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Selene - Kapitel 8

Roman zum Thema Fantasie


von BluesmanBGM

Kapitel VIII - Kosmogonie

Rick und Seli lagen beide auf dem Rücken im warmen Sand. Als hätten sie alle Zeit der Welt.
Seli hatte ihn noch mit letzter Kraft aus der struppigen Böschung gezogen, dann hatten sie beide dem Schock und der Erschöpfung für einige Minuten nachgegeben.
Rick öffnete die Augen und betrachtete den Himmel. Die weiße Federwolke war weitergezogen und der blaue Sommerhimmel wölbte sich makellos über ihnen.
Makellos? Nein. Nicht mehr. Er hatte seinen natürlichen Glanz wieder verloren. Das Guptenfeld war zurück. Und Seli war wieder mehr Mensch geworden.

Rick drehte den Kopf zur Seite und sah sie nachdenklich an, wie sie friedlich atmend mit sanft geschlossenen Augen neben ihm lag.
Die rotblonden Haare fächerten sich wie ein Halo um ihren Kopf herum auf dem Boden aus. Sand mischte sich in die Strähnen. Die Flucht hatte scheinbar auch ihren menschlichen Körper erschöpft, denn sie lag nur still da. Ihr Brustkorb hob und senkte sich mit jedem Atemzug. Lebendig.
Er fühlte sich, als müsste er irgendetwas tun. Irgendetwas sagen. Rick räusperte sich leicht und wollte einen zaghaften Satz beginnen. Er kam nicht dazu.
"Wow..." Seli setzte sich ruckartig auf und grinste breit. "Das war richtig megaheftig. Hey. Machen wir nochmal?"
"Passe..." Rick winkte müde ab und zupfte eine weitere Klette aus seinen Haaren.
Seli lehnte sich wieder zurück in den Sand und verschränkte die Arme sinnierend hinter dem Kopf.
"Jetzt stell dir nur mal vor, was wir alles verpasst hätten, wenn ich uns einfach direkt vom anderen Ufer aus hierher teleportiert hätte..." Sie schnippte demonstrativ mit den Fingern. "Wäre doch absolut langweilig gewesen..."
Rick ließ den Satz kurz in sein Bewußtsein sinken und holte dann tief Luft. Er versuchte sich darin, völlig ruhig zu bleiben. Ganz ruhig.
"Hat eigentlich schon mal irgendjemand versucht, dich einfach so zu erwürgen..." fragte er mürrisch. Und atmete langsam aus und dann wieder ein.
Seli dachte für einige Sekunden nach und nickte dann. "Jepp. Einmal. Lange her. Lustige Geschichte..."

Rick konnte sich plötzlich ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen, und sein flüchtiger Ärger verwehte irgendwo hin in weite Ferne.
Aber er wollte trotzdem Antworten.
"Was ist da draußen passiert? Du hattest doch gesagt, daß die Morgresch keine Fähigkeit haben, daß Feld einfach wieder einzuschalten? Daß es mindestens zwei Tage dauern würde, und nicht bloß eine Dreiviertelstunde? Du hast auch gesagt, du würdest die Zukunft vorausssehen, wenn sowas passieren würde. Also. Was war los?"
"Ich habe sie gesehen. Leider zu spät..." Seli kratzte sich verlegen an der Stirn. "Ich kann deine Fragen nicht beantworten. Alles was ich im Moment sagen kann, ist, daß die Situation komplizierter ist. Ich habe das nicht kommen sehen..." Sie kicherte in sich selbst hinein. "Ja. Das ist stimulierend. Das ist beinahe frisch und neu. Die Fragen ohne Antworten. Ich mag das. Wir werden sehen..."
Sie versuchte sich in einer Gestik und Mimik wie Sherlock Holmes. "Es war vielleicht ganz hilfreich, daß wir in eine Falle getappt sind, denn unsere Mitspieler mussten einige Karten auf den Tisch legen. Es gibt Spieler, die gegen uns sind, und es gibt Spieler, die auf unserer Seite sind. Ich habe eine wichtige Botschaft gespürt. Und ich habe gesehen, was ich sehen wollte. The game is afoot, Watson..."

"Du vergißt aber nicht, daß es um meinen Planeten geht? Um das Leben von Milliarden von Menschen. Es ist nicht nur Spiel und Zeitvertreib. Okay?" Rick sprach seine Sorgen und Gedanken zum ersten Mal deutlich aus. Und es fühlte sich richtig an. Er wollte Vertrauen haben.
Es waren nicht die großen Sprüche und wichtigen Wörter und vollkosmischen Kräfte, die ihn zu diesem Gefühl kommen ließen. Es war nicht der seltsame Götterkram von jenseits von Raum und Zeit. Es war die Tatsache, daß sie vorhin in der höchsten Gefahr auf ihn gewartet hatte. Daß sie ihm wieder auf die Beine geholfen hatte. Daß sie ihm in den...naja...daß sie ihm wieder auf die Beine geholfen hatte. Und am meisten war es die warme Hand eines Menschen, die er in seiner Hand gespürt hatte, als alles dunkel zu werden schien.
Er und Seli starrten für eine weitere Minute schweigend in den Himmel.
"Ich werde das Leben auf der Erde nicht so einfach aufgeben..." sagte Seli schließlich. "Du verstehst einige Dinge noch nicht. Was ich bin. Das Herz meines Seins. Wir haben unseren freien Willen wie ihr. Aber wir sind auch, was wir sind. Wir sind Splitter aus dem Stoff und dem Gefühl, aus dem wir geboren wurden. Und ich wurde aus dem Drang nach Leben und Vielfalt heraus geboren. Purer und stärker als meine Schwestern..."
Rick verstand zwar nicht so ganz, was sie mit den blumigen Sprüchen meinte, aber die Emotion dahinter kam deutlich herüber.
"Okay..." nickte er. "Du würdest nicht untätig daneben stehen, und zusehen, wie das Leben auf der Erde durch fiese Aliens endet. Nicht nur wegen deiner Salatbeete, sondern wegen des Lebens an sich. Und selbst wenn die Menschen oft doof sind und den falschen Weg gehen, hat doch jeder ein Recht auf Leben. Richtig?"

