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HELMUT UND DIE FRAUEN

Erzählung zum Thema Allzu Menschliches


von Sätzer


Cover HELMUT UND DIE FRAUEN
Vorwort

Die Erzählung beginnt Anfang der 70er-Jahre in Hamburg. Die Hauptfigur Helmut (Jahrgang 1943) und die meisten anderen Figuren, mit denen er näher im Kontakt tritt, sind in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges oder kurz danach geboren.
Das schwere Leben der Eltern hat sie vor allem in der Jugendzeit geprägt. Viele Kriegskinder sollten eigentlich nicht in die Welt geworfen werden, doch eine Selbstbestimmung der Mütter, ob und wann sie schwanger wurden, gab es in der Regel nicht. Das autoritäre Verhalten einschließlich schlagender Eltern war nach den Kriegsjahren verbreitet und wurde vor allem durch die Väter umgesetzt. Die Nazizeit hatte die Elterngeneration nachhaltig geprägt.

Inhaltsverzeichnis

1. Der Mann, den Andrea eines Tages heiraten wollte
2. Die Verabredung
3. Das Treffen
4. Frei wie ein Vogel
5. Wie es war
6. Männerabend
7. Verpasste Liebe
8. Auf dem Weg zur Erleuchtung
9. Erinnerungen

1. Der Mann, den Andrea eines Tages würde heiraten wollen

Andrea wollte sich nicht eingestehen, dass sie beim ersten Treff sofort eine Zuneigung für Helmut empfand, diese deshalb zunächst lieber für sich behielt. Sie hatten sich auf einer Party bei ihrer besten Freundin Hannelore kennengelernt. Erst später würde sie ihm zeigen, was sie kann und vor allem auch was sie fühlte. Sie verabredeten ein Date für den kommenden Sonntag im Park-Café der Wallanlagen.
Helmuts Art war es, mit Neid und Hass umzugehen, indem er einfach beides unterdrückte. Vielleicht wollte er auf diese Weise sein Gefühl von Unterlegenheit kompensieren und Andrea auf seine Art faszinieren. Sie hatte einen Hochschulabschluss in Psychologie und er lediglich einen Fachhochschulabschluss in Elektrotechnik. Er wusste wie man im Umgang mit Menschen Grenzen überschreitet, ohne jemals die Konsequenzen dafür tragen zu wollen.

Die Parklampen brannten noch nicht an diesem Spätsommerabend, als sie in den Wallanlagen nach dem Besuch des Cafés schweigend spazieren gingen. Andrea musste daran denken, wie sie als Kind oft von zuhause abgehauen war, weil ihr Vater Wutausbrüche hatte und Mutter sie ohrfeigte. Gelitten hatte sie auch sehr, weil diese ihren kleinen Bruder immer vorzog. Doch ihr Vater hatte sie meistens gern. Wenn es Streit zwischen den Eltern gab, fühlte sie sich wie eingeklemmt zwischen doppelter Traurigkeit.
Mit Mutter und ihr lief es nie so wie es sollte. Sie war einfach nicht glücklich, hatte keine Lust auf Hausarbeit und regte sich häufig über Vater auf. Bis er wutschnaubend den Raum verließ und die Tür zuknallte, sodass der Putz am Rahmen bröckelte.

Helmut riss sie aus ihren Gedanken und fragte:
„Was ist? Du wirkst so abwesend.“
„Ach ich hab gerade an einen Streit zwischen meinen Eltern gedacht. Das kam in unserer Familie des Öfteren vor.“
Er nahm sie in den Arm, um sie zu beruhigen. Dann setzten sich beide auf eine Bank mit Blick auf die hohe Gefängnismauer im Hintergrund am Rand der Wallanlagen. Nach Momenten des Schweigens sagte er:
„Du Arme!…. Ist das der Grund, warum du Psychologie studiert hast?“
„Das kann schon sein. Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Aber mich haben die Mechanismen, wie Menschen miteinander umgehen, schon immer interessiert.“

Nach dem Spaziergang nahm Andrea Helmut mit zu sich in die Wohnung, um die Nacht mit ihm zu verbringen. Dort angekommen ging er erst einmal umher, schaute sich um und fing dann an, ihre Wohnungseinrichtung zu kritisieren - von vorne bis hinten.
Er sagte:
„Ich sehe hier unmögliche Farbzusammenstellungen, unmoderne Möbel und einen völlig deplatzierter Teppich."
Sie war entsetzt, erhob sich wütend aus ihrem Lieblingssessel, schrie:
„Was fällt dir ein. Raus hier, ich will dich nie wiedersehen“, und knallte die Wohnungstür mit Schmackes hinter ihm zu, sodass der Putz rieselte.
Helmut blieb konsterniert im Hausflur stehen, hoffte dann aber, dass sie ihm die Wohnungstür nach mehrmaligem Klingeln wieder öffnen würde. Vergeblich. Niedergeschlagen fuhr er nachhause. Es blieb ihm nur der Blick auf das Morgen, bevor er endlich einschlafen konnte.
Beim Aufwachen wurde ihm klar, dass er sich wie ein Kind benommen hatte. Er hielt sich für einen Erwachsenen und fand es bedrohlich, dass nun auch seine Erlebnisse aus der eigenen Kindheit immer wieder in das aktuelle Beziehungsgeschehen einbrachen.


2. Die Verabredung

Helmut nahm sich vor, bei seiner nächsten Beziehung zu einer Frau vorsichtiger zu agieren, seine Spontaneität in Schach zu halten. Ihm war aus seiner Tätigkeit als Verfahrensingenieur für elektronische Steuerungen klar, dass ein Mensch manchmal solange auf eine sich schließende Tür schaut, dass er dann die offenstehende nicht oder zu spät bemerkt.

