Login für registrierte Nutzer
Benutzer: Passwort:

Noch nicht bei KV registriert?
Jetzt registrieren!
KV ist kostenlos und werbefrei!

Neu bei uns:
Hannelore (05.12.), pawelekmarkiewicz (28.11.), Graeculus (28.11.), keinleser (25.11.), Sandfrau (18.11.), Loewenpflug (14.11.), Tigerin (12.11.), Seifenblase (12.11.), Marty (05.11.), Slivovic (22.10.), C.A.Baer (19.10.), Swiftie (15.10.)...
Übersicht aller neuen Autoren und Leser
Wen suchst Du?

(mindestens drei Buchstaben)

Zur Zeit online:
KeinVerlag.de ist die Heimat von 662 Autoren* und 75 Lesern*. Was es sonst noch an Neuem gibt, steht hier.

(*Im Gegensatz zu allen anderen Literaturforen zählen wir nur die aktiven Mitglieder, da wir uns als Community verstehen und nicht als Archiv toter Texte. Würden wir alle Nutzer zählen, die sich seit Gründung hier angemeldet haben, und nur die abziehen, die sich selbst wieder abgemeldet haben oder rausgeworfen wurden, kämen wir auf 14.915 Mitglieder und 431.637 Texte. Musste auch mal gesagt werden.)

Genre des Tages, 15.12.2019:
Predigt
Predigt nennt man die Verkündigung des Glaubens im Christentum sowie in den Religionen, die Vergleichbares kennen. Der... weiterlesen
... und was wir daraus machen:

Ziemlich neu:  Wenn der Kapitalismus den Klimawandel überlebt von ferris (12.12.19)
Recht lang:  Die Welt mit Gott als einziger Autorität von ferris (3621 Worte)
Wenig kommentiert:  Mensch Martha, wo bist du? von tulpenrot (noch gar keine Kommentare)
Selten gelesen:  Die Zigeunerkirche von ferris (nur 39 Aufrufe)
alle Predigten
Lest doch mal ...einen Zufallstext!
Unser Buchtipp:

In Liebe lassen
von IngeWrobel
Projekte

keineRezension.de
KV woanders

keinVerlag.de auf Facebook
Eine Meinung: "Ich bin bei keinVerlag.de willkommen, weil (ich weiß leider noch nicht, ob ich hier willkommen bin)" (Manzanita)

Tschechisches Woodoo. Germanischer Zauber.

Erzählung


von Willibald


Das Haus in der Stadt
Machen wir  starken Eierlikör

Johannes war 1951 ein kleiner Junge. Im Radio hörte man immer mehr vom Koreakrieg und die Leute in der kleinen Stadt am Main hatten entsetzliche Angst. Dritter  Weltkrieg! Die Russen. Die Amerikaner! Die Flugzeuge mit den Bomben!

Samstag nachts träumte Johannes: Schlimmes: Ein Flugzeug glitt  über das mehrgeschossige Haus  in der Luitpoldstrasse. Es warf eine Bombe ab. Sie schlug  im Dachboden neben dem Erker  ein,  bohrte sich an der oberen Loggia vorbei durch  die Decke des zweiten Stockes,  durch den Boden des zweiten Stock in den ersten Stock vom Zahnarzt Schultheiss  und dann in das Erdgeschoss,.  Die Mauern der Wände schienen stehen zu bleiben. Im Erdgeschoss kreiselte ein riesiger Feuerball, fraß die Möbel und füllte den Raum mit  Rauch und Asche. Vater und Mutter waren    von ferne zu hören.  Im  Boden  klaffte ein kreisrundes Loch, in der Dunkelheit darunter schmatzte etwas, es saugte die Luft an und zog  mit zunehmender Kraft  an dem  Jungen. Der Zimmerboden brach ganz  auf.  Johannes breitete die Arme aus wie ein Vogel die Flügel und glitt  in die  Dunkelheit des Kellers.

