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Wenn im Herbst die Tage länger werden, denke ich an Helene

Prosagedicht zum Thema Erinnerung


von Ebenholz

I.

Zur Geburt drückte man mir eine Puppe in den Arm
und zu meinem zweiten Weihnachtsfest bekam ich die Küche dazu.
Mit drei Jahren gab man mir eine Strickliesel in die Hand.
Damit ging ich fortan spazieren
und zog die Schnur hinter mir her.
Ich trug fünf Jahre lang ein Kleid aus demselben Stoff
wie meine Mutter,
sie ließ es mir immer wieder aus,
wenn ich drohte,
herauszuwachsen.
In meine feinen Haarflusen
band sie mir eine Schleife, eine Blume,
die ziepte.

Es gab noch vereinzelt Ruinen,
Trümmerhaufen zwischen den Fassaden,
Denkmäler von etwas
vor unserer Zeit.
Wir spielten nicht mehr darin.

Grauer Städte Mauern ist ein Klischee.
Es gibt Fachwerk
und Backstein.

Es war nicht alles schlecht in den 50ern.
Jeden Sonntag gab es Fleisch mit Einbrenn,
dann eine Runde mit dem Puppenwagen.

II.

Helene hatte immer Hunger und kriegte den Mund nicht auf.
Ich sah aus dem Fenster auf den Baum im Hof,
zählte seine Zweige,
und Helene brodelte neben mir
und zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen,
„pass doch auf!“
Wir bügelten uns die Haare gegenseitig.
In der Garderobe tauschten wir die Hosen im Winter
gegen Röcke. 
Es roch nach Bohnerwachs.
Ihre Mutter war stummer.

III.
„Wer zweimal mit demselben pennt ...“
Ich gab nach.
„Ab dem ersten Kind wird es besser“.
Ich gab nach.
„Ein Orgasmus ist nicht das Wichtigste“.
Ich gab nach.
„Seit der Geburt bist du frigide“.
Ich gab nach.

„Was stellst du dich auch immer so an!“,
zischte Helene.
„Männer sind eben so, beiß einfach die Zähne zusammen!“
Ich blickte aus dem Fenster in den Garten unseres Einfamilienhauses,
wo ein Kirschbaum stand,
und zählte die Blüten, die in der lauen Sommerluft
auf den Boden segelten.
„Hast du noch was von dem Pudding?“,
Helene stieß mich mit dem Ellenbogen an.

IV.

Meine Töchter sollten keine Schleifen tragen müssen,
keine rosa Rüschenkleidchen,
aber sie bettelten darum.
Ihre Badezimmer stehen voll mit Haarentfernungsprodukten
und zum Haarebügeln gibt es jetzt ein Gerät.
„Lass dich doch nicht so gehen, Mama!“
Meine Hände sind rot und rauh.
Ich bin nicht fett geworden wie Helene.

V.

Mein Mann verließ mich.
Helenes Ehe blieb kinderlos.
Meine Töchter arbeiten.

Ich sehe mir Walter Sittler im Fernsehen an
und warte auf mein erstes Enkelkind.

Noch ist es nicht zu spät.

Anmerkung von Ebenholz:

Ich möchte mich bei allen sehr herzlich für die Empfehlungen und die zusprechenden, erqulicklichen Kommentare bedanken für meinen Beitrag zum Frauentag und natürlich auch für die warmen Willkommensgrüße! Das macht mir wirklich Mut und Lust weiterzuschreiben! Besonders freue ich mich darüber, dass der metaphorische und der sachliche Gehalt gleichermaßen erkannt wurde, denn beides stimmt. Mit lieben Grüßen von Ebenholz

PS: Ich glaube wie Morphea, eine Helene ist immer mitten unter uns. Puppen haben mich nicht sehr interessiert, aber ich verrichte immer noch sehr gerne Handarbeiten wie meine Mutter und meine Großmutter. Diese Familientradition führen meine Töchter leider nicht fort, dafür haben sie es sonst besser, aber noch nicht gut genug. Danke für die Erklärung zu Anne Sexton!