Sie stand im Telefonbuch, die einzige Person, mit der er sich auf der Ingenieurs-Tagung vor zwei Wochen unterhalten hatte. Ihren Namen, der auf dem Anstecker deutlich zu lesen war, hatte er sich eingeprägt. Heute überlegte er, sie anzurufen. In dem Wissen, dass es töricht sein könnte, entschied er sich viele Male hin und her. Würde sie ans Telefon gehen? Schließlich nahm er den Hörer auf und wählte. Nach mehrmaligem Läuten sagte eine Männerstimme „Hallo!“
„Kann ich bitte Frau Schröder sprechen.“
Vermutlich konnte der Mann seinen aufgeregten Atem hören.
„Ja, wer ist am Apparat?“
„Helmut Schneider.“
Der Mann rief laut: „Elvira, für dich!“
Seine Nervosität stieg.
„Hallo“, ertönte eine kühle, klare Stimme nach circa einer halben Minute.
„Elvira?“
„Ja.“
„Hier Helmut Schneider.“
Er erklärte, wer er war und wo sie sich getroffen hatten.
„Ja natürlich", sagte sie, „ich erinnere mich an unser lebhaftes Gespräch.“
Es klang sehr sachlich.
Nach etwas Smalltalk fragte Helmut, ob sie sich zu Mittag treffen könnten. Wenn er es nicht getan hätte, würde er sich das nie verzeihen.
Es folgte Stille.

„Heute?“, fragte sie erstaunt.
„Ja das würde mir gut passen.“
„Wenn, dann etwas später. Ist um Eins o.K.?“, meinte sie.
„Ja gern, wo wollen wir uns treffen?“
„Kennen Sie das Ristorante Portonovo? Es liegt am nördlichen Ufer der Außenalster und hat einen herrlichen Blick nach Süden auf das Wasser mit den Ruder- und Segelbooten, Kanus und Alsterdampfern.“
„Gut. Können Sie mir die Adresse geben?“
„Ich glaube Alsterufer 2, aber das werden Sie nicht verfehlen. Es hat eine sehr große Außenterrasse, sodass wir bei schönem Wetter draußen sitzen können.“
„Ach ja, das kenne ich, wusste nur den Namen nicht mehr. Also bis dann Tschau“.
„Tschau.“


3. Das Treffen

Im Restaurant bei herrlichem Sonnenschein war es, wo er ungeduldig wartete. Dann kam Elvira dreißig Minuten später, zwängte sich zwischen den Tischen der fast vollbesetzten Außenterrasse hindurch. Sie trug einen beigen Pullover, eine schwarze Hose und eine dunkelbraune Lederjacke. Schließlich sah sie ihn. Er erhob sich etwas ungeschickt, sie lächelte.
„Hallo!“.
„Hallo!“
Helmut besann sich auf seine Zuversicht, die plötzlich zurückkehrte, so als hätte Elvira in einer Theaterkulisse gewartet.
„Ich hatte Bedenken, Sie anzurufen“, sagte er.
„Wirklich?“
„Es kostete etwas Überwindung.“
„Warum das?“
Innehaltend überging er die Frage.
Sie erkundigte sich, ob er nach ihrem Abgang doch noch mit Jemandem auf der Tagung gesprochen hat.
Er verneinte es.
Darauf meinte sie: „Das glaube ich nicht.“
„Nur mit Ihnen“, sagte er, „es ist wahr.“
„Sie scheinen mir nicht sehr verschlossen.“
„Das bin ich auch nicht. Ich wollte nur nach unserer intensiven Unterhaltung mit niemanden mehr sprechen, um ihre Worte mit nachhause zu nehmen.“
„Bei all den schönen Frauen und adretten Männern?“
„Es war ein fantastisches Gespräch mit Ihnen.“
„Das war es wohl“, sagte sie, … „erzählen Sie doch etwas von sich.“
„Ich denke, ich bin so ziemlich das, was Sie vor sich sehen, neunundzwanzig Jahre alt und, wie Sie wahrscheinlich gemerkt haben, einigermaßen beeindruckt von Ihnen…. Sind Sie eigentlich verheiratet?“, wagte er zu fragen.
„Ja, das bin ich. Die Einführungsrede auf der Tagung hat mein Mann gehalten. Er leitet eine interdisziplinäre Gruppe hochqualifizierter Wissenschaftler, die sich mit Sicherheitsfragen von Kernkraftwerken beschäftigt. Rund um Hamburg sind noch einige Atomkraftwerke geplant, teils schon im Bau.
„Aha,“ meinte er, „ich verstehe.“
„Jetzt ist er auf dem Flug nach London zu einem Kongress mit dem Thema <Neue technologische Entwicklungen bei der Sicherheit von Atomkraftwerken>.“
Nach einem langen Atemzug schob sie nach:
„In unserem Privatleben hapert es allerdings erheblich. Wir verstehen uns nicht sehr gut. Ich fürchte, dass ich das Wesen des Ehelebens nicht ganz verstanden habe und es irgendwann zum Gau kommt.“
„Und was ist der Grund?“, warf er ein.
„Dass er sich andauernd nach anderen Frauen umsieht und ich es zu verhindern suche. Es ist erniedrigend. … Verstehen Sie sich mit Frauen?“
„In gewisser Weise ja.“
„Was meinen Sie damit, wie denn?“
„Ich meine keine bestimmte Weise, eher bis zu einem gewissen Grad.“
Sie erwiderte: „Es ist nicht zu glauben, dass man einen anderen Menschen je wirklich kennt, geschweige den eigenen Ehepartner.“
Er schaute überrascht auf. Ihr Gesicht wirkte gedankenverloren, so als ließe sie den vor ihr stehenden Portwein in ihre Überlegungen einsickern.
Nach einem Moment des Schweigens sagte sie:
„Mein Mann ist ein erstaunlicher Mensch und kennt einfach jeden. Vor seinem Abflug nach London war er sehr nett zu mir.“
„Wie das?“
„Oh, in vielerlei Hinsicht. Ich….“
„Sie meinen letzte Nacht.“
„Hm, ja.“
Sie lächelte ihn an. Ihm gefiel die Art, wie ihre Augen funkelten, sich ihr Mund bewegte, wenn sie sprach. Die kleinen Gesten ihrer Hand. Der Duft des feinen Parfums wehte in der leichten Brise zu ihm hinüber und fühlte sich an wie eine fremde Sprache, ganz anders als seine.
„Die Männer müssen Ihnen scharenweise hinterherlaufen“, fuhr er fort.
„Nicht immer, wie ich das gern hätte.“
„Aber Sie scheinen Glück gehabt zu haben“, sagte er und nahm ihre Hand. Sie fühlte sich etwas kühl an. Er hielt sie eine ganze Weile, bis sich ihre für einen kurzen Augenblick um seine schloss.
Beim Abschied willigte sie ein, ihn am Samstag zum Abendessen zu treffen. Er nahm sich beim Gehen auf dem Weg nachhause in einem großen Schaufenster wahr und blieb stehen, um sich zu betrachten.


