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Kurzprosa


von Willibald


Motti:

Schau, im Whirlpool
die Maus! Ertrunken treibt sie
stumm im Kreis herum...
Haiku-Dreizeiler; aligaga

Ich bin ein Hirsch oder ein Hahn,
Dein Kamel oder ein Schwan,
Nur ein Kranich
Wär ich am liebsten gar nich.
Paareim-Vierzeiler; Max Raabe


Schellingstraße 3,  zweiter Stock im Rückgebäude, Raum 205, früher Abend. Natürlich wusste Friedrich Tanner recht gut, wie man am besten vorgeht in einer Eröffnungsstunde. Er hatte zunächst schweigend seine Finger über die Tischplatte trippeln lassen, langsam und staksig.  Man hatte auf ihn geschaut,  was er da mache. Nun, so  hatte er erklärt, es  ist  kein Theoretisieren angesagt,  kein langer Monolog, in dem  die Zuhörer nahezu ertrinken und dann - im Wirbelstrom der Dozentenworte kreiselnd -  stumm und luftschnappend herumtreiben. Nein, keinerlei Kunstfertigkeiten, sondern ein langsames, quasi sich selbst aktivierendes  Vorwärtsschreiten, ein Aktivieren der im Bewusstsein angelegten Ressourcen,  und erst recht keine  vorschnelle Kritik an dem kurzen Text, den die Studenten zum Einstieg gleich  schreiben würden.

Als die vier Minuten für den Kurztext vorüber waren,  rückte Tanner  sein Konzeptpapier zur Seite. Er, legte  den Vierfarbenstift daneben, hob seine leere Hand, seine  Finger, die vorhin die trippelnde Bewegung  vollführt  hatten. Er senkte sie wieder, verschränkte die Arme vor der Brust und setzte sich kerzengerade  hin. Für die  Studenten vom kreativen Schreibkurs  bin ich ganz da, hieß das, nehme mich zurück, sie  haben  meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Vorne links der junge Mann - kurzer Blick in die Anmeldungsliste -  ein Herr Konrad Miltenberger  im siebten Semester Germanistik, erstes Semester "Literarisches Schreiben",  war  nun offensichtlich fertig geworden, die anderen wohl  auch - sechs Studenten, drei Studentinnen, insgesamt zehn.  Tanner nickte Miltenberger zu. Der junge Mann straffte sich und begann vorsichtig zu sprechen: „Zum Thema Tiere,  in vier Minuten aufs Papier hingeworfen, da hab ich jetzt was." Und dann:  "Ich habe Sie schon richtig verstanden, Herr Tanner? Wir sollten so schreiben, was uns einfällt. Und es soll  ein wenig gewählt und literarisch  und altmodisch sein, Old School? Auch heftige Old School?”

Die Stimme hörte sich ein wenig zittrig an,  ein wenig flach. Tanner  fuhr sich mit der Hand über sein kurzes, graues Haar, das danach  sicher  gleich wieder  vom Kopfe abstehen würde: "Genau,  so steigen wir ein, ein kurzer Rückgriff auf das, was traditionell und vielleicht ein bisschen antiquiert, ein bisschen komisch ist. Thema: Tiere. Bitte, beginnen Sie."

Er  hatte ihnen vorhin eher beiläufig gesagt,  Akustik,  Blickkontakt, das sollte man schon beachten  beim Vorlesen. Sich was zutrauen und sich vertrauen. Es gab  von Tanner noch ein  aufmunterndes Lächeln für den Studenten Miltenberger. Der öffnete und schloss den Mund,  tippte  kurz an den Nasenbügel der metallgefassten Brille,  schob sie  hoch,  rückte die Seitenbügel  zurecht, schaute in die Runde und trug dann vor.  Augen wie die  eines Autofahrers, dachte Tanner,  hinter einer Windschutzscheibe,  bei Nachtfahrt im Regen.

