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Aus dem Brockhaus abgeschrieben Ergänzungen zur Marquise O

Erzählung


von Borek

Aus dem Brockhaus abgeschrieben
Ergänzungen zur Marquise 0


Der Sommer 1945 war ein strahlender Sommer, ganz zum Gegensatz der wirtschaftlichen Situation, dem totalen Chaos nach dem Zusammenbruch
des Dritten Reiches.
Die Natur zeigte sich von ihrer prächtigsten Seite, als ob sie mit ihrer vielseitigen Farbenvielfalt die Wunden des Krieges zudecken wollte.
Über den Ruinen rankten sich Rosen,  kräftige Rottöne des Mohns vergruben das Grau des Schuttes. Leuchtende Gelbtöne signalisierten den Bienen neues Leben aus Ruinen.
Unsere Schule hatte wieder ihren gewohnten Gang aufgenommen, es gab keine Freistunden mehr durch Fliegeralarm, Lehrermangel oder wegen fehlender Kohlen zum Heizen. Es normalisierte sich alles wieder; soweit man dies aus der damaligen Sicht als normal bezeichnen kann.
Wir Kinder hatten diese schrecklichen Jahre doch aus einer leichteren Perspektive zu ertragen, es ging nicht um unsere berufliche Existenz, die hatten wir ja noch nicht, es war alles riesig interessant. Als Zuschauer standen wir Kinder an der Seite der Familie und brauchten uns nicht zu sorgen, wo und wie das Brot auf den Tisch kam, ob über die Lebensmittelmarken oder vom schwarzen Markt.
Vater und Mutter zu sein,  war damals sehr schwer.
Kartoffelstoppeln, Ährenlesen; Wertgegenstände gegen Naturalien einzutauschen, war fast für alle Menschen eine Hauptbeschäftigung, um ganz einfach zu überleben.

Aus den großen Städten zogen schwarzgraue Menschenmassen aufs Land, ergossen sich wie eine Meeresflut auf die abgeernteten Felder, um nach ein paar Kartoffeln oder Ähren zu suchen.
Die Züge, die einzigen Verbindungs- und  Lebensadern von Stadt zum Land, fuhren ganz selten, da ja auch die Kohlen knapp waren und so wurden eine Fahrt mit der Bahn zu einem lebensgefährlichen Abenteuer auf Trittbrettern, Dächern, denn alles Greifbare war von Menschentrauben besetzt.
So auch unser Weißeritzexpress

Eine Kleinbahn, Schmalspur, im Tale der Roten Weißeritz. Enge Schluchten und Windungen ließen die Erbauer so enge Gleisrouten legen, dass heute diese Bimmelbahn zum technischen Wunder und zum Wallfahrtsort Eisenbahnnostalgiker aller Welt geworden ist.
Für uns Kinder hatte diese Bahn damals überhaupt nichts von Romantik, sie war da, man brauchte sie und damit hatte sich die Sache.

Unser Klassenlehrer Herr Gäbler, war da aber anderer Meinung. Als wir in die Sommerferien gingen, bekamen wir doch tatsächlich unverschämterweise noch einen Aufsatz mit dem Thema, „ Unser Weißeritzexpress“
Welcher Schüler oder Schülerin setzt sich mit so einer, in die Ferien mitgegebene
Freizeitbeleidigung sofort auseinander? Ich bin überzeugt, auch heute noch sind 80% der Schülergilden auf dem letzten Drücker zu Gange.
Es waren herrliche Ferien und die Stunde des Aufsatzes, „Unser Weißeritzexpress“
rückte immer näher. Auch Kinder haben schon großes Talent im Verdrängen  unangenehmer Dinge.
Fünf Minuten vor Zwölf saß ich auf unserem Balkon im Sonnenschein, kaute an meinem Bleistift, dass  Holz begann schon zu tropfen, zerriss ein Blatt nach dem anderen, hörte und hörte nicht auf den Rat meiner Mutter, wie man so etwas anpackt. Auf dem Hof spielten die anderen Kinder Haushüpfen, und ich brütete und brütete über meinem Aufsatz.
Wenn ich heute an diese Stunde zurück denke, fühle ich noch das nervöse Zappeln meiner Beine, die Ungeduld meiner Mutter, die wieder eine Vier oder Fünf im Aufsatz auf sie und mich zukommen sah.
Schließlich war ich ja in der Stadt nicht gerade unbekannt und in so einer Familie wie uns, da hat es keine Fünfer  zu geben. Auch die Nachhilfestunden in Englisch und Deutsch, waren nicht gerade hilfreich.
Träumen war viel schöner -  oder ist es noch?
Eine energische und kluge Frau war meine Mutter, und so griff sie in das Aufsatzthema aktiv ein, ob aus Güte mir gegenüber oder aus Klugheit um eine Vier oder gar Fünf zu verhindern, ist mir bis heute ein Geheimnis geblieben.
Die vier besten Aufsätze wurden vor versammelter Klasse von unserem Lehrer, Herrn Gäbler, vorgelesen.
Etwas mulmig war es mir schon wegen des Schwindels, aber wer sollte das schon beweisen können.
„Und hier haben wir eine riesige  Aufsatzüberraschung von unserem Schüler Langer“.
Wie vom Blitz getroffen versuchte ich zu rekonstruieren, wer  mich verraten hatte.
„Langer eine Eins“ !
Meine einzige Eins in all meinen Schuljahren im Aufsatz. !
Leider, aber wahr !