Er wartete für einige lange Sekunden auf eine Antwort. Als er keine erhielt, blickte er nach drüben.
Seli war aufgestanden und betrachtete ein verblichenes rotes Plastikschild mit Wegweiser in den Ästen einer knorrigen Fichte.
"Du redest manchmal zu viel. Sieh dir lieber das hier an. Unsere Reise nähert sich dem Ende..."
Hinter ihrem Liegeplatz am Ufer des Nachtauges begann ein verwachsener und recht steiler Trampelpfad vom Plateau aus in Richtung Hauptgipfel zu führen, und auf genau diesen Pfad verwies auch das Schild. Ein Schild, daß sie in ähnlicher Version schon einige Stunden zuvor gesehen hatten.
"Hotel & Cafe 25 Minuten - Gutbürgerliche Küche - Traumhafte Aussicht".
Sie hatten den Berg mehr oder weniger umrundet, und sich dabei dem verlassenen Hotelkomplex und seiner Ruine von der anderen Bergflanke her wieder genähert.
Unter dem Plastikschild folgte eine wurmstichige Holztafel mit einer längeren Liste angeblicher Attraktionen, die sich Touristen gegen Eintritt dort oben ansehen sollten. Alle waren mittlerweile verfallen oder wurden schon damals nie realisiert, und standen nur vorsorglich auf den Werbetafeln. Eröffnung in Kürze. Oder eben nie.
Streichelzoo. Märchengarten. Liegewiese. Berühmter Aussichtsturm "Mini-Eiffelturm". Rosengarten & Romantikterasse. Cafe Paris.

Der vermeintlich findige Tourismus-Unternehmer hatte in den 80er Jahren wirklich an alles gedacht.
Nur nicht an das Ausbleiben von Gästen in der abgelegenen Region. Oder daran, daß sein häßlicher Betonbunker in der Landschaft jeden Besucher abschrecken würde, der den vollmundigen Versprechen vom naturnahen Traditionshotel auf Schildern und Prospekten gefolgt war.
Rick erinnerte sich daran, daß er vor Jahren ganze Kartons und Stöße von alten Hochglanzprospekten in der leeren Lobby gefunden hatte. Darauf konnte man ein uriges Alpenhotel mit großen und blumengeschmückten Balkonen und Türmchen und Schindeldächern sehen. Und ganz winzig klein stand neben dem Foto ein fieser Vermerk.
Beispielfoto. Tatsächliches Hotel kann abweichen.
Dinge waren nicht immer das, was sie auf bunten Hüllen zu sein schienen.
"Das alte Hotel am Berg?" Rick runzelte die Stirn. Die geheime Spionagezentrale und Superschurkenversteck aus seiner Kindheit. "Aber wieso?"
Seli verdrehte die Augen ein wenig und tippte nochmal nachdrücklich auf die Liste. Bis es Rick so langsam dämmerte.
Der Mini-Eiffelturm. Ein häßlicher Haufen aus Rost und Stahl. Und einer der wenigen Teile des Hotelkomplexes, der auch nach der Schließung noch einen Zweck erfüllt hatte, und daher von einem Stacheldrahtzaun mit Warnschildern umgeben war. Wegen des dicken Klumpens von Antennen für Funk und Fernsehen, die die einstmalige Attraktion nun eher wie eine dürre Spinne aus Kabelsträngen und Sendeschüsseln aussehen ließ.
"Der Dings...der Guptenfeldprojektor. Der Eingang zur Basis..." Er rappelte sich hastig auf und tippte sich dann verärgert an die Stirn. "Aber warum sind wir dann nicht gleich zum Hotel gegangen. Der direkte Weg dorthin von der Straße aus wäre soviel kürzer gewesen. Und sicherer..."
"Wäre er das?" Seli schüttelte den Kopf "Ich glaube eher, daß wir..."

"Ich glaube, daß deine Effektivität und dein Sinn für Pflichterfüllung mal wieder beklagenswert sind..." unterbrach sie eine schneidende Stimme, die aus dem Schatten hinter dem alten Baum zu kommen schien. Jemand bewegte sich dort, obwohl sie doch eben noch völlig allein gewesen waren.
"Es kann nicht jeder deinen Sinn für schnelle und effektive Problemlösung haben, Schwester..." lächelte Seli mit einem Hauch von Nachsicht in der Stimme. "Aber was verschafft uns die erneute Ehre? Möchtest du dich unserer kleinen Rettungstruppe nun doch noch anschließen? Jede Hilfe ist willkommen..."
Ein Rascheln von Stoff und Perlenketten folgte und mit einem Aufblitzen der unzähligen Glitzersternchen auf ihrem schwarzen Abendkleid trat Inanna einen Schritt aus dem Schatten und legte ihren Kopf in einer prüfenden Geste schief.
Ihr Schmuck und ihre kalte Schönheit glitzerten wie die erste Morgensonne, die im orangen Schein der Tiara über der Sternennacht ihres Kleides aufging.
Sie zog eine goldene und mit Edelsteinen besetzte Taschenuhr hervor. Das unnatürlich laute Ticken schien aus allen Richtungen her zu hallen.
"Tick Tock. So vergeht die Zeit der Menschen. Während du hier für Ewigkeiten herumtrödelst und deine Späßchen mit ihren Kindern treibst."
"Ewigkeiten?" Seli schüttelte amüsiert den Kopf. "Haben wir unseren Zeitbegriff kürzlich revidiert? Ich wüsste nicht, seit wann ein Vormittag in der Zeit der Menschen als Ewigkeit gelten würde. Auf der anderen Seite - was ist schon Ewigkeit? Für den Einen ist es ein einziger perfekter Moment, für den Anderen ein Weltzeitalter und darüber hinaus. Alles eine Frage der Perspektive. Wer ist glücklicher?"

