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Nwiab - Nur weil ich anders bin, Kapitel 2

Drama zum Thema Jugend


von Kaiundich

2. Urlaub auf dem Höhepunkt
(„Du hast einen voll süßen, verträumten Blick.”)

„Ich hoffe, die passt euch. Ich habe sie extra noch aufblasen lassen.“ Michaels Vater hielt uns eine quietschgelbe Luftmatratze hin.
„Ja, die ist super. Danke.“ Rief Michael und nahm sie entgegen. „Komm Kai“ Ab an den Strand!“
Ich nickte begeistert.
„Halt! Habt ihr euch eingeschmiert?“ wollte Stefanie wissen und wie bejahten. „Na dann, viel Spaß.“
„Haben wir!“ riefen wir ihm Chor, packten unsere Taschen mit Handtüchern, Sonnencreme und einer Flasche Wasser und verließen das Hotelzimmer.
„Das Frühstück war super, findest du nicht auch?“ fragte ich ihn, während ich versuchte, meinen rechten Badelatschen wieder anständig über den Fuß zu bekommen.
„Ja, war echt klasse. Da weiß man gar nicht, was man nehmen soll.“
„Stimmt. Aber das Beste war, das die einem immer frisch gepressten O-Saft einschenkten, kaum dass das Glas leer war.
„Ja.“ Lachte er. Ich habe noch nie so viel O-Saft auf einmal getrunken, wie heute Morgen.“
Wir erreichten den Strand, packten unsere Sachen auf zwei freie Liegestühle und zogen unsere T-Shirts aus.
„Nun komm schon! Wer zuletzt im Wasser ist, ist eine lahme Ente!“ Und schon rannte er los. Ich konnte ihn nicht einholen, er war viel schneller als ich, aber schon kurz nach ihm stürmte ich ins Wasser. Die Wellen waren ein wenig höher als gestern, und so kam ich nur ein paar Meter weit, bevor ich meine Füße nicht mehr hoch genug heben konnte und vorn über ins Wasser klatschte. Michael lachte und ich auch, als ich wiederauftauchte, den Geschmack von salzigem Meerwasser im Mund und matschigen Sand an meinen Händen.
„Nein, wie geschickt du doch bist.“ Rief er zu mir hinüber. Er war ein paar Meter vor mir und tauchte mit dem Kopf unter Wasser. Ich watschelte auf ihn zu, nahm die neben ihm hertreibende Luftmatratze und legte mich mit dem Oberkörper darauf. Hier ging mir das Wasser schon bis zum Bauch und es war zwar einfach, sich auf die Matratze zu hechten, aber darauf zu sitzen, war schon schwieriger.
Michael tauchte wieder auf und stürmte mit Gebrüll auf mich zu. Auch er versuchte, sich darauf zu setzen, doch das ging natürlich schief. Mit lauten Lachen fielen wir beide um. Und kaum waren wir wiederaufgetaucht, schmiss uns eine große Welle wieder um. So stark, dass ich mit dem Kopf auf den Meeresboden knallte, aber es tat nicht weh. Ich musste so lachen, dass ich Wasser schluckte und Michael ging es ebenso.
Und das Meer war in dieser Hinsicht gnadenlos. Schon rollte die nächste Welle heran und warf uns mitsamt der Luftmatratze um. Michael hielt sie immer gut fest, sonst wäre sie sofort weggeweht oder weggetrieben worden. Immer wieder versuchten wir, gemeinsam auf unserem schwimmenden Untersatz zu sitzen, ohne dass uns eine Welle umwarf. Ab und zu gelang es uns auch, aber das lag nur daran, dass die Brandung gnädig mit uns war und uns nur kleine Wasserberge schickte. Aber, und ich möchte fast sagen, in regelmäßiger, hinterhältiger Absicht kam eine Wasserwand auf uns zu, gegen die wir keine Chance hatte. Eine Welle, größer als ich, warf uns bis an den Strand zurück, wo ich vor lauter Lachen nicht nur Wasser geschluckt, sondern auch Sand gefressen hatte.

Und es ging immer so weiter. Es war so wunderbar. So unbeschreiblich schön. Es machte so einen riesen Spaß sich immer wieder umwerfen zu lassen, raus zuschwimmen, mit dem Kopf auf den Boden zu knallen, Wasser zu schlucken. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viel und so lange lachen musste. Mir tat schon der Bauch weh. Und Michaels Eltern sahen uns vergnügt auf den Liegestühlen sitzend zu.
Wir verbrachten mehrere Stunden im Wasser. Wir merkten gar nicht, wie schnell die Zeit verflog, bis Michael meinte, er habe Hunger und noch mehr Durst. Ich musste ihm zustimmen und so beendeten wir unseren Kampf mit dem Meer. Aber es war nur Waffenstillstand. Denn nach einem kleinen Snack werden wir uns wieder an die Front begeben und härter kämpfen, als jemals zuvor.

Es war tatsächlich schon 14 Uhr, als wir gemeinsam in die Snackbar des Hotels gingen. Ich entschied mir für einen Salat und ein Käsesandwich. Und zum Trinken ein großes Glas Cola. Es tat echt gut, zur Abwechslung mal wieder was Süßes im Mund zu haben.
„Na, schmeckt besser als das Mittelmeer, wie?“ grinste Achim und trank von seinem Bier. Ich sah überrascht auf.
„Wie? Woher weißt du, dass …“
„Na hör mal.“ Unterbrach er mich. „Das war kaum zu übersehen. Außerdem macht das jeder beim Wellenreiten auf der Luftmatratze. Und du hast ja fast das ganze Meer ausgetrunken.“
Michael lachte laut auf. 
„Ja, das hat er.“ Ich grinste.
„Ja und? Mir macht das nichts aus. Und man gewöhnt sich dran. Aber Cola ist mir trotzdem lieber.“ Und dann biss ich herzhaft in mein Sandwich.
Stefanie sah mir zu. Es freute sie, dass Kai so viel Spaß hatte und dass es die richtige Entscheidung war, so kurzfristig Urlaub zu machen. Auch wenn das die Haushaltkasse ganz schön gesprengt hatte, war es doch letztendlich egal. Kai war glücklich. Sie war glücklich. Ihre ganze Familie war glücklich. Was zählte da schon das Geld. Beziehungsweise das nun fast leere Sparkonto.
„So kannst du nie was werden.“ Sagte Michael, zeigte auf meinen Salat und schob sich dann den letzten Rest von seinem Mega-Cheeseburger in den Mund. „Du solltest echt mal was mit mehr Power essen, du halber Hahn.“ Achim schmunzelte.
„Du meinst, mit mehr Fett!“ konterte ich.
„Ja genau. Damit du nicht ewig so eine Bohnenstange bleibst.“
„Ich finde mich gut so wie ich bin.“ Naja, das war nicht ganz die Wahrheit. Ich wäre schon gerne ein wenig größer und vor allem stärker. Dann würde mir mit Sicherheit vieles leichter fallen, aber was soll ich denn machen? Ich hatte mir schon oft überlegt, wie ich diesen Zustand ändern könnte, aber mir wollte nichts Rechtes einfallen. Klar, ich könnte zum Beispiel in ein Fitnessstudio gehen. Die würden mir bestimmt irgendwelche Übungen zeigen, wie ich mehr Muskeln bekommen würde. Aber das müsste ich ja dann mindestens drei Mal die Woche und vor allem regelmäßig machen. Und so wie ich mich kenne, wäre diese Regelmäßigkeit spätestens nach sechs Wochen verschwunden. Und davon abgesehen, kostet das ja auch Geld. Und zwar mehr, als ich im Monat Taschengeld bekam. Michaels Vater meinte mal zu mir, ich solle doch einfach Joggen gehen oder richtig knackig Fahrrad fahren. Das würde nichts kosten, und meinen Körper auf jeden Fall mit der Zeit auch formen. Wenn auch nicht so effektiv wie ein Hanteltraining. Aber auch das winkte ich ab. Ich hatte dazu einfach keine Lust, alleine im Park rumzulaufen oder umherzufahren. Und so blieb ich halt, wie ich bin. Man kann halt das eine nicht ohne das andere haben. Und außerdem war es unfair. Michael machte auch keinen Sport und hatte sichtbar Muskeln. Vor allem an den Oberarmen. Dafür aber schon einen dickeren Bauch. Den hatte ich nicht. Bei mir erkannte man sogar leicht die Bauchmuskeln. Ja, ich habe ein Sixpack. Aber den sah man wahrscheinlich nur, weil ich so schlank war.

