beharren von Energie auf eine Materieform Abstand nehmen sollen..."

Rick betrachtete das Schwert noch einmal eindringlich und genoß für einen Moment länger das Gefühl von Stärke, daß mit den sanften Schwingungen aus dem Griff in seine Hand zu fließen schien. Fast so, als würden allein durch das Berühren auch die übermenschlichen Fähigkeiten und die Geschwindigkeit in ihn strömen, die vor ein paar Minuten die Landschaft in ein apokalyptisches Szenario getaucht hatten.
Mit einem mentalen Achselzucken fand er sich damit ab, daß solche Dinge von ganz weit außerhalb nicht für ihn gemacht waren. Er streckte den Arm mit dem Schwert vorsichtig und etwas ungelenk zu Seli hin, da er sich nicht sicher war, wie man ein solch potentiell gefährliches Objekt am Sichersten überreichte.
Irritiert stellte er fest, daß ihm Seli jedoch auch das zweite Schwert mit dem Griff voraus hinhielt. Sie hatte offenbar keine Probleme damit, die Klinge zu berühren.
"Häh..." sagte Rick und bemühte einmal mehr seine Kinnlade.
"Soll ich mal nachsehen, ob die Priester auf Cron auch irgendein mystisches Objekt erschaffen haben, mit dem man sich die Ohren ausputzen kann?" Seli wirkte leicht ungehalten. "Hatte ich nicht davon gesprochen, daß du ihre Herkunft und Macht kennen solltest, bevor du die Verantwortung übernimmst? Hier. Sie gehören beide dir. Auf diese Weise kannst du vielleicht ein bißchen besser auf dich selbst aufpassen. Ich habe andere Dinge zu tun, als einzelne Leben im Auge zu behalten..."

"Wow..." Rick nahm das zweite Schwert entgegen und posierte breitbeinig damit. Ein erstaunlich kompliziertes Muster kam spontan in seinen Geist und er bewegte die Klingen mit einer ungewohnten Eleganz und Leichtigkeit. Gedanken an seine Kindheit kamen zurück. So lange her. Gerade eben erst.
Die Linealkämpfe im Schulhof. Im Piratennest oben an der Burg. Kampf auf den Zinnen. Holzschwerter aus alten Zaunlatten.
Aber nun fühlte es sich ganz anders an. Kein Hauen und Kloppen mehr. Leichtigkeit und Tanz und das eisige Heulen der mathematischen Schärfe in der Luft.
Ein Hochgefühl stelle sich ein und er hatte für einen Moment den Eindruck, es mit allen Gefahren des Tages aufnehmen zu können.

Seli sah ihn mit einer Mischung aus amüsiertem Interesse und Skepsis an. "Überschätze dich nicht..." sagte sie. "Es mag sein, daß die Schwerter tatsächlich für dich gedacht sind, und daß sie noch eine wichtige Rolle spielen werden, bevor der Tag zu Ende ist. Es mag sein. Aber da ist etwas, daß mich stört..."
"Was meinst du?" Der letzte Satz hatte so ominös geklungen, daß sich Rick wieder auf den Boden der Tatsachen gezogen fühlte. Er hörte auf mit den Heldenposen.
"Ist es dir noch nicht aufgefallen? Ich spreche über das dicke Plotloch..." erklärte Seli. "Ich hatte doch gesagt, daß selbst wir eigentlich keine Dinge in ein Guptenfeld bringen oder darin erschaffen können. Woher habe ich also plötzlich die beiden Schwerter?"
Rick zuckte mit den Achseln. Er achtete in Filmen und Romanen eher selten auf solche Dinge. Das Abenteuer an sich war ihm wichtiger, als ständig nach Krümelchen von Unlogik und kleinen Flüchtigkeitsfehlern zu suchen.

Damit hatten die ungeheuer wichtigen Leute im Internet, die sich als Kritiker empfanden, doch genug zu tun. So sehr er gerne über Dinge nachdachte, gerade bei fiktiven Abenteuern hatten schludrige Regisseure und Autoren eher leichtes Spiel mit ihm. Aber das hier war nicht fiktiv, und vielleicht hatten Plotlöcher im realen Leben doch eine tiefere Bedeutung? Seli fuhr fort.

"Ich hatte sie wie gesagt in einer aufgerollten Taschenwelt zwischengelagert, aber der Zugriff auf solche höheren Dimensionen sollte im Feld eigentlich komplizierter sein. Besonders dann, wenn ich durch eine physische Hülle so extrem eingeschränkt bin. Ich sage nicht unmöglich, denn eine Sache, die ich in all der langen Zeit nie gelernt habe - oder wieder verlernt habe - ist das Denken in endgültigen Begriffen. Und das gilt in beide Richtungen. Es gibt keine simplen Unmöglichkeiten und es gibt keine simple Allmacht. Faszinierendes Paradoxon, nicht wahr?
Trotzdem habe ich versucht, auf simple Weise und ohne große Taktik in die Taschenwelt zu greifen und siehe da, ganz plötzlich kam eine Fluktuation in der Nanostruktur des Feldes daher, die es mir erlaubte, schnell an den gewünschten Ort zu kommen, und die Schwerter zu holen. Und diese Fluktuation wirkte so unglaublich natürlich, so betont zufällig und so bemüht unauffällig, daß es schon wieder höchst verdächtig ist...
Stell dir das Feld auf höherer Ebene als einen binären Wall von extrem hoher Komplexität vor. Ein ständig wechselndes Gitter nur aus Nullen und Einsen. Und die einzige Möglichkeit, ohne Mühen an die beiden Schwerter zu kommen, war ein zusammenhängender Riss aus mindestens einer halben Million mal der Zahl Zwei..."
"Aber das ist doch..." begann Rick grübelnd.
"Eh. Keine endgültigen Begriffe..." winkte Seli ab. "Sagen wir es ist durchaus unwahrscheinlich und schwierig. Es war fast so, als wollte das Feld oder das Echo im Feld, daß wir die Schwerter bekommen. Zufall? Glück? Bananenquark. Hier spielen nach wie vor mehr Intelligenzen mit, und nicht alle davon zeigen mir ihre Karten..."