Der Vater saß am Bett des Jungen.
Was hast Du Schlimmes geträumt, Johannes?  Du hast geschrien. Wir haben dich geweckt. Aber Du hast nur geweint und geschluchzt?
Eine Bombe und  das Haus kaputt und du im Keller?.
Oh, je, da machen wir was.  Jetzt gleich, vor dem Frühstück. Mutter ist gleich mit den Semmeln aus der Stadt zurück.
Der Vater griff  in den Bücherschrank. Dort gab es  Hilfe.  Leopold Webers „Unsere Heldensagen“ Dietrich von Bern. Siegfried, Hagen von Tronje, Herzog Ernst. Auf dem Umschlag ein Ritter mit einem riesigen Schild, ein Helm, offenes Visier,  Blick in die Ferne, rechts vom Schild ein gesenktes,  langes Schwert. Blank gezogen.  ext. Link: Leopold Weber

Riesenstark, adlig an Antlitz und Gliedern, wuchs Dietrich heran.  Lichtbraun wellte sich um die Schläfen das Haar. Versonnenen  Geistes litt er lang, wenn die Spielkameraden spottend den Schweigenden reizten, geriet er aber in Grimm, dann stoben sie schreiend vor Schrecken davon, denn jählings verkehrte er sich, daß er einem Dämon gleich anzusehen war: funkensprühend sträubte sich steilauf sein Haar, und aus der entbrannten Brust schlug ihm in heißer Lohe das Feuer zum Munde hervor.

Johannes hörte angespannt zu. Lichtbraun. Er hatte die gleiche Haarfarbe wie Dietrich.  Die Stimme des Vaters, sein Mund, das Gleiten der Worte, das Umblättern der Seiten. Die heiße Lohe von Feuer. Gespannte Muskeln,  Kämpfen und Hauen. Den Feind, erschreckt und verjagt. Gebannte Gefahr. Man war doch stark, sehr stark.

Und  dann las der Vater laut  mit geschulter Stimme die Merseburger Zaubersprüche, eine Heilungsszene:

Phol und Wodan ritten ins Holz.
Da ward dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Wodan, wie (nur) er es verstand:
bên zi bêna,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sôse gelimida sin!


„Johannes, das heißt: Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien.“
Johannes atmete tief aus. Bein zu Bein?  So etwas wie Elfenbein? Knochen gebrochen? Davon hatte er vor einer Woche erst etwas  gehört.

Ein Motorradfahrer auf der Mainbrücke, Miltenberg Nord, an einem Sonntag.
Knochen leimen, die gebrochen waren?  Vater, der  Zauberer. Der Zaubererer.
"Naja", sagte der Vater, "der Motorradfahrer ist halbtot und übel dran. Und  bei dem Zauberspruch sind die Knochen eigentlich nur verrenkt. Trotzdem: Der Spruch ist sehr stark."
Johannes  wurde ruhig, was konnte schon dem Haus  passieren, wenn man  zaubern konnte.

Die tschechisch-böhmische Großmutter aus Prag hatte nach dem Frühstück anderen Trost.
„Weißt Du, wenn die Russen kommen, das wird nicht so schlimm. Bomben werfen sie nicht. Die brauchen nix, was kaputt ist. Wir haben unsere Hühner im Garten.  Wir haben Eier. Wir haben hochprozentigen Alkohol im Flascherl. Mach´ ma´  starken Eierlikör, den kriegen sie und dann lassen sie uns in Ruh.“
Und einen magischen Spruch hatte sie auch. Sie nahm die Hand des Kleinen.

Michala myšička kašičku (Michala mischitschka kaschischitsku)
Es rührte ein Mäuschen ein Breichen

Großmutters Finger kreisten auf dem Handteller von Johannes, ringsum die  Finger warteten.
na zeleném rendlíčku,
in einem grünen Töpfchen

Sie zupfte jeden einzelnen Finger des Jungen.
tomu dala,
dem gab es etwas
tomu taky,
dem auch
tomu málo,
dem wenig
und für diesen Kleinen
blieb gar nichts übrig.
Und der Kleine rannte, rannte.

In die Speisekammer.

Jetzt lief der Finger der Großmutter in die Achselhöhle  und  sie kitzelte und lachte.
a tam se napapal.
Und dort aß er sich voll.


Das Kind, es  kicherte, gluckste und hatte überhaupt keine Angst mehr. Großmütter. Sie machen uns glücklich, wenn wir klein sind. Und später fehlen sie uns. Aber wir heben sie auf  in unserem Bewusstsein und in den Geschichten dort. Vielleicht ein solches Kind anschauen im Spiel mit der Mutter und den Fingern und der Hand?? Im Link:
 ext. Link.

