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Morgen ist sie vielleicht vorbei.

Prosagedicht zum Thema Licht


von Ebenholz

I. Vorrede

„Das war aber ein Wintermonat“, aha, der Pastor, schmunzelnd,
„dass sie da gefroren haben, also da können sie sich nicht beschweren,
meine ich".

Und ich ging mit meiner Laterne, durch die Dunkelheit des angerauchten Tages,
Sankt Martin, Sankt Martin.
Ein Tag hat im Winter wenig Stunden ein Leben zu ändern, wir hatten fünf davon,
und jeder einen Mantel
und „nachts schlafen die Ratten doch“,
erzählte mir meine Jüngste
und sprach einen ganzen Winter lang in Trümmern.
Aber ich war nachtblind
unter Kohl.

II. Nachrede

Ich verbrannte mich
unter deinen Gliedern,
mein Rumpf war voll mit braunen Brandflecken
und meine Haut schälte sich auch im Winter
wie nach einem Sonnenbrand
und ich zupfte, zupfte und pellte und hoffte
auf ein Stück Fleisch darunter.
Vergebens.
Ich vergaß nie dir zu danken, vorher und nachher,
wenn du mein Gesicht mit einem Tuch abdecktest
und Arme und Hände an den Bettpfosten knüpftest
„Ich sehe aus wie diese Zeichnung von Da Vinci“,
dachte ich, wenn ich auf dem Rücken lag
„baute der nicht an einer Flugmaschine
oder war das Sokrates?“
Ich wollte mit den Mädchen nach Italien fahren.
Oder ins alte Griechenland?
Mein Gesicht und meine Arme und meine Füße
blieben von deinen Gliedern unberührt
und den Rumpf steckte ich in die Kleider,
deine Kleider, meine Kleider,
ein wahres Schmückstück, war ich eines, deines
„Ihr Mann ist aber ein ganz Großzügiger“,
Nachbarinnen und Spielplatzmuttis und Kindergartenfräuleins und Lehrerinnen
bewunderten die Anmut,
mit der ich meinen Glassarg trug
an jeder Hand zwei Kinder
und einen Ring aus Gold.

III. Anrede

Meine kleinen Äffchen
hört bloß nicht auf zu kreischen
und rennt immer nach der Kokosnuss
(auch wenn es stört)
meine Affenkinder mit euren langen Armen,
die ihr mir um den Hals geschlungen habt.
Ich trug euch gerne auf meinem Rücken
jetzt müsst ihr aufrecht gehen
jetzt müsst ihr klettern
jetzt müsst ihr hangeln

lasst mich nur am Boden liegen,
Ich liege jetzt auf dem Bauch
wie es mir gefällt,
jaja, das gefällt mir so.

IV. Zurede

Ich weiß noch kühle Milch
und süßen Brei,
und der Ritt auf einem Steppentier,
das sich die Hufe am Kopfsteinpflaster stieß.
Meine schweren Brüste bedeckten den zerfurchten Bauch
und ich hielt sie in beiden Händen,
die Laterne zwischen die Zähne geklemmt
und wir sangen Kinderlieder aus dem Radio,
jeder in seinem Mantel
zusammengeschweißt
und reckten die Hälse in den Morgen vor uns.

Er graute.

Anmerkung von Ebenholz:

Für meine Töchter

Ich bin sehr gerührt über so viel Anteilnahme an meinem Text! "Nachts schlafen die Ratten doch" ist eine Geschichte, die meine Tochter in der Schule gelesen hat, ich habe immer versucht, mit den Kindern zu lernen und von ihnen. Es ist sehr schön, daß es hier Menschen gibt, denen meine Erinnerungen nicht fremd sind. Ja, in einem einzigen Leben geschieht so viel, auch wenn es von außen normal aussieht. Erlittene Liebe klingt sehr poetisch. Meinen Töchtern wünsche ich, dass sie sich behaupten und es sieht meistens gut aus. Wer ist Anne Sexton? Verkopft, aha, das werde ich mir merken, ich verstehe es aber nicht ganz. Ich sage noch einmal herzlichen Dank für die engagierten Kommentare und die Empfehlungen! Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht.

Mir wurde heute erst erklärt, daß man direkt auf die Kommentare antworten kann. Bitte seid mir nicht böse, daß ich das bei diesem Text nicht nachhole. Noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle, die mir geschrieben haben!


 
 

Kommentare zu diesem Text


DeenahBlue
Kommentar von DeenahBlue (10.03.2019)
und „nachts schlafen die Ratten doch“.

damit hattest Du mich eingefangen
Und auch sonst: Hut gelupft, toll.
Herzlich:
Deenah
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LottaManguetti
Kommentar von LottaManguetti (10.03.2019)
Liebe Ebenholz, ich weiß gar nicht, wie ich es dir schreiben soll, ohne dass du gleich in die Luft gehst:
Dein Text hat mich beeindruckt, tief beeindruckt. Deine Sprache ist einmalig und schön und sie ist gleichzeitig so treffsicher wie zärtlich.
Inhaltlich berichtet sie von einem Leben, angefüllt mit Sinuskurven (Auf und Ab`s) und auch die vier Mädchen (bei mir sinds 4 Jungs) - da ist so viel Erinnerung, die du wachrufst, Lebensgefühl, das Wiedererkennungswert in sich trägt!
Super geschrieben! Damit musst du dich nicht verstecken!

Lotta
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Kommentar von Trainee (71) (11.03.2019)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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aliceandthebutterfly
Kommentar von aliceandthebutterfly (11.03.2019)
Ein sehr schönes, trauriges und dann hoffnungsvolles Gedicht. Es erinnert mich in seiner metaphorischen Kraft an eine Anne Sexton.

Herzlich Willkommen!

LG, Stefanie
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aliceandthebutterfly meinte dazu am 11.03.2019:
Anne Sexton war eine amerikanische Lyrikerin, deren Name mir aber auch erst vor einem Jahr untergekommen ist. Sie hat sehr persönliche Gedichte geschrieben, die metaphern- und bilderreich von ihrem Leben erzählen.
Ich interessiere mich für sie, auch weil sie eine ähnliche psychische Erkrankung wie ich hatte.
Ich habe manche ihrer Liebesgedichte und Texte aus den "Verwandlungen" gelesen, wo sie die Grimmschen Märchen in persönliche und, wie ich finde, auch feministische Texte transformierte.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (11.03.2019)
Sehr verkopft.

Guten Tag.
diesen Kommentar melden
Willibald antwortete darauf am 29.04.2019:
Ächz.
diese Antwort melden
Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 29.04.2019:
Was bedeutet ...?
diese Antwort melden
RainerMScholz
Kommentar von RainerMScholz (15.03.2019)
IV. - super.
I. auch.
II. ist schwer.
Grüße,
R.

Kommentar geändert am 15.03.2019 um 22:30 Uhr


Kommentar geändert am 15.03.2019 um 22:32 Uhr
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Ebenholz
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Veröffentlicht am 10.03.2019, 16 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.03.2019). Textlänge: 396 Wörter; dieser Text wurde bereits 319 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.05.2019.
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