Sie schüttelte die komplizierten Gedanken mit einem Achselzucken ab und grinste wieder breit. "Aber das soll uns im Moment nicht weiter berühren. Wenn die Zeit kommt, die nötigen Fragen zu stellen, werde ich sie mit dem passenden Nachdruck formulieren. Bis dahin werden wir uns der Klingen bedienen. Steck sie am Besten vorsichtig weg..."
"Äh..." Rick betrachtete abwechselnd die breiten und langen Schwerter und seinen Schulrucksack mit eher bescheidenen Maßen. Und all seinem wichtigen Kram drin, den er doch ungern zu feinsten Atomspuren zerteilt sehen würde. Einschließlich des Spickzettels für die Mathearbeit, den er sich anhand der geheimen und angeblich so wahren Informationen über die Aufgaben erstellt hatte. Würde er ihn jemals brauchen? Alles war in so weite Ferne gerückt. Trotzdem. Er wollte daran festhalten. Ein Anker in all dem Chaos. Seinen Schulsachen sollte nichts passieren. Jawohl.
"Ach je. Ihr Menschen und euer beschränktes Bild von Massen und Dimensionen. Mit all ihren mühevollen Aufgaben und Pflichten schätzen die Priester ein klein wenig Komfort und bauen diesen in ihre Werke ein. Und sie reisten stets mit leichtem Gepäck. Die Schwerter haben natürlich einen Transportmodus..."

Seli nahm die beiden Klingen entgegen und tippte leicht auf eine Reihe von Symbolen an den Griffen. Das bläuliche Leuchten flackerte auf, und die Schwerter begannen ihre Form und Größe zu ändern, während leise klackende und knirschende Geräusche aus der Struktur drangen.
Ein Linienmuster wie feines Spinnennetz aus bläulichen Neonlinien wickelte sich von innen heraus um das Material und zerteilte die Realität der Schwerter in Fragmente.
"Die eingeflochtene Gleichung stellt das physische Raumvolumen glaubhaft in Frage, und ersetzt es durch eine virtuelle Kompression. Für ein Produkt aus dem Geist von physischen Lebewesen eine durchaus beeindruckende kleine Erkenntnis. Ich mag die Priester. Die Jungs sind cool..." lächelte Seli.
Die Schwerter falteten sich entlang ihrer flimmernden Kanten zusammen wie hauchdünnes Papier und wurden zu kleinen rechteckigen Klümpchen.

Diese verschwammen in ihren Konturen, wurden immer weicher und abgerundeter, und beendeten ihre Transformation schließlich in der Form von zwei ovalen, runden Hälften aus bläulichem Glas leicht unterschiedlicher Tönung, die fast wie ein verschlungenes, dreidimensionales Yin-Yang-Symbol wirkten, und als Puzzleteile so akkurat ineinander passten, daß sich ein Ei in Handtellergröße daraus ergab. Mit einem glasartigen Klang fügte Seli die beiden Hälften zusammen und gab sie Rick.

"Wie...wie kann man das Ding wieder in die Schwerter zurückverwandeln?" fragte Rick erstaunt, während er das kühle und glatte Material vorsichtig betastete. Magische Formeln? Mächtige Sprüche? Überirdische Konzentration? Feuriger Heldenmut?
"Hmmm..." Seli schien für einen Moment seltsam unschlüssig. "Es gibt Tausende von Möglichkeiten, die Struktur der Faltung zurück zu brechen. Viele davon komplex und von ästhetischer Feinheit. Viele davon für andere Sinne und Fähigkeiten entwickelt. Aber da wir hier auf der Erde sind, würde ich sagen...hau einfach mal kräftig drauf, das sollte ausreichen..."
"Aha..." murmelte Rick und steckte das Ei in seinen Rucksack. Genau zwischen das zerfledderte Erdkundeheft und eine leere Safttüte.