Geh raus, Wurm, mit neun Würmelein

Johannes war  1973 erwachsen und Referendar im Zweigschuleinsatz in Fürstenfeldbruck. Viscardi-Gymnasium, ein Anfänger mit Deutsch und Latein. Seine Betreuungslehrerin in Deutsch  – Frau Fischhaber – saß ihm montags gegenüber.

„Also Ihre Korrekturen sind sehr sorgfältig. Aber ich sag ihnen was. Ihre Schlussbemerkungen darunter bei Schulaufgaben. Zu lang. Viel zu lang. Natürlich ist das eine Riesenarbeit von Ihnen. Aber, schaun´s,  ma macht sich als Lehrer kaputt mit solchen Romanen. Und ob die Schüler das schätzen, i woaß net. Ich schreib einfach: Sprachlich oft recht geschickt, die Rechtschreibung könnte besser sein, die Gedankenführung ist meist solide, eine Gliederung ist nicht recht zu erkennen. Des sagt alles. Des g´langt.

Und dann ihr Unterricht, Herr Wenzel. Heben Sie sich ihre besonderen Ideen für später auf. Machen´s doch endlich was Normales. Schauen´s nach, was im Lesebuch steht. Eine Kurzgeschichte von Borchert. Die mit der Küchenuhr. Oder die mit den Ratten. Die Merseburger Zaubersprüche. Dann leben´s länger. Moana´s, ich geh mit fünfundsechzig in Pension und stirb? Na, i stirb net,  die Pension, die  verputz i. Des dürfen´s ma glaubn. Ich schau mir´s an bei einem Unterrichtsbesuch. Eine runde, normale Stunde am Freitag. Gell`? Sie machen an guten Unterricht, scho. Weiß ich, die Schüler, ich hab´s in Englisch, erzähl´n mir immer von den Stunden in Deutsch. Ist nur, dass ich Sie gsehn hab und des in die Beurteilung schreiben kann, für´n Chef.“ 
Johannes musterte das Lesebuch: Eine „Küchenuhr“, die nach einem Bombenangriff auf Halbdrei stehenbleibt. Ein Junge, der an den Trümmern wacht,  unter denen seine Angehörigen liegen. Die Ratten sollten sie nicht anfressen („Nachts schlafen die Ratten doch“). Plötzlich war die Erinnerung da: Vaters Zauberspruch. Die Großmutter mit dem Streicheln der Handfläche. Es rührte das Mäuschen ein Breichen an. Die Kriegsangst damals. Und jetzt die Stunde am Freitag.

Dann  - am Mittwoch in der Pause im Lehrerzimmer - sagte Frau Fischhaber  ihren Besuch ab: "Wissen´s, jetzat, die Deutschschulaufgaben, des is a Kreuz, korrigieren muss i ah in meine Freistunden. Dann muss i´s Protokoll no schreib´n vom Personalrat. Machen´s übermorgen was Schöneses. I lass mir dann erzählen, wie´s war. Ich hab ja die Klasse in Englisch. Und  ... Sie wissen schon."

Und Johannes wusste jetzt tatsächlich, was er machen wollte und wie. Eine richtig runde Stunde würde es sein. In der zehnten Klasse gab es eine neue Schülerin, Hanne Hrdy. Ein tschechischer Name? Ja. Vor sechs Jahren war die Familie aus Prag nach Deutschland gekommen, so die Auskunft im  neu  eingelegten Schülerbogen. "Merseburger Zaubersprüche" im Lesebuch. Und dazu ganz anderes. Wenzels tschechische Großmutter. Dann  eine dicke Kerze, außerdem eine Schallplatte der Gruppe Ougenweide und  einen Plattenspieler  aus dem staubigen Medienraum.  Am Donnerstag abends  holte sich Wenzel bei Arnold  Schwarzenegger mentale Hilfestellung: "Conan, der Barbar", der untote Zauberer Thulsa Doom, Videokassette, nachklingend bis in den Freitag hinein:

Feuer und Wind werden von den Göttern des Himmels geschickt. Aber unser Gott heißt Crom... und er lebt unten in der Erde, nicht im Himmel. Einst lebten auch Riesen in der Erde, Conan. Sie nutzten die Finsternis und das Chaos aus und betrogen Crom, den Gott. Auf diese Weise kamen sie an das Geheimnis des Stahls... Crom war erzürnt. Es erbebte die Erde und durch Feuer und Wind wurden die tückischen Riesen getötet und ihre Leichen in die Meere versenkt... Aber in ihrem rasenden Zorn, vergaßen die Götter das Geheimnis des Stahls und ließen es auf dem Schlachtfeld zurück...