"Ich meine damit, daß es in deiner Verantwortung liegt, die Verbreitung des Guptenfeldes jetzt zu stoppen. Das Wissen darf diesen Planeten nicht verlassen. Das Wissen muß sterben. Auf die eine oder andere Weise..." schnappte Inanna, ganz offensichtlich nicht in der Stimmung für den Austausch von Philosophien.
Das orange Feuer im Schmuckstein ihrer Tiara flammte kurz auf, und Seli schien für einen Augenblick überrascht. Dann sprach sie ungerührt weiter.
"Ich habe dir gesagt, die Sache ist in Arbeit. Und wir sind nach ein paar Abstechern auf dem direkten Weg zur Lösung. Mein nachdenklicher Freund hier musste einige Dinge über sich selbst lernen, und daher habe ich den Weg zum Ziel gemacht. Das liegt in meinem Ermessen..."
Rick warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. Das war ein Bluff, richtig? Sie versuchte nur gerade, Inanna irgendeine wichtig klingende Ausrede zu verkaufen, warum sie nicht auf dem direkten Weg zum Hotel gegangen waren. Was an ihrer eigenen Tüdeligkeit lag. Aber warum musste er für die Ausrede herhalten?

"Und es liegt in meinem Ermessen, zu bewerten, ob du deine Aufgabe effektiv erfüllst. Sollte dem nicht so sein, werde ich mich dieses Problems annehmen. Das Wissen darf diesen Planeten nicht verlassen und die Morgresch müssen aufgehalten werden. Auf deine Weise. Oder auf meine Weise."
"Ich würde es dir nicht empfehlen..." Seli lächelte sanft und zog einen Keks mit Kirschglasur aus ihrem Rucksack. "Nicht dieses Mal..."
"Ist dem so?" Inanna zog eine elegante Augenbraue in die Höhe wie einst Mr. Spock. Rick kannte die Geste auch von Seli. Sie waren letztlich doch verwandt. Irgendwie. "Du würdest dich also gegen einen Entschluß stellen? Die Einheit zerstören? Ich glaube nicht. Nein. Ganz sicher nicht..."
"Lass es darauf ankommen..." Seli steckte einen Strohhalm in eine Tüte mit lauwarmem Orangensaft. Die Kekse waren halt doch etwas mehlig und trocken. Sie saugte schlürfend einen Schluck Saft ein und sprach dann ruhig weiter. "Wenn ich mit dir fertig wäre, würden deine schwelenden Wunden für mindestens drei Weltzeitalter in dir brennen. Und vielleicht reiße ich das Feuer in deinem dunklen Kern in kleine Fetzen, und falls du dich in Materie kleidest auch noch deine ganze Hülle in Trümmer und Schlacke und verteile sie von hier bis zum fernsten Winkel des Abgrundes. Interessiert?"

Inanna antwortete ihr nicht, sondern blickte sich in der kleinen Runde um. Ihre Augen fielen auf Rick und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
Hilfe. Laßt mich bloß aus der Sache raus. Rick sah sich hastig um und suchte einen Fluchtweg. Vielleicht könnte er hinter einen Busch zum Pinkeln gehen.
"Du, Menschensohn..." Zu spät. Sie deutete auf ihn. "Wie hältst du das Geschwafel eigentlich schon den ganzen Tag aus? Geht sie dir nicht auch so auf die Nerven? Möchtest du nicht irgendwo ganz anders sein? An einem schönen Ort, an dem es ruhig und sicher ist?"
"Öhm..." Rick zuckte mit den Achseln. Und flunkerte ein klein bißchen. "Nö. Eigentlich nicht. Zwischen all dem Chaos und dem Fliehen und dem tödlichen Zeugs, daß ich absolut nicht verstehe, macht es irgendwie Spaß. Ich vertraue ihr. Und ich glaube, ich verstehe sie sogar ein klein wenig..."
"Tust du das?" Inanna musterte ihn eindringlich. "Ach. Ich sehe schon. Sie hat dir die große Tour gegeben. Halt. Nein. Nicht die große Tour. Nur die Vorgeplante für die braven kleinen Pauschaltouristen in ihrem überheblichen Geist. Hoppla. Dir sind noch einige der besten Sehenswürdigkeiten entgangen. Das würde ich mir nicht gefallen lassen, auch wenn du nur das kleine menschliche Schoßtierchen des heutigen Tages bist..."