Mit einem letzten Blick auf das rauchende Trümmerfeld begannen sie den weiteren Aufstieg über den Gipfelgrat hinweg.
Der Boden war stellenweise noch immer locker und lose Steinchen rieselten aus der zerstörten Kraterzone herab, aber je weiter sie am Hang nach Westen drifteten, desto kräftiger wurde die ursprüngliche Vegetation und desto stabiler wurde der Pfad.
Rick suchte den Himmel ab. Nichts war zu sehen. Keine Hubschrauber. Keine Flugzeuge. Keine Vögel. Keine UFOs. Was ging in der Welt draußen vor sich?
Der Vormittag schritt voran und das morgendliche Blau des Himmels verfärbte sich langsam in das hellere Licht der späteren Stunden.
Und gegen diesen lichten Himmel zeichnete sich weiter oben an einer Gruppe von niedrigen Bäumen plötzlich eine Bewegung und ein Schatten ab.
Rick blieb erstaunt stehen und stupste Seli von hinten an. "Hey..." Er deutete.
Selis Blick folgte seinem Fingerzeig und beide wurden nun dem beweglichen Umriss auf der anderen Seite der Einkerbung in die Bergflanke gewahr.
Eine breite und gebückt wirkende Gestalt, zuerst ein Fleck ohne sichtbaren Kopf und menschliche Form, nur zuviele runde Kurven ohne Abstufung. Es wirkte anfangs wie ein dunkler Klecks vor dem Himmelblau, bis man sich aus den Bewegungen und stoffartig flatternden Umrissen heraus bewußt wurde, was man gerade ansah.
Es half natürlich, wenn man die Gestalt schon vorher aus einem anderen Blickwinkel gesehen hatte.

"Der Kuttenfutz. Der Mönch..." sagte Rick.
Den hatte er in all dem Trubel fast schon wieder vergessen. Eine unheimliche Schattengestalt mit einem klischeehaften Büssergewand, daß das Licht des Tages wie ein gieriger Schwamm aufzusaugen schien. Ein dunkler Tintenklecks in der Landschaft. Ein Phantom, das unbekümmert eine Straße entlang flaniert war, kurz nachdem Seli versichert hatte, daß es keine lebenden Wesen außer ihnen auf dem gesamten Berg gab.
Und dies dann als Stichwort benutzt hatte, auf spukhafte Weise in Sekundenbruchteilen zu verschwinden.
Er war wieder da. Stand dort oben. Blickte in ihre Richtung. Musste sie einfach sehen und bemerken.
"Sag mal Klartext. Ist das einer von denen oder einer von euch...?" fragte Rick unerwartet gezielt, da er die Idee, daß es ein gewöhnlicher Mönch war, schon vor einer Weile kurzerhand aufgegeben hatte. Das war wohl heute nicht der Tag, an dem man gewöhnliche Menschen beim Wandern traf.
"Bläh..." erklärte Seli wenig eloquent oder hilfreich und zuckte mit den Achseln.
Die mysteriöse Erscheinung schien ihr für den Moment relativ Einerlei zu sein.

Rick kniff die Augen zusammen. Die Gestalt oben auf dem Berg schwankte mitsamt der weiten Kutte kurz wie ein schlingerndes Schiff, und streckte dann deutlich sichtbar den rechten Arm in einer betont theatralischen Geste aus.
Und obwohl man auf diese Entfernung keinerlei Details erkennen konnte, blitzte in Ricks Fantasie ungewollt das perfekt inszenierte Kinobild einer fleischlosen Knochenhand auf, die aus den Ärmelhüllen der dunklen Kutte herausragte.
Er zeigte mit den Fingern deutlich auf sie beide. Und dann zeigte er in die Richtung, in die sie gerade gingen. Eine Mahnung? Eine Warnung? Eine Ermutigung?
Mit einem Mal vermeinte Rick eine seltsame, ferne Stimme im Wind zu hören. Oder formten sich die Worte erst in seinen Gedanken?
Ein monotones und abgehacktes Aneinanderreihen von Wortfragmenten und Buchstaben. Als hätte jemand gerade eben erst das Grundprinzip des Sprechens gelernt.
War es biologisch? War es phantomig? War es elektronisch? Aus irgendeinem Grund verband Rick die holprige Stimme mit einem archaischen Sprachsynthesizer, der aus einer staubigen Schrankwand voll mit glimmenden Vakuumröhren durch eine rauschende und klirrende Lautsprechertröte sprach.
Er blickte überrascht zu Seli, aber konnte aus ihrem verschlossenen Gesichtsausdruck nicht ablesen, ob sie die Stimme auch gehört hatte.
Sie runzelte nur die Stirn und sah ihn an. War das eine Reaktion auf die Worte oder erwiderte sie nur seinen erstaunten Blick. Hatte sie es nicht gehört?

Rick versuchte den Wortlaut der dahinstolpernden Silben auf die Reihe zu bringen. Der Satz fügte sich mühsam zusammen. Was sollte das bedeuten?
Sie. Wird. Euch. Alle. Vernichten.

Nach einigen Sekunden war der Mönch auch schon wieder verschwunden. Dieses Mal allerdings nicht wirklich mysteriös. Er handelte mit seinem nüchternen Abgang gegen seine Reputation als Phantom und trat einfach nach hinten weg, wo er unter den Rand der Büsche und Bäume abtauchte.
Rick kratzte sich nachdenklich an der Stirn. Die kurze Szene war einerseits surreal und fremdartig gewesen, wie so vieles heute.
Auf der anderen Seite bewegte man sich mit solch stereotypen Gestalten doch fast schon wieder in bekannten Gefilden. Irgendwie beruhigend. Rick musste einfach eine medienkonforme Theorie formulieren.
"Also wenn ich eines von Film und Fernsehen gelernt habe, dann, daß man Typen mit dunklen Kutten aus Prinzip nicht trauen kann..."
"Wenn ich eines aus den Spielarten des Lebens gelernt habe, dann, daß Hilfe oft aus unerwarteten Richtungen kommen kann..." entgegnete Seli.
Rick dachte kurz darüber nach, ob er sie auf die seltsame Nachricht ansprechen sollte. Gab es überhaupt eine? Oder hatte er sich das nur eingebildet?
Mit einem Mal fühlte es sich wie ein reiner Tagtraum an, und er wollte sich nicht mit Fantastereien blamieren. Richtig? Richtig. Das war der Grund, warum er nichts sagen würde. Er zuckte ohne besonderen Grund beiläufig mit den Achseln und ging rasch weiter.
Warum fühlte er ihre fragenden Augen auf seinem Rücken?