Hach, Wenzel, Thulsa, Zauberer, dachte er, als er vor der Klasse stand. Komm wieder runter! Das da vor dir ist die 10c. Übertreibe nicht.

Wenzel präsentierte mit Lehrer-Stimme Phol und Wodan:  Ben zi bena, bluot zi bluoda…. 
Und dann ein zweites Mal, etwas intensiver, die Zeilen. Nun ein Bild  skizzieren  lassen von der Situation,  von dem Unfall, dem „Besprechen“, fünf Minuten, die Bilder des Nachbarn anschauen und mit den eigenen vergleichen. Jetzt näher an den Text heran und in ihn hinein,  seine Melodie spüren lassen. Vater Wenzel schaute aus dem Jenseits aufmerksam zu, vielleicht sogar vergnügt.
Fünfzehn Minuten etwa waren vorbei.

Jetzt der Pferdesegen, gegen Würmer ("contra vermes"), in der Version der Ougenweide-Musiker, Schallplattenspieler an:

Gang út, nesso, mid nigun nessiklinon,
út fana themo margę an that ben, fan themo bene an that flesg,
ut fan themo flesgke an thia hud, ut fan thera hud an thesa strala.

Geh raus, Wurm, mit neun Würmelein,
heraus aus dem Mark in den Knochen, aus den Knochen in das Fleisch,
heraus aus dem Fleisch in die Haut, heraus aus der Haut auf diesen Pfeil.


Johannes spannte einen imaginären Bogen und etwas verkrampft  schoss er den Pfeil, auf dem  neun Würmer saßen, durch das offene Schulfenster hinaus in den Hof. In der Klasse gedämpftes Amusement. Immerhin: Manche summten bei der Wiederholung des Liedes mit, sangen  sogar ein wenig:  ext. Link: Gegen Würmer. Grinsten vielleicht, immerhin, dachte Wenzel,  eine Art  Ohrwurm war das. Nochmal 15 Minuten von den 45 Minuten der Schulstunde. Blieben 15 Minuten für das Ende, ein großes Ende.

Erst widerstehet der Damm und wehret den wütenden Wassern

„Passt auf, ich tu´es ungern, ich habe es mir lange überlegt, aber ich riskier es. Ein Experiment. Es gibt im Althochdeutschen  einen berühmten Schadenzauber, sowas wie  Woodoo, mit vielen bösartig zischenden Lauten, damit lähmt man  Feinde, wehrt  Unholde ab. Es kann sein, dass bei diesem Spruch jemand hier geschädigt wird. Der Atem bleibt ihm weg. Vielleicht bekommt er einen Erstickungsanfall. Doch, kann so kommen. Werdet es erleben."
Hoho, glauben wir nicht.
Schmarrn.

Der Junglehrer schloss mit ernstem Magier-Gesicht das Fenster, ließ die Roll-Läden herunter, im Klassenzimmer wurde es dunkel. Er zündete vorne am Pult die dicke Kerze an, hielt sie hoch, so dass nur sein sprechendes Haupt von der Flamme erhellt wurde und schaute verhangen  in die Finsternis ringsum - Ihr wiederholt jetzt jede Zeile, die ich euch vorspreche - und begann er mit dem Großmutter- Text:

Michala myšička kašičku
Die Klasse sprach dies feierlich nach, die folgenden Zeilen auch.
na zeleném rendlíčku,
tomu dala,
tomu taky,
tomu málo,
tomu víc ..


Beim dritten "tomu" der Klasse keuchte jemand auf im  dunklen Zimmer. Was war da los? Man  wurde unsicher.  Nach dem vierten "tomu" dann angespanntes  Schweigen,  weil Hanne schwer atmet.  Als sie – so erzählt sie später - die "üblen Zischlaute"  hört  und dazu das dunkle Tremolo des Sprechers da vorne und die brav respondierenden Mitschüler, ist die latente  Komik  kaum auszuhalten., weil die Mitschüler ringsum nicht mehr durchblicken:  starren mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit und versuchen auszumachen, was da zum Teufel  abgeht.