Der Katzenfürst hat nichts zu tun,
maunzt gar sehr und kann nicht ruhn.
Horcht gar bang zum Gang hinaus,
endlich kommt Sie.-  Ei, der Daus!
Schlank und biegsam, wunderbar,
braune Augen, schwarz das Haar.

„Ein bisschen Eugen Roth”, murmelte Friedrich Tanner leise und lächelte. Sein Archiv der Erinnerung hatte sich geöffnet: Zehn  Semester Germanistik in München. Bibliothek, Seminar, Seminararbeit, Bibliothek, Seminararbeit. Bibliothek. Noch eine Seminararbeit. Dann Literaturinstitut in Leipzig, Wächterstraße 34. Austausch, Inspiration, Kritik. War besser, praktischer und kognitiver und weniger „splendid isolation", die gab es zehn Semester lang am Schreibtisch im Wohnheim der Agnesstraße in Schwabing. Ach Leipzig, da lebte und arbeitete es sich sehr gut. Aber am besten war doch die Sache mit dem Großvater gewesen in der Kindheit und Jugend: Fünf Bücherschränke im Wohnzimmer, drei im Flur, Eduard Engel Deutsche Stilkunst, Thomas Mann Zauberberg, Heinrich Seidel Leberecht Hühnchen. Camping tagsüber bis spät auf dem Sofa. Konnte man tagelang durchhalten. Manchmal aus der Küche ein Butterbrot, halbiert, Schnittchen ("Reiterli"), noch eins. Kirschen aus dem Garten oder aus den Weckgläsern in der Speisekammer oder aus dem Keller. Mohrle kam auf drei weißen Pfoten und einer schwarzen  herein, gab Köpfchen und kuschelte sich dann auf seinem Schoß zurecht, schloss die Augen und schnurrte. Sollte er irgendwann den jungen Leuten davon erzählen? Zu nah, zu persönlich, zu sentimental?

Davon, wie er zusammen mit dem Großvater, dem klugen alten Eulenvogel, Neues entdeckt hatte? Zum Beispiel diesen W.A. Auden: "Over the heather the wet wind blows/I've lice in my tunic and a cold in my nose. When I'm a veteran with only one eye/ I shall do nothing but look at the sky" (Roman Wall Blues). Und Thomas Kling: "5 tage und nächte, schwimmend, in brüllender see, das schwert in der hand, selbstverständlich" (Rollen). Davon, was für ein Glück und was für eine Freude das war. Davon, wie man zwischendurch wieder zu den Alten griff, den "Kranichen des Ibykus", erhaben, strahlend. In Gold gefasst der Schillerband:

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus' Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert' er, an leichtem Stabe,
Aus Regium, des Gottes voll.

Ach, der "leichte Stab"! Da gab es eine Zeichnung dazu von Friedrich Wächter in "Pardon". Dann die "Buddenbrocks", Bengtsons "Röde Orm" mit Frater Willibald, manchmal auch der Griff in den Rumtopf ganz hinten im Regal, dann wieder Knut Hamsun. Oder Johanna Theodolinde Erika Fuchs mit dem Rütlischwur von Tick, Trick und Track: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr." Die Panzerknacker stehen auf einem Berghang im Abendlicht, in der Ferne  birst der Damm eines Stausees, in dem Dagobert seine Abertrillionen versteckt hat. Panzerknacker 1: "Hört sich an wie fernes Donnergrollen." Panzerknacker 2: "Werd´ nicht poetisch, Ede. Die Pinke kommt." Oder zum siebten Mal Ingmar Bergmans "Wilde Erdbeeren" von der VHS-Kassette. „Die Geister längst verrauchter Ahnen aufrufen. Wo seid ihr? Sprecht mit uns!“, sagte der Großvater und ahmte den schwerhörigen Onkel Aaron des Sommerhauses nach, indem er seine Hand ans Ohr legte.