Sie waren einige Hundert Meter bergan gestiegen und hatten wieder ein kleines Wäldchen aus dunklen Fichten erreicht. Das war eigentlich abseits vom direkten Weg, aber das klaffende Loch in der Bergflanke und die immer noch rieselnden Ströme aus Sand und Geröll hatten den direkten Weg nicht sehr einladend umgestaltet. Das niederfrequente Herzklopfen wehte im Wind weiter heran. Wer weiß, was noch alles aus dem Inneren des Berges kommen würde.
Soweit sich Rick erinnern konnte, bildete der schattige Forst das letzte Stück mit Baumbestand, bevor man über den Gipfelgrat ging und dahinter das Plateau begann, daß nur mit bräunlichen Hecken, Büschen und trockenem Gras bestanden war, da jeder Regentropfen schnell im karstigen Untergrund versickerte.

Jenseits der flachen Ebene lagen die Neun Bodenlosen Löcher und ein Stück weiter führte der Weg zur Hotelruine und verzweigte sich kurz davor an einer fünfarmigen Wegkreuzung. Ein Weg davon führte nach unten in die Stadt.
Aus dem Wäldchen vom hinteren Pausenhof her auf das Schulgelände. Theoretisch.

Sie hatten gerade den höchsten Punkt im Zwielicht der Bäume überschritten und standen zwischen einer Gruppe moosbewachsener Felsen, die in der Welt der Kinder der Umgebung wegen ihrer künstlichen wirkenden Ringform und der mystischen Aura der Menhire immer als magischer Druidentempel galt.
Amüsanterweise hatte sich vor einigen Jahren beinahe jede Gruppe von örtlichen Kindern, die zum Abenteuerspielen auf den Berg kam, als wahrer Entdecker und Namensgeber des Tempels betrachtet, was zu einigen Balgereien führte. Jeder wollte den Felsenring als Hauptquartier und/oder Festung der Einsamkeit besitzen.
Schließlich wollte man einen so heiligen Platz nicht einer Bande von Plagiatoren aus der Nachbarklasse überlassen.
Rick musste leicht schmunzeln, als er sich plötzlich wieder an den verregneten Herbstmorgen der großen Schlammschlacht vom Magischen Hain erinnerte, als der doofe Torsten und seine Bande von Sesselpupsern den Tempel besetzt hatten.
Und weil es schließlich um den verzauberten Ring aus Felsen gegangen war, fand sich die ganze matschige Balgerei später unter dem Schlagwort "Großer Ringkrieg" in den Büchern wieder. Oder hätte sich in Büchern wiedergefunden, wenn jemand welche darüber geschrieben hätte.
Seine Gedanken begannen gerade nostalgisch zurück in die Vergangenheit zu driften, als es geschah.
Und wie ihm Selis höchst erstaunter Laut verriet, war es auch für sie völlig unerwartet gekommen.
Ein so hörbar überrumpeltes Geräusch hatte er bisher noch nie von ihr gehört. Das konnte nicht gut sein. Absolut nicht gut.

Eine leichte Vibration lief durch die ganze fühlbare Realität und die Härchen auf Ricks Armen kribbelten kurz.
Dann war es für eine überlange Sekunde zwischen den Wirklichkeiten so, als würde der pochende Sog einer metaphysischen Implosion die Landschaft durchdringen. Ein Weltenbeben. Nicht wirklich in den realen Sinnen, nur wirklich weiter drin im Empfinden der wahren Dinge.
Der steril wirkende Neonhauch im fahlen Licht flackerte und flimmerte und verblasste beinahe widerwillig, als würde sich das fremde Unlicht in die Natur festkrallen wollen, bevor es von einem Sog von jenseits der Oberfläche der Welt weggerissen wurde und dorthin verpuffte.
Mit einem Mal wähnte sich Rick wieder in einer gewohnt normalen Umgebung. Als ob sie ein Treibhaus mit einer fahl aus Plastik nachgebauten Disneyland-Natur verlassen, und eine im Kontrast dazu beinahe unwirklich reale und in Jahrtausenden geborene Wildnis betreten hatten.
Grünliches Licht. Sonne auf dem Moos. Geruch und Geschmack eines Frühsommerwaldes auf den Lippen. Die Wärme eines Fleckens Sonnenlicht auf der Haut.
Rick hatte diese Welt vermisst, und plötzlich waren alle Aliens und Götter für einen kurzen Augenblick fiktiver Unfug und nur diese greifbare Welt zählte für ihn.
Aber etwas fehlte. Die Vögel waren stumm geblieben. Keine Insekten glitten flirrend durch das Licht. Trotzdem. Was war gerade geschehen?

"Nanu..." sagte Seli knapp und runzelte erneut die Stirn.
Sie hielt sich ihre rechte Hand in Augenhöhe vor das Gesicht. Feine grünliche Blitze und bogenförmige Energieentladungen krochen zwischen ihren schlanken Fingern nach oben und zerfaserten mit leisem Knistern an den Fingerkuppen in die Luft.
"Entschuldige mich für einen Moment..." murmelte sie mit leicht abwesender Stimme. "Das ist unerwartet. Das gibt jetzt eine gewisse Rückkopplung. Ich muß den Körper schützen, bevor es zu stark wird..."

