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Ema malt

Bericht zum Thema Kampf


von ElviraS

Die Flut hat alles hochgespült. Die Minen, die Verzweiflung, die Trauer. Die Medien berichten. Abend für Abend hat der Schrecken Raum in unseren Wohnzimmern. Die Trauer hat keinen Raum. Wie Emas Bilder. Diese Zeit hat keine Zeit für die Trauer. Sie ist erfasst vom Fortschritts-, Wachstums-, und  Nur-Kein-Stillstands-Hype. Stillstand ist Tod. Stillstand kommt von still stehen, innehalten – Zeit für Ruhe, zum Nachdenken. Nachdenken statt aktiv zu sein? Innehalten? Dann käme die Erinnerung, dann stiegen die Bilder hoch, man müsste sich dem Verdrängten stellen: dem Entsetzen, der Trauer, der Verantwortung. Lieber nicht. Besser kein Stillstand. Besser aktiv sein. Auch sinnlose Aktivitäten helfen gegen das Erinnern. Für die Erinnerung darf es keinen Raum geben. Wie für Emas Bilder. Bilder vom Krieg in Bosnien. Opfer, Täter. Täter? In meiner Galerie? Da kümmert sich jetzt Den Haag drum. Wir hier in Berlin brauchen Wachstum, Flughafen statt ruhiger Wohnviertel, deshalb neue Wohnviertel. Wozu? Die Baumafia muss verdienen, damit wir alle reich werden. Emas Bilder stehen weiterhin in ihrem winzigen Atelier.
Atelier kann man diesen kleinen Raum allerdings kaum nennen. Wenige Quadratmeter, vollgestellt mit Regalen, Farben, Pinsel, Papier, Rahmen, an die Wände gelehnt die großformatigen Bilder, ein kleines Fenster zum Hof. Ema ist froh, dass sie überhaupt einen eigenen Raum zum Malen hat. Sie wohnt schon lange hier in Kreuzberg, hat inzwischen als Künstlerin Fuß gefasst. Dann der Anruf, hallo, Ema, Brankos Haus schwimmt! Emas Haus schwimmt auch, aber Gott sei Dank wohnt niemand darin. Brankos Haus schwimmt. Nicht nur Brankos Haus. Die Nachricht ist nicht nur Nachricht. Der Hilfeschrei bleibt unausgesprochen, aber  nicht ungehört.
Ema kämpft. Sie haben alles verloren. Zum zweiten Mal in dieser kurzen Zeit. Sie brauchen Hilfe. Sofort. Das Entsetzen schlief. Vom Magen steigt es jetzt hoch, würgt in der Kehle, spült die Bilder hoch, Welle für Welle. Die Flut. Sie ist in Kreuzberg angekommen. Wo ist Gott?
Emas Leben begann in Jugoslawien, in politisch friedlicher Zeit. Die Kinder wurden schon früh an Gräuel gewöhnt. Sechs- und Siebenjährigen, erinnert sie sich, wurden Filme über die Verbrechen des Naziregimes gezeigt. Vor den Deutschen hatte sie Angst. Mit den Deutschen wurde gedroht, wenn die Kinder nicht brav waren.
Aber ihre Heimat auf serbischem Gebiet zwischen Bosnien und Montenegro war weit weg von Deutschland. Noch. Hier wuchs sie auf, besuchte das Gymnasium, ging zum Studium nach Montenegro. Einer ihrer Lehrer, Nikola Gvozdenovic, hatte bei Oskar Kokoschka studiert. Sie wollte Malerin werden und Kunstlehrerin.
An der Universität in Montenegro entstand die Bewegung „Revolution durch Kunst“, die Freiheit für die Kunst forderte und deren Vorbild Joseph Beuys war. Um ihrer politischen Freiheit willen ließ Ema sich nicht in kommunistische Verbände eingliedern. Deswegen bekam sie „keine Punkte“, will heißen: weniger Lohn als Lehrerin und Schwierigkeiten wegen einer Wohnung. Aber sie hatte die Freiheit, sich „Carmen“ anzusehen, wenn sie wollte.
Das Gebiet um Srebrenica, hier machte sie ihr Referendariat, war vom Krieg am stärksten betroffen. Hier, sagt sie, ist sie schon vor dem Krieg zum ersten Mal wirklich armen Leuten begegnet. Und sie erzählt von der Frau, die nach dem Tod ihres Mannes mit fünf Kindern alleine dastand und monatelang auf die Rente warten musste. Wegen des Staatsexamens, das sie nur an einer serbischen Universität ablegen konnte, ging Ema nach Serbien. Dort verdiente sie doppelt so viel wie in Srebrenica.
Später, in Bosnien, stand ihr als angeworbener Lehrerin eine Wohnung zu, die sie allerdings erst nach zwei Jahren und erfolgreicher Klage bekam, weil sie nicht Kommunistin war. Noch als junge Lehrerin musste ihr Vater sie unterstützen, gewohnt hat sie in dieser Zeit „mal da, mal da“.
Dann kam der Krieg. Ganz plötzlich. „Wie die  Cholera“. Flüchtlinge aus Vukovar warnten sie. Hau ab! Ich bin Lehrerin, sagte sie, ich muss bei meinen Schülern bleiben. Ostern 1992, sie erinnert sich ganz genau, es war der 12. April, rief die Nachbarin an: Du  musst weg! Ihre Schule wurde evakuiert, die Männer mussten bleiben. Am zweiten Tag der  Flucht überquerten sie die Save, dann ging es weiter mit dem Zug nach Zagreb. Die Schüler wollten eine Erklärung von ihrer Lehrerin. Wir machen eine Expedition, sagte Ema. Es kann länger dauern.