Nach dem Essen hoben wir den Waffenstillstand mit dem Meer wieder auf und hatten, aufgrund höher Wellen, sogar noch mehr Spaß als am Vormittag. Das ging so weiter bis zum frühen Abend, wo ich mich, echt völlig abgekämpft, aber megaglücklich zum Hotel zurück schleppte. Erst eine Dusche und eine kleine Daumenlutsch-Pause auf dem Bett brachten mich wieder auf Vordermann.
Diesen Abend blieben wir, entgegen unserem Plan, wieder zum Einkaufszentrum zu gehen, im Hotel. Auf der Bühne wurde ein tolles Musical aufgeführt, dem wir begeistert folgten. Es war mir auch ganz recht, denn bereits um 22 Uhr wollten meine Augen einfach nicht mehr offenbleiben. Michael und ich verzogen uns in unser Zimmer und waren tatsächlich bald eingeschlafen. Ich war so fertig, ich zog nicht einmal meinen Schlafanzug an. Es war halt einfach ein super toller Tag.

Am nächsten Abend jedoch spazierten wir gleich als ganze Familie zu dem Zentrum, oder Vergnügungspark, oder wie das auch immer zu bezeichnen war. Michael hatte seinen Eltern davon erzählt. Nicht, dass wir am Tag davor heimlich schon mal dort waren, sondern nur deswegen, um sie um etwas Geld dafür zu bitten. Da wurden sie neugierig und sie kamen mit uns. Doch während wir uns in der Spielhalle amüsierten, schlenderten die beiden lieber durch die Läden und tranken gemütlich ein Glas Wein in dem kleinen Strandlokal. Den Krach und die vielen Kinder dort wollten sie sich einfach nicht antun.
„Komm! Jetzt gehen wir klettern!“ sagte Michael merklich verärgert, nachdem er das dritte Autorennen hintereinander verloren hatte. Da bin ich auf jeden Fall besser wie du!“
„Das werden wir ja sehen.“ Meinte ich großspurig.
Doch zunächst sahen wir nur eine Warteschlange. Doch es schien relativ schnell voran zu gehen, und so beschlossen wir, uns anzustellen. Es dauerte tatsächlich nicht allzu lange bis wir beide, in festen Gurten geschnallt, nebeneinander vor einer senkrecht aufsteigenden, künstlichen Felswand standen. Sie war gut und gern zwanzig Meter hoch und bereits in fünf Meter Höhe war ein erster, kleiner Felsvorsprung, der mir sogleich Sorgen bereitete.
„Ihr klettert einfach so hoch, wie ihr euch traut ok?“ sagte ein junger, kräftiger Mann mit gebräuntem Gesicht. „Es kann nichts passieren. Wenn ihr fallen solltet, halten euch die Gurte und ich und mein Kollege natürlich. Also, viel Spaß.“
Wir kletterten los. Es kam mir gar nicht so schwer vor, mich von einem bunten Griff zum nächsten zu ziehen und so rasch an Höhe zu gewinnen. Allerdings waren manche Haltepunkte schon ziemlich weit auseinander, so dass ich mich schon sehr strecken musste, um sie überhaupt zu erreichen. Das kostete natürlich Zeit. Michael hingegen erreichte sie anscheinend mühelos und kurz darauf war er bereits an dem Felsvorsprung gelangt, den er scheinbar ohne große Probleme überwand. 
„Wo bleibst du denn, du Schnecke!“ rief er nach unten.
„Na warte!“ antwortete ich ihm und versuchte, schneller zu klettern. Aber das machte keinen großen Sinn. Ich wollte ja nicht aus lauter Eile abrutschen, denn dann wäre der Spaß schon vorbei gewesen. Und außerdem war es ja kein Wettbewerb.
Den Felsvorsprung zu erklimmen war anstrengend. Ich musste meinen ganzen Körper nur mit den Armen nach oben ziehen, was mir beinahe nicht gelang. Denn so wenig ich auch wog, so wenig Kraft hatte ich leider auch. Aber ich schaffte es und kletterte voller Zuversicht weiter. Die Höhe machte mir gar nichts aus. Ich sah öfter nach unten, beinahe mit etwas Stolz auf meine sportliche Leistung. Doch beim zweiten Felsvorsprung, in knapp zehn Meter Höhe, verließ mich nicht etwa mein Mut, sondern meine Kraft. Ich schaffte es einfach nicht, mich erneut über die nun größere Klippe zu ziehen. Nach mehreren Versuchen gab ich das Signal nach unten, das ich nicht mehr konnte. So wurde ich langsam abgeseilt. Michael kletterte weiter, schaffte es aber auch nicht bis ganz oben. So kam er, auch wenn einige Zeit später, auf den Boden der Tatsachen an.
„Mann das war super!“ sagte er. „Mir tut richtig die Arme weh.“
„Mir auch. Ich bringe kaum mehr die Finger auseinander.“ Er lachte.
„Bist halt doch ein Mädchen.“ Scherzte er und ich streckte ihm die Zunge raus.
„Komm, gehen wir was trinken.“