4. Frei wie ein Vogel

Am Freitag hatte Helmut zufällig im Morgenradio gehört, dass Tony Sheridan morgen im Top-Ten auf der Reeperbahn auftreten würde. Sofort wusste er, dass er dort unbedingt hin musste. Als Teenager war er oft mit seinem Freund Jochen im Star-Club, wo Sheridan zu der Zeit auftrat. Seine Soloauftritte mit teilweise eigenen Titeln waren stark von Blues- und Folk-Einflüssen geprägt.
Er übernahm inzwischen die Moderation und Zusammenstellung der ersten Radiosendung auf NDR2 <Blues am Dienstag>, die erfolgreich lief und eine große Fangemeinde ansprach.
Helmut beschloss Elvira zu fragen, ob sie nicht anstelle des vereinbarten Essens Lust hätte, mit ihm ins Top-Ten zu gehen. Er rief sie zu einer Zeit an, wo er wusste, dass ihr Mann bei der Arbeit war.
Sie nahm sofort ab. Er erklärte seinen Wunsch. Tony Sheridan kannte sie zwar nicht, weil sie in ihrer Teenagerzeit das Top-Ten vorzog, aber sie fand die Idee gut, mal wieder ein Revival dort zu erleben und abzutanzen.
Helmut schlug vor, sich am U-Bahnhof St.Pauli um 20.00 Uhr zu treffen und dann gemeinsam dorthin zu gehen. Sie war einverstanden.
Elvira war wieder zu spät. Zwei Züge fuhren durch, ohne dass sie ausgespuckt wurde. Er wurde immer unruhiger und befürchtete, dass sie nicht kommen würde. Vielleicht ein Sinneswandel. Auf jeden Fall schloss es ihn aus und er wurde sich seiner Bedeutungslosigkeit bewusst.
Plötzlich änderte sich alles. Sie stieg aus dem dritten Zug, lief auf ihn zu und rannte ihn fast über den Haufen. Er fing sie auf und hielt sie umklammert. Was für ein Temperament sie hat, dachte er.
„Entschuldige bitte, dass ich so spät bin. Hast du lange gewartet?“
Das <Du> purzelte einfach so aus ihr heraus, wo sie sich doch bisher gesiezt hatten.
„Nein, gar nicht.“
Sein Zweifel verschwand augenblicklich.
„Ich habe mit meinem Mann telefoniert. Wie üblich stritten wir uns.“
„Worüber denn?“
„Oh, meinen Umgang mit Geld, einfach alles.“

Elvira trug einen modischen Rock und eine schwarze Seidenbluse mit vier Perlmuttknöpfen im oberen Teil - eigentlich nicht so die übliche Kleidung im Top-Ten. Doch bei ihm entstand der Eindruck, als läge jede Art von Schwierigkeit in weiter Ferne.
Sie schlenderten die Reeperbahn hinunter bis zum Top-Ten auf der rechten Seite. Dort wurde ihnen gesagt, dass Tony Sheridan erst um 22.00 Uhr auftreten würde. So beschlossen sie noch einen kleinen Imbiss in einer der Nebenstraßen zu nehmen.
Beim Essen saß sie auf einem Stuhl zu seiner rechten Seite. Helmut konnte sie gut betrachten und sich ihr zuwenden, wenn sie sprachen. Sie vereinbarten, dass es völlig in Ordnung sei, sich ab jetzt zu duzen.

Nach einer kleinen Gesprächspause fragte er sie ganz direkt:
„Sag mal, hast du je dein Herz verloren?“
„Du meinst, ob ich je verliebt war? ... Ja natürlich.“
„Ich meine diesen Moment, den man nie vergisst.“
„Komisch, dass du das sagst. Als junge Frau bin ich einmal sehr verliebt gewesen.“
„Wie alt warst du denn da?“
„Neunzehn,… es war das außergewöhnlichste Erlebnis meines Lebens. Ich war wie unter einem Bann. In Perugia als Studentin im ersten Semester befand ich mich in einer Gruppe von zehn jungen Männern und Frauen. Einer umschwärmte mich ganz besonders. Er sah aus wie ein Adonis. Eines schönen Sommertages hatten wir uns zu einem Picknick im nahegelegenen Hain verabredet, um die nächste Klausur vorzubereiten. Das war schnell erledigt, denn wir waren gute Lerner. Auf der weichen Decke im Sonnenschein empfand ich zum ersten Mal das Gemisch aus Erregung, Verliebtsein und Verlangen, wonach ich im späteren Leben immer wieder gesucht habe. Der junge Mann flüsterte mir die aufregendsten Dinge ins Ohr. Ich war verloren, hatte so etwas noch nie erlebt, diese Intensität. Etwas Vergleichbares wie diesen Sommerabend in der Natur hat es nie wieder gegeben.“

Helmut fragte sich, warum sie das jetzt erzählte. Sie sprach von der Vergangenheit, aber nicht nur – da war er sich dann doch sicher.
„Du kennst das doch auch", fuhr sie fort, „wie unglaublich man sich fühlt."
„Nein, so intensiv habe ich meine erste Liebe nicht erlebt“, antwortete er etwas entmutigt.
Verwirrend klar saß sie Helmut gegenüber und ihre Präsenz fühlte sich frisch an. Sie gingen Hand in Hand zurück zum Top-Ten und tanzten solange, bis kurz vor der Abfahrt der letzten U-Bahn.