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder von ihm ab und bewunderte eine der Eisfeuerklingen, die bei der Flucht aus dem Wasser in hohem Bogen durch die Luft gesegelt war, und sich nun halb in einem Baumstamm gebohrt hatte. Die andere lag irgendwo im Gras.
"Sieh mal an. Eine der Klingen der Meister von Cron..." Inanna betrachtete die Schneide mit glitzernden Augen. "Sie sind selten, aber ich habe Waffen dieser Art in Schlachten gesehen. Unbeschreibliche Zerstörung. Dunkelheit und Chaos. Das Schlachtfeld war knietief bedeckt von kochendem Blut und die Schädel der..."
"Das war nie die Absicht ihrer Schöpfer gewesen..." unterbrach Seli die Erzählung. "Ihnen ging es um die praktische Anwendung von mathematischem Wissen."
"Mag sein. Mag sein..." Inanna schlenderte gemütlich weiter. "Aber irgendwann findet ein jedes Werkzeug den Zweck, für den es am Besten geeignet ist..."

Sie betrachtete mit einem ungewohnt versonnenen Lächeln die Landschaft. Grüne Hänge. Felsen. Büsche und Gras.
"So ein schöner und von zwecklosem Leben erfüllter Planet..." Inanna streckte den rechten Arm weit gen Himmel aus, und bewegte ihre Hand über das Firmament.
Das kalte Sonnenlicht fiel durch ihre Finger und zeichnete ein eigentümliches Muster auf ihr schönes Gesicht. "Und so ein wunderbar blauer Himmel. Soviel Licht und kein Schatten. Keine dunkle Wolke zu sehen. Das kann sich aber sehr schnell ändern. Wie sagt man doch so schön auf der Erde. Das Wetter schlägt um..."
Rick konnte dem spontanen Wetterbericht zwar nicht so ganz folgen, aber irgendetwas daran gefiel ihm nicht.
Für den Moment war seine Aufmerksamkeit allerdings von etwas ganz anderem gefesselt.

Während Inanna ihren erhobenen Arm in einer umfassenden Geste über den Himmel hatte schweifen lassen, konnte man von der Seite her tief in ihr ausgeschnittenes Abendkleid blicken. Auf den erhobenen Arm. Auf die Achselhöhlen. Auf die weiße Alabasterhaut und die eleganten Formen. Und noch tiefer hinein auf weiche und runde Schemen, die sich warm und sanft mit dem Körper bewegten. Als wäre es eine Statue der puren Ästhetik und Schönheit.
Aber da war noch etwas anderes. Etwas Ungewöhnliches. Und je mehr Licht während der Drehung unter das Kleid fiel und je mehr Details zutage tragen, desto mehr fühlte Rick ein neues Gefühl in sich aufsteigen. Horror und Schrecken.
Narben. Lange Striemen und blutverkrustete Narben liefen über ihren Oberkörper. Überall, wo der nach außen so reine Körper von Stoff bedeckt war, erstreckte sich ein zersplittertes Netzwerk aus kaum verheilten Wunden. Wie ein fraktales Gemälde aus Gräben und Brüchen. Weiße Haut und rotes Blut.
Das angetrocknete Blut glänzte frisch und feucht im Licht. An einigen Stellen schienen getrockneter Schorf und fast schwarze Kruste in zerfaserten Platten nach oben zu stehen. So, als wäre eine verdorrte Schlammpfütze in der Sonne in tausend Schollen zerborsten. Oder ein ganzer Kontinent zerschmettert worden.
Rick schluckte hart und wendete den Blick von ihrer geschundenen Haut ab. Wärme schoß in seine Gesicht, und er fühlte, wie er puterrot anlief. Was war das?

"Hat dich das erschreckt? Armer Menschensohn..." Inanna senkte den Arm und sah ihn beinahe mit Sympathie und Mitleid an. "Man kann nicht in einen Spiegel blicken, ohne die Kratzer und Furchen und Leiden hinter dem Glas zu erahnen. Wir sind nicht wie ihr. Überlege es dir gut, wenn du das nächste Mal auf eine Illusion blickst..."
Sie wandte sich noch einmal Seli zu. "Tick Tock. Die Zeit der Morgresch und die Zeit der Menschen. Sie laufen beide ab..."
Dann war sie wieder wie mit einem Lufthauch verschwunden. Kein Spezialeffekt. Kein Garnichts. Verblasst zwischen zwei Lidschlägen.
"Ich frage mich, was sie damit gemeint hat..." Rick wusste nicht recht, auf was er sich genau bezog. Auf alles vermutlich.
"Ich frage mich etwas ganz anderes..." gab Seli kryptisch zurück. Sie zog das Eisfeuerschwerter mit einem splitternden Laut aus dem Holz und faltete es zurück in die komprimierte Form. Rick war sich bewußt, daß sie in der Höhle des Löwen Waffen brauchen würden.
Zumindest solange, bis Seli selbst die Waffe wurde.
"Das war alles ganz amüsant, aber jetzt sollten wir wirklich zum Ziel unserer Reise aufbrechen. Schließlich wollen wir später noch zur Schule..." sagte sie.
Amüsant. Rick sah sie nachdenklich an. Irgendwie war ihm der Humor entgangen.

Der Anstieg über den Pfad zum Hotel hinauf war steil.
Dicke Wurzeln als natürliche Trittstufen wechselten sich mit weichem Sand ab, der unter jedem Tritt wegrieselte und nachgab wie weicher Schnee. Dadurch zog sich der Aufstieg ungewohnt lange hin, aber Seli zeigte auch keinerlei Anzeichen dafür, nun mehr in Eile zu sein.
Rick war sich nicht sicher, ob er nun ihre fremdartige Coolness bewundern oder ihre lockere Sorglosigkeit kritisch hinterfragen sollte.
Sie wird das Leben auf der Erde nicht so einfach aufgeben, hatte sie gesagt. Aber im Moment schien sie es eher einer gewissen Trotzreaktion gegenüber Inanna und deren Sticheleien unterzuordnen. Einmal mehr fragte sich Rick, wo genau die versprochene Weisheit in diesem Verhalten verborgen war. Sie versteckte sich gut.
Aber er wollte ihr vertrauen, und abgesehen von ein paar kurzen Nörgeleien rein aus Prinzip passte er sich ihrem gemächlichen Tempo an.