Zagreb war voller Flüchtlinge, die Lager überfüllt. Nachts stand sie mit zwei Koffern auf der Straße. Wohin? Hilflosigkeit, Zorn. Keine Schüler. Keine Schule. Kein Bosnien. Wozu brauche ich zwei Koffer? Sie packte ein paar persönliche Dinge in ihre Tasche und ließ die Koffer auf der Straße stehen. Zweihundert D-Mark waren ihre ganze Barschaft. Irgendwo fand sie Aufnahme. Verzweifelte Menschen. Meine Söhne sind tot! Ich musste über meinen toten Mann steigen, um aus dem Haus zu kommen. Am Morgen waren die zweihundert D-Mark gestohlen.
Das Angebot einer Familie, Verwandte eines Schülers, bei ihnen unterzukommen, schlug sie aus. Ich möchte nicht, dass meine Schüler mich so sehen. Soldaten waren auf der Suche nach Frauen, es war wichtig, immer ein Kind an der Seite zu haben. Eine Woche schlief sie bei einer Cousine im Keller. Dann traf sie einen Cousin, der für eine deutsche Firma in Italien arbeitete und in Zagreb Spenden abgeliefert hatte. Die Rettung. Er nahm sie mit nach Italien.
Auch diese Flucht – ein Fiasko. Sie wollte sich nicht als Flüchtling registrieren lassen. Sie hatte Entsetzliches über italienische Flüchtlingslager gehört. Und – sie war kein Flüchtling. Noch hatte sie ihr Schicksal nicht angenommen. Sie wollte nur kurz bleiben und dann zurück nach Bosnien. Sie nahm den Weg über die Zuggleise. Der Cousin deckte sie, erzählte auf  Nachfragen, sie sei wegen der Spenden in Italien. Zweieinhalb Monate hielt sie es aus. Dann wollte sie zurück.
Serbien, Bosnien, Montenegro – zurück in den Krieg? In das Elend? Dem Heer der Verzweifelten ein weiteres zerstörtes Leben hinzufügen? Sie entschied sich für Österreich. Wurde auf Läuse untersucht. Das kannte sie aus den Propagandafilmen ihrer Jugend, die Wut auf die Deutschen überfiel sie erneut.
In Klöstern überlebte sie. In Agonie, sagt sie. Doch dann: Ich muss einen Weg finden. Kämpfen.
Kleider wurden verteilt. Für Ema blieben ein zu großer Schlafanzug übrig und eine Mütze. Sie zog den Pyjama an, ging zu den anderen, seht her, ein Flüchtling. Alle lachten. Ema hatte ihren Humor wiedergefunden. Der hilft mir, sagt sie. So viel Leid, man muss den Leuten Mut machen.
Sie hilft, wo sie kann. Muslimische bosnische Frauen weigerten sich, in einer Kirche zu übernachten. Ema fand heraus, dass sie Angst hatten vor den großen Kreuzen. Ema übernahm die Verantwortung für die Entfernung der Kreuze, beruhigte die muslimischen Frauen und erklärte den Österreichern die Sachlage. Ema ist verrückt, sagten die Leute.
Ema lernte die fremde Sprache, nahm Kontakt auf zu Künstlern, beteiligte sich an Hilfsprojekten für Bosnien, malte, machte Ausstellungen. Sie überwand die Agonie, Tatkraft und Energie kamen zurück.
Auf einer Party lernte sie einen jungen Mann aus Berlin kennen. Mit ihm und dem gemeinsamen Sohn lebt sie heute in Kreuzberg, hat viele Freunde.
Sie hat als Lehrerin gearbeitet, Auftragsarbeiten für Hotels und Firmen gemacht um zu überleben.
Trotz aller Schicksalsschläge ist sie Künstlerin geblieben. Sie malt leidenschaftlich, figurale Kompositionen interessieren sie am meisten, sie sucht ihren ganz eigenen Ausdruck in der Technik wie in der Thematik. Sie „modernisiert“ ihre Motive (Venus mit Computer). Aber immer stehen die Themen Freiheit und Befreiung im Hintergrund.
Ihre farbenfrohen Kreuzberger Bilder finden Käufer. Ihre Bilder des Schreckens stehen in ihrem Atelier. Warum hat Deutschland keine Antwort auf diese meine Bilder, fragt sie. Die angeschriebenen Ausstellungsorte antworten nicht einmal auf ihre Angebote. Auch die jungen Länder des ehemaligen Jugoslawien zeigen kein Interesse. Ein serbischer Kollege fragte sie kürzlich, ob es stimme, dass im Krieg in Bosnien so viele Menschen umgekommen seien.
Ema malt. Ema hört die Stimme aus dem fernen Bosnien. Brankos Haus schwimmt. Sie schluckt die Flut, Welle für Welle. Sie kennt die Frau, die die Knochen auf dem Feld sammelt und nicht weiß, von welchem ihrer Söhne sie sind. Berlin baut einen Flughafen. Wo ist Gott?
Ema malt.
Aus: Kreuzberger Miniaturen