Elvira flüsterte ihm ins Ohr, dass sie sich freuen würde, wenn er mit zu ihr in die Wohnung in der Straße Jungfrauenthal, nah beim U-Bahnhof Klosterstern kommen würde.
„Mein Mann ist reist erst am nächsten Mittwoch von seiner Dienstreise heim."
Etwas überrascht stimmte er natürlich sofort zu.

Kaum hatten sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen, umarmte und küsste er sie ungestüm, flüsterte etwas, was sie nicht verstand.
„Was?... “
Er wiederholte es nicht, öffnete die vier Knöpfe ihrer Bluse auf sehr vorsichtige Weise und zog sie sanft über den Kopf. Sie trug einen schwarzen BH, hielt seine Hände nicht zurück. Im Schlafzimmer stieg sie aus dem Rock, stand eine Weile da, die Arme angelegt, wie um sich zu schützen. Dann schlüpfte sie aus dem Rest. Ihre Schönheit! Als stünde ganz Hamburg vor ihm, nackt in dem Halbdunkel des gedimmten Lichtes. Sie wollte geliebt zu werden. Helmut war sich seiner nie so sicher gewesen, küsste sanft ihren Nacken. Dann wanderten seine Lippen die Arme hinab zu ihren Fingern, die er innig liebkoste.

Nach unendlichem Austausch von Zärtlichkeiten lag sie irgendwann unter ihm. Er hielt sich zurück, aber sie gab ihm zu verstehen, dass es nicht nötig wäre. Beide sprachen nicht mehr. Er hatte etwas Angst und berührte sie sanft. Dann drang er ohne Mühe in sie ein, sammelte sich, bis ein Strudel ihn immer weiter hinein zog. Ihr entwich ein leiser Schrei, der Schrei von einem jungen Reh.
„Mein Gott“, seufzte sie.
„Was?“
„Ich bin völlig durchnässt und fühle mich frei wie eine Möwe im feuchten Seewind, die eine Düne anfliegt.“
Sie griff nach etwas auf dem Nachttisch und zündete sich eine Zigarette an.
„Du rauchst?“
„Hin und wieder.“

In der Frühe des nächsten Tages trug sie einen weißen Morgenmantel, der bis zu den Knöcheln hinab hing, und schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. Er schloss den letzten Knopf seines Hemdes und sagte:
„Ich muss jetzt gehen, weil ein wichtiger Termin auf mich wartet.“

„Ja“, sagte sie und schaute ihm in die Tiefe seiner Augen, ... zum Teil dachte ich, wie unmöglich. Das hat sich aber geklärt. Ich möchte dir noch mitgeben, dass ich Eröffnungen wie beim Schachspiel mag. Sie können wichtig sein. Man vergisst sie einfach nicht.“
Er lächelt sie an. Eine Weile saßen sie noch still da und tranken den Kaffee aus.
„Jetzt muss ich aber wirklich gehen!
„Wann kommst du wieder?“
Er schaute auf die Uhr, sprang auf und sagte:
„Ich weiß es noch nicht, kann es nicht sicher sagen. Es hängt von der Arbeit ab“, aber ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen. Da kannst du beruhigt sein.“
Das waren die Worte, die er einsteckte, und dazu die Bilder von ihr, die so konkret waren wie Fotografien.


5. Wie es war

Elviras Mann war wieder auf einer Dienstreise. Sie saß mit Helmut am Küchentisch und schaute ihn nicht an, starrte auf den Kühlschrank schräg hinter ihm und sagte:
„Ich will es nicht mehr. Dieses Doppelleben strengt mich zu sehr an.“
Sie sprach den Satz so als wenn sie ihn irgendwo in eine ferne Landschaft stellte, um ihn dort stehen zu lassen. Danach war es still, bis sie nach einer langen Pause einen weiteren Satz sagte. Diesen in etwas größerer Entfernung ebenfalls in die Landschaft stellte. Das wiederholte sich mehrere Male. Zwischen den Sätzen stand viel Raum und viel Schweigen. Er sagte nichts.

Die folgenden Tage an den Vormittagen besaßen eine unendliche Leere. Am Abend nach der Arbeit kam er nicht gerne heim - mit dem Wissen, dass er dort alleine war. Es ging ihm zwar nicht ganz schlecht, aber er lebte mit einem Gefühl der Ungerechtigkeit. Sein Leben wurde infrage gestellt. Alles, was geschah und in Zukunft geschehen würde, fühlte sich schwierig an, … aber mit der Zeit dann doch auch manchmal etwas leichter.
Es gab Momente, da er angesichts seiner Einsamkeit und dessen, was er verloren hatte, fast in Tränen ausbrach. Den großen Tag der Liebe sah er jetzt als das, was solche Begegnungen immer zu sein scheinen. Sie hatte sich in den Momenten des Zusammenseins vollständig verschenkt, ihre ganze Liebe, ihr unglaubliches Lächeln, ihre übermütige Art.
„Ich mag dich so sehr!“ Wer konnte das sagen mit der überwältigenden Wahrheit bei ihren Begegnungen? Er glaubte, nicht alles getan zu haben, was er hätte tun können. Vielleicht hätte er mehr geben sollen.
“Heute würde ich es tun“, schrie er den Spiegel im Bad an.
„Wie viel würde ich geben! Oh Gott.“

