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Bill Clinton, Hans Sachs: Hammer.

Anekdote


von Willibald

Als Willibald, ein Schriftgelehrter  fortgeschrittenen Alters,  in einem Münchner Beisel sitzend (Bild hinten Mitte beim Fenster, markiert durch ein transparentes Rechteck: der Typ mit dem handgestützten Kopf) über die Textsorte Anekdote nachdachte und über  angesehene Anekdotentexter  wie Heinrich Kleist, Bert Brecht und Volker Braun, kristallisierte sich bei ihm etwa folgende Umschreibung (nein, keine Definition)  "der" Anekdote heraus:

Kleine Begebenheit, nicht unbedingt auf das öffentliche Leben bedeutender Gestalten und ihr soziokulturelles Umfeld bezogen. Vielmehr auf ihren gesellschaftlichen Umgang und ihr Privatleben.  Meist eine ergötzliche, als wahr präsentierte kleine Geschichte  - mit Handlungen, Reden, Einfällen, in denen Charakter, Sitten, Eigenheiten der betreffenden Person uns nahe gebracht werden. Eine sprachliche Pointe bildet genremäßig den Abschluss.

Kurze Zeit später las Willibald eine Anekdote  aus der Zeit der Jahrtausendwende, die etwa so lautete:

Bill Clinton (Präsident der Vereinigten Staaten von 1993 bis 2001) geriet mit seinem Wahlkampftross einmal in ein schweres Unwetter. Da die Straße zum nächsten Hotel unpassierbar war, beschlossen die Leiter der Kampagne, den Präsidenten bei einem alten Farmer und seiner jungen Tochter unterzubringen. Der Farmer war sofort bereit, den Präsidenten für eine Nacht aufzunehmen. Doch gebe es da ein Problem: Leider habe seine Tochter gerade Mumps und Clinton müsse bei der Ziege im Stall übernachten. „Tut mir leid“, erwiderte Clinton, „ich fürchte, ich bin in der falschen Anekdote.“

Der Reiz dieser eher komplexen Anekdote, die fast ein Zuviel an Sophistication lieferte und die im Beisel gefundene Umschreibung der Textsorte in Frage stellte, beruhte wohl darauf, dass sich die Hauptfigur im erzählten Geschehen der Textsorte "Anekdote" bewusst ist und dass er "darin" auftritt. So thematisiert gegen alle Wahrscheinlichkeit der  Protagonist  die Fiktionalität der Anekdote, während doch Anekdoten sonst generell für sich in Anspruch nahmen, wahr zu sein, auch wenn sie mehr oder weniger gut erfunden sind.

Bemerkenswerterweise fiel unserem Willibald darauf hin eine Geschichte ein, die den Vorzug hat, tatsächlich wahr zu sein und sich nicht aus ihrem natürlichen Umfeld  plötzlich in einen Metabezugsrahmen verabschiedet.

In jungen Jahren nämlich war Willibald auf zusätzliches Geld angewiesen, da ihm in München studierend das BAföG zum Leben nicht reichte. Also verdingte er sich - nach Fürsprache von Helmut Hotter, Willibalds Religionslehrer am Wittelsbacher Gymnasium und Bruder des berühmten Sängers Hans Hotter - im Nationaltheater am Max-Joseph-Platz als Statist und Hilfskraft der Requisiteure. Als nun einmal Richard Wagners „Meistersinger-ein Satyrspiel“ aufgeführt werden sollte  – der berühmte Opernsänger Hans Hotter (*1909, +2003) gab den Hans Sachs – hatte der Regisseur den Einfall,  dass der schusternde Hans Sachs im zweiten Akt beim negativen Kommentieren nicht nur mit dem Hammer auf die Schuhsohlen schlug, sondern auch auf den Tisch und dass dabei unter der Wucht des letzten Schlages die Tischkante abbrach.

Natürlich war die  Tischkante für die Aufführungen präpariert und lose befestigt. Allerdings wollte es der Zufall oder ein launisches Geschick, dass – der Herr ist mein Zeuge - eines Abends der präparierte Tisch auf der Bühne falsch herum aufgestellt wurde. Als nun Hans Hotter auf die ihm nahe Kante mit dem Hammer schlug, blieb diese, wo sie war. Dafür fiel zur  Verblüffung des Bühnenpersonals und der Zuschauer auf der anderen Seite die Tischkante herab.