Wir fanden seine Eltern in dem kleinen Café und setzten uns dazu. Gleich darauf mit Cola und Limo ausgestattet erzählten wir ihnen von unserem Kletterabenteuer.
„Morgen Abend ist übrigens eine Strandparty hier.“ Stefanie hielt einen kleinen Flyer hoch, die überall auf den Tischen verstreut lagen.
„Echt? Cool!“ Michael nahm ihn ihr aus der Hand. „Hey, mit DJ und die Getränke kosten nur die Hälfte.“
„Dafür aber Eintritt.“ Bemerkte ich und zeigte auf unteren Teil des Flyers.
„Na und? Da gehen wir hin, oder?“ Ich nickte begeistert.
„Dürfen wir, Mama? Papa?“ fragte er und setzte seinen Hundeblick auf.
„Von mir aus.“ Meinte sein Vater und winkte ab. „Aber ohne mich. Die ganzen Teenies da gehen mir auf den Nerven!“
„Sollst ja auch nicht mit!“ sagte Michael frech. „Und da steht eindeutig: U30 Party. Nicht Ü30“ Er grinste und zeigte ihm den Flyer. Achim schüttelte den Kopf.
„Macht was ihr wollte. Aber keinen Alkohol., verstanden!“
„Verstanden!“

Am nächsten Abend, nach einem tollen Ausflug an das andere Ende der Insel, kam ich frisch geduscht aus dem Badezimmer. Michael zog eine neue, kurze Hose und sein Lieblings-T-Shirt an. Dann verschwand er im Bad.
Ich entschied mich für eine kurze Jeans und ein rotes T-Shirt. Außerdem zog ich noch ein kurzärmliges graues Hemd darüber, dass ich lässig offenließ.
„Ähm…“ rief ich zu ihm in Bad. „Gehen wir da … barfuß hin … oder?“
„Was? Spinnst du? Wie kommst du denn auf sowas?!“
„Naja, ist doch eine Strandparty, oder?“
„Trotzdem. Das sieht doch total uncool aus.“ Es kam mit gestylten Haaren zu mir ans Bett. „Also ich zieh Turnschuhe an.“
„Okay, dann mach ich das auch.“ Sagte ich und zog schwarze Sneaker Socken über meine Füße. Dann schlüpfte ich noch in die Turnschuhe, setzte meine Mütze auf und war ausgehfertig.
Michael sah mich von oben bis unten an und runzelte die Stirn.
„So willst du gehen?“ fragte er. Ich sah an mir herunter.
„Wieso? Was ist denn?“
„Naja ich meine … das offene Hemd… ist jetzt nicht so der Hit. So laufen doch bloß Zehnjährige rum.“
„Stimmt doch gar nicht!“ versuchte ich zu wehren.
„Ich meine doch nur, du siehst sowieso schon aus wie ein klei…“ Er brach mitten im Wort ab.
„Wie ein was!“ blaffte ich ihn an.
„Gar nichts. Tut mir leid. Echt.“
„Schon gut. Ich weiß wie ich aussehe.“ Sagte ich, wenn auch etwas beleidigt.
„Ich dachte halt nur, du solltest dich vielleicht ein wenig… naja … wie ein … Erwachsener oder so anziehen? Und nicht immer solche Kinder T-Shirts mit Autos drauf. Fehlt nur noch, dass du auch noch solche Blinke-Schuhe anziehst.“
„Nur leider gibt es nicht so viele Sachen für Erwachsene in meiner Größe!“ sagte ich hart und verschränkte bockig die Arme. Auch wenn ich diese Blinke-Schuhe schon irgendwie cool fand.
„Hey, es tut mir leid, okay? Echt jetzt. Ich wollte dich nicht verletzen.“ Ich atmete hörbar durch.
„Ist schon okay. Aber mir gefällt es halt. Sehe ich echt soooo schlimm aus?“
„Nein. Du kannst schon so gehen. Aber die Haare solltest du dir noch stylen. Und deine Mütze hierlassen.“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Auf gar keinen Fall!“
„Meinst du jetzt das stylen oder wegen der Mütze.“
„Beides. Du weißt, was sie für mich bedeutet.“
„Ja schon, aber die anderen doch nicht. Und ich denke, mit cooler Frisur würdest du einfach… naja … cooler aussehen. Da sind bestimmt auch viele Mädchen da.“
„Die sehen mich doch sowieso nicht an. Mehr durch mich hindurch. Ob mit oder ohne Mütze.“ Michael gab auf.
„Also gut. Aber beschwere dich nachher nicht bei mir.“

Schon von der Ferne hörten wir die laute Musik und das Stimmengewirr. Die Party war schon im vollen Gange. Michael erklärte mir, man dürfe auf eine Party niemals der erste Gast sein, sondern immer später kommen. Das wäre sonst nämlich peinlich. Allein mit dem Gastgeber. Ich verstand das nicht so ganz. Irgendjemand musste ja der Erste sein. Wie soll das also funktionieren?

„Zutritt erst ab 15 Jahren!“ blaffte uns ein Mann am Eingang an, der eigentlich nur aus einem Tisch und einem Stuhl bestand. Zu der Party kam man nur, wenn man die Treppe zwischen den Geschäften hindurch zum Strand nahm. Wie sie den Strand selbst abschirmten war mir allerdings ein Rätsel.
„Wir sind 15.“ Rechtfertigte Michael sich und hielt ihm das Eintrittsgeld hin.
„Du vielleicht schon. Aber dein Bruder hier bestimmt nicht.“ Er zeigt auf mich.
„Er ist nicht mein Bruder! Sondern mein Freund!“ erklärte er verärgert. Ich sah ihn verwundert an
„Wie auch immer. Erst ab 15.“
„Ich BIN 15.“ Sagte ich streng.
„Hast du einen Ausweis dabei?“
„Nein, natürlich nicht!“
„Dann hast du Pech gehabt, Junge! Und jetzt verzieh dich!“
„Nein!“ wehrte sich Michael. „Wir gehen da jetzt rein. Hier ist das Geld!“
„Leg noch mal zehn drauf, dann ja!“ Er grinste schief und gemein.
„WAS?! Niemals! Das ist Betrug!“
„Ist schon gut.“ Versuchte ich ihn zu beruhigen und kramte in meiner Hosentasche. „Hier bitte.“ Ich gab dem Mann einen Zehn Euro Schein.
„Na also. Habe ich doch gleichgesehen, dass du 15 bist.“ Michael sah ihn finster an und ballte die Fäuste.
„Komm lass gut sein.“ Sagte ich und zog ihn an dem Türsteher vorbei zur Party.
„So ein Vollidiot.“ Maulte er. „Und bevor du fragst, du bist selbstverständlich mein Bruder.“
„Ach ja? Und warum hast du das dann vorhin geleugnet?“
„Denk doch mal nach! Wie kannst du auch 15 und mein Bruder sein, wenn wir nicht gerade wie Zwillinge aussehen, oder?“ Ich nickte.
„Du hast recht.“
„Das habe ich immer. Komm, holen wir uns was zu Trinken. Auf den Ärger brauch ich was.“