Am Sonntagnachmittag schnappte er sich eine halb volle Kognakflasche in der Küche, leerte sie in schnellen Zügen und fragte laut:
„Werde ich jetzt zu einer bemitleidenswerten Trinker-Kreatur?“
Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben. Das tobende Unwetter strebte seinem Höhepunkt entgegen. Bunte Lichter von Reklametafeln des Einkaufszentrums gegenüber seiner Wohnung zappelten in diesem Stimmungsgemenge. Sie vermischten sich immer wieder mit flackernden Blaulichtern der Polizeiautos, Rettungswagen und Feuerwehrfahrzeugen, die durch die Straßen jagten.
Nachdem das Unwetter sich verzogen hatte, war inzwischen Nacht.
Er grübelte weiter. Sie hatte von unüberbrückbaren Gegensätzen gesprochen. So drückte sie sich aus.
Allerdings horchte er inzwischen auch schon manchmal auf die klare Stimme seiner Jugend:
„Fang an, jetzt sofort“, doch die entgegengesetzte, ängstliche der späteren Jahre erwiderte dann meistens: „Ich möchte lieber nicht.“
Beim Aufschlagen seiner TV-Programmzeitschrift fiel ihm sofort das Vierzehntagehoroskop ins Auge. Heute war er neugierig, was bei Krebs, seinem Sternzeichen, unter Liebe stand:
<Tun Sie den ersten Schritt, wenn Sie mehr Nähe wollen - und weiter: Probieren Sie mal etwas aus, was Sie noch nie gemacht haben>.
Er wendete sich dem Fernseher zu und drückte den Einschaltknopf. Es lief gerade mal wieder <Django>, ein Western mit Franco Nero – genau das Richtige bei seiner Befindlichkeit.


6. Männerabend

Jeden Freitagabend traf sich Helmut mit Freunden. Sie hatten vor ein paar Monaten eine Männergruppe gegründet, die umschichtig in ihren Wohnungen tagte. Nach einer Anlaufzeit und zwei professionell geleiteten Wochenend-Workshops versuchten sie über ihre Gefühle und Sehnsüchte zu sprechen. Das fiel keinem leicht, denn in erster Linie interessierten sie sich für Sport und Politik, in der sie fast alle aktiv mitwirkten. Die mit Frauen Zusammenlebenden fühlten sich manchmal genervt, weil diese immer wieder fragten, was sie da eigentlich machen würden.
Gestern lief der Abend folgendermaßen ab:
Nach der Begrüßung mit kräftigen Umarmungen setzten sich alle, schenkten Sodawasser, Bier oder Wein ein, stießen an und tranken genussvoll.
Hans, noch immer eingefleischter Single, erhob gleich das Wort und sprach den langjährigen Ehemann Peter an:
„Sag mal, hast du nicht manchmal Sehnsucht nach dem Alleinsein?“
Langes Schweigen und verhalten-neugierige Blicke nahmen Peter ins Visier. Dieser legte sein Gesicht in bedenkliche Falten und schaute etwas betreten auf die Tischplatte. Dann hob er langsam den Kopf.
„Nein, eigentlich nicht. Ich freue mich, wenn ich zusammen mit Eva im Garten buddeln kann. Oder einfach mit ihr auf der alten Bank sitze und die blühenden Pflanzen anstaune. Aber interessiert euch das überhaupt?“
Jochen, der in serieller Monogamie lebende Globetrotter, schaltete sich ein:
„Mir wäre das zu langweilig. Ich brauche den Kitzel, die Überraschung, die Lust und die Leidenschaft.“
Harald hatte sich vor zwei Jahren scheiden lassen und sagte:
„Ich möchte endlich die Traumfrau kennenlernen.“
Helmut meinte lapidar:
„Von deiner Traumfrau redest du schon, seit wir uns kennen. Hör doch endlich auf zu träumen. Die gibt es nicht.“
Peter sprach nach gefühlt fünf Schweigeminuten und mit nachdenklicher Stimme:
„Ich glaube, dass sich manch eine Sehnsucht in mir versteckt. Ich würde gerne mal eine Reise nach Südamerika, über Argentinien nach Patagonien machen.“
Helmut fragte: „Und warum tust du das nicht?“
„Eva würde nicht mitkommen. Sie hat viel zu viel Angst vorm Fliegen.“
„Dann mach es doch alleine oder mit einer Reisegruppe.“
„Nein, das würde sie auch nicht gut finden.“
Jochen erhob seine Stimme:
„Sag mal Peter, das kommt mir aber sehr erzwungen vor. Ist das eine Sehnsucht? Da brennt doch nichts in dir! Es scheint mir ein Wunsch zu sein, der sehnsuchtsvoll klingen soll.“
Jetzt meldete sich Arne, der Pragmatiker mit ständig wechselnden Frauenbeziehungen zu Wort:
„Ihr spinnt ja alle. Nehmt doch einfach mal das Wort SehnSUCHT. Das sagt doch alles. Es handelt sich um eine Sucht. Warum könnt ihr nicht einfach im Hier und Jetzt leben und das tun, was im Moment ansteht!“