Und so wird  Hanne  vom Vergnügen hin und her  geschüttelt.  Johannes presst die Lippen zusammen und bläst die Backen auf, damit er nicht herausplatzt.  Hanne  rettet sich durch Bewegung,  patscht  mit Armen und  Händen voraus flach auf den Tisch, dann wirft sie sich nach hinten und schnappt nach Luft. Und bei dieser Bewegung rückwärts kippt ihr Stuhl.  Johannes Willi Wenzel beherrscht sich mit Mühe, hebt schmallippig und  beruhigend die Hand. Dann dreht er  sich  hastig um, damit man sein Gesicht nicht sieht, betätigt den Lichtschalter und es wird hell: Hannes Stuhl liegt auf dem Boden, sie hebt ihn hoch und  sie setzt sich  darauf, kichernd und glucksend

Was soll man noch viel erzählen? Naja, eigentlich doch noch einiges:  Johannes  sprach die Verse. Hanne übersetzte.  Der germanische Zauberspruch? Ein Kinderkitzelreim auf Tschechisch.  Hanne sagte, wie es gewesen war: Sie hatte natürlich schnell  durchschaut, was da bei Kerzenlicht kam, und die Mitschüler täuschen konnte.  Und es war ihr bewusst, dass sich ihr Lachen und Prusten wie ein Erstickungsanfall anhörte. Und das hatte bei ihr neues Gekeuche ausgelöst. Und so waren die anderen noch mehr irritiert worden. Und das war ja auch vorauszusehen, dass ihr Prusten so missverstanden wurde. Und als es dann eintraf ..... Ach, es  war gar nicht mehr auszuhalten gewesen in seiner Komik, was da in ihr und um sie ablief und sich gegenseitig hochschaukelte und verstärkte.

Bei den zuhörenden Schülern nun Gekicher,  Glucksen, Gelächter, dann aus dem Ruder laufendes Gelächter. Köpfe auf dem Tisch, Köpfe unter dem Tisch. Es war wie im antiken Lustspiel, spürte Wenzel,  und über alle Zeiten wirkt  Komik. Und wenn  sich dann das Missverstehen auflöst  und plötzliche Klarheit durch das Bewusstsein  flutet, dann greifen auf einmal klassische, homerische Verse.

Jetzt nun verstand man; und wie die Woge des reißenden Stromes
überflutet das Land und unaufhaltsam dahinrast –
erst widerstehet der Damm und wehret den wütenden Wassern,
dann aber bricht er zusammen und weithin schießen die Fluten —
also ergaben die Schüler  sich schließlich der krampfhaften Lachlust,
ballten  die schmächtigen Fäuste, es brach ihr Gelächter hera-us.
Ringsum erdröhnte der Saal und weithin scholl es nach draußen.


Und siehe. Draußen  klopft es  an der Tür. Die Tür wird halb geöffnet, der Lehrer der nächsten Stunde in der Nachbarklasse schaut herein, Studiendirektor Droht, schwarzer Anzug, schwarze Aktentasche, schwarzes Brillengestell, seine Fächer sind Latein und katholische Religion. Was sieht er da? Die Rollos verdunkeln noch den Raum. Das Licht ist an. Die Kerze brennt vorne auf dem Pult. Zwei  Schüler in der letzten Reihe liegen quer über den Tischen.  Alles irgendwie disparat und derangiert, wirr. Junger Kollege das, ihm ist der Unterricht entglitten. Aber recht ruhig ist er,  unangemessen ruhig. Seltsam.
"Was ist denn hier los? Was ist hier geschehen?  Herr Wenzel?"
„Nun ja“, sagte der Referendar, „ein religiöses Experiment. Wir haben mit den Merseburger Zaubersprüchen gearbeitet.“