Und dann blinzelte er, sein Blick streifte unsicher im Regal die Stelle, wo die "Heldensagen" standen, vermisste seine Brille und deklamierte voll Genuss:
„O,  Du meine Brille, wo bist du? Es tauchte dein Macher dein weich-steifes Gestell ins Drachenblut, auf dass es hürnern werde. Dann passte er dir die Gläser ein. Wohin bist Du entschwunden, widerspenstiges Teil?“
„Ach, Großvater, immer dein alter Witz. Die Brille is´ oben auf´m Kopf.“
"Diese Brille ist einmal da, einmal dort, ein undurchsichtiges Ding das, wahrscheinlich nutzt  es die Fähigkeiten einer Tarnkappe", sagte Großvater.
"Ach, Großvater, die Tarnkappe sieht man doch herumliegen. Nur wenn Dietrich sie aufsetzt, ist sie nicht mehr zu sehen und er auch nicht."
"Naja, der Dietrich war das nicht. Das war Siegfried. Und merk Dir, Friedrich. Gutes wird nicht alt. Das gilt auch für Großvaters  Witze."

Rascheln von  Papieren und mehrfaches Räuspern ringsum - Tanner hob den Kopf aus dem Tagtraum,  Raum 205 tauchte auf,  sein schemenhaftes Spiegelbild im Fenster. Er nickte dem jungen Mann zu:
„Entschuldigung, Herr Miltenberger. Entschuldigung an alle für die lange Pause. Ja. Old School. Der Katzenfürst im Paarreim. Das ist Old School. Das war Old School mit Tieren.“
Dann blickte Tanner  zu Thomas Anderson:
"Herr Anderson?"
"Habe einen Kranich im Haiku, klassische, traditionelle, alte Form,", sagte Anderson, "Haiku mit Kranich."

Als sich die Gesichter ihm zuwandten, atmete Anderson tief ein  und ließ dann einen Kranichvogel  in  siebzehn Silben  durch die drei  Zeilen des Genres stelzen und wiegte kaum merklich den Kopf im Takt der Wortfolge und der Kadenzen.

Der Kranich schreitet
Im Sonnenschein sich plusternd,
hier  auf dünnem Eis.

Anderson atmete  nach der dritten Zeile hörbar aus. Konrad Miltenberger, der Katzenfürstendichter,  zeigte keine Regung, die Hand lag auf seinem Blatt von vorhin, die anderen hatten gespannt zugehört, jetzt schauten sie auf ihre Texte. Georg Mallon drüben  fingerte einen Zettel vom Tisch hoch. Hatte  vor fünf Minuten neugierig  Andersons  Haikuschreibe seitwärts mitverfolgt. Jung und wach,  dachte Tanner, kein Hans-Castorp-Studiker. So auf den ersten Blick jedenfalls.
"Bitte, Sie sind dran."
Mallon schloss die Augen, öffnete sie wieder, seine Stimme war  gedämpfter Singsang, auch er  wiegte den Kopf.

Es hat mich erblickt
Und macht ein saures Gesicht
Der alte Kranich.

Diese Kopfbewegungen! Rhythmusfeeling? Zweifel am Haiku? Situative  gefühlte Komik der Veranstaltung? Alles zusammen?
Egal!  Was für zwei schöne Kurztexte von den zwei. Nehmen die Vorgabe „Altes Schreiben“ auf, spielen damit, haben wahrscheinlich ein Gespür für den unwillkürlichen Heiterkeitserfolg  gravitätischen Schreitens. Und für die Gefahr, mit solchen Formaten wie dem Haiku einzubrechen. Vielleicht, dachte Tanner, sehen sie in mir den Kranichvogel, der sie mit Old School aufs Glatteis führt.  Und sie stellen dann den seltsamen Vogel  auf das Eis. Und sein "saures Gesicht", das  spricht doch für sich?
Jetzt  besser nicht  herumschwadronieren, die Leute sprechen lassen. Also, Ansage an alle:
„Zwischenstopp. Kurzer Austausch untereinander." Friedrich Tanner lehnte sich zurück:
„Die anderen Texte kommen später, plaudern wir los."