Nach einer Pause meinte Peter:
„Ja Arne, dich beneide ich manchmal. Ich hätte auch gerne mal Sex mit einer anderen Frau.“
„Na endlich, da ist sie ja die Sehnsucht unseres Ehemannes“, sprach Hans kichernd vor sich hin.
„Manchmal wünsche ich mir auch eine etwas beständigere Frauenbeziehung“, meinte Arne, „es ist ziemlich anstrengend - diese ewige Jagd nach dem weiblichen Geschlecht.“
Endlich erhob der schüchterne Georg seine Stimme und meinte:
„Du könntest mir aber mal etwas Nachhilfe geben, wie man am besten an eine attraktive Frau rankommt. Was will die moderne Frau? Frauenversteher, Kinderwagenschieber, Alleskönner, Moneymaker? Ich glaube, die wollen heute alles. Selbst Machogemache ist wieder gefragt."
Arne erwiderte:
„Nachhilfe in <Wie krieg ich eine Frau rum>, nee, das Problem musst du schon selber lösen. Jeder Fall liegt da anders."
Plötzlich fängt Helmut an zu weinen.
„Was ist los mit dir?“ fragte Arne.
Alle schauten auf ihn, der schluchzend erzählt, dass Elvira die Beziehung mit ihm abgebrochen hat: „Ihr war das Doppelleben mit mir und ihrem Mann zu stressig geworden.“
„Ach du Armer“, klang es unisono.
Arne bat Helmut, sich auf den Teppichboden zu legen. Die anderen sollten sich um ihn herum hinhocken. Nach dem Arrangement holte er aus seiner Umhängetasche die gerade erschienene LP <The dark side oft he moon> heraus, und positionierte sie vorsichtig auf dem Plattenspieler.
„Männer, legt jetzt bitte alle eure Hände sanft auf den Körper und eine auf die Stirn von Helmut und schweigt.“
Er startete die Platte und alle hörten ergriffen zu. Helmut ließ seinen Tränen freien Lauf.
Anschließend diskutierten sie noch etwas über die Songtexte, in denen sich die Frage stellte, was sensible Menschen in den Wahnsinn treiben kann? Die Band wollte unter anderem aufzeigen, dass anonyme Machtstrukturen wie Geld und Kriegswahnsinn unser Leben bestimmen würden. Auch ernüchternde Erfahrungen, wie der Verlust einer Utopie, an die die Hippiegeneration noch glaubte, beeinflussten die Texte.
Zum Schluss redeten sie über alltägliche Dinge, bis Arne vorschlug, morgen das Bundesligaspiel HSV gegen RW Oberhausen im Volksparkstadion anzuschauen. Er könnte noch Karten über seinen Arbeitgeber NDR beschaffen.
Alle stimmten erleichtert zu.


7. Verpasste Liebe

Der Abend dunkelte und schlich mit Einsamkeit und Stille in den Zimmern seiner Wohnung umher. Helmut glaubte an einem Punkt angekommen zu sein, wo sich alles nur noch im Kreis drehte. Immer dieselben Gedanken, nur jedes Mal etwas schwerer zu ertragen. Er fragte sich, ob er die erneute Trennungserfahrung nicht endlich wie eine Lampe ausschalten könnte.
Was er auch vorhatte, es lag im Nebel. Annette ging ihm nicht aus dem Kopf. Besonders, da er sie gestern in einem Café an der Elbe gesehen hatte. Sie saß dort mit einem ihm unbekannten Mann in angeregte Unterhaltung vertieft. Seltsam, dass er mit dieser Frau liiert war und schon ein paar Monate später nichts mehr von ihr wusste. Dass aber der Gedanke an sie ihn aus der täglichen Lethargie immer noch holen konnte.
Sie warf ihm vor, dass er keine Gefühle zeige, wenn es angebracht war. Doch wann war etwas angebracht? Sie meinte von Männern wie ihm müsse man sich fernhalten. Nur dann kann einem nichts mehr passieren. Aber was ist dann, wenn nichts mehr passiert?
Er erinnerte sich an seine Zeit im streng organisierten evangelischen Kindergarten. Es war ein langer Fußweg, den er alleine gehen musste. Unterwegs lauerten manchmal ältere Jungen, die ihn hänselten und bedrohlich nahe kamen. Er hatte oft Angst. An einem Tag kam er deshalb mit vollgeschissener Hose nachhause. Mutter hatte es Vater am Abend erzählt und der hatte ihn mit einem Rohrstock verprügelt. Helmut biss die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Nie wieder schiss er seine Hose voll.

Außer den Lichtblicken mit seiner Männergruppe gab es nur noch Ereignisse, die keinen Zusammenhang durch diese oder jene Vorstellungen von Leben hatten. Annette war ihm einfach so geschehen. Er war an einem sonnigen Maitag im Stadtpark auf einer Bank am See mit ihr ins Gespräch gekommen. Sie verliebten sich. Zumindest glaubte er das. Im Verlauf ihrer Treffen hatte sie ihm Liebe und zärtliche Worte, ja beides zu Teil werden lassen. Inzwischen ahnte er, sie hatte Antworten erwartet. Er war es nicht gewohnt, dass ein Gefühl mehr bedeutete, wenn man es beim Namen nannte. Dankbar für ihre Gesellschaft hätte er ihr wohl ab und an sagen müssen, dass sie ihm fehlte, wenn sie nicht bei ihm war. Er hielt das nicht für notwendig, weil er sich wohl in ihrer Nähe fühlte. Manchmal hatte er allerdings Angst ihr so nah zu kommen, dass er herausfände, wie fremd sie ihm war.
Nach ein paar Monaten begannen Abwesenheiten länger zu werden. Er sah das, lange bevor es da war. Ihre Blicke wurden undurchdringlicher und ihr Schweigen greifbarer, bis sie eines Tages nicht mehr kam. Sie hinterließ in ihm das Gefühl, als würde sein Leben weggeschleudert.