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Piroschka (55) (20.12.2018)
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ElviraS meinte dazu am 21.12.2018:
Danke, Petra!
Gruß
Elvira
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (21.12.2018)
Nein, gefällt mir nicht.

Ich möchte empfehlen, wenigstens zu Beginn keine Metaphern und Kryptisches in dieser überbordenden Fülle auf den Leser auszugießen - das ist einfach kein guter Einstieg. Der Leser muss sich ja erst einmal recht finden: wer-was-wann-wo? Zudem erzeugt solch ein Einsteig den Eindruck, der Autor wolle beweisen, was für ein toller poetisch-tiefgründig schreibender Hecht er ist - auch das ist ein No-Go. Zum Schluss auch noch die sehr abgenudelte Theozideefrage angedeutet, das ist einfach zu arg! Dem Text fehlt Bescheidenheit.

Nichts für ungut!
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ElviraS antwortete darauf am 21.12.2018:
Lieber Dieter,
schade, dass der Text Dir nicht gefällt.
Als journalistischer Text wäre er wahrlich eine Katastrophe. Aber ich bin kein Journalist. Ich darf also so rechtshirnig schreiben, wie ich will. Auch unbescheiden. Ich glaube, ich bin auf keinen Fall unbescheiden, mit keinem Text. Ich liebe den Überfluss, auch in der Sprache und im Denken. Vielleicht sollte ich mich ändern?
Herzlich
Elvira
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ElviraS schrieb daraufhin am 21.12.2018:
Lieber Dieter,
schade, dass der Text Dir nicht gefällt.
Als journalistischer Text wäre er wahrlich eine Katastrophe. Aber ich bin kein Journalist. Ich darf also so rechtshirnig schreiben, wie ich will. Auch unbescheiden. Ich glaube, ich bin auf keinen Fall unbescheiden, mit keinem Text. Ich liebe den Überfluss, auch in der Sprache und im Denken. Vielleicht sollte ich mich ändern?
Herzlich
Elvira
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