„Ho, Herr Anderson, Herr Kommilitone", Mallon sprach gravitätisch-flüssig und wechselte dann zum Du: "Dein Haiku war gut, der  Kranich schreitend,  in guter Form, in alter Form, auf dünnem Eis. Brokatene Kurzform.”
„Deiner war auch treffend: der alte,  ehrwürdige  Kranich, vom Haiku-Studenten im literarischen Schreiben aufs Eis geführt.“
„Jawohl. Glatteis, dünnes Eis.”
„Wenn wir Menschen, lieber Watson,  uns von Tieren irgendwie unterscheiden, dann durch unsere Fähigkeit, Haikus über Tiere zu schreiben und brenzlige Situationen darin abzubilden.”
„Hoho, Sherlock Anderson. Poetologe und Anthropologe."
„Und noch ein Unterschied", sagte Anderson, "ein wichtiger:  Wir haben die Fähigkeit, über uns  zu lachen.”

Sieh da, dachte Tanner, die Zuhörer schmunzeln.  Mallon tippt mit dem Zeigefinger  gegen die Brust von Anderson, betont jede einzelne Silbe:
„Mann-O-Mann, Mensch-O-Mensch, O-Stelz-Vo-Gell!”
„In-Kor-Rekt. Ich gleiche dem Adler.” 
Mallon blickt zuerst Anderson an, dann kurz zur Decke:
"Droben kreist in höchsten Höhen der Herrscher der Vögel, des Sturmes gewaltiger Aar.”
Nun deutet Mallon auf den Boden:
„Drunten aber im Erdreich  buddelt die Milbe.”

Die beiden heben ihre Schreibstifte, kreuzen sie über den Tisch.  Zwei Florette in Schwundform, vielleicht bald elegant  und anmutig geführt im Gang der kommenden Stunden,  funkelnd und  sprühend.  Ach, Gawain von Orkney, Parzival, Lancelot, Prinz Malagant, Feirefiz, Wolfram von Eschenbach, die Großvaterhöhle und die zwei jungen Fechter.

Spielerisch  und leicht war das jetzt, wie sie sich voreinander verneigten. Tanner fuhr sich versonnen über den Hinterkopf. Das wird gut, dachte er.  Im spiegelnden Fenster glaubte  er zu erkennen, dass sich  sein Haupthaar  diesmal nicht wieder gegen das Liegenbleiben sträubte.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Trainee (71) (24.01.2019)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Willibald meinte dazu am 24.01.2019:
Groß sind Tiefe und künstlerische Aussagekraft dieser äußerlich so kleinen Meisterwerke. Sie wollen nur Andeutungen geben, um ein Bild entstehen zu lassen, gefertigt mit zarten, eindringlichen, feinsinnigen, manchmal lächelnden Pinselstrichen.

Ein Meister des Haikus ist Takarai Kikaku (1661-1707), „Trinker und Improvisator mit großmütigem, heiterem Naturell und doch begabt mit Scharfblick und Tiefsinn" (Yukio Kotani).

Beste Grüße an Trainee.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (24.01.2019)
Etwas wirre Mischung aus erfundenen und tatsächlich mal existierenden Personen. Text hat aber einen guten Rhythmus und weiss die direkte Rede gekonnt einzusetzen.
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Willibald antwortete darauf am 24.01.2019:
Genau, da gibt es nichterfundene Personen und ihre Werke: Eduard Engels Deutsche Stilkunst, Thomas Manns Zauberberg, Heinrich Seidels Leberecht Hühnchen, die Gedichte von W.A. Auden und Thomas Kling.

And now the the important thing:

Truth is ever to be found in the simplicity, not in the multiplicity and confusion of things. Therefore read this short narration of willibald, enjoy his rhythm and you will see it´s simplicity in the multiplicity and in the confusion.

And a message too, clear and glimmering: your inner poet can write haikus and laugh at haikus.

But: If a swamp alligator could talk, it would sound like Toltec Head.

greetse
ww
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Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 24.01.2019:
Ja, schön, aber wieso schreibst Du plötzlich auf Englisch? Was willst Du uns damit sagen? Dass Du es kannst?