Vor dem Männerabend am nächsten Tag spürte er, dass wieder Angst und Trotz sein Gehirn belagerten und den Magen traktierten. Er ging auf den Balkon, um frische Luft zu schnappen, schaute in den Himmel. Die Sterne ließen sich an diesem Abend nicht blicken. Sie wurden von niedrigen Wolken verdeckt. Ein leichter Wind schob eiskalte Winterluft vor sich her. Er atmete tief durch und ging nach ein paar Minuten fröstelnd zurück ins Wohnzimmer. Kein einziges Wort von dem, was Annette in besseren Zeiten hier geäußert hatte, war aus dem Raum entschwunden. Wie greifbare Gegenstände hockten Sätze zwischen Möbeln und Pflanzen.
Es gab kein Entkommen. Er hörte alles, was sie sagte, und fühlte sich schuldig geworden an der Liebe. Seine Verzweiflung kehrte Tag für Tag mit derselben Gestalt zurück. Dennoch erwartete er etwas Neues, das aus dem Nichts auftauchen würde.


8. Auf dem Weg zur Erleuchtung

Maria zog ihren Rock hoch, sodass die Knie sichtbar wurden. Helle Haut betonte ihre schlanken Schenkel und Waden. Ihre Fesseln empfand Helmut als so fragil, wie er es noch nie gesehen hatte. Sie schaute ihm in die Augen und sah in denen eine Distanz, so als würde er kilometerweit dahinter leben. Einen inneren Abstand hätte sie auch gern manches Mal und fragte sich, wie er das machte.
Die ersten Tage ihrer Liaison schwieg er auf eine vielsagende Art, die wissen ließ, dass sein Gehirn ständig arbeitete. Nach dem fünften Treff kam er ihr näher. Seine Finger strichen über ihr Gesicht, so als könnten sie Gefühle formen. Der ganze Kummer der letzten Zeit fiel von ihr ab, gleich einem aufgeknöpften Kleid. Er erwiderte ihre heftigen Küsse. Plötzlich drückte sie ihn sanft von sich und schaute ihm in die Augen. Sie sah, dass ihnen ein gewisses Leuchten fehlte, eine direkte Verbindung mit seiner Seele. Doch dann verhakten sich ihre Blicke. Auf einmal schien es so als hätten sie sich auf eine andere Ebene begeben, auf der jedes Wort, jede Geste zählt.
Sie fragte ihn: „Liebst du mich wirklich oder willst mich nur bumsen?"
„So wie du das sagst, klingt es ganz schrecklich“, erwiderte er und fühlte sich wie der kleine Junge, der seiner Mutter unbedingt ein gerade gemaltes Bild zeigen wollte und diese nie Zeit dafür hatte, es anzuschauen.
Drei Monate später heirateten sie.

Maria ging total in der Esoterikszene auf und wollte nach dreijähriger Ehe für ein halbes Jahr nach Poona fliegen, um dort im Ashram des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh der Erleuchtung näher zu kommen. Helmut war zunächst etwas beunruhigt und ratlos, ob er das gut finden sollte. Doch letztendlich fand er es in Ordnung, dass sie sich weiter entwickeln wollte.

Es war Nacht. Bei Sturm und Regen flackerten hunderte Lichter auf dem Flugfeld des Airports Fuhlsbüttel. Helmut stellte das Handgepäck in der Lounge ab. Sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Abflug von Maria. Er fragte, ob sie noch etwas trinken wolle.
„Ja gern, ein Glas Sekt zum Abschied, aber bitte trocken.“
„Ich hole uns zwei Gläser.“
„Wirst du ohne mich zurechtkommen?“, fragte sie, nachdem er sich wieder zu ihr gesetzt hatte.
Er schwieg, leerte sein Glas mit einem Zug und schaute durch die großen Fenster auf das Flugfeld. Der Wind peitschte den Regen gegen die Scheiben und erzeugte einen unheilvollen Rhythmus. Die Tropfen zeichneten nach dem Aufprall perlende Linien, die in alle Richtungen trieben.
„Ich werde schon zurechtkommen“, meinte er, „aber du machst mir Angst. Werden wir uns noch verstehen, wenn du wiederkommst?“
„Hoffentlich kann die Maschine starten bei dem Wetter“, meinte sie.

Die Fluggäste wurden aufgerufen, den Jet über die Fluggastbrücke zu betreten. Sie standen auf und verabschiedeten sich mit Küsschen rechts und Küsschen links auf die Wangen.
„Dann mach´s gut und ruf mal an - oder schreib“, sagte er zum Abschied.
Er schlenderte zu seinem Auto im Parkhaus und fuhr direkt nachhause.
Dort angekommen schenkte er sich ein großes Glas Cuba Libre ein und fragte sich, was er in dem halben Jahr mit der vielen Zeit anfangen sollte. Der Rum wärmte seine Seele und er legte sich bald ins Bett.

Am nächsten Morgen musste er sich das Frühstück selber machen. Aber er genoss es, im Bett Kaffee zu trinken, die Brotkrümel ohne strafenden Blick auf die Bettdecke fallen zu lassen und seine Morgenlektüre zu lesen, denn es war Samstag ohne Arbeit im Büro. Er streifte sich einen Bademantel über und holte die Morgenzeitung aus dem Briefkasten. Ihm sprang gleich auf der ersten Seite eine Schlagzeile ins Auge:

Flugzeugabsturz in Frankfurt

Der Artikel begann mit den Worten:
Ein großer Feuerball erleuchtete die nächtliche Szenerie auf gespenstische Weise. Alle Passagiere und die Besatzung sind tot….