Die Party war wirklich gut besucht und auch toll gemacht. Überall hingen bunte Lampen und besonders auf dem zur Tanzfläche erkorenem Platz waren reihum lauter so heller Blitzdingsda-Geräte aufgebaut, die so schnell und hell blitzten, dass es mir in den Augen weh tat. Etwas weiter abseits brannte sogar ein Lagerfeuer. Wir tranken unsere Cola an einem der Tresen und sahen uns die anderen Leute an. Es waren fast ausschließlich Teenager da, die entweder tanzten, oder sich, wild mit den Armen gestikulierend, mit den anderen unterhielten. Und fast jeder hatte was zu Trinken in der Hand. Auch erkannte ich, dass manche barfuß da waren, worauf ich Michael mit einem Stubs in die Seite hinwies und dabei grinste. Doch er rollte nur mit den Augen.
„Ich gehe jetzt tanzen. Kommst du mit?“ Doch ich verneinte.
„Lieber nicht. Ich kann nicht tanzen. Und außerdem komme ich mir dabei blöd vor.“
„Die wenigsten können hier tanzen, Alter. Schau doch.“
„Trotzdem. Du kannst ja gehen. Viel Spaß.“ Er hob die Schultern.
„Aber lauf nicht weg. Und lass dich nicht anquatschen. Schon gar nicht von einem Mädchen.“
„Haha, sehr witzig.“
Grinsend ging er Richtung Tanzfläche und war sogleich im Gewühl verschwunden. Ich hatte nichts dagegen, allein zurückzubleiben. Ich sah mich gern um, beobachtete die anderen. Was sie taten, wie sie aussahen, was sie anhatten. Selbstverständlich die Mädchen mehr als die Jungs. Und ich muss sagen, dass da wirklich welche dabei waren, die echt gut aussahen. Ja, schon klar. Aussehen ist nicht alles und so weiter. Aber wie sonst soll man sich denn für jemanden entscheiden beim ersten Mal, als über das Aussehen. Ich machte mir ja da eher keine Hoffnung, angesprochen zu werden. Erstens, weil ja die Jungs das immer übernehmen, oder und zweitens, weil ich naja. ihr wisst schon. Klein und schüchtern. Dabei hätte ich schon gerne mal mit einem Mädchen… was gemacht...? Oder?
Ich sah Michael nicht mehr. Schon über eine Stunde war vergangen und jetzt wurde es mir doch langsam langweilig. Also verließ ich meinen Stammplatz an der Theke und lief umher. Ich hielt Ausschau nach … nach … Mädchen die … alleine waren … um sie … anzusprechen …? Echt? Du? Du, Kai? Das ich nicht lache …
Doch ehrlich. Ich mach das.
Ja klar… Du kommst ja nicht mal an einem Türsteher vorbei, ohne ihn zu bestechen.
Ja und? Zumindest habe ich ihn bestochen und bin an ihm vorbei. Und jetzt mache ich das! Ende!
Na, dann… mach… wirst schon sehen, wie du dich blamierst…
Ich tat es nicht. Weil ich tatsächlich kein Mädchen fand, das allein (und sehnsüchtig auf einen erlösenden Prinzen wartend) auf der Party war. Wenn, dann waren sie mindestens zu zweit oder es war schon ein Junge dabei. Oder mehrere. Klar, wenn ich nicht allein wäre, dann könnte ich vielleicht … verdammt noch mal, wo war Michael denn?
Und dann sah ich ihn. Er stand mit einem Glas in der Hand mit irgendwas Rotem darin, aus dem ein Strohhalm ragte, etwas abseits und mit ihm … zwei Mädchen. Wow, dachte ich… echt zwei? Das ist… wow… (unfair).
Die Mädchen waren wirklich hübsch, hatten beide lange dunkle Haare und trugen hell beige Hosen, die echt kurz waren. Im Prinzip bedeckten die gerade mal ihre Hintern. Dazu ein enges Oberteil das bei beiden jeweils den Bauchnabel rausblitzen ließ. Piercing inklusive. Beide hatten ein Glas mit dem wohl demselben Getränk in der Hand. Zumindest ließ die Farbe darauf schließen. Ich schätze sie so auf 16 Jahre. Aber das war schwer zu sagen, da sie irgendwie total erwachsen aussahen.
Ich ging auf die drei zu und hielt dann doch inne. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ich sollte vielleicht nicht stören oder sowas in der Art und wollte gerade umdrehen, da hörte ich meinen Namen.
„Hey, Kai! Hier bin ich. Komm her!“ Wild fuchtelte Michael mit den Armen, das ich befürchtete, er würde sein Getränk verschütten. Ich ging auf die drei zu.
„Hi, das sind Kerstin und Jennifer.“ Stellte er mir die beiden vor und ich hob die Hand zum Gruß.
„Ohhh, ist das dein kleiner Bruder?“ sagte eine der beiden sichtlich angetrunken. Wobei ich bis heute nicht sagen kann, ob es Kerstin oder Jennifer war.
„Ja.“ Antwortete Michael ebenfalls leicht lallend. „Das ist Kai.“
„Der ist ja niedlich.“ Sagte sie. „Wie bist du denn hier reingekommen. Hast du den Türsteher bestochen?“
„Ja, aber…“ wollte ich mich verteidigen.
„Kai ist genauso alt wie ich.“ Fiel er mir ins Wort und grinste. „Ich weiß, er sieht ein bisschen jünger aus.“
„Ein bisschen? Ich hätte gedacht der ist zwölf oder so.“ Bis jetzt hatte immer nur eine der beiden gesprochen. Die andere grinste nur doof.
„Du bist 15? Echt?“
„Ja.“ Sagte ich so männlich wie ich konnte und versuchte auch, mich ein wenig aufzuplustern. „Und wie alt bist du?“
„Siebzehn. Und meine Freundin ist sechzehn.“ Ich nickte lächelnd. „Aber du … ich weiß nicht … wenn ich mit dir rummachen würde … dann … wäre das ja wie ein Kinderpor…“
„Er ist wirklich fünfzehn. Er kann doch auch nichts dafür, oder?“ unterbrach sie Michael.
„Schon gut, schon gut. Ich meine ja nur.“
Ich konnte mir nicht helfen, aber die beiden waren mit echt unsympathisch. Wie konnte er nur an die beiden geraten.
„Es ist ihr letzter Tag hier.“ Erklärte er mir. „Morgen Mittag fliegen sie wieder nach Hause. Schade, oder?“ Ja sehr schade, dachte ich und nickte nur.
„Richtig. Deswegen sollten wir die Zeit nutzen.“ Meinte sie, gab das Glas ihrer Freundin und schlang die Arme um Michael.
„Du kannst den Kleinen haben.“ Meinte sie noch und drückte dann ihre Lippen auf Michaels Mund. Ich staunte nicht schlecht, sah ihnen kurz zu und dann ihre Freundin an. Die blickte verächtlich zurück.
„Oh Mann…“ sagte sie und verdrehte die Augen. „Dann mache ich es mir schon lieber selbst.“ Mit diesen Worten ließ sie mich stehen ging sie davon.
„Komm Süßer, gehen wir wohin, wo wir ungestört sind.“ Michael nickte breit grinsend. Und genau wie das andere Mädchen gingen sie grußlos davon. Na toll, dachte ich. Das baut das Selbstwertgefühl so richtig auf. Auch wenn die Mädchen schon angetrunken waren und somit sicher leichter zu haben, als nüchtern, waren meine Chancen gegenüber Michael gleich Null. 
Niedlich sei ich, dachte ich und atmete genervt durch. Ich will aber nicht niedlich sein. Ich will …
(Natürlich willst du das Kai. Du bist ein Teenbaby. Und die müssen doch niedlich sein, oder? Gib es doch zu, das gefällt dir doch, stimmts?)