Der Beifall des Publikums für diese  Szene war nun wirklich derart überschwänglich, dass es als  ganz  aussichtslos erschien,  irgendwelche Anstalten zu einer Pointe verbaler Art zu treffen, welche  die Situation hätte  „retten“  können.  Die averbale  Pointe war einfach  der Hammer.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (31.01.2019)
Erster Absatz viel zu verplappert-selbstverliebt. Den Rest habe ich jedoch gerne gelesen.
P.S.: " Satyspiel“?
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Willibald meinte dazu am 31.01.2019:
Danke für Hinweis.
ww
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EkkehartMittelberg
Kommentar von EkkehartMittelberg (31.01.2019)
Ich finde es originell, dass der Erzähler das erzählte Genre einleitend definiert und so dem Leser die Möglichkeit gibt zu überprüfen, inwieweit Theorie der Erzählung und Praxis übereinstimmen. In diesem Falle darf der Leser zwei ganz unterschiedliche Anekdoten genießen, eine, die mit ihrer Fiktionalität spielt, und eine, die er für wahr halten soll. Ich halte beide für gelungen.
LG
Ekki
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Willibald antwortete darauf am 31.01.2019:
Dein kundiger Kommentar, Ekki, zum Spiel mit dem Genre Anekdote und deren Fiktionalität erfreut Herz und Sinn von willibald.

gratias maximas, maximas gratias.
ww

Antwort geändert am 31.01.2019 um 17:06 Uhr
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Trainee
Kommentar von Trainee (31.01.2019)
Hallo Willibald,
wie du weißt, bin ich keine große Freundin von Anekdoten.
Andererseits eine Aficionada des Tristram Shandy, Gentleman. Und daran, mein Lieber, erinnert mich dein verschachteltes Werk,
das durch seine verschiedenen Ebenen an Witz gewinnt.

Herrn Sachs möchte ich final zurufen: "Bleib bei deinem Leisten und höre besser Mozart!"

Ein amüsantes Werk, das über Möglichkeiten der Bafögaufstockung, über ein ehrenhaftes Handwerk, die Satyre und Anekdoten an sich zu berichten weiß.

Echt nett.
Trainee

P.s.: Warum sprichst du nun auch (!) in der dritten Person von dir? Muss ich mir Sorgen machen?
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Willibald schrieb daraufhin am 31.01.2019:
Der Wunsch zu wissen, warum und wie, die Neugierde also. Sie, die in solchem Ausmaß in keinem anderen Lebewesen vorhanden ist, so dass sich der Mensch nicht nur durch seine Vernunft, sondern auch durch diese einzigartige Leidenschaft von anderen Tieren unterscheidet; bei dem der Appetit auf Nahrung und andere Sinnesfreuden sogar geschmälert oder aufgeschoben werden kann, eben diese Vehemenz der Neugierde ist es, die den Schreiber zu nötigen vermag, von sich in der dritten Person zu sprechen, um so von außen zu sehen, was andere auch sehen können, die Räume auszuloten, in deren Verschachtelung die Komik kichert - Lawrence Sterne ist ihr verbrüdert – und alle Überlegenheit aufgrund von Kenntnis der Ursachen kollabieren lässt, eben diese Neugierde also, die einen ins Beisel führt und Textsorten reflektieren... …

Es grüßt herzlich und ohne Umschweife
ww

p.s.
Habe vor ein paar Tagen die Kleistsche Anekdote gehört, die aus dem preußischen Krieg. Stefan George liest sie.
Da ist soviel an Keckern am Schluss und andere Signale im vorausliegenden Text, dass die Lesart "unzuverlässiger Erzähler erzählt Geschichten", die wohl gar nicht wahr sind, mir neben vaterländischen Lesarten recht plausibel erscheint.

 Kleist bei Heinrich George

p.p.s.
Immerhin wurde in dem Schachtelsystem lawrencescher Bauart durchaus eine erste Person versteckt, in einem Wahrheitsbeteuerungsruf zwischen Gedankenstrichen.

Antwort geändert am 31.01.2019 um 19:50 Uhr
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Trainee äußerte darauf am 01.02.2019:
Lieber Willi,

das Stückerl wird nicht von meinem (!) Stefanchen gelesen, sondern von Heinrich.
Aber ich bin froh darum, hatte Stefan George doch eine Art zu skandieren, die mein Lyrherz beim Hören alter Aufnahmen oft zum Schaudern brachte.

Herzlich grüßt
Trainee
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loslosch
Kommentar von loslosch (31.01.2019)
clinton ist kein zart besaiteter. so würde ich folgender wendung den vorzug geben:

"... Doch gebe es da ein Problem: Leider heiße seine Tochter Monica. Clinton müsse bei der Ziege im Stall übernachten. „Tut mir leid“, erwiderte Clinton, „ich fürchte, ich bin in der falschen Anekdote.“
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Willibald ergänzte dazu am 31.01.2019:
Interessante Pointe, mit Konservierung des Metawitzes.
Wow.

Ut ait Aulus Cornelius Celsus noster:
Ubi iam idem quacumque varices sunt factum est, uno loco adducta per hamulum vena praeciditur...

vale
ww

Antwort geändert am 01.02.2019 um 18:33 Uhr
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Willibald
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Veröffentlicht am 31.01.2019, 42 mal überarbeitet (letzte Änderung am 09.02.2019). Textlänge: 546 Wörter; dieser Text wurde bereits 124 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 23.03.2019..
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