Ein helles Leuchten strahlte plötzlich wie ein feinstoffliches Halo um sie herum, und das vorher matt und trocken wirkende Gras zu ihren Füßen begann sich in einem Ausbruch von ungebändigtem Leben raschelnd wie von selbst zu bewegen. Zu streben und zu wachsen.
Pures Leben. Reine Anima. Frischgrüne Ranken wanden sich tastend in die Luft. Weiße Blüten sprossen in Zeitraffergeschwindigkeit aus dem Boden.
Das Licht der Umgebung veränderte sich erneut, und die ohnehin schon kontrastreich gewordene Realität steigerte sich in noch eindringlichere Naturfarben, als würde eine zeitlose Intensität im Licht längst vergangener Welten in die Gegenwart hinein scheinen.
Der Wald war auf einmal zu einem hyperrealen Traumgebilde geworden, daß ein höherdimensionaler Landschaftsmaler mit magischen Farben auf eine unzulängliche Leinwand aus Realität zu bannen versuchte.
Irgendein kluger Philosoph hatte doch mal gesagt, daß die Welt, die wir sehen, nur die Schatten der wahren Realität auf einer Felswand sind. Und für einen Moment begann Rick zu verstehen und die Realität hinter den Schatten zu empfinden. Sie hatte neue Farben.
Und er wunderte sich einmal mehr über die Art von fremdartigen Gedanken, die sich im Licht in seinem Geist entfalteten wie die porzellanfarbenen Blumen um Selis Füße herum.

Seli bewegte mit einem gewissen Automatismus beiläufig die Hand und einer der tonnenschweren bemoosten Felsen aus dem Ring erhob sich knirschend aus seiner erdigen Ruhe in die Luft und schwebte knapp zwei Meter über dem Boden. Ein zweiter und ein dritter folgten.
Sie tastete etwas ungelenk nach den dürren Zweigen eines überhängenden Dornbusches und zu Ricks mildem Schreck schloß Seli ihre rechte Handfläche dann hart um die Dornen, die sofort und gnadenlos durch die Haut drangen. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, als sie die fest geschlossene Faust den stachligen Ast entlang zog.
Blut quoll in Tropfen hervor, schmierte auf das dünne Holz, und der kahle Ast explodierte förmlich in ebenso blutrote Blüten aus dem Nichts.
Wo die Tropfen in einer feinen Spur den Arm hinab rannen, und dann am spitzen Ellbogen glitzernd wie ein Regen aus roten Funken zu Boden fielen, steigerte sich das Winden und Rascheln noch mehr und das sprudelnde Leben von Gras und Farn nahm beinahe bedrohliche Formen an.
Rick wollte aus einem spontanen Beschützerinstikt heraus einen heroischen Schritt nach vorne machen. Er hatte bestimmt irgendwo ein vergilbtes Pflaster in seinem Rucksack. Er streckte besorgt die Hand aus.
Aber etwas hielt ihn zurück und griff um ihn herum und durch ihn hindurch.

Fremder Wind begann in warmen Böen zu blasen und die hyperreale Welt zu durchdringen.
Energie pulsierte aus dem Halo in grünlichen Wellenformen durch die Luft und saugte sich gierig in das kristalline Gewebe der Steine und in die weichen Moospolster.
Die Steine schienen mit Kraft zu antworten, und die Wellen begannen sich in Interferenzmustern ineinander zu schieben. Sich zu verstärken. Sich in Überlagerungen aufzuheben. Sich zu entfalten und im gleichen Moment eins zu werden und nichts zu werden.
Armdicke Blitzentladungen und ein Feuerwerk aus Glut und Funken zuckten knatternd zwischen den Steinen hin und her, als hätte man beim Highlander gerade einen Unsterblichen einen Kopf kürzer gemacht.
Rick duckte sich und schnaufte nach Luft schnappend ein, hatte es aber aufgegeben, sich heute über solche Dinge überhaupt noch wundern zu wollen.
"Da laust mich doch der mit dem Zottelfell..." murmelte Seli. "Sie haben das Guptenfeld abrupt abgeschaltet. Wie frech. Sind die heute alle bekloppt?"
Die mächtigen Menhire fielen plötzlich unsanft aus dem Funkenregen der schwerelosen Levitation zu Boden und krachten polternd in das Unterholz. Sie neigten sich nach hinten und kippten dann ohne Balance einfach rückwärts um. Geröll knirschte.

"Hey..." rief Rick angesäuert. Er hatte den Felsenring immer gemocht. So, wie er war. Der alte Druidentempel. Jetzt war ein Teil der Steine gefallen. Und wofür?