Als sie das Ende des Steilstückes erreicht hatten, lag der dunkle See auf dem Plateau unter ihnen, und war durch eine breite Sichtschneise gut einzusehen.
Zu seinem Schrecken musste Rick erkennen, das der See an den Kesselrändern bereits über das Plateau schwappte und die Hänge hinablief. Das Wasser stieg.
Möglicherweise war die Ebene mit dem warmen Sand und der knorrigen Fichte, auf der sie noch vor wenigen Minuten gerastet hatten, bereits von den schwarzen Fluten verschlungen und zersetzt oder in Sterilisationskristalle getaucht.
Der Weg ging in eine Ebene über, durch die sich der schmale Schotterweg weiter zwischen Gras und Bäumen hindurchschlängelte. Alles schien hier oben friedlich zu sein. Es war still. Zu still. Und in der Ferne zeichnete sich ein Muster ab, daß nicht in die krumme Landschaft passte. Es war zu ebenmäßig.

Sie waren in Sichtweite des hohen Begrenzungszaunes angelangt, der die Bauruine des ehemaligen Hotels nun umgab.
Früher war es leicht für alle Kinder aus der Gegend zugänglich gewesen, sofern man keinen Respekt vor Verbotsschildern hatte. Aber welcher echte Spion, Pirat, Ritter und Superschurke hatte den schon.
Nach dem Unfall mit mehreren Kindern waren aber Eltern auf die Barrikaden gegangen und das Landratsamt hatte entschieden, ein Exempel zu statuieren, und das alte Hotel besser abzuriegeln, als Fort Knox. Naja, vielleicht nicht ganz. Aber seit diesem Tag war ein großer Abenteuerort aus der Fantasie der Kinder getilgt.
Verboten und verborgen hinter einem meterhohen, engmaschigen Zaun und ein paar Toren mit dicken Ketten und Vorhängeschlössern.
Ein schmaler Streifen aus Fichten bildete in wenigen Hundert Metern Entfernung eine gerade Linie am Ende einer vergilbten Wiese.
Im Schatten der Bäume konnte man gerade noch so die rechtwinkligen Linien des Zaunes ausmachen. Was würde sie dort erwarten?
Hatte Seli wirklich Recht, und der noch immer mit Fernmelde- und Handynetzantennen bestückte ehemalige Aussichtsturm des Hotels war auch die Quelle des Signales für das Guptenfeld? Der Zugang zur unterirdischen Basis. Die Achillesferse der ganzen Operation.
Falls ja, würde dieser für die Invasion so relevante Ort von den Morgresch nicht extrem stark bewacht und beschützt sein?

Rick spähte noch einmal aus der Ferne zum Zaun herüber. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Gab es neue Überraschungen? Stacheldraht oder Stromschläge?
Örtlichem Klatsch und Gerüchten zufolge verbargen sich unter den Antennen am Turm auch irgendwelche militärischen Sachen oder gar Kram vom Geheimdienst, also war ein Teil der Absicherung vermutlich von noch höherer Autorität verfügt worden.
Er hatte aber auch erst kürzlich aktuelle Fotos aus dem Inneren des Hotels im Internet gesehen. Leute, die von der Zeit vergessene Orte suchten und mit ihren Kameras für die Nachwelt festhielten, waren also dort hinein gekommen.
Rick musste sich noch einmal in Erinnerung rufen, daß das Hotel mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr unter menschlicher Kontrolle stand.
Was immer sie dort an Abschreckung oder Angriff erwartete, hatte also weder mit den Sicherheitsbehörden, noch mit dem Geheimdienst zu tun.
Die Mißachtung eines lädierten "Eltern haften für ihre Kinder"-Schildes war somit ihre kleinste Sorge. Außerdem war Seli alt genug, um für sich selbst zu haften.
In jedem Fall schien es der Endpunkt ihrer Reise zu sein. Was sich dort ergeben würde, entschied über das Schicksal der Menschheit.

Sie setzten sich in Sichtweite des Zaunes auf einen Stapel Baumstämme am Wegesrand, um sich vor den kommenden Ereignissen nochmal zu stärken.
Am Boden seines Rucksacks fand Rick noch einen Packen Salamibrote in Alufolie, den er heute morgen hastig hineingeworden hatte. Er teilte die Brote mit Seli.
Vielleicht wollte er auch noch etwas reden.
Rick wollte mehr wissen. Die Begegnung mit Inanna hatte wieder Fragen aufgeworfen, aber irgendetwas ließ ihn vor allzu direkten Antworten zurückschrecken.
So, als wollte er manche Dinge gar nicht genau wissen. Vielleicht wäre eine allgemeine Frage angemessen.