Ich ignorierte meine innere Stimme und ging an die nächstliegende Bar. Ich setzte mich auf einen der hohen Hocker und bestellte mir, mit den Füßen in der Luft baumelnd, was zu trinken. Als es endlich kam, trank ich das halbe Glas auf einmal leer. Ja, ich war sauer. Sauer darüber, was die blöde Kuh gesagt hat. Soll sie es sich doch selber machen, wenn sie meint. Ist mir doch egal. Die verdient mich doch gar nicht. Und die andere auch nicht. Und überhaupt sind alle Mädchen doof, weil mich noch nie auch nur eine einzige …
„Hey! Schlecht gelaufen, oder?“
Eine Stimme neben mir riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah nach links. Neben mir saß ein Junge mit blonden Haaren, braun gebranntem Gesicht und lächelte mich an. Er trug nur ein offenes, buntes Hemd über seinen sonst nackten Oberkörper und eine Bermuda Hose. Und er war barfuß.
„Was?“ fragte ich ihn knapp und sah ihn verärgert an.
„Na das da gerade. Du und der andere Typ. Bei den 2 Mädchen. Kerstin und Jennifer.“
„Du kennst sie?“ fragte ich eine Spur zu laut.
„Klar. Die kennt doch jeder, der auch nur ein paar Tage hier ist.“
„Warum denn das?“
„Na, weil die beiden es doch mit jedem treiben, der ihnen bloß was zum Trinken spendiert. Du gibst denen einen Drink aus und zack, landest du schon im Bett.“ Er schnippte mit den Fingern. „Einfach unglaublich sowas.“ 
„Und…“ fragte ich vorsichtig. „Hast du auch schon mit denen …?“
„Klar!“ schoss es aus ihm heraus. „Nein, nicht wirklich. Aber das macht nichts, die sind sowieso nicht mein Niveau.“ Dann drehte er sich ganz zu mir um und reichte mir die Hand. „Hi. Ich bin Steven. Wie heißt du?“
„Kai.“ Antwortete ich und erwiderte seinen Gruß.
„Wie alt bist du, Mann?“
„Fast 15.“
„Echt? Wow. Siehst aber echt nicht so aus, Mann.“
„Ich weiß. Das habe ich schon öfter gehört.“
„Das die dich hier überhaupt rein gelassen haben, wundert mich. Nichts für ungut.“
Ich hob die Schultern.
„Schon ok. Ich habe den Türsteher bestechen müssen.“ Steven lachte laut auf.
„Ja, das glaub ich dir sofort.“ Er lächelte mich freundlich an.
„Wie lange bist du schon hier?“ fragte ich ihn.
„Seit eine Woche ungefähr. Wir haben noch vier Tage. Dann geht’s wieder nach Hause. Ist ja schon geil hier, aber ich schwöre dir, das war der letzte Urlaub mit meinen Alten. Echt jetzt. Die wollen immer diese langweiligen Ausflüge machen. Ich aber nur an den Strand und Party und so halt. Auch wenn das alleine nicht immer so toll ist. Aber immer noch besser, als den ganzen Tag mit dem Altersheim rumzuhängen.“ Ich grinste.
„Nächstes Jahr möchte ich mal allein herkommen. Also ohne Eltern und so.“
„Wirklich? Warum denn das? Das ist doch dann noch langweiliger.“ Steven schüttelte den Kopf.
„Eben nicht. Ich würde gerne hier arbeiten. Die suchen immer Leute hier. Gerade im Tourismusbereich. Wäre doch cool. Immer schönes Wetter, Strand und Meer. Und dann auch noch Geld verdienen. Ich fände das klasse.“
„Na, dann mach doch.“ Sagte ich.
„Mach ich auch. Das heißt, wenn meine Alten mich lassen. Ich habe es ihnen schon mal erzählt. Aber begeistert waren sie nicht gerade.“
„Das kann ich mir vorstellen. Was haben sie denn gesagt?“
Er hielt zwei Finger hoch.
„Nur zwei Wörter: Du spinnst.“ Dann grinste er. „Aber ich will das echt machen. Und wenn es nur für eine Saison ist. Ist mal was anders, verstehst du? Im Mai würde es losgehen, bis so Ende September. Da kann man bestimmt tolle Erfahrungen machen. Und auch die Sprache und so.“
„Kannst du denn spanisch?“ wollte ich wissen.
„Nur ein paar Sätze. Aber ich bin ein schlauer Kopf. Das kriege ich schon hin.“
„Ganz sicher.“ Stimmte ich ihm zu.
„Komm´ doch mit mir mit. Dann machen wir das zusammen. Ist bestimmt einfacher zu zweit.“ Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Vergiss es! Das erlauben mir meine Eltern nie.“
„Wer weiß. Frag´ sie doch einfach mal. Und dann sehen wir weiter. Also ich mache das auf jeden Fall. Und er wird bestimmt echt cool werden. Und am besten gleich hier im Hotel. Oder in der näheren Umgebung. Dann kenne ich zumindest schon mal die örtlichen Gegebenheiten.“
Ich bewunderte Steven Zielstrebigkeit. Ich war noch nie auf den Gedanken gekommen, im Ausland zu arbeiten. Aber er hat recht. Irgendwie reizvoll ist es schon. Und auch voll ein Abenteuer. Ich werde darüber nachdenken.