Aus irgendeinem Grund schmerzte ihn der Vandalismus an dieser kleinen Gruppe von Steinen weit mehr, als die massive Zerstörung vorhin oben an der Bergflanke.
Dieses Mal hatte es nicht nur seinen Planeten als anonyme Landschaft getroffen, dieses Mal hatte es seine Erinnerung getroffen. Einen magischen Ort von früher.
"Wenn du mit deinem pompösen Theater fertig bist, wäre eine Erklärung ganz nett..." rief er mit einer Schärfe, die ihn selbst erstaunte, gegen den Wind.
Seli warf ihm einen abwesend-verärgerten Seitenblick zu, als hätte er sie mit seinem belanglosen Genörgel von etwas sehr viel Wichtigerem abgelenkt.
Irritiert stellte Rick einen gewissen Druck an den Rändern seines Bewußtseins fest, der seine Sinne und Gedanken mit einem unwiderstehlichen Gefühl von Ehrerbietung und Unterwürfigkeit zu überschwemmen versuchte. Der bußfertige Mann kniet vor...
Der Wind und der energetische Seegang wehten durch alles. Durch den Wald. Durch die Steine. Durch die Erde. Und durch seinen Geist, der ihm fremd wurde.
Er biß sich auf die Lippen und schüttelte die anbrandenden Emotionen ab. Die Welle verebbte und seine Gedanken wurden wieder klar.

"Hmmmm?" Es schien eine ganze Weile zu dauern, bis Seli wieder in die Realität zurückzudriftete. Das schimmernde Halo verblasste und das Licht normalisierte sich. Der Wind ebbte ab und alles fand den Weg zurück zur Normalität.
Wie lange hatte dieser zeitlos wirkende Zustand in einer fremden Welt angehalten? Ein klein wenig zu lange für Ricks Geschmack. Hatte sie zu sehr genossen, was gerade passiert war? Da waren sie wieder, die Alarmglocken.
"Was für ein dummer, dummer Schachzug..." murmelte Seli zu sich selbst. "Verdächtig. Höchst verdächtig..."
Sie versuchte grübelnd einen Schritt vorwärts zu gehen, musste aber feststellen, daß sie in ihren selbstgeschaffenen Dschungel mehr oder weniger eingewachsen war. Große Büschel aus Gras und Farnen und Blumen waren spontan in die Höhe geschossen.
Die grünen Ranken und weißen Blüten hatten sich bis zu den Hüften um sie geschlungen und Seli befreite sich mit einem Lächeln und einer seltsam anmutenden Vorsicht und Sanftheit von dem schützenden Kokoon aus verflochtener Vegetation.

"Vielleicht ist irgendetwas kaputt gegangen?" Rick versuchte eine zwar krude, aber eigenständige Theorie zu formulieren. Mit einem Mal wollte er unbedingt etwas Eigenständiges tun. "Du hast doch selbst gesagt, die Morgresch haben diese Technologie nur geklaut. Vielleicht können sie nicht damit umgehen? Vielleicht ist eine Sicherung rausgeflogen, oder jemand ist über den Stecker gestolpert?"
Im gleichen Moment, als er die Theorie aussprach, konnte sich Rick die Antwort bereits ausmalen. Irdische Elektrotechnik ist für geringere Wesen. Ladida.
"Man schaltet ein Guptenfeld nicht einfach so ab. Das ist ein komplizierter mathematischer Vorgang in mindestens 8-dimensionaler Branenarithmetik. Einfach mal so den Stecker zu ziehen, ist unverantwortlich und in vielerlei Hinsicht höchst gefährlich. Auch einer der Gründe, warum das Wissen über das Feld nicht existieren darf..." sagte Seli mit einem seltsamen Unterton, der nicht gänzlich aus ihrer aktuellen Irritation zu kommen schien.

In dem Moment dämmerte noch eine weitere Erkenntnis in Rick herauf. War ihr Abenteuer nun vorbei? Würde sich die Sache jetzt ganz einfach lösen lassen?
"Wart mal. Wart mal. Wenn das Feld jetzt weg ist, heißt das, du kannst die Arschlöcher einfach so mit irgendwelchem allmächtigen Götterkram von der Erde verjagen? Du hattest doch vorhin gesagt, daß geht nur wegen des Feldes nicht, oder? Also was hält dich jetzt noch auf? Nutzen wir die Chance..."
Er stellte sich mental darauf ein, fette Spezialeffekte, Feuersäulen und Schwefel vom Himmel regnen und die Morgresch-Kreaturen mit eingezogenem Schwanz davonlaufen zu sehen.
Hah. Selber schuld. Don´t mess with Earth. Wir haben Freunde. Mächtige Freunde.

Seli schloß die Augen für einen Moment und Rick hatte den Eindruck, daß die körperliche Hülle einige Sekunden fast leer zurückblieb, während unsichtbare Sinne nach außen in den wahren Stoff der Universums griffen.
Einen Augenblick lang musste er dabei an gewaltige Tentakel aus purem Gedankenfeuer denken, die sich durch Raum und Zeit und höhere Ebenen bewegten, und alles absorbierten und nach ihrem Willen formten, was den Weg kreuzte. Freiwillig und unfreiwillig...
"Die Pfade sind selten so einfach..." Seli öffnete die Augen wieder. "Das Feld ist nicht komplett abgeschaltet. Sie haben es nur im Radius verkleinert. Es ist immer noch aktiv und zwar als schützende Blase um den Kernbereich ihrer Basis herum..." Sie deutete vage nach rechts in Richtung Hauptgipfel.
"Als ob sie etwas hinter einem blinden Fleck verstecken wollen. Nicht herein lassen? Nicht heraus lassen? Wie auch immer. Die Situation ist noch genau die selbe. Wenn ich den Kern des Feldes einfach zerquetschen würde, könnte das unangenehme Folgen für euren Planeten haben. Und es ist mir zu simpel - sie laden mich schon wieder dazu ein. Warum? Der Hive ist ein logisches System und er tut heute zuviele unlogische Dinge. Das ist gefährlich. Sie spielen wissentlich mit dem Feuer..."