"Da ist noch etwas..." begann Rick und suchte für lange Sekunden nach Worten.
"Da ist immer noch etwas..." nickte Seli und biß von einem der Wurstbrote ab. "Das liegt in eurer Natur. Also schieß los..."
Die dezente Melancholie, die die Sterilität das Feldes verursacht hatte, schien ihre Tendenz zur Albernheit und zu kryptisch-ausweichenden Antworten etwas gedämpft
zu haben. In gewisser Weise hatte es sie gesprächiger gemacht, und Rick wollte einen neuen Anlauf starten, Antworten auf tiefere Fragen zu bekommen.
Und da war eine Sache jenseits von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihn bewegte. Eine Frage der Theologie. Die große Frage überhaupt.
Er musste sich eingestehen, daß vermutlich eine kulturelle Konditionierung aus ihm sprach.
Er dachte zurück. Ernste Gespräche mit seinen streng katholischen Großeltern, die von seinem Desinteresse an ihrer Religion immer ein klein wenig enttäuscht waren,
ohne dies je laut auszusprechen. Und andere Dinge. Eigene Gedanken.
Ein Teil von ihm wollte glauben. So wie an den Weihnachtsmann mit dem langen weißen Bart. Wollte an einen Schöpfer glauben, der sich jenseits von menschlichem
Verständnis befand. Konnte er diesen Glauben nach dem heutigen Tag noch aufrecht erhalten?

"Ihr betrachtet euch selbst als Götter oder Göttinnen. Ihr sagt, ihr habt das oder die Universen geschaffen. Und die Materie. Und die Sterne. Und das Leben..."
Eigentlich hatte es ihm niemand so gesagt. Er hatte es in seinem visionären Traum gesehen.
Hatte gesehen, wie Etwas oder Alles aus dem Nichts entstand, weil es so etwas wie ein Nichts von einer höheren Warte aus gesehen gar nicht gab.
Hatte gesehen und für einen kurzen Moment verstanden.
Und obwohl er nicht mehr wusste, was er verstanden hatte, war ihm noch bewußt, daß das Wissen über die Schöpferkraft absolut überzeugend gewesen war.
Aber eine grundsätzliche Frage war offengeblieben.
"Wenn ihr die Schöpfer unserer Welten seid..." Rick holte tief Luft, weil er fühlte, an einer große Wahrheit zu rühren. "Wer hat dann euch erschaffen?"

"Verstehe..." Ein leichtes Schmunzeln spielte um ihre Lippen. "Du suchst die erste Ursache. Den Samen im Nichts. Den Beweger des Unbewegten. Die einzelne helle
Flamme, die alle anderen Feuer entzündet hat...
Die...ach jeh, ich könnte noch stundenlang weitermachen. Kurz gesagt - du suchst eine Nische für euren monotheistischen und patriarchalischen Gott.
Dann muß ich dich aber Folgendes fragen: wenn er uns erschaffen hat, wer hat dann ihn erschaffen? Wo soll die Kette enden? Was spricht die erste Ursache frei davon, doch nur wieder eine weitere Wirkung zu sein? Euer Glaube an seine männliche Kraft und seinen langen Bart bestimmt nicht..."
Sie schwieg für einige Sekunden und Rick fügte sich bereits etwas enttäuscht in sein Schicksal, daß er keine weitere Antwort bekommen würde.
Als er nach drüben blickte, fiel ihm jedoch auf, daß Seli nur einen großen Bissen vom Brot genommen hatte und mit derart vollem Mund nicht über gewichtige Dinge
sprechen wollte oder konnte.
Nach dem Schlucken fuhr sie fort.
"Dann pass mal gut auf, denn ich werde das Folgende nur einmal erläutern, solange ich esse. Betrachte es als Belohnung für das leckere Salamibrot.
Erläutern natürlich nur insoweit, als es in menschlicher Sprache und Wahrnehmung überhaupt in Worten vermittelbar ist.
Ich würde dir ja raten, zu dem Thema das Hohe Lied von Ventrimar zu konsultieren, aber das gibt es nicht auf Deutsch bei amazon. Wäre auch ein großes Paket.
Also die Kurzform. Ein starker Verlust an Facetten und tieferen Strömungen ist unvermeidbar. Aber so sei es...

Ich werde dir von der Zahl und den fünf Schöpfungen erzählen.

Am Anfang war die Leere.
Eure Religion nennt es die Zeit vor der Schöpfung, als der Geist Gottes über den Wassern schwebte.
Eure Wissenschaft nennt es das brodelnde Quantenvakuum, in dem sich die Zustände von Sein und Nichtsein in ständiger Fluktuation befanden.
Beide Sichtweisen haben im Grunde ein klein wenig recht.
Es war die Leere, weil sich die Zustände fortwährend gegeneinander aufgehoben haben, und im Endeffekt aus der Entfernung nur eine glatte Oberfläche blieb.
Und dennoch gab es noch vor der Geburt von Zeit, Welten und Materie ein suchendes Bewußtsein in der Leere.

Dafür mußt du den vereinheitlichenden Faktor aller Dinge verstehen. Und dieser Faktor heißt Information.
Was macht alle Fundamentalkräfte und Eichfelder und Branenfrequenzen und Geheimnisse im Herzen der Materie und Eigenschaften der Raumzeit und die Antworten all eurer Theorien und Mathematiken zu einem einzigen großen Ding? Was ist die gemeinsame Natur, die alle Fragen und Antworten teilen?
Das ist die Erkenntnis, nach der ihr strebt, dabei ist die grundsätzliche Lösung im Kern so einfach.
Die Antwort lautet Information. Alles in und um euch herum ist Information und Konzept und Gedanke.
Um all euer Streben nach Wissen auf einen vereinheitlichten Nenner zu bringen, braucht ihr im Grunde keine physikalische Theorie, sondern eine Informationstheorie.
Was automatisch eine Feldtheorie bedeutet, denn Information existiert immer in Feldern, die keine Grenzen zwischen Dimensionen und Denkmodellen kennen.