Franz Kafka und Max Brod und Rainer Maria Rilke und Nepomuk

Am nächsten Tag, kein Schmarrn jetzt, stand Wenzel vor dem Schulgebäude an der Bushaltestelle, ein älterer Herr - langer schwarzer Mantel, etwas abgeschabter Pelzkragen, weißes Halstuch aus Seide -  kam auf ihn zu.
„Entschuldigen Sie, junger Mann. Sie sind hier Lehrer?“
„Ja. Deutsch und Latein ..“
„Oh, mein Onkel Johannes Burckhardt arbeitete beim Prager Tagblatt, war gut bekannt mit  Max Brod und Otto Brod, dem Bruder. Die Namen sagen Ihnen wahrscheinlich nichts?“
„Doch, Max Brod hat die Bücher von Franz Kafka herausgegeben. Kafka hatte ihn aber darum gebeten, alle Aufzeichnungen zu verbrennen.“
„No, da kann ich Ihnen was erzählen. Max kam zu Otto Brod und meinem Onkel, als Franz gestorben war. Was soll ich nur machen, was soll ich nur machen?  Der letzte Wille vom Franzel war, ich soll alles in Feuer werfen, alles. Nix soll veröffentlicht werden. Ich hab´s ihm schwören müssen. Was soll ich nur machen?.... No, Max, weißt was. Die  Schriften vom Franz gibst du heraus. Verbrennen tust die deinigen.. Meinen´s,  Ihr Direktor hätte Interesse, wenn ich an der Schule einen Vortrag halte?“
„Das ist eine wirklich gute Geschichte“, meinte Johannes, "ich sage im Sekretariat Bescheid, die fragen dann Herrn Aurelius Patscheider." Dann lächelte Johannes: "Übrigens, meine Großmutter stammt aus Prag, mein Vater hat in Prag Germanistik studiert und ich verstehe ein bisschen Tschechisch."
"Dann können Sie ja sicher“, er machte ein Pause, „dann können sie ja sicher Pemmisch?"
"Schon."

Der Mann rollte mit den Augen und begann ein frühes Gedicht von Rilke zu zitieren:

"Große Hajlige unt klajne
fajert jägliche Gemajne.
Aber disä Nepomuken!
Fon des Torganx Luken guken
Unt fon allen Bruken schpuken
lautrlautr Nepomuken." 

Ach! Sein  Vater und seine Großmutter lächelten, da war er sich gewiss,  aus dem Jenseits, Rilke auch, und Urzidil und Kisch.  Johannes rezitierte das pemmische Gedicht  jetzt hochdeutsch:

"Große Heilige und kleine
feiert jegliche Gemeine.
Aber diese Nepomuken!
Von des Torgangs Luken gucken
und auf allen Brucken spuken
lauter, lauter Nepomuken!" 

Hach!
Frau Fischhaber oben im Lehrerzimmer, die  würde sich wundern, was es seit dem Freitag alles zu erzählen gab.
.

Für Aficionados:
Basisinformation zu den "Merseburger Zaubersprüchen":
 Wiki-Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Merseburger_Zauberspr%C3%BCche
Ougenweide: Merseburger Zaubersprüche, am Schluss der Pferdesegen gegen die Würmer mit dem Pfeil
 Befreiung
 Pferdesegen
 Wurmsegen
Leopold Weber: Unsere Heldensagen
 Titelblatt Recke mit Schild und Brünne
Das tschechische Fingerspiel
 Mutter und Sohn
Tschechisch-Deutsch wie bei Großmutter (Jaromir Konecny)
 Hamser am Fallschirm

Anmerkung von Willibald:

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Nachtrag

Kennen Sie vielleicht die „Schwere Stunde“ von Thomas Mann? Ja? Die novellistische Studie? Wow. Dann sind Sie wahrscheinlich Deutschlehrer an einem Gymnasium. Und, geben´s es zu: Sie sind am Verzweifeln. Und das nicht nur wegen der Korrekturen.
Weil?

Sagt man zum Beispiel zu seiner 11. Klasse: „Sie sollten gestern, bevor wir heute ins Detail gehen, die Ringparabel in Lessings Nathan der Weise schon mal im Voraus lesen. Die drei Reclam-Seiten, das war Hausaufgabe. Also, da gibt es drei Brüder und diesen Ring des sterbenden Vaters. Überlegungen dazu? Erste Ansätze? Na? Was ist Ihnen dazu eingefallen? Ist Ihnen etwas aufgefallen?"
Lastende Stille und fröhlich-entspannte Resignation.
"Was fällt Ihnen dazu jetzt ein? Was haben Sie da gerade leise gesagt, Sven? Sagen Sie es laut, keine Sorge, vielleicht liegen sie richtig."
„Ok, die sind vielleicht schwul, die Brüder?“
„Mein Gott, wie kommen Sie denn darauf?“
„Na, drei erwachsene Männer und sie schlägern sich um ´nen Ring.“

Kurz und schon auch gut jetzt: Dieser Deutsch-Unterricht haut keinen vom Stuhl. Aber es gibt, wir haben es gesehen, erbauliche, tröstliche Ausnahmen. Seltene Momente, gewiss, Seltene Stunden, ja doch.

