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Schreiben auf der Grenze: Realitätskritik durch GrenzüberschreitungInhaltsverzeichnis

Nichts ist real

Text


von aliceandthebutterfly

Ich denke, dass unsere Zeit sehr von (unausgesprochenen) Regeln bestimmt ist – auch wenn wir angeblich „freier“ als früher sein sollen. Aber man lebt heute meist angepasst, so dass Menschen, die in diesen Kategorien nicht leben können, schnell an den Rand gedrängt werden; sie kommen in Psychiatrien, haben Probleme eine Arbeit zu finden, ziehen sich in ihre eigene Welt, ihre eigenen vier Wände zurück.
Den Konflikt zwischen vorgegebener Realität und abweichenden Verhalten gab es auch schon früher und nicht selten wurde er in der phantastischen Literatur ausgetragen.
So ist der Arzt eine beliebte Figur der Phantastik, die für die „gesellschaftliche Instanz“ steht und „über die Normalität von Menschen entscheidet“. Wenn wir uns zurückerinnern finden wir diese Instanz - im weitesten Sinne - in El hombre sirena und Pájaros en la boca wieder.
Denn El hombre sirena handelt von einem Mädchen, deren Mutter verrückt ist und aufgrund verschiedener Hinweise kann man auch annehmen, dass sie selbst an einer psychischen Erkrankung leidet. Ihr Bruder meint am Ende der Erzählung:   
„-Vamos, es tarde. El médico va a matarnos.“.  Hier ist es für mich unsicher, ob der Arzt der Mutter oder ihr eigener Arzt gemeint ist. Auch in Pájaros en la boca überlegt der Vater seine Tochter in die Psychiatrie einweisen zu lassen, wobei beim Leser der Eindruck entsteht, dass er sie einfach nur loswerden und seine Ruhe haben will. In beiden Erzählungen werden die Protagonistinnen also von einer äußeren, medizinischen Instanz bedroht, da ihr Verhalten von der Umwelt als anormal interpretiert wird.

Dass Schweblin das Ende von El hombre sirena offen gelassen hat, ist für mich auch eine Stellungnahme zu der normalen Welt. Denn wer weiß schon mit absoluter Sicherheit, dass es Sirenenmänner nicht gibt. Es ist ein Infragestellen der Realität; das namenlose Mädchen hat sich eine neue Dimension erschlossen und sich weiterentwickelt. Ob dies nun durch eine psychische Störung oder eine Anderswelt geschah, ist dabei nicht wesentlich.

Diese Kritik eines Glaubens an eine absolut bestimmbare Wirklichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil in ihrem Schreiben:

"Creo que una de las cosas que más me fascinan cuando escribo es lograr correr el velo entre lo “normal”, y lo “anormal”, comprobar una y otra vez que lo que consideramos normal a veces no es más que un pacto social, un espacio cerrado y seguro que nos permite movernos sin vislumbrar nunca lo desconocido. Pero lo desconocido no es lo inventado ni lo imposible, ¡por favor! "
Auch im Videointerview gibt sie an, dass sie Geschichten interessieren, welche das, was wir Normalität nennen, anzweifeln. Es geht ihr darum aufzudecken, dass die Normalität eigentlich nur ein Kodex ist.

Und deshalb sind die Figuren, die sich in unseren drei Erzählungen auf die phantastische Seite eingelassen haben, mutig. Auch wenn ihr Handeln zum Teil traurig stimmt, weil es an einen Rückzug von der Welt gekoppelt ist, unterwerfen sie sich nicht dem „Kodex“ der Normalität. Ihr Handeln – sei es das Vogelessen, die Verwandlung zum Schmetterling, die Begegnung mit dem Sirenenmann – ist rebellisch.
Obwohl die Abweichungen klein sind und keinem Anderen weh tun, müssen sie abseits der Welt, isoliert leben. Sara zieht sich in ihr Haus zurück, die Schmetterlinge flattern weg, als die Eltern die Namen ihrer Kinder rufen und das Mädchen des Sirenenmannes denkt zum Schluss, als sie ihre phantastische Gestalt verlässt und ins Auto des Bruders steigt: „Entonces no sé qué hacer, y cuando no sé qué hacer, el mundo me parece un lugar terrible para alguien como yo, y me siento muy triste.“

Das ist für mich eine Kritik an der Welt – und nicht etwa die Kritik an jemanden wie sie es ist. Das Abseits, in dem die Figuren hier leben, stellt für mich dar, dass Menschen gerne ausgegrenzt werden, wenn sie „anders“ sind, ungeschriebene Grenzen überschreiten und aus sich heraus leben.