Nichts für ungut!
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Willibald äußerte darauf am 24.01.2019:
Salute, Dieter, habe vor einer Stunde das hier gelesen: Truth is ever to be found in the simplicity, not in the multiplicity and confusion of things. (Isaac Newton). Hat dann irgendwie gezündet.

Habe bei diesem Kurztext versucht knapp zu schreiben und die Fokalisierung so zu fertigen, dass man überwiegend mit Melzer auf die Studentenszene sieht. Irgendwie gibt es da (natürlich noch) Holperstellen und man könnte Passagen besser hinkriegen.

Gibt es da Beobachtungen und Schreibtip(p)s?
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Dieter_Rotmund ergänzte dazu am 25.01.2019:
Ja, mehr Klarheit ist hier und da vonnöten!
"Konzentriertes Fahren hinter dem Scheinwerfer her", das ist Quark, mit Verlaub.

Und bei den erfundenen Namen nicht gerade welche nehmen, die irgendwie doch Literaturbezug haben, so denken z.B. viele (die, die Bücher lesen) bei "Melzer"sicherlich an Doderers "Strudlhofstiege".
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Willibald meinte dazu am 25.01.2019:
Salute, Dieter, danke für die Rückmeldung.

Nach einigem Nachdenken Textarbeit:

- Melzer der Wiener Auen durch Tanner ersetzt.
- Für die Rezeptionsannehmlichkeit das settingprof sehr viel schärfer gezeichnet (frühere Dreiviertinfo, wo da was stattfindet., Old School - Motiv stärker mit Material. unterfütternd, Poetiziätssignale wie Rhythmus, szenische Technik beim Dialog, deutlichere Kommentare des Poetikdozenten ..u.a.).
- den Scheinwerfer behalten, aber modifizierter und stärker auf das Sehmuster des Protagonisten fokussert:

Der nahm Blickkontakt auf, zu ihm, zu den anderen. Tippte nun aber kurz an den Nasenbügel der metallgefassten Brille, schob sie dort hoch, rückte die Seitenbügel zurecht, schaute in die Runde: Augen hinter einer Windschutzscheibe bei Regen in der Nacht. Vornübergebeugt konzentriertes Fahren hinter den vorausleuchtenden Scheinwerfern her:

Das Bild eines verunsicherten Autofahrers bei Nacht, Regen, vornübergebeugt, sich auf das verengte Bild konzentrierend, das die Scheinwerfer aus der Dunkelheit herausschneiden.

Beste Grüße

ww

Antwort geändert am 25.01.2019 um 15:21 Uhr
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Kommentar von Trainee (71) (24.01.2019)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Willibald meinte dazu am 24.01.2019:
Berechtigter Stolz!
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Willibald meinte dazu am 24.01.2019:
Übrigens der junge Abiturient Nietzsche hat Liebenswertes geschrieben, der Aar ist auch marginal dabei, aber immerhin:

– Es ist eigentümlich, wie rege die Phantasie im Traume ist; ich, der ich immer des Nachts Bänder von Gummi um die Füße trage, träumte, daß zwei Schlangen sich um meine Beine schlängelten, sofort greife ich der einen an den Kopf, wache auf und fühle, daß ich ein Strumpfband in der Hand habe. –

– Ich habe gestern ein kleines Gedicht gemacht, indem ich durch Gedanken an die Heimat daran dachte, wie es wohl einem sein möge, der keine Heimat habe. – Es folgt hier:


Ohne Heimat! – –

Flüchtge Rosse tragen
Mich ohn Furcht und Zagen
Durch die weite Fern.
Und wer mich sieht, der kennt mich
Und wer mich kennt, der nennt mich:
Den heimatslosen Herrn.

Heidideldi!

Verlaß mich nie!
Mein Glück, du heller Stern!