"Okay..." Rick versuchte das Gesagte zu verarbeiten. "Aber irgendeinen Vorteil haben wir doch jetzt, oder? Kannst du irgendwelche Dinge tun und sehen, die uns vorher verschlossen waren. Ich meine...die Morgresch haben jetzt einen kapitalen Fehler gemacht. Richtig? Was fangen wir damit an?"
"Ich könnte so viele Dinge sehen und tun. So viele Dinge..." nickte Seli mit einer Stimme wie aus weiter Ferne und schloß die Augen erneut in einer mysteriösen Geste. Nach dem Öffnen war sie jedoch endgültig wieder die schräge Dingsda aus seiner Klasse. Sie zuckte scheinbar leicht verlegen mit den Achseln, und schien dann ihre dezente Abgehobenheit mit einem lauten und feuchtfröhlichen Schneuzer in ihr schmuddliges Taschentuch abzuschütteln.
"Aber sollte ich das tun? Pustekuchen. Himbeerquarktaschen. Nix da. Wo wäre der Spaß am menschlichen Dasein, wenn man alles schon im Voraus wüsste? Wo wäre das Abenteuer des heutigen Tages und aller Tage, wenn ich den ganzen Strom an Linien und Pfaden bewußt kennen würde? Genau davon mache ich doch quasi Urlaub. Unser Vorteil ist es gerade, aus der menschlichen Spontanität und eurem inneren Funken der Intuition heraus zu entscheiden. Ohne Ballast. Deswegen werden wir auch gewinnen. Jawollja..."

Rick verdrehte die Augen. Irgendwelche handfesten, vollkosmischen Superkräfte wären jetzt sicher hilfreicher, als pseudokluge Sprüche aus dem Yoda-Archiv.
Sprunghaft. Instabil. Irreal. Alt und jung. In einem Augenblick das höhere Wesen. Im nächsten Augenblick nur der rumblödelnde Abklatsch eines 80er-Jahre-Filmgirlies. Er warf einen skeptischen Seitenblick auf das Wesen, daß sich Selene Wiedenbrink nannte. Einmal mehr dämmerte ihm die Erkenntnis, daß diese "Seli" nur eine Illusion war. Eine Hülle. Auch ihre ganze lebensfreudige und scheinbar naive und flippige Persönlichkeit und Seele waren nur ein Hauch. Ein flüchtiger Gedanke. Ein physischer Frontend für etwas Fremdes von sehr weit außerhalb. Eine Rolle. Eine literarische Figur. Eine Fiktion.
Er blickte unbewußt auf ihr Taschentuch und auf ihre rechte Hand, die es hielt. Die Haut war wieder rein und unbeschädigt. Das Blut war verschwunden.
"Hey..." unterbrach sie seine Gedanken mit einem leichten Klaps auf den Arm. "So kann man das nicht sehen. Wir sind. Was sie in diesem Zyklus gewesen wäre. Was ich immer war und sein werde. Was wir beide uns entschlossen haben, für den Augenblick zu sein. Die Vielfalt in der Einheit und die Einheit in der Vielfalt. Zusammen sind wir Selene. Und sie und ich und du sind zusammen Rick und Selene. Und ich verspreche dir, daß die Morgresch dieses Team so schnell nicht vergessen werden..."

Rick hatte im Moment nicht viel für esoterisches Geblubber übrig. Und noch weniger hatte er dafür übrig, daß seine Gedanken wieder nicht mehr privat waren. Vielleicht war das sterile Neonlicht innerhalb des Guptenfeldes doch gar nicht so schlimm gewesen.

Ein Teil von ihm wünschte es sich jedenfalls sofort wieder zurück.
"Und jetzt hör mit dem Geschmolle auf..." tadelte Seli. "Wir sollten keinesfalls ihr Spiel spielen. Haben sie das Feld abgeschaltet, damit ich meine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge am Rand lenke? Damit ich abgelenkt bin? Was fürchten sie? Ist der Zeitfaktor relevant und wir sind zu nah dran? Lass uns weitergehen..."

"Was ist da gerade passiert?" Rick wollte sich  nicht so schnell abwimmeln lassen. Er wollte noch immer verstehen und deutete allumfassend im Kreis herum, um die ganze Situation der letzten Minuten visuell in seine Frage mit einzuschließen.
"Hmmm? Nur eine kleine Unpässlichkeit..." Seli dachte kurz nach und schien dann mit der flachen Hand ein paar Fliegen zu verscheuchen. "Sorry wegen der Felsen. Ist es so besser?"
Rick verstand für einen Moment nicht, was sie mit ihrem "so" meinte, aber als er sich nochmals umblickte, bemerkte er, daß die drei Felsen, die aus dem Ring gefallen waren, und dort eine klaffende Zahnlücke hinterlassen hatten, nun wieder makellos und versunken in Erde, Moos und Zeit an ihrem ursprünglichen Platz ruhten.
Und obwohl er sie gerade noch meterhoch schwebend von Blitzen und Energiewellen umtost, und dann krachend im Unterholz zerbrechen gesehen hatte, schien es nun so, als wären sie seit Jahrtausenden nicht von ihrem Platz gewichen.
Die ganze Realität des Ortes hatte auf Rewind geschaltet und sich neu justiert.