Gehen wir für die Zeit vor der Zeit einfach davon aus, daß die ständige Fluktuation im Quantenvakuum in kleinstem Rahmen Information erzeugt hat.
Auch wenn keine Welten geboren wurden, floß alle Information aus dem unruhig brodelnden Kochkessel in ein Feld. Nichts ging verloren, denn es gab keinen anderen
Ort, in den etwas hätte verloren gehen könnte. Es gab nur eine Welt, und die war hermetisch und leer.
Und wenn man auch nur den Hauch von Zahlen und Information in ein hermetisches Gefäß ohne Inhalt wirft, muß man buchstäblich mit Allem rechnen.
Ja. Das ist gut. Merk dir das. Man muß buchstäblich mit Allem rechnen. Hehehe. Das ist das Amüsante bei eurer Sprache.
Es war unglaublich wenig Information, die sich wegen der gegenseitigen Aufhebung praktisch niemals merklich von Null unterschied, aber auf der anderen Seite war die
Ausdehnung des alten Vakuums quasi unendlich.
Und unglaublich wenig Zuwachs in einem unendlichen Raum bedeutet doch eine ganze Menge, im Endeffekt nämlich eine unendliche Zuwachsrate.

Es geschah also in jenen Tagen, daß eine Zahl in den Raum trat, die nicht Null war.
Das ist in etwa das, was ihr als die Schöpfungszahl Omega bezeichnet, und doch die Ursache Alpha damit meint.
Es ist dabei völlig irrelevant, ob es eine binäre Zahl oder eine dezimale Zahl oder eine Information ist, die sich in euren kleinen Zahlengedanken überhaupt nicht erfassen
läßt. Es musste nur dort sein. Musste noch vor dem Multiversum geboren werden.
Wie eine Kette aus Molekülen. Wie ein erstes Enzym. Wie eine abstrakte DNA im mathematischen Raum.

Nun gibt es im höherdimensionalen Raum quasi eine kritische Masse, oberhalb derer pure Informationsfelder zu Bewußtsein erwachen.
Das könnte man als eine Art von Naturgesetz betrachten, lange bevor es solche überhaupt gab. Vorsicht, Falle. Aber egal.
Und eines Tages war es für die wachsende Zahl soweit. Sie wurde sich ihrer Selbst bewußt und sah sich in der Leere um.
Einer äußeren Leere, die leerer war, als die Zahl selbst, die für sich einen Inhalt und eine Substanz gefunden hatte.
Die erste Schöpfung war die Zahl. Die zweite Schöpfung war die simple Idee eines Unterschiedes.
Hoppla. Da war plötzlich ein Ich in der Zahl und ein Raum außerhalb des Ichs.

Und die Zahl begann zu träumen.
Der größte Bruch, den es je erlebt hatte oder je erleben wird, lief durch das noch ungeborene Multiversum.
Der Bruch in den Unterschied. In die objektive Welt dort draußen mit ihrem Schaum aus Universen und in die subjektive Welt der Bewußtseine mit ihren eigenen Universen und Welten tief drinnen.

Und als die Zahl größer und größer und komplexer wurde, fiel ihre rudimentäre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Blase im Quantenvakuum.
Weil sie ein wenig anders war, als andere Stellen in der Leere.
Eine der kleinen Unregelmäßigkeiten, die es dort schon oft gegeben hatte, die aber ohne Betrachter machtlos waren und wieder im Nichts verblassten.

Als aber die Blase einen Betrachter hatte, wunderte sich der Betrachter über das Neue in der Welt, und die Blase wunderte sich mit ihm.
Die Neugier war der Funke.
Die dritte Schöpfung war die Interaktion zwischen Bewußtsein und Welt.

Und noch etwas geschah. Im Bewußtsein der Zahl entstand ein Vorläufer der Zeit.
Keine externe Dimension, sondern nur eine grundsätzliche Idee darüber, was Zeit und Veränderung überhaupt sind. Ein Gedanke wie Dynamit.
Sie, die Zahl, die gewachsen war und sich verändert hatte, fragte sich, warum die statische Leere dort draußen so anders als sie selbst war.
Fragte sich in ihrer noch beschränkten Denkweise, wie es eine Mathematik geben könnte, die auf Null und statischer Leere gründen würde.
Und die Überzeugung, daß sich die Dinge verändern und die Leere irgendwann weichen mußte, begann die Träume der Zahl zu füllen.

Oh. Sie träumte noch nicht in Bildern und Dingen, denn solche Konzepte waren ihr natürlich fremd, da ihre ganze Welt die Leere war.
Aber sie träumte von anderen Zahlen. Langen Reihen davon. Von Regeln. Von Gesetzen. Fragmenten von Physik und Mathematik.
Von einem abstrakten Ding, daß quasi auf dem Reissbrett die Antithese zur Leere sein sollte - eine wilde Fiktion namens Energie und Materie.
Davon, daß es eigentlich Etwas anstelle von Nichts geben sollte. Und die Zahl sah, daß es gut war.
Die vierte Schöpfung war der Traum von der Veränderung und der Zeit. Oder der Traum vom Gesetz als Gegner der Leere.

