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Das Geschenk (Auszug 1, 1. Kapitel)

Erzählung


von Moja

Ida zieht den Riegel aus dem ausgehöhlten Mauerwerk, tritt kräftig mit dem Fuß gegen die Metalltür und stößt sie auf. Im selben Moment läutet das Telefon. Sie geht hin und nimmt ab. Karin meldet sich. Ihre Stimme klingt bedrückt.
„Was ist los?“, fragt Ida.
„Abdul kommt nicht.“, sagt Karin und seufzt. „Seit Weihnachten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich wage mich kaum noch aus dem Haus, um ihn nicht zu verpassen.“
„Es ist Ramadan“, versucht Ida sie zu trösten, aber es gelingt ihr nicht, auch ist sie mit ihren Gedanken woanders. Karin redet auf sie ein, betroffen hört sie zu. Sie biegt die Telefonschnur zwischen den Fingern und stöhnt leise auf. So läuft es zwischen uns von Anfang an, denkt sie, Karin redet und ich höre zu. Gelangweilt zeichnet sie mit dem Finger Muster auf die staubige Tischplatte. Der Staub fühlt sich angenehm weich wie Puder an.
Vor einem Jahr, auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung, war Ida ihr begegnet. Karin hatte die Fünfzig weit überschritten. Strahlend vor Glück hatte Karin ihren Freund Abdul vorgestellt, einen spindeldürren langen Kerl mit einem verschlossenen Gesichtsausdruck. Er trug Polizeiuniform. Sie hatte ihn im Urlaub kennengelernt. Unbeirrt war sie Abdul, ihrer Leidenschaft, gefolgt, um ihren ereignislosen Leben in Deutschland zu entkommen, hatte sie gesagt. Diese Liebe und ihr Glück erschienen ihr neu und unbegrenzt. Sie wusch seine Sachen und kochte das Essen. Ab und zu kaufte Ida für sie ein und tauschte für sie Geld auf dem Schwarzmarkt. Noch nie hatte Karin so viel dafür bekommen. Wenn Abdul sie besuchte, legte er sich auf die Couch, schlief ein paar Stunden, dann verließ er sie wieder bis irgendwann. In mehreren Nächten klopfte Karin heulend an ihre Tür und jammerte: „Er ist nicht gekommen. Ich warte schon drei Tage.“
Ida versuchte sie zu beruhigen, aber ihr Freund Alimou lachte über Karin, meinte, wenn Abdul nicht kommt, erhält er kein Geld von ihr. Alimou erzählte Karin von der Ehefrau und den Kindern Abduls. Er bot ihr an, sie zu seinem Haus zu fahren. Ungläubig schüttelte Karin den Kopf. Ihr Freund war nicht verheiratet! Nein, das konnte nicht sein! Sie wollte es nicht glauben.
Karin redet unaufhörlich am Telefon, Ida hört kaum noch zu, sie versucht, sich ihren Ärger nicht anmerken zu lassen.
„Und was ist mit deinen Taxis?“, fragt sie dazwischen.
Karin wird plötzlich still.
„Was ist los?“, fragt Ida.
Karin räuspert sich, holt tief Luft und sagt tonlos:
„Er fährt meine Autos!“
„Was wirst du nun tun?“, fragt Ida.
Karin bricht in laute Beschimpfungen aus, sie schreit in den Hörer. Als sie wieder zu jammern anfängt, unterbricht Ida sie ungeduldig und erzählt ihr einfach von dem Jobangebot.
„Ein lukrativer Job, vor allem gut bezahlt“, sagt Karin spitz. „Warum hat sie dich angerufen und nicht mich?“, fragt sie misstrauisch.
Ida fällt vor Verblüffung keine Erwiderung ein.
„Ich rufe dich später wieder an“, sagt Karin aufgebracht. „Es klopft an der Tür, vielleicht Abdul“, sagt sie hastig.
Verdrossen legt Ida auf. Heiligabend bei Karin kommt ihr in den Sinn. Abdul kam mit einer zerknüllten Plastiktüte. Er drückte sie Karin in die Hand und sah sie an.
„Was ist das?“
„Ein Geschenk.“
„Ein Geschenk? Für mich?“
„Für dich, meine Liebe.“
Karin öffnete erwartungsvoll die Tüte, doch Abdul schüttelte den Kopf, nahm sie ihr aus der Hand und zog ein rotes Kleid heraus. Er hielt es vor sie hin.
Karin sah ihn überrascht an. Sie lächelte verlegen, dann strahlte sie ihn an. Tränen traten ihr in die Augen. Sie berührte leicht den Stoff.
„Nicht anfassen“, sagte Abdul, „zuerst musst du mir vierhundert geben.“ Er streckte ihr die geöffnete Handfläche entgegen.
Karin sah ihn verblüfft an.
„Ich verstehe nicht“, sagte Karin, während Abdul sie schweigend betrachtete.
„Gib mir vierhundert Dalasi und das Geschenk gehört dir.“
Karin zwang sich zu einem Lächeln. Vielleicht war es irgend so ein afrikanischer Brauch, den sie nicht kannte. Sie sah ihm in die Augen, dann holte sie ihr Portemonnaie und kramte nach Scheinen. Sie breitete vier Scheine vor ihm aus.
„Bitte“, sagte sie und wies auf die Scheine, „nimm es, auch wenn ich nichts begreife.“
Abdul nickte, nahm das Geld und steckte es nachlässig in seine Hosentasche. „Ich muss los“ sagte er, klopfte ihr auf die Schulter und ging.
Karin stand wie erstarrt da und sah ihm nach, Tränen liefen ihr übers Gesicht.
„Und ich dachte, er liebt mich“, stieß Karin schluchzend hervor, sie weinte nun hemmungslos.
Ida hatte die Szene sprachlos vor Entrüstung miterlebt. In ihr steigt Zorn auf. Abduls Grobheit ärgert Ida maßlos, ebenso Karins Leichtgläubigkeit. Häufig geraten sie wegen Abdul in Streit. Karin verteidigt ihn und beleidigt am Ende Ida. Sie will ihr nicht mehr zuhören, wenn sie so jammert. Und doch tut Karin ihr leid.