„Hast du Geschwister?“ fragte ich nach einer kurzen Pause
„Nein. Leider nicht. Du?“
Ich überlegte kurz. Genau genommen war Michael nicht mein Bruder, aber was sollte das schon ausmachen.
„Ja, ich habe einen älteren Bruder.“
„War das der Typ, der gerade mit dem Mädchen verschwunden ist? Ich weiß jetzt nur leider nicht, ob es Kerstin oder Jennifer war. Ich kann die beiden einfach nicht auseinanderhalten.“
„Ja, das war er. Er heißt Michael.“
„Der Erzengel Michael…“ philosophierte Steven, breitete verheißungsvoll die Arme aus und sah gen Himmel. Ich musste lachen. Steven war mir echt sympathisch.
„Na dann wird er heute wohl mal zum Zuge kommen. Wenn er sich nicht allzu dämlich anstellt.“
„Meinst du wirklich, dass er …“
„Klar.“ Unterbrach er mich. „Aber glaube mir, er braucht sich darauf nichts einzubilden. Aber auch schon gar nichts. Die beiden lassen echt jeden ran.“
„Naja, fast jeden.“ Verbesserte ich ihn und er lachte.
„Und wenn schon. Die haben uns doch gar nicht verdient, oder? Kai?“ Ich nickte zustimmend. Dann hob er die Hand Richtung Barkeeper.
„Herr Ober? Zwei Cubra Libre bitte für mich und meinen Freund hier.“
„Oh nein, vielen Dank. Ich darf keinen Alkohol… ich meine ich soll nicht…“
„Ach Unsinn. Da ist sowieso fast keiner drin. Und ich gebe dir einen aus. So von Abgewiesenem zu Abgewiesenem.“ Kurz darauf standen die beiden Cocktails vor uns. Sie sahen eigentlich aus, wie eine ganz normale Cola.
„Na dann, Prost.“ Steven hob sein Glas. „Trinken wir auf uns. Auf die beiden, die sogar von den beiden größten Schlampen von Mallorca versetzt worden sind. Auf die Jungs, die es nicht nötig haben, ihren Schwanz in so eine Bitch zu versenken. Die auf einem so hohen Niveau sind, dass sie…“
„Schon gut, schon gut.“ Fiel ich ihm ins Wort. „Trinken wir einfach.“
„Äh… ja.“ Wir stießen an und tranken. Ich merkte sehr wohl den Alkohol, doch es schmeckte mir eigentlich ganz gut.
„Und wie alt bist du, Steven?“
„16. Und immer noch Single. Kannst du dir das vorstellen? Bei diesen Traumkörper?“ Er zog mit beiden Händen sein Hemd auseinander. Ich sah ihm auf die gebräunte, haarlose Brust.
„Das ist doch nicht zu fassen.“
„Vielleicht liegt es ja am Hemd.“ Scherzte ich. Er sah nach oben und kratzte sich am Kinn.
„Du hast recht, Mann. Das ist es. Warum bin ich da nicht selbst darauf gekommen.“ Und mit einer schnellen Bewegung zog er sein Hemd aus und warf es auf den Boden. Er breitete wieder die Arme aus.
„Na? Besser?“ Ich musste lachen, wie er so halb nackt und so dämlich grinsend vor mir saß. Ich schüttelte den Kopf.
„Okay. Dann zieh´ du dich doch aus.“ Meinte er, doch ich verneinte.
„Nein danke. Die glotzen mich schon mehr als genug an. Da muss ich nicht noch eins draufsetzen.“
„Wie du meinst.“ Er bückte sich, hob sein Hemd auf und schüttelte den Sand heraus. Dann zog er es wieder an.
„Aber du wächst doch bestimmt noch, oder?“ Er nippte an seinem Glas.
„Ich hoffe es.“
„Na klar. Glaub mir. Eines Tages wachst du auf und wusch… bist zu eins-achtzig.“
„Ja. Sicher.“ Sagte ich abfällig und trank einen Schluck.
„Glaube mir. Das war bei mir auch so.“ Er sah nachdenklich nach oben. „Eines Tages,“ sinnierte er, „ich weiß nicht mehr wann es war, doch es war ein herrlicher Sommertag, wachte ich am frühen Morgen auf, streckte mich im Bett behaglich aus und… Peng!“ Er knallte seine Hände zusammen. „Stieß ich mit den Füßen an das Bettende an.“ Er sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich konnte einfach nicht anders, und musste lachen.
„Du bist ja echt ein komischer Vogel.“ Meinte ich und erhob erneut mein Glas.
„Oh danke, Verehrtester. Ich fühle mich geehrt.“
Wir schwiegen eine Weile und sahen den anderen beim Tanzen und Quatschen zu.
„Wen findest du gut von denen?“ fragte Steven mich und machte eine ausladende Geste zur Tanzfläche hinüber.
„Naja, jetzt rein äußerlich…, die mit dem schwarzen Oberteil und der blauen Hose find ich ganz nett. Oder die mit dem Wuschelkopf da mit dem großen Typen.“ Ich zeigte mit dem Finger in die angesprochene Richtung.
„Aha. Ich sehe schon, du hast Geschmack. Gute Wahl. Und wen findest du von den Jungs toll?“ Ich sah ihn irritiert an. „Wie meinst du das denn?“
„Wie ich das schon meine… wen von den Jungs gefällt dir?“
„Ähm, ich bin nicht schwul.“
„Ich auch nicht. Aber deswegen gibt es doch auch Jungs, die einem gefallen, oder eben auch nicht, oder irre ich mich?“ So gesehen hatte er Recht.
„Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ Sagte ich beinahe entschuldigend.
„Das glaube ich dir nicht! Du hast noch nie einen Jungen gesehen, wo du gedacht hast: Wow! Der sieht aber gut aus. Oder, der hat aber geile Klamotten an. Oder hat eine coole Frisur und so weiter.“
Ich überlegte. Ja, Steven hatte tatsächlich Recht. Das habe ich schon öfter gedacht. In meiner Klasse zum Beispiel sind jetzt keine Jungs, wo ich sagen würde, dass sie mir gefallen würden oder so. Wobei ich fand, dass Michael eigentlich ganz gut aussah. Er war groß, schon ein bisschen muskulös und hatte eine tolle Frisur. Jochen, sein bester Freund war jetzt auch nicht hässlich, aber trotzdem nicht so, ja, wie soll ich sagen, so attraktiv wie Michael. Kein Wunder also, das seine Chancen bei den Mädchen hoch waren. Und in der Parallelklasse gab es auch einen, den ich ebenfalls attraktiv fand, aber noch kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Ich wusste nicht einmal seinen Namen.
Und Steven? Naja, er war auf jeden Fall sehr sympathisch. Hatte eine tolle Ausstrahlung. Mehr war doch gar nicht wichtig. Auch wenn mein Blick ab und an auf seiner nackten, braungebrannten Brust ruhte. Und ich? War ich attraktiv? Ich fand mich, abgesehen von Körpergröße und Statur eigentlich ganz ok. Ich mochte mein Gesicht, meine braunen Augen und meine Stubsnase. Aber für andere schien ich wohl einfach nur niedlich zu sein. Und nicht attraktiv. Oder gar männlich. So wie Steven. Oder Michael.
„Woran denkst du?“ fragte er mich.
„Ich? Gar nichts. Ich dachte nur…“
„Du hast einen voll süßen, verträumten Blick.“ Sagte er auf einmal und lächelte. „Wie ein kleiner Junge.“