Man bedenke nur wie sehr die heutige Gesellschaft von Regeln gesteuert wird, die oft aus der Wirtschaft kommen, den Menschen auf seine „Nützlichkeit“ degradieren – und uns von unserer Natur entfernen. In großen, internationalen Unternehmen (auch das habe ich in einer Arbeitsstelle erlebt) wird beispielsweise oft nach Wohlergehen gefragt, gelächelt, werden Körperpositionen eingenommen, Augenkontakt aufgenommen – weil man es in einem Training so „gelernt“ hat. Das erzeugt meiner Meinung nach in uns Probleme und deshalb ist es gut, dass uns ab und an ein Spiegel vorgehalten wird, der sagt: Was ist schon real?

Diese Kritik an einer vorgefertigten Meinung der Realität und Normalität übt auch Hans Peter Duerr in Traumzeit.
In vielen Kulturen ist die „Welt der Wildnis“ ebenso Bestandteil des Lebens wie die „Welt der Zivilisation“. Wir erinnern uns, dass eine „Welt der Wildnis“ jene ist, in der Tabus manchmal überschritten werden, in der auch Geister, Götter leben oder Menschen - wie es beispielsweise in manchen indigenen Kulturen der Fall ist - mit der Natur kommunizieren. Nun spricht auch er von Psychiatern, „die die Grenzen, welche die moderne Zivilisation zwischen sich selbst und der Wildnis zieht, mit den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Schein identifizieren.“
Er nennt also „die gesellschaftliche Instanz“ des Arztes, welche, wie wir gesehen haben, auch in El hombre sirena und Pájaros en la boca ein Gegengewicht zu der phantastischen Weltsicht der beiden Protagonistinnen bildet. Denn diese haben den Schritt hinein in die Wildnis, in die vermeintliche Irrealität gewagt. Damit werden sie für die Ärzte zu Kranken, denn in deren Weltsicht ist das Überschreiten dieser Grenze gleichbedeutend mit Krankheit, wie uns Duerr erklärt:
„Was jenseits dieser Zivilisationsgrenzen liegt, ist für sie meist nur eine >>Projektion<<, und die Auflösung der Grenzen ist das Anzeichen für eine Krankheit der Seele.“
Er kritisiert auch die Wissenschaft an sich, die eine Existenz der Welt „hinter dem Zaun“, die Existenz der Wildnis ganz abstreitet – oder sich jedenfalls nicht damit beschäftigen will.

Ein wirkliches Sehen ist für Duerr nur „zwischen den Welten“ möglich – die Grenzgänger haben den wahren Blick für das Ganze. Damit sind beispielsweise Heimkehrer aus der Wildnis gemeint, wie wir es auch in El hombre sirena gesehen haben, denn:
„Die Erkenntnis wartet auf den Heimkehrer aus der Wildnis. (…) Sie erfuhren die Auflösung der Ordnung, und damit erfuhren sie erst die Ordnung.“
Die, die auf der Trennungslinie bleiben haben den offenen Blick für beide Seiten und können also mehr sehen als der rein „Wissenschaftsgläubige“ oder „Zaubergläubige“, welche jeweils nur ihren eigenen Standpunkt wahrnehmen können.

Das lässt mich an Samanta Schweblin – und überhaupt an die Autoren der Phantastik – denken, die in ihrer Literatur auf der Grenze zwischen real und irreal bleiben.
Vielleicht braucht es sie, damit wir auch in einer starren, rigorosen Realität Entgrenzung erfahren und sie vielleicht auch in unser Leben hineintragen können.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (19.03.2019)
"Ihr Handeln – sei es das Vogelessen, die Verwandlung zum Schmetterling, die Begegnung mit dem Sirenenmann – ist rebellisch.
Obwohl die Abweichungen klein sind und keinem Anderen weh tun, müssen sie abseits der Welt, isoliert leben. Sara zieht sich in ihr Haus zurück, die Schmetterlinge flattern weg, als die Eltern die Namen ihrer Kinder rufen und das Mädchen des Sirenenmannes denkt zum Schluss, als sie ihre phantastische Gestalt verlässt und ins Auto des Bruders steigt: „Entonces no sé qué hacer, y cuando no sé qué hacer, el mundo me parece un lugar terrible para alguien como yo, y me siento muy triste.“"


Danke für deine ausführlichen Literaturhinweise auf Samanta Schweblin. Ihre von dir hier dargestellte Welt ist mythisch-magisch, phantastisch, naturverbunden, traumhaft, realitätsentrückt. Fantasie und Wirklichkeit vermengen sich untrennbar. Wer dafür begabt erscheint, gilt entweder als fantasievoll oder verrückt. Manchmal beides. Aus guten Gründen behalten viele ihre Fantasien für sich.