(Auszug aus einer längeren Erzählung)

Anmerkung von Moja:

Mitte der 90er Jahre, nach der Trennung von ihrem afrikanischen Ehemann geht Ida, eine Deutsche nach Westafrika. Sie übernimmt die Leitung einer Hotelwäscherei am Atlantischen Ozean, Sie wird in einem Korruptionsskandal gefährlichen Ausmaßes verwickelt, der zunehmend ihre Sicherheit gefährdet. Ihr Lebenstraum erweist sich bald als europäische Illusion von Afrika.


 
 

Kommentare zu diesem Text


GastIltis
Kommentar von GastIltis (11.01.2019)
Hallo Monika, musste es nun ausgerechnet Abdul sein? Mein Freund Günter. Der immer zu spät kam, und bei dem man vor Überraschungen nie sicher sein konnte und kann. Zwei Frauen hat er mir ausgespannt, damals. Wenn ich das alles erzählen wollte …
Und gewohnt hat er, wir waren alle Anfang zwanzig, bei einer Witwe, vierzig. Seine Wirtin, hat er immer gesagt. Na wenigstens brachte er ab und zu Kuchen mit in die Vorlesungen. Ja, Abdul, ein Semester hatten sie ihn geext. Versuchte Flucht. Vorher aber abgebrochen. Schon ein Unikum. Und jetzt kriegt er ein Denkmal. Muss ich ihm sagen. Wird er sich kaputtlachen. Abdul …
LG von Gil (Dinge gibt es).
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Moja meinte dazu am 12.01.2019:
Geschichten rufen Geschichten hervor, nicht wahr, lieber Gil? Parallelgeschichten - und Abdul ein Name so inflationär wie Meier, Müller, Schulze. Tja, Geschichten gibt's..., danke für Deine!
Lieben Gruß, Monika
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Kommentar von harzgebirgler (14.01.2019)
wenn kerle bei geschenken
an der'n bezahlung denken
durch wen der sie erhält
ist das verkehrte welt
und liebe die vertraut
scheint da auf sand gebaut.

lg
henning
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Moja antwortete darauf am 14.01.2019:
Sand, ja, viel Sand in Afrika, das mag der Schlüssel sein, Henning,
wie schaffst Du bloß so schnell die Reime, staune ich,
Grüße zurück, Monika
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Moja
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Veröffentlicht am 11.01.2019, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 16.01.2019). Textlänge: 785 Wörter; dieser Text wurde bereits 55 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.03.2019..
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