Der Sommer 1986 wurde ein Jahrhundertsommer genannt. Die Züge sind nicht mehr überfüllt, um sich das Nötigste zum Leben zu organisieren. Die Ferien sind allerdings geblieben, und so mache Unsitte der Lehrer: Themen mit in den Urlaub zu geben, um diese in der so voll ausgelasteten Freizeit noch nebenbei zu bewältigen.
Da steht die Reise nach Italien, Spanien oder Griechenland an, und die Trauben,  die noch vor nicht allzu langer Zeit  an den Zügen hingen, kleben jetzt auf den Autobahnen, stöhnen, fluchen und sind infarkt- oder stressgeschädigt, weil es nicht weiter geht.

Die Marquise 0 von Kleist, war so ein Thema, mit dem unsere Tochter Isabel
in den Urlaub entlassen wurde.
Wie gut konnte ich sie verstehen, als sie versuchte, das Buch zu lesen, zu verstehen und auch noch thematisch zu verarbeiten.
So übernahm ich für sie die Aufgabe.
Es wurde keine Eins, aber eine Zwei und Ansporn,  zukünftig die Ferienaufsätze zu übernehmen, und siehe, es purzelte dann auch die Einser.
Nach 30 Jahren sahen wir unseren Klassenlehrer, Herrn Gäbler, zu einem unserer schon zur Tradition gewordenen Klassentreffen wieder.
Wir fuhren mit dem Weißeritzexpress dampfend und ächzend durch die engen Schluchten ins liebliche Erzgebirge,
und so gab ich in einer kleinen Ansprache zu, gemogelt zu haben, aber mit dem stolzen Bewusstsein, heute nur noch 1er und 2er für meine Ausarbeitungen zu bekommen mit dem Hinterton, er müsste mich damals einfach nicht richtig
verstanden haben.

Isabel hat die Schule gewechselt, und es versteht sich ja, dass ein Gymnasium nicht die Stoffe anderer Schulen unbedingt wissen muss.
So ergab sich die Duplizität der Schulaufgabe: ein Referat über die Marquise 0.
Wie schön, die Ferien waren gerettet, denn wer ist schon so blöd den Stoff nochmals zu überarbeiten, wo man doch schon eine Zwei bekommen hat. Siegessicher wurde das Referat abgegeben, es konnte ja fast nur noch besser werden.
Der Schock über die Vier der Marquise 0 sitzt mir noch immer in den Knochen.
Die vier gab Lehrer Dippold  deshalb, weil Isabel aus dem Brockhaus abgeschrieben hätte.
Wie unklug dieser Lehrer Dippold doch ist: wir haben keinem Brockhaus!
Und vielleicht für mich – trotz der vier – das größte Kompliment.
Besser als eine Eins !

 
 

Kommentare zu diesem Text


claire.delalune
Kommentar von claire.delalune (13.02.2019)
Hallo!
Deutschaufsätze waren und sind ein Lotteriespiel. Trifft man den Geschmack, die Überzeugung des Lehrers/der Lehrerin oder trifft man daneben?
In keinem anderen Fach ist so subjektiv, was gut oder mangelhaft ist, wie in Deutsch.
Ok. Grammatik und Rechtschreibung lassen sich objektiv beurteilen. Aber beim Inhalt wird es schon wieder subjektiv.

Mir fällt ein, dass ich schulzeitlebens in Deutsch eine ‚eins‘ hatte - außer in der 11. Klasse. Da hatte ich eine ‚vier‘. Mit dem Lehrer und deiner Art konnte ich nicht und er hatte nur eine Lieblingsschülerin, Dora, die als einzige der Klasse eine ‚eins’ im Zeugnis hatte. Zum Glück hatte ich den betreffenden Lehrer nur dies eine Jahr. Und danach wieder die gewohnte Note.

Ist alles lange her. War noch vor 1986.
Aber ist mir beim Lesen deines Textes wieder eingefallen.

LG
Kathrin
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Borek meinte dazu am 13.02.2019:
Ja, es stimmt auch mein Lehrer von damals wollte die vier von
mir nicht glauben. Das muss ein Irrtum gewesen sein.
Er schrieb mir aber auch, in einem Lehrerseminar von 100
Lehrern wurde an alle ein Aufsatz zur Benotung verteilt
von 1 .5 waren alle Noten vorhanden.
Ja in anderen Fächern ist die Benotung einfacher 1+1=2
da beißt die Maus keinen faden ab.
Danke für s lesen und Grüße
Borek
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Borek
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Veröffentlicht am 02.02.2019. Textlänge: 1.020 Wörter; dieser Text wurde bereits 77 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 29.06.2020.
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