Deine Erwähnung von Dürrs "Traumzeit" ergänze ich um Dürrs "Sedna oder Die Liebe zum Leben". Dürrs Traumzeit wurde mir von Graeculus empfohlen, einem ehem. kV-Mitglied, der bei Manchen für seine rationalistischen Ansichten verpönt schien, jedoch wesentlich vielfältiger dachte. Magische Seiten haben und hatten viele Künstler und Wissenschaftler. Ob man Newtons sorgsam der Öffentlichkeit verborgen gehaltenen alchemistischen Studien heranzieht oder C .G. Jungs Rotes Buch oder Strindbergs Blaubuch, de la Motte-Fouques Undine oder Philipp Schaabs paukenschlagartiges Erstlingswerk "Der süße Duft der Kobralilie", der Autor ist auch bei kV, Traum und Wirklichkeit sind keine Motive nur für sozial Ausgegrenzte, sie können genauso gut unter Physikern, Ethnologen, medizinischen Psychotherapeuten und Schriftstellern zuhause sein.


Das ist für mich eine Kritik an der Welt – und nicht etwa die Kritik an jemanden wie sie es ist. Das Abseits, in dem die Figuren hier leben, stellt für mich dar, dass Menschen gerne ausgegrenzt werden, wenn sie „anders“ sind, ungeschriebene Grenzen überschreiten und aus sich heraus leben.


Kafka und Becket fanden, es sollte der Punkt erreicht werden, ab dem es kein Zurück gibt. Hesse in Demian schrieb vom "Kainsmal" einer für "Normale" unerkennbaren imaginären Bruderschaft. "Andersartige" erkennen einander blind. Und das ist auch gut so. Ist Anderssein freiwillig oder selbst gewählt? Ich weiß nicht. Doch es sollte willentlich durchaus freudig gelebt werden können. . Kennst du J. Campbells "Die Kraft der Mythen"?

Dieser dürfte dir gefallen: https://www.storl.de/biographie/ Lese mit Begeisterung seine Bücher. Es gibt zahlreiche Filme über ihn.

Kommentar geändert am 19.03.2019 um 12:01 Uhr
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aliceandthebutterfly meinte dazu am 19.03.2019:
Oh, danke für die vielen phantastischen Literaturhinweise! Es wundert mich nicht, dass Graeculus "Traumzeit" mochte, immerhin ist er ja ein Fisch

"Undine" mag ich sehr - außerdem möchte ich deine Literaturhinweise noch mit Edgar Allen Poe ergänzen. Ich habe mir von meiner Schwester mal zu Weihnachten "Unheimliche Geschichten" gewünscht, ein Band von manchen seiner Erzählungen, die wunderwunderschön von Benjamin Lacombe (meinem Lieblingsillustrator) illustriert wurden.

Wie heißt der Autor von "Der süße Duft der Kobralilie" auf kv??? Es ist nämlich ein sehr schöner Titel.

Campbells "Die Kraft der Mythen" kenne ich nicht, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, es zu lesen ;)

Samanta Schweblin ist sehr empfehlenswert, ich mag zeitgenössische Literatur <3 Dies war eine (meiner 2) Bachelorarbeiten und sie entstand im Zuge eines Phantastikseminars.

Vielen Dank fürs LESEN, kommentieren und empfehlen!

Stefanie

Antwort geändert am 19.03.2019 um 12:18 Uhr


Antwort geändert am 19.03.2019 um 12:19 Uhr
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Dieter Wal antwortete darauf am 19.03.2019:
Philipp Schaab.. https://www.periplaneta.com/Produkt/editionen/subkultur-editionen/der-suesse-duft-der-kobralilie/

Poe war nach Goethe und Hemingway in meiner Jugend der dritte Autor, dessen Werk ich komplett las. Zuletzt wieder in "Heureka". Derzeit mag ich Poes literaturtheoretische Schriften am liebsten. So schrieb er zB über seine Poetik seines bekanntesten Gedichtes "The Raven"

Campbells "Die Kraft der Mythen" ist das beste über internationale Mythen, das mir bisher begegnete. Er verfügt souverän über beeindruckendes diesbezügliches Überblickswissen. Gerade in diesem aus TV-Interviews entstandenen Dialogen. In einem anderen seiner Bücher erwähnt er zB im Detail Strukturen und sinnvoll angeordnete bestimmte Motive von Grimms Märchen, die ich sonst nirgends fand. Bin völlig geplättet. Der Mann war ein Genie.

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Antwort geändert am 19.03.2019 um 12:45 Uhr
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Dies ist ein Absatz des mehrteiligen Textes Zwischen den Welten - Grenzerfahrungen in den Erzählungen der Samanta Schweblin.
Veröffentlicht am 14.03.2019. Textlänge: 893 Wörter; dieser Text wurde bereits 33 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.03.2019..
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