Diese Geschichte jetzt gerade vor diesem Nachtrag, Birgt sie nicht für aufmerksame Leser und müde Pädagogen rekreatives Potential? Kann sie nicht Niedergeschlagenheit lindern, Lebensmut restituieren, heilen?

Diese Geschichte hätte es nicht gegeben ohne meine tschechisch-böhmische Großmutter und meinen germanistischen Vater. Und wer diese lange Erzählung bis zum Schluss durchhielt, bis hin zu Max Brod und Franz Kafka und dem heiligen Nepomuk, dem lächeln Vater Wenzel und Großmutter Wenzel jetzt gewiss zu. Und all unsere Missgeschicke und Glücksmomente sind aufgehoben in dieser Geschichte, für eine begrenzte Zeit. Nicht wahr?


 
 

Kommentare zu diesem Text


LottaManguetti
Kommentar von LottaManguetti (13.02.2019)
Leider bin ich des Slowakischen nicht allzu mächtig (to je mi velmy lito, to je ale skoda - hab grad die Akzente verborgt, lach), Herr Nachbar, ähnelt es doch dem Tschechischen. Aber dafür habe ich ein gutes Gedächtnis für Mäuschen.



Darum: Sternensegen!
diesen Kommentar melden
Willibald meinte dazu am 13.02.2019:
Velmi vám děkuji, drahá Lotta, za požehnání a všechno.

Mäuschenerinnerungsselig
ww
diese Antwort melden
LottaManguetti antwortete darauf am 13.02.2019:

Dein Text ist, abgesehen vom von mir beachteten Teil, ein wirkliches Schmankerl!
Das muss ich noch loswerden.

Deine Antwort habe ich sogar zu 90%verstanden. Lach.
diese Antwort melden
Willibald schrieb daraufhin am 13.02.2019:
Du hast slowakische Verwandtschaft?

Beste Grüße
ww
diese Antwort melden
LottaManguetti äußerte darauf am 13.02.2019:
Väterlicherseits slowakisch/österreichisch.
diese Antwort melden
loslosch
Kommentar von loslosch (13.02.2019)
wir hatten in der oberstufe einen begnadeten deuschlehrer namens hildebrand. nomen est omen. dort beteten wir das vater unser auf gotisch, lernten "hiltibrand entu hadubrand untar heriun tween" (schreibung spontan), natürlich viele minnelieder und die zaubersprüche.

in der mittelstufe hatten wir einen (ziemlich faulen) deutschlehrer namens wenzel, sogar dr. wenzel.


bildlich liege ich auf dem tisch vornüber und lache, lache ...
diesen Kommentar melden
Willibald ergänzte dazu am 13.02.2019:
Gottsdonner.

Der Mythos hält uns in seinen starken Armen.

Beste Grüße
ww
diese Antwort melden

Willibald
Zur Autorenseite
Zum Steckbrief
Zur Fotogalerie
Zum Aktivitäts-Index
Veröffentlicht am 13.02.2019, 159 mal überarbeitet (letzte Änderung am 13.10.2019). Textlänge: 2.676 Wörter; dieser Text wurde bereits 324 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 14.12.2019.
Lieblingstext von:
LottaManguetti, Lluviagata.
Was meinst Du?
Diesen Text kommentieren
Schlagworte
Deutsch Lehrer Tschechisch Komik Max Brod Kafka Russen Saga Dietrich von Bern; Merseburger
Mehr über Willibald
Mehr von Willibald
Mail an Willibald
Blättern:
voriger Text
nächster Text
zufällig...
Weitere 6 neue Erzählungen von Willibald:
Pan. Flacher Atem. Books, Movies, Music, Minds. Willibalds Corner (I): Senioren-WG mit rhetorischen Figuren. Die Wahrheit des böhmischen Sauerbratens Oldschool-Wumms. Haikus im Bubble-Gum. Wie Stefan einst im Freilauf sein Facharbeitsthema fand. WunderPunkt und LöwHörnchen
Dieser Text ist höchstwahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. mehr Infos dazu
diesen Text melden
© 2002-2019 keinVerlag.de   Impressum   Nutzungsbedingungen 
KV ist kein Verlag. Kapiert?
© 2002-2019 keinVerlag.de