Mir wurde heute erst erklärt, daß man direkt auf die Kommentare antworten kann. Bitte seid mir nicht böse, daß ich das bei diesem Text nicht nachhole. Noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die mir geschrieben haben!


 
 

Kommentare zu diesem Text


autoralexanderschwarz
Kommentar von autoralexanderschwarz (08.03.2019)
schön!
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Morphea
Kommentar von Morphea (08.03.2019)
hach, da bin ich gerne mitgelaufen. Durch einen Zeitlauf der sich eigentlich immer wiederholt, nur anders. Hat mich auch nicht gelangweilt beim Lesen und so eine "Vergleichs-Helene" an der man sich selber mißt, die begleitet wohl jeden. Die Strickliesel ist für mich eine Metapher denn irgendwie stricken wir immer an Fäden die lebenslang hinter uns hergezogen werden,
habe es ohne Anflug von Langeweile gelesen und das gerne.
M. ;)

Kommentar geändert am 08.03.2019 um 16:56 Uhr
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princess
Kommentar von princess (08.03.2019)
Hallo Ebenholz,

das ist ein Text, mit dem ich mich zu Hause fühle. Anders kann ich es irgendwie nicht ausdrücken.

Herzlich willkommen bei kV und liebe Grüße
princess
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LottaManguetti
Kommentar von LottaManguetti (08.03.2019)
Toller Einstieg!

Lotta
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Trainee meinte dazu am 08.03.2019:
Wow!

Hallo Ebenholz,
ich bin ganz hingerissen. Auch darüber, dass du dein Gedicht zum Weltfrauentag einstellst.
Inhaltlich habe ich nichts hinzuzufügen; deine frühen Erinnerungen decken sich großenteils mit meinen eigenen. -
Die Form hast du vorzüglich gemeistert. Die Aufteilung in fünf Abschnitte passt und ebenso dein lakonischer, bitter-süßer Schluss.

Herzlich willkommen.
Trainee

Antwort geändert am 08.03.2019 um 19:02 Uhr
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Kommentar von Artname (08.03.2019)
Das nenne ich Dichtung!
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wa Bash
Kommentar von wa Bash (08.03.2019)
gut geschrieben, gefällt mir...
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TassoTuwas
Kommentar von TassoTuwas (08.03.2019)
Ein Rückblick von präziser Sachlichkeit geprägt, der gerade dadurch beim Leser emotionale Nähe auslöst.
Ich denke, da kann noch mehr Lesenswertes kommen!
Viel Spaß auf KV
LG TT
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Hilde
Kommentar von Hilde (08.03.2019)
Willkommen Ebenholz!

Ein sehr guter Text, hervorragend geschmiedet, interessant zu lesen.

LG
Hilde
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Sätzer
Kommentar von Sätzer (08.03.2019)
Ein guter Einstand hier bei KV. Wünsche dir weiterhin viel Freude beim Schreiben.
LG Sä
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DeenahBlue
Kommentar von DeenahBlue (10.03.2019)
Nein, noch ist es nicht zu spät.. und Helene.. ja nun, die..

..toll, Ebenholz, das gefällt mir sehr.

Liebe Grüße
Deenah
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aliceandthebutterfly
Kommentar von aliceandthebutterfly (11.03.2019)
Liebe Ebenholz,

das ist mein bisheriger Lieblingstext im keinOscar Wettbewerb! Ich kann nicht erwarten, ihn meiner Mutter zu zeigen, die aus deiner Generation stammt und vielleicht noch mehr aus ihm mitnehmen kann als ich. Im Gegensatz zum lyrischen ich liebte sie aber das Puppenspielen über alles.

LG

Kommentar geändert am 11.03.2019 um 18:00 Uhr
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tigujo
Kommentar von tigujo (13.03.2019)
Schön dicht, schön klar, einfach und schön.
Bitte schreib weiter
LG tigujo
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HerrSonnenschein
Kommentar von HerrSonnenschein (14.03.2019)
Das ist großes Kino! Toll!
Herzlich Willkommen!
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