Niemand darf es wagen,
Mich danach zu fragen,
Wo mein Heimat sei:
Ich bin wohl nie gebunden
An Raum und flüchtge Stunden,
Bin wie der Aar so frei!

Heidideldi!

Verlaß mich nie!

Mein Glück, du holder Mai!


Daß ich einst soll sterben,
Küssen muß den herben
Tod, das glaub ich kaum:
Zum Grabe soll ich sinken
Und nimmermehr dann trinken
Des Lebens duftgen Schaum?

Heidideldi!

Verlaß mich nie!

Mein Glück, du bunter Traum!.

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Autobiographisches+aus+den+Jahren+1856-1869/Pforta

Antwort geändert am 24.01.2019 um 19:09 Uhr
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Willibald meinte dazu am 24.01.2019:
vielleicht noch mal an Dieter Rotmund:

Wie ist "wirre Mischung" gemeint?

Beste Grüße

ww
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Kommentar von Trainee (71) (24.01.2019)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Willibald meinte dazu am 24.01.2019:
So ist es.
Der junge Nietzsche in dem Heidideldi-Aar-Gedicht macht (auch) Freude.

Und dann gibt es nochmal Intertextuelles.
In Wandervogelzeit gesungen als Piratenlied, im Faschismus genützt, nach dem Krieg in der Mundorgel für christliche Jugendgruppen;

Der mächtigste König im Luftrevier ist des Sturmes gewaltiger Aar.
Die Vöglein erzittern, vernehmen sie sein rauschendes Flügelpaar.
Wenn der Löwe in der Wüste brüllt, so erzittert das tierische Heer.
Ja, wir sind die Herren (Fürsten) der Welt, die Könige auf dem Meer.
Triallala, tirallala, tirallala, tirallala.
Hei, hei! Ja, wir sind die Herren (Fürsten) der Welt,
die Könige auf dem Meer.
(„Aha. Droben kreist in höchsten Höhen der Herrscher der Vögel, des Sturmes gewaltiger Aar.”

Beste Grüße

ww

Antwort geändert am 24.01.2019 um 20:43 Uhr
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Lala
Kommentar von Lala (29.01.2019)
Mein Gott bin ich froh, dass ich aus der Schule raus bin und sie nur manchmal, wirklich nur manchmal vermisse.
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Willibald meinte dazu am 29.01.2019:
Schule = Uni?
Partiell vermisst und generell gehasst?

greetse
ww

Reminiszenz an bunte Zeiten
.....................................................................................

Meister im Levitenlesen
Aber war der Prof, an dessen
Widersprüchen sich die »lieben«
Mädchen Pat und Doris rieben.
Darum sei sogleich verraten,
Was sie mit Adorno taten.

Nun war dieser große Lehrer
Von den Damen ein Verehrer,
Was man ohne alle Frage
Nach des Denkens Müh' und Plage
Einem guten, alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann.

Nicht so unsre beiden Kinder,
Die im Weiberrat und in der
Wohngemeinschaft voll einbrachten,
Was sie von dem Denker dachten:
Macho, liberaler Scheißer,
Sprücheklopfer, Fraunaufreißer,
Ein im Widerspruch verstrickter
Objektiv dem Volk entrückter Tui,
der subjektiv nicht raffe,
Daß er nichts als eine Waffe
Sei der Scheiß-Reaktion -
Das genügte. Denn bald schon
Riet der ganze Weiberrat
Dergestalt zur raschen Tat,
Daß die beiden lachend schrien:
»Schwestern, stimmt: Da pack'n mer ihn!«

Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte: 1954 - 2006. Berlin: Fischer, S.465.