"Ihr habt diesen Ort doch in euren kindlichen Seelen schon immer als magisch empfunden..." lächelte Seli versonnen.
"Und da war sogar etwas dran, denn ihr habt hinter die Fassade der materiellen Realität gefühlt. Ab jetzt ist der Ort sogar noch ein klein wenig magischer und spezieller geworden, denn ein Teil von mir ist in ihm. Wenn das alles hier vorbei ist, wird für viele Jahre keine Unreinheit über ihn kommen und die kleine Welt um den Ring herum wird blühen und gedeihen und euren Gedanken Trost geben..."
Sie stellte sich in einer gekünstelten Geste tributheischender Theatralik auf einen Baumstamm. "Also. Besser. Was sagst du jetzt?"
"Deine Haare stehen überall in die Luft hoch. Du siehst aus wie Pumuckl..." entgegnete Rick trocken. Er ging an ihr vorbei die Anhöhe hinauf.
"Häh? Mach Sachen..." Seli griff sich in die statisch knisternde Frisur, und versuchte den neuen punkigen Look nach unten zu drücken. Britzelnd widersetzten sich die roten Haarsträhnen und nur etwas feuchte Spucke auf die Hand glättete die Frisur zurück in das übliche, strubbelige Chaos.

Sie schlenderte gemütlich hinter Rick her, der oben auf dem Grat stehengeblieben war und mit einem Gesichtsausdruck der Verwirrung nach unten in die Richtung blickte, in der die Bäume des Wäldchens endeten, und die lange erwartete Grasebene begann. Oder beginnen sollte.
Eine ungewöhnliche Lichtreflektion spiegelte herauf. Ein Flimmern und Flackern, als würde man auf heiße Luft auf einer brutzelnden Teerfläche blicken. Oder auf...
Die Reflektionen spielten sich an den rauen Stämmen der Bäume und flackerten auch in seine Augen.
Konnte es wirklich das sein, wonach es aussah? Neue Probleme.

Seli hatte beinahe zu ihm aufgeschlossen und schien ihre blendende Laune wiedergefunden zu haben. "Jetzt wo ich für den Moment wieder in Form bin, könnten wir natürlich so manch wichtige Dinge tun. Wir könnten uns zum Beispiel nochmal über deine freche Meinung zu meinen Plätzchen unterhalten..."
Ein grünes Feuer flackerte in ihren Augen auf, aber Rick war nicht in der Stimmung für solche Themen und lief mit einem undefinierbaren Ausdruck auf den Lippen plötzlich den Hang hinunter. Auf die fremdartige Reflektion zu. So schnell, daß er fast über Wurzeln und Steine stolperte.
"Okay..." Seli zuckte resignierend mit den Achseln. "Dann halt später..." Sie rief ihm laut hinterher. "Aber das Thema ist noch nicht beendet. Bißchen mehlig im Nachgeschmack? Hah. Von wegen..." Eher gelöst amüsiert über sich selbst sinnierend als verärgert, trottete sie ihm leichtfüßig nach.

Als sie den Rand des Wäldchens erreichte, fand sie Rick bereits mit einem fassungslosen Ausdruck auf einem frisch entwurzelten Baumstamm stehend vor. Er deutete nach Westen über die Ebene und sah sie fragend an. "Was bitte soll das jetzt sein?"
"Hoppla. Ich hatte doch gerade schon so was gefühlt. Amüsant, nicht wahr?"
"Amüsant würde ich das nicht gerade nennen..." ächzte Rick und ließ seinen Blick erneut über das weite Plateau hinter dem Gipfelgrat schweifen.
Wo sich bisher die grasigen Ebenen und ihre Welt aus Hecken und Büschen erstreckt hatten, breitete sich nun ein See aus. Ein Nachtauge. Eine kilometerweite Wasserfläche füllte die gesamte Mulde mehrere Meter tief, geflutet wie ein randvoller Teller mit den Felsgraten als äußere Grenzen.
War es überhaupt Wasser? Es fühlte sich finster an. Es stank nach Chemie. Die Farbe war nachtschwarz, die Oberfläche dampfte gelblliche Schwaden aus, und auf dem flirrend zerbrochenen Spiegel trieben in einem leichten Wellengang seltsam quadratische und geometrische Schlieren, die sich ständig in künstlichen Mustern zu arrangieren schienen. Das Wasser lebte. Und es war schlecht gelaunt. Und hungrig.
Seli bückte sich über den Rand des neu entstandenen Ufers und schnüffelte in die Schattenbrühe.
"Kein hübscher Pool. Viel Säure. Bißchen Schmieröl. Kochendes Kühlwasser aus dem Berg. Und Datenspeicherplasma voll mit Nanopartikeln und Nanomaschinen. Die übrigens auch dem Genuß von menschlicher Körpersubstanz nicht abgeneigt sind, wenn die Säure ein wenig mithilft. Und Badeanzug habe ich auch keinen dabei..."
"Und was sollen wir jetzt tun?" fragte Rick achselzuckend.
Sie standen an den Ufern eines tödlichen Ozeans, aus dem sich ihr Ziel auf der anderen Seite nun wie eine ferne Felseninsel erhob. Die Bodenlosen Löcher mussten geflutet sein oder waren sogar die Quelle der ganzen Flut. Wohin nun? Der direkte Weg war zu Ende.

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Veröffentlicht am 12.12.2018. Textlänge: 11.610 Wörter; dieser Text wurde bereits 58 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.05.2019.
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