Steven und ich tranken unsere Cocktails aus und verließen die Bar. Er hatte vorgeschlagen, zum Wasser runter zu gehen, wo ich sofort dabei war. Die laute Musik ging mir langsam auf die Nerven und da unten, direkt am Meer, ist es bestimmt nicht mehr ganz so laut.
Und ich behielt Recht. Natürlich war die Musik noch zu hören, aber angenehm gedämpft. Wir setzten uns in den Sand, der immer noch angenehm warm war und sahen schweigend auf das dunkle Meer hinaus. Man erkannte nur die hellen Schaumkronen der kleinen Wellen. Aber ansonsten lag es schwarz da. Schwarz und rauschend. Fast ein wenig unheimlich.
„Ist komisch, oder? Das Meer bei Nacht.“ Fragte mich Steven leise, als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Ja.“ Sagte ich nach ein paar Sekunden, ohne ihn anzusehen.
„Jetzt geht es ja noch, wegen der Party und so. Du musst mal mitten in der Nacht hierherkommen. Wenn alles dunkel und still ist.“
„Warst du denn schon mal in der Nacht hier?“
„Ja klar. Schon ein paar Mal.“
„Warum?“ wollte ich wissen.
Er antwortete mir nicht sofort. Er schien die Augen geschlossen zu haben. So genau konnte ich das nicht erkennen. Dafür war es zu dunkel. Aber ich hörte, wie er ein paar Mal laut durch atmete.
„Weil es schön ist.“ Antwortete er dann und sah mich an. „So friedlich und doch unheimlich. Geheimnisvoll. Fast hypnotisierend. Ich liebe das Meer.“
„Ich auch. Als wir ankamen, bin ich sofort an den Strand gelaufen. Ganz allein. Ich wollte es unbedingt sehen. Aber halt erstmal allein. Verstehst du?“
„Klar. Es hat halt einfach was Magisches. Das Meer.“ Ich nickte.
„Haben denn deine Eltern nichts gemerkt, wenn du mitten in der Nacht abhaust?“
„Nein. Die schlafen ja in einem anderen Zimmer. Kein Problem. Und ich bleibe ja auch nicht besonders lange.“
„Verstehe.“ Meinte ich knapp und sah wieder aufs Meer hinaus.
„Und du?“ fragte er mich nach einer Weile. „Was ist mit dir?“
„Was soll mit mir sein?“ Er drehte sich zu mir um, legte sich seitlich in den Sand und stütze seinen Kopf mit der rechten Hand ab.
„Ich weiß nicht. Du bist irgendwie… anders.“ Ich sah ihn lange fragend an.
„Bin ich nicht.“
„Doch bist du.“ Konterte er sofort, richtete sich wieder auf saß nun mit gekreuzten Beinen direkt von mir.
„Ich weiß nicht genau, was und warum, aber irgendwie bist du …“ Er hob eine Schulter. „Ein Sonderling.“
„Bin ich nicht.“ Wiederholte ich trotzig und verschränkte die Arme.
„Siehst du! Siehst du! Das meinte ich! Genau das!“ Er zeigte mit dem Finger auf mich.
„Wie so ein kleines Kind. So… bockig und … trotzig. Hey Mann, das kannst du echt gut. Respekt.“
„Was? Unsinn!“ verteidigte ich mich nahm eine lockere Sitzposition ein, um meinen Ausdruck noch zu unterstreichen.
„Und weil du so klein bist, sieht das echt so aus.“ Er lachte. Ich lachte nicht. Ganz im Gegenteil. Ich sah ihn finster an.
„Ich gehe dann jetzt wohl besser.“ Sagte ich so erwachsen wie möglich und wollte aufstehen. Doch Steven hielt mich am Arm fest und sah mich an.
„Hey, tut mir leid. Ich habe das nicht so gemeint. Ehrlich.“ Ich atmete genervt durch.
„Das hast du bestimmt schon öfter gehört. Und … ist bestimmt nicht leicht, wenn man kleiner ist, stimmts?“ Ich schüttelte den Kopf und wir sagten eine ganze Weile gar nichts.
„Du bist echt ein netter Kerl.“ Meinte er dann in die Stille hinein. „Auch wenn das jetzt total schwul klang.“
„Klang es nicht. Danke. Du bist auch okay.“
„Nur okay?“ entrüstete sich Steven scherzhaft. „Hey, sieh mich doch an. Ich bin liebenswert.“ Er grinste breit. „Allerdings haben die Mädchen das noch nicht gemerkt.“
„Hast du schon mal eine Freundin gehabt?“ wollte ich wissen, doch er schüttelte den Kopf.
„Nein. Irgendwie war noch nicht die Richtige dabei.“
„Das sagen alle Singles.“ Sagte ich und lachte.
„Hey. Du hast ja auch noch keine gehabt, oder?“
„Nein.“
„Aber dein Bruder heute vielleicht. Das heißt, wenn er sich nicht allzu dumm anstellt.“
„Du verwechselst Freundin mit Sex!“ warf ich ein und er stimmte mir zu. „Und außerdem ist er eigentlich gar nicht mein Bruder.“ Steven machte große Augen.
„Nicht? Hast du das nicht gesagt?“
„Ja schon, aber … alles andere zu sagen wäre … einfach zu kompliziert.“
„Dann ist er halt dein Kumpel. Was ist daran kompliziert? Oder ... halt, ich weiß, er ist dein richtiger Freund, ihr seid beide schwul und keiner darf es wissen, stimmts?“
„Quatsch! Sonst wäre er wohl kaum mit dem Mädchen gegangen, oder?“
„Es gibt solche und solche“ meinte er nur.
Ich überlegte. Sollte ich ihm genaueres über mich erzählen? Mehr Einzelheiten? Mehr Details? Ich meine, ich kannte ich doch erst seit ein paar Stunden. Und trotzdem musste etwas an mir sein, das anders war … Ihm fiel es auf … in dieser kurzen Zeit. Oh Gott, dachte ich auf einmal. Wie musste ich dann erst auf die wirken, die mich schon länger kannten? Mir wurde auf einmal flau im Magen.
„Hey? Ist alles in Ordnung? Du siehst so weggetreten aus.“
„Nein, nein. Alles okay.“ Antwortete ich eine Spur zu schnell. „Alles gut.“