Antwort geändert am 29.01.2019 um 19:37 Uhr
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Lala meinte dazu am 29.01.2019:
Schule, Kindergarten, Uni - mein Blick ist so betrübt geworden vom Herüberziehen der Lehrer, Erzieher und Professoren, dass ich, im Nachhinein, froh bin, dass ich schon als Kind mehrmals vor der Kindergärtnerin aus ihren Gärten für und mit Jungtrieben ausgebrochen bin. Wenn ich mir vorstellte, dass hinter jedem Garten eine Schule und Dompteur lauerte, dann hätte ich mich längst schon überfressen, weil das stete widerkäuen oder kröpfen des Immergleichen mich so betrübte, dass ich gar nicht mehr auszubrechen versuchte und längst schon still verebbt im Wörtersee sprach- und seelenlos gestrandet wär und darauf hoffte, dass kein Lehrer, Gärtner oder Professor, ob er nun den Gernhardt zitieren kann oder nicht, mich bloss nicht wieder hineinschiebt.

Zum Glück ist es anders gelaufen.

PS: Diesen Kommentar musste ich jetzt doch kopieren, falls der Willi wieder nicht nur permanent den Titel, wie bei seinem Parachute sondern bald gleich alles nihilieren will, obwohl - wir dürfen es annehmen - er schon stolz darauf ist, wenn ein geworfener Schneeball oder Apfel mal getroffen hat.

Greetse!

Antwort geändert am 29.01.2019 um 19:54 Uhr


Antwort geändert am 29.01.2019 um 20:12 Uhr
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Willibald meinte dazu am 29.01.2019:
Hei!
Greetse, macht Spaß und Levitation
Das mit den Titeln ist lustvolles Rumprobier.
Wunder.Punkt
fand ich einfach guter.
Nachsicht erwünscht.
Greetse
ww

Antwort geändert am 29.01.2019 um 20:15 Uhr
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Willibald meinte dazu am 22.03.2019:
Lieber W.W.,

Ich trete also ein. Wie bitte? Ich höre englische Laute! Wo ich doch extra in ein Germanistik-Sem. eingekehrt bin, um diesen scheiß Anglizismen zu entkommen. Na gut. Old school. Ich hätt gesagt: wie Bergengruen.
"Klingt ein bisschen wie Eugen Roth." Nee, mein Lieber. Wenn der so gedichtet hätte, säße er heute noch auf den Resten seiner Erstauflagen.
"...Schaut in die Runde wie ein Autofahrer..." Ähem. Als ich letztens nachts und bei Regen unterwegs war, habe ich stur geradeaus durch die regennasse Windschutzscheibe (nicht durch die regenn. Brille) geschaut und selbstverständlich angenommen, dass die Scheinwerfer geradeaus leuchten. Und verbeugt hab ich mich auch nicht. Wäre auch, genau wie hier, überflüssig gewesen.
Worin unterscheidet sich der Mensch vom Tier? Er macht Haidokus über Tiere. Okay. Stimmt. So wie diesen. Aber warum lacht der Mann darüber?
Steht da nicht irgendwo, dass der Lehrer eingenickt ist? Kann die Stelle nicht mehr finden. Wahrscheinlich ist es wieder aufgewacht. Wenn nicht - platt, äußest platt! Hatte schon gehofft, dieses Lehrstück käme ohne pennenden Pädagogen aus. Dann hats eben nicht sollen sein.
was willst du mir mit diesem Text mitteilen? Dass in einem Germ.Sem. Autorennamen fallen und Verse geschmiedet werden? Oder bin ich zu undedarft, um deine geheime Botschaft zu erkennen? Viell. sagst du es mir mal, möglicherw. hinter vorgehaltener Hand? Müssen ja nicht alle gleich mithören.
Am Schreibstil mangelts dir nicht, du schingst eine lockere Feder. Aber am Plot.
Sollte dich jemand für den LiteraturNobelPreis vorschlagen, sag ihm, ich hätte dich schon vor ihm entdeckt. Dein Stil ist nach wie vor erfrischend.
Allerdings, ich weiß immer noch nicht, warum man in 1 Grm.Sem. soviel Englisch quasselt...

