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Kurzprosa zum Thema Geschwisterliebe


von Moja

Sommer 1962. Als die große Schwester aus dem Ferienlager zurückkehrt, zeigt sie stolz ihre Fotos. Auf einem zieht eine bedrohlich dunkle Wolke über die See. Die Kleine starrt wie gebannt das Schwarzweißfoto an. Sie hat noch nie die Ostsee gesehen. „Schenk es mir“, bettelt sie und springt mit dem Foto durchs Zimmer. Die Schwester lächelt, ihr ist etwas eingefallen. Sie sortiert ein paar missglückte Fotos aus. „Die kannst du haben“, sagt sie gönnerhaft und verlangt für jedes Bild fünfzig Pfennig.
Die Kleine überlegt, geht und holt ihr Taschengeld.
„So“, sagt die große Schwester zur Mutter und legt den Daumen auf die Wolke, „hat ein Junge den Finger vor das Objektiv gehalten, als ich auf den Auslöser drückte.“ Die Mutter grinst.
„Fünfzig Pfennig“, wiederholt die Schwester in einem seltsamen Ton, als die Kleine mit dem Geld vor ihr steht. Verlegen bezahlt sie und merkt, dass etwas nicht stimmt. Sie schämt sich und weiß nicht warum. Verunsichert schaut sie zur Mutter, die stimmt heiter in das Lachen der Großen ein.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Sätzer (77) (23.06.2019)
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Moja meinte dazu am 23.06.2019:
Du wärst bestimmt eine wunderbare Mutter geworden, Sätzer!

Der Text bezieht sich auf Anfang der 60er Jahre (fügte ich hinzu).
In der Nachkriegszeit bis Ende der 60er Jahre war Gewalt noch spürbar in Sprache und groben Verhalten, es wurde kaum reflektiert, die Erwachsenen waren Kriegskinder gewesen, hatten meist Schreckliches erlebt, waren mit Schwarzer Pädagogik erzogen worden.

Danke! Und viele Grüße, Moja
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Sätzer (77) antwortete darauf am 23.06.2019:
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (23.06.2019)
Man müsste noch einflechten, dass sie Geschichte im letzten Jahrhundert spielt, ansonsten führt es zu Irritationen.
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Moja schrieb daraufhin am 23.06.2019:
Ein wichtiger Hinweis! Danke und Gruß, Moja
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AchterZwerg äußerte darauf am 23.06.2019:
Nur wenige Kinder haben es wirklich "leicht."
Die Nachkriegsgeneration war allerdings besonderen Härten ausgesetzt. Der Mangelernährung, der sog. schwarzen Pädagogik und der oft unzumutbaren Wohnbedingungen.
Gleichwohl ist da eine widerstandsfähige Generation herangewachsen, die sich durch Selbständigkeit, Selbsthilfe und die Fähigkeit zur Selbstkritik auszeichnet.
Natürlich nicht (!) wegen der unziemlichen Härten ihrer Erziehung, aber wohl durch das Auf-Sich-Selbst-Gestellt-Sein, das freie Spiel auf Trümmergrundstücken und einer gewissen, angelernte Wildheit, ohne die sie nicht hätten überleben können.
Glaub ich zumindest.

Liebe Grüße
der8.
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Moja ergänzte dazu am 23.06.2019:
Ja, unbedingt, liebe 8., das glaube ich auch.

Die nachfolgende Generation fand endlich eine Sprache, um Gefühle auszudrücken, hinterfragte, reflektierte, eine enorme Entwicklung seitdem.

Herzlichen Dank, wünsche Dir einen frischen Abend,
Moja
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Sätzer (77) meinte dazu am 23.06.2019:
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Annabell
Kommentar von Annabell (23.06.2019)
@Dieter_Rotmund
hallo Dieter, bitte berichtigen:
...daß die (d) Geschichte im letzten Jahrhundert...
Schönen Sonntagabend von
Annabell
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Willibald
Kommentar von Willibald (29.06.2019)
Mir gefällt der kurze Text sehr gut. Er arbeitet geschickt mit den Stilregistern von Prosaskizzen (weiss jetzt keinen besseren Begriff):

Keine Ich-Perspektive mit Betroffenheitsdrückern, sachliche Syntax mit Verzicht auf ornamentale Adjektive, keine Kommentaransätze des Erzählers. Der mündige Leser wird, wenn er empathisch liest, schnell in die Szene hineingezogen. Er kann (und muss ) sie verarbeiten und deuten.

Ähnlich übrigens die interessante Skizze, eine Episode, ein Blitzlicht im "Wiedergänger" mit Ich-Perspektive.

greetse
ww

Kommentar geändert am 29.06.2019 um 10:03 Uhr
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Moja
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Veröffentlicht am 23.06.2019, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 23.06.2019). Textlänge: 168 Wörter; dieser Text wurde bereits 161 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 17.09.2021.
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