Er wusste, dass Maria in Frankfurt umsteigen musste. Fassungslos rief er sofort den Flughafen an. In hektischer Panik verwählte er sich mehrmals, kam dann aber durch und erfuhr, dass es sich um den Flug seiner Frau nach Poona handelte.
Ihm schwanden die Sinne und er kippte noch im Flur um.
Plötzlich weckte ihn ein Klingeln an der Haustür und er schreckte hoch, wusste nicht wie lange er auf dem Boden gelegen hatte. Er raffte sich auf, ging die paar Schritte schwankend zur Haustür und öffnete sie. Ein junger Mann, der sich als Reporter der Bildzeitung vorstellte, stand vor ihm und fragte, ob er mit ein Interview machen könnte. Helmut schaffte es nicht, Widerstand zu leisten und willigte ein. Der Reporter drängelte ihn förmlich zurück ins Wohnzimmer. Sie setzten sich und er fragte ohne Übergang:
„Haben Sie schon gehört, dass ihre Frau bei dem Flugzeugunglück am Frankfurter Flughafen umgekommen ist? Sie stand auf der Passagierliste.“
„Ja“, gab er verzweifelt und erschöpft zur Antwort. Dann schrie er in einer plötzlichen Aufwallung von Wut:
„Verschwinden Sie! ... Umgehend! ... Ich will jetzt allein sein!“
Doch der Reporter ließ nicht locker, wünschte ihm ein herzliches Beileid und fragte:
„Was wollte denn ihre Frau in Poona?“
„Erleuchtung, Sie Arschloch!!!“, schrie Helmut ihn an, „und jetzt raus mit Ihnen!!!“
Er packte den Reporter am Arm, zog ihn vom Stuhl, drängte ihn in den Flur und dann zur Tür hinaus. Diese knallte er lautstark zu. Dann atmete er auf, war aber den ganzen Tag zu nichts mehr zu gebrauchen. Das Telefon versuchte immer wieder seine Lethargie zu zerschneiden, doch er fühlte sich nicht in der Lage den Hörer aufzunehmen.
Am Abend verfiel er in eine Art Schlafkoma.

Am Morgen wachte er noch völlig zerschlagen auf, torkelte zum Briefkasten und zog die BILD am Sonntag heraus. Auch dort ein Artikel über den Flugzeugabsturz. Er begann mit den Zeilen:
Beim gestrigen Flugzeugunglück in Frankfurt ist die Frau des Hamburgers Helmut Schneider ums Leben gekommen. Sie wollte nach Poona, um vom indischen Guru Bhagwan Shree Rajneesh erleuchtet zu werden. Doch es hatte nur zur Erleuchtung des nächtlichen Flugfeldes durch den brennenden Jet gereicht. Eine Sturmbö warf diesen beim Start aus der Bahn….


9. Erinnerungen

Genauso wie die Jahreszeiten wechselten, gingen auch Lebensphasen zu Ende. Das war alles. Mit seinem Willen konnte Helmut für das Geschehene nichts mehr ausrichten. Das hieß aber auch, dass es notwendig war, die nächste Zeit irgendwie zu überstehen. Sie waren in ihrer Ehe bis zum allerletzten Tag friedlich gewesen.
„Oder war ich etwa der einzige, der das so gesehen hat? – Nein, das glaube ich nicht“, murmelte er vor sich hin.
Um sich abzulenken, begann er den Keller aufzuräumen. Er fand persönliche Gegenstände, unter anderem eine silberne Taschenuhr, ein Kriegsverdienstkreuz und Feldpostbriefe von Marias Vater, der an der Ostfront gefallen war. Ihre Mutter hatte alles in einem großen alten Koffer aufbewahrt. Vermutlich wollte sie die Erinnerung an ein Leben wachhalten, in dem nichts sicher war.
Helmut dachte an seine Kindheit, in der Opa Paul ihm aus Lehnin in der DDR zu jedem Geburtstag Bastelbögen sendete. Aus denen konnte er Kriegsschiffe, Panzer und Bomber zusammenkleben - alles russische Modelle mit den entsprechenden Emblemen. Helmuts ganzes Kinderzimmer war voll damit. Doch es hatte ihm Spaß gemacht, diese Puzzlearbeiten zu bewältigen, auch wenn Vater manchmal helfen musste. Mutter verachtete die fertigen Produkte, weil sie an den Krieg erinnerten.
Sie war sehr penetrant in einigen Dingen. So knotete sie jedes Paket auseinander, um die Bindfäden nicht zerschneiden zu müssen. Dieselbe Macke hatte Helmut heute noch. Auch Packpapier warf er nicht weg, sondern legte es zusammengefaltet in ein Schubfach der Kommode. Ebenso hatte er die Angewohnheit seiner Mutter übernommen, Kleiderbügel immer in einer Richtung in den Kleiderschrank zu hängen. Der Grund war gewesen, dass man jederzeit bereit sein musste, im Notfall die ganze Kleidung mit einem Griff herausholen zu können.

An den einsamen Abenden dachte Helmut oft an seine früheren Beziehungen und die Trennungen. Bevor er seine Frau Maria kennengelernt hatte, war da noch Carmen, seine bis dahin letzte Flamme. Doch eines Nachts hatte sie die Beziehung völlig unvermittelt beendet und alles mitgenommen.
Er erinnerte sich an den letzten Besuch des Thermalbades. Von ihrem Platz im Wasser hatten sie an dem Spätsommertag einen wunderbaren Blick auf die Pracht der Bäume am Rande des Beckens genossen. Die Rot- und Gelbtöne – es war zum Verrücktwerden schön gewesen. Jedes Mal, wenn Wind aufgekommen war, boten die Blätter einen stürmischen Tanz. Beide waren lange in der heißen Quelle geblieben - bis in die Dunkelheit und das Aufleuchten der Sterne am Himmel.

Helmuts Traurigkeit verflog nie ganz, die Traurigkeit darüber, dass Wege sich trennen, und darüber, dass die Zeit verging. Wo er sich doch geschworen hatte, nur noch das JETZT zu sehen und dort zu leben. Das war sehr schwierig geworden.
Er ahnte, dass sich der Herbst dieses Jahres in der Nacht aufmachen und durch die kahlen Baumkronen davonziehen würde. Weit weg, um dem noch unbekannten Winter Platz zu machen.

Sätzer
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Veröffentlicht am 05.04.2019, 10 mal überarbeitet (letzte Änderung am 15.10.2019). Textlänge: 5.941 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.556 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 20.11.2019.
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