In aller Freundschaft
wunderkerze


Diskurs der Kunstverständigen
Kunstszene


Wunderkerze:
Nobelpreisverdächtig jetzt, nach meinem wohlmeinenden Eingriff in diesen Thread. Hihi. Der Tanner ist wohl doch oder doch nicht eingenickt. Was weiß man.
Willibald:
Dio mio! Das ist interne Fokalisation. Erlebte Rede und so was. Der pennt nicht. Die ihm bekannten Dichter sind in der Schreibsituation präsent. Weil sie - "old school" - vom saloppen Begriff "alte Schule" in seiner "Erinnerung" aufgerufen werden.
Wunderkerze:
Höhö, darum geht es gar nicht mehr. Einfach mal lustige Schlenker einbauen. Die Studentin könnte überlegen, welche Unterwäsche sie anzieht.... Die Studenten sind mit one-night...
Willibald: (unterbricht Wunderkerze)
Was soll das im Seminar jetzt? Da gibt es für das Lesersensorium in den Kranich-Haikus eine Selbstreferenz auf die gewisse Komiknähe traditioneller Features wie den Haiku ...
Wunderkerze:
Puh. Schon wieder sowas Englisches.
Muss man nicht so eng sehen mit dem Eros, ist ja nur eine Anregung, und mich langweilt halt manches. Sex sells. Außerdem nochmal: Was soll dieses Englischzeug in einem siebten Semester Germanistik. Pöhhh.
Willibald:
Der genannte Typ hat sieben Semester Germanistik im Text. Und das erste Semester "Literarisches Schreiben". Sowas machen sie in Hildesheim und in Leipzig, wenn jemand schon sein normales Studium fast fertig hat. Und die jungen Leute kennen den Begriff "old school" als gängigen Begriff. "Traditionelle Literatur" oder "altbackene " "großväterliche Literatur" könnte man auch sagen, klar. Aber warum? Aus sprachpflegerischen Gründen? Literatur mit "Schnorres"?
Wunderkerze:
Ach was, "Schnorres". Ich ballere gerne angestauten Frust wuchtig ins gegnerische Tor. Und du übst dich breitarmig ausholend in Torwartposen. Der Neuer ist ja ja gar nicht so neu, schon 32 Jahre alt ist er.
Willibald:
Nun denn, jetzt also zum Osterhasen. In der frühen Phase des Christentums, als man von Assimilierung und Anverwandlung noch mehr hielt als von strikten Verboten und Abhauen der Donareiche und Verfluchung von Quellnymphen, hatten die weisen Kirchenväter akzeptable Kompromisse in der Hasenfrage gefunden. Der Mensch, immer wieder sinnlichen Begierden erliegend, im kurzen Erdendasein von zahllosen Ängsten befallen und von bösen Feinden gejagt, bis er in der Kirche sichere Zuflucht gefunden hat, im Dom des Glaubens, dem heiligen Bezirk jenseits des Profanen, äh. Ja, es gab sogar die kirchlich lancierte Vorstellung, der Hase und seine Fruchtbarkeit samt den Eiern verbildliche das wiedererwachende Leben der Frühlingsnatur, die Auferstehung aus der Mühsal des Winters - was allerdings nur ins Abendland passt.
Dann allerdings auch eine zunehmende Ambivalenz. Der Hase als abschreckender Lüstling und Rammler, als vorbildlicher Artvermehrer oder einfach Wildbret mit Pfifferlingen und Rahmsoße und Pfeffer.
Wunderkerze:
Pfifferlinge beim Hasenbraten? Nein.
Aber sonst sind wir beinander.
Klare Kante und fröhliche Unbekümmertheit beim Texten und Kritisieren!
Ein Chor tritt auf:
Man beugt sich nicht, was uns auch droht, wir werden keine Knechte.
Man bricht mit Gästen gern das Brot und wahret seine Rechte,
treibt nicht mit heiligen Dingen Spott, man ehret fremden Glauben
und lässt sich seine deutsche Sprach von keinem Neurer rauben.
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Veröffentlicht am 23.01.2019, 156 mal überarbeitet (letzte Änderung am 25.07.2019). Textlänge: 1.708 Wörter; dieser Text wurde bereits 477 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.09.2021.
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