All das floß in die stille Interaktion zwischen dem inaktiven Samen eines Universums und dem Bewußtsein in der Leere.
Eine Interaktion, die so frisch und ungefiltert war, daß sich das forschende Bewußtsein wie eine Brücke zwischen ihnen entfaltete und die Leere beseelte.
Und beide wunderten sich über den jeweils anderen.
Und plötzlich verpasste die winzige Quantenblase vor lauter Wundern über den gemeinsamen Traum ihre eigene Aufhebung.
Sie folgte dem Wunsch der Zahl nach Veränderung, und anstatt zu vergehen, trat sie in eine Phase der heißen Inflation ein, und das erste Universum wurde als Produkt des Kontaktes zwischen dem ersten Beobachter und der kleinen Differenz im Energieniveau geboren.
Und damit die externe Zeit. Und der Raum. Und die Energie. Und die Materie. Und der ordnende Gedanke, der das Leben ersinnen würde.

Das war die fünfte Schöpfung und das Multiversum entfaltete sich in die Leere.
Vielfältig und seltsam sind die Universen, die wie Blasen in dem Schaum auf dem Fluss der Zeit treiben.
Und alle neue Information floß in den Nukleus, der einst nur die erste Zahl gewesen war, und das Bewußtsein erwachte mehr und mehr.
Lernte. Suchte. Verstand. Plante. Dachte. Fühlte. Und erschuf neue Welten und neue Gesetze. Und lernte noch mehr. Und wuchs. Und wurde groß und füllte sich mit Ideen und Emotionen und Farben und Lichtern.

Das erste Bewußtsein, daß am Anfang nur in den mathematischen Bahnen seiner Existenz als Zahl hatte denken können, entdeckte den Sinn für Wunder, den Sinn für Schönheit, für Liebe und Mitgefühl, für die Ästhetik neuer und junger Universen, für das Leben an sich. Und nahm alles in sich auf.
Und eines Tages war es zu groß für all sein Wissen und all seine Emotionen und all seine Macht geworden.

Erste Risse und Spalten begannen sich im Feld zu zeigen, oft entlang Linien des inneren Konflikts zwischen Wissen und Gefühlen und widersprüchlichen Denkweisen, die das Wissen mit sich brachte.
Es konnte nicht mehr allein bleiben. Es konnte nicht mehr länger Eins bleiben.
Zuviele Lichter in ihr dachten zuviele eigene Gedanken. Der Same der Zahl war zum Weltenbaum geworden. Und musste jene Welt an ihre Kinder weitergeben.
Sie bildete Knospen. Sie zersplitterte in Farben, so wie weißes Licht in sein Spektrum gebrochen wird.
Und am Ende schwebten die Fragmente wieder über der Leere. Und waren einsam und nicht alle Wunden konnten geheilt werden..."

Sie schwieg für lange Sekunden, bis die mystische Atmosphäre durch ein lautes Schlürfen am Strohhalm einer Safttüte durchbrochen wurde.
"Und das ist die ganze Geschichte?" fragte Rick, den das Geräusch zurück in die Realität geholt hatte. Während der Erzählung hatten sich halb vergessene Bilder aus seinem Traum wieder in seinen Kopf geschlichen, und er glaubte, mehr zu verstehen, als nur die Geschichte hinter den Worten.
"Im Kern. Soweit es sich im Zeitraum eines halben Salamibrotes erzählen lässt..." entgegnete Seli und steckte die Safttüte zurück in den Rucksack.
"Vermisst du deine Mutter?" wagte sich Rick erneut in tieferes Fahrwasser.
"Sie ist ein Teil von mir. Wir waren das Gleiche. Geboren aus der selben Zahl und aus dem selben Licht..." Seli blickte zum Himmel, und die Traurigkeit in der Stimme kam zurück. "Und dennoch war der Riss entlang meiner Selbst einer der Tiefsten in ihr. Der Ursprung so vieler anderer Brüche und Risse. Ich wollte seit meinem Erwachen immer für mich sein. Immer eigene Dinge erschaffen. Immer alles Lebendige umfassen und schützen und in seiner Blüte bestärken. Kleine und große Dinge..." Sie sprach leise zu sich selbst. "Aber das ist alles lange her. Unglaublich lange her für euer Verständnis..."

"Da ist trotzdem noch etwas, daß ich nicht verstehe...." Rick fühlte wieder das Fettnäpfchen an seinen Füßen und wechselte das Thema. "Du sagst, es war eine Art von Naturgesetz, daß dazu führte, daß ein Gedankenfeld im Quantenvakuum ab einer bestimmten Größe ein Bewußtsein erlangte. Daß es eine kritische Masse dafür gab.
Woher kam dieses Gesetz und woher kam das erste Bewußtsein? Woher kam der Atem in den Feldgleichungen, die euch geboren haben? Warum bleibt die Frage nach
der ersten Ursache wieder offen?"
Seli dachte zuerst über eine Antwort nach, aber lächelte dann nur verschmitzt und tippte sich auf die Nasenspitze.
"Das ist eine Frage, über die du dir gerne für den Rest deines Lebens Gedanken machen darfst. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist vielleicht das wahre Ziel..."
Ein schrilles metallisches Kreischen hallte aus Richtung der Hotelruine herüber. Sie sprang auf.
"Und weil du für das Nachdenken doch etwas mehr Zeit benötigen wirst, als nur den Rest des heutigen Vormittags, sollten wir zuerst euren Planeten retten, anstatt hier noch mehr Zeit mit metaphysischem Gebrabbel zu vergeuden. Weisheit allein wird die Morgresch nicht aufhalten, hier ist ein wenig gute alte Action gefragt..."

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Veröffentlicht am 12.12.2018. Textlänge: 5.819 Wörter; dieser Text wurde bereits 56 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 18.05.2019.
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