„Also? Was ist er, wie hieß er noch?“
„Michael.“
„Ach ja. Also? Was ist mit ihm. Oder dir? Oder euch?“ Ich holte Luft.
„Er ist nicht mein Bruder. Er ist der Sohn von meiner … meiner … Pflegefamilie.“
„Verstehe. Du bist adoptiert, oder wie?“
„Nein. Ich bin nur ein … ein Pflege … Kind.“ Steven sah mich fast bemitleidenswert an.
„Okay. Das ist doch nicht schlimmes.“ Ich verneinte.
„Und was ist deinen Eltern? Deinen richtigen Eltern, meine ich?“
„Meine Mutter ist gestorben, da war ich neun. Und mein Vater … naja … er war nicht so gut drauf, okay? Deswegen bin ich da weg.“
„Er hat dich geschlagen, stimmts?“ Ich sah ihn an und er wusste sofort die Antwort auf seine Frage.
„Naja… auf jeden Fall kam ich dann ins Heim und bla, bla, bla. Und jetzt wohne ich eben bei ihnen.“
„Das ist doch gut, oder?“
„Ja. Sie sind toll. Und Michael kannte ich schon länger. Wir gehen in dieselbe Klasse.
„Super. Dann hast du ja richtig Glück im Unglück gehabt.
„Ja. Schon. Können wir jetzt bitte über was anderes reden?“
„Klar. Ich wollte alte Wunden bei dir aufreißen, oder so was.
„Ist schon gut.“
„Okay. Und über was reden wir?“
„Keine Ahnung.“
„Aber ich. Sieh mal, wer da an getorkelt kommt.“
Er deutete an mir vorbei und ich sah in die gezeigte Richtung. Zuerst erkannt ich gar nichts. Dann einen Schatten, der sich erst in eine menschliche Gestalt und dann in Michael verwandelte. Steven schien echt gute Augen zu haben. Aber ich fand nicht, das Michael schwankte. Er kam ganz normal auf uns zu.
„Da bist du!“ sagte er verärgert. „Hey, ich suche dich schon überall!“
„Und? Wie wars?“ fragte Steven einfach zwischen rein und grinste.
„Wer bist du denn?“ Michaels Stimmte klang verächtlich.
„Das ist Steven.“ Antwortete ich für ihn. „Wir haben uns an der Bar kennengelernt.“
„Ah ja. An der Bar. So, so!“ Michael verschränkte die Arme. Noch immer hatte er sich nicht zu uns gesetzt, sondern stand breitbeinig vor mir.
„Ja und? Und du bist bumsen gegangen.“ Sagte Steven hart und Michael zog die Augenbrauen hoch.
Als er so vor mir stand und ich an ihm hochsah, fiel mir nun doch auf, dass er mehr getrunken haben musste, als er zu vertragen schien. Er bemühte sich redlich, fest stehen zu bleiben, aber ich sah, wie er leicht mit dem Oberkörper schwankte. Er war also tatsächlich betrunken. Na klasse, … wie wohl seine Eltern darauf reagieren werden, wo sie uns doch verboten hatten, Alkohol …
„Was? Wer sagt das?!“
„Na komm, dass ich doch offensichtlich. Du bist nicht der Erste, den die beiden für ein paar Drinks rangelassen haben. Bei weitem nicht.“
„Und woher willst du das wissen?“ Michael sprach nun immer wütender.
„Das wissen alle hier, Bruder.“ Meinte Steven nur locker und grinste ihn wieder an.
„Ich bin nicht dein Bruder!“ blaffte Michael und ballte die Fäuste.
„Aber der hier!“ Steven zeigte auf mich. „Hast ihn allein gelassen, Mann. Nicht nett von dir. Wirklich nicht. Und da habe halt ich mich um ihn gekümmert. Stimmts Kai?“ Er klopfte mir ein paar Mal hart auf Schulter und Rücken.
„Fass meinen Bruder nicht an!“ herrschte Michael ihn an, wollte auf ihn zugehen, doch er stolperte über seine eigenen, im Rausch nicht mehr von ihm absolut kontrollierbaren Füße, und fiel genau zwischen uns in den Sand. Steven und ich hechteten reflexartig zur Seite. Ich weiß, es ist eigentlich nicht komisch, aber ich konnte nicht anders und lachte auf. Auch Steven stimmte mit ein und noch lustiger wurde es, als Michael seinen Kopf hob, das Gesicht voller Sand, den er zugleich auszuspucken versuchte. Steven half ihm hoch.
„Hey, alles okay?“ fragte er ihn und er nickte. „Sehr gut, dachte schon, du kotzt hier gleich alles voll oder so.“
„Quatsch! Das wird nicht …“ Doch in dem Moment passierte es. Er würgte, hielt sich die Hand vor den Mund, krabbelte schon fast panisch ein paar Meter von uns weg und übergab sich geräuschvoll in den Sand. Steven lachte.
„10 Punkte, Alter!“ rief er zu ihm und lachte weiter. Ich hingegen ging zu ihm. Michael stand auf allen vieren und würgte und spuckte. Lange Speichelfäden hingen von seinem Mund und seinen Augen tränten. Ich ging in die Hocke und legte ihm die Hand auf den Rücken.
„Hey. Geht’s wieder?“ fragte ich vorsichtig und er hustete und nickte.
„Erzähl das bloß nicht meinen Alten.“ Brachte er stotternd hervor. „Sonst wars das mit Party und so!“
„Keine Sorge, das mache ich nicht.“ Er nickte wieder.
Er brauchte noch ein paar Minuten, um sich wieder zu beruhigen, spuckte noch ein paar Mal auf den Boden und wischte sich mit den Handrücken den Mund ab.
„Jetzt geht es wieder besser, stimmts?“ wollte Steven wissen, während wir beide uns wieder zu ihm setzten.
„Ja. Danke.“ Sagte er verächtlich.
„Jetzt komm schon. Frieden?“ Er hielt ihm seine Hand hin und Michael schlug ein.
„Dein erster Rausch?“ fragte er und er nickte bestätigend.
„Wieviel hast du geschluckt?“
„Keine Ahnung. Ein paar Cocktails halt.“
„Das müssen schon mehr gewesen sein, als nur ein paar.“ Er zeigt mit dem Daumen nach hinten auf Michaels Hinterlassenschaft.
„Ja. Wie auch immer.“
„Und? Hat es sich wenigstens gelohnt?“
„Was meinst du?“
„Na, ob du sie gebumst hast, natürlich.“ Michael schwieg verdächtig lange und ich ahnte die Antwort.
„Nein!“ sagte er knapp und erbarmungslos.
„Oh. Tut mir leid, Kumpel.“ Doch Michael winkte ab. „Warum denn nicht, wenn ich fragen darf.“
„Weil … weil ….“
„Du hast keinen hoch gekriegt, stimmts?“ Ich musste kichern. Doch Michael sah ihn bloß an.
„Nein! Die war einfach nur … blöd!“
„Verstehe. Mach dir nichts draus. Hast ja nichts verloren, außer ein bisschen Geld und deinen Stolz. Und wiedersehen wirst du die wahrscheinlich auch nicht. Also was soll´s.“ Michael rieb sich die Schläfen.
„Ja, wahrscheinlich. Hey, tut mir leid, dass ich vorhin so … so zu dir war. Ich war einfach nur …“
„Enttäuscht? Verletzt? Besoffen?“ vollendete Steven den Satz und Michael nickte grinsend.
„Kein Problem. Ist jedem schon mal passiert, stimmts Kai?“ Dann sahen sie mich auf einmal beide an und wir lachten los. Klar … ist mir schon oft passiert … dachte ich und wusste genau, dass Steven und ich am wenigsten Erfahrung mit sowas hatten.

„Wir müssen jetzt leider zurück zum Hotel. Hat mich gefreut.“ Sagte Michael und wir standen auf.
„Mich auch. In welchem Hotel wohnt ihr?“
„Im Paradiso.“ Sagte ich.
„Ah cool. Das ist ja gleich neben meinem. Treffen wir uns morgen Vormittag am Strand? Sagen wir, 10 Uhr?“
„Ja, sicher.“
„Super. Habt ihr eine Luftmatratze? Ich bringe meine auch mit. Und einen Ball.“
„Ja, haben wir.“
„Cool, dann bis morgen.“
Und so verabschiedeten wir uns vor ihm und gingen zu unserem Hotel zurück.
„Meinst du, meine Alten merken was? Das ich gekotzt hab, mein ich?“
„Nein, ich glaube nicht. Wir gehen am besten gleich in unser Zimmer.“
„Ja. Und ich muss unbedingt was Trinken. Ich habe immer noch diesen ekligen Geschmack im Mund.“

Wir durchliefen die Poolanlage des Hotels. Schon deutlich weniger Gäste hielten sich dort auf, das Bühnenprogramm war auch schon zu Ende. Doch von Michaels Eltern keine Spur. Also gingen wir hoch zu unserem Zimmer und Michael wollte schon die Tür öffnen, da stoppte ich ihn.
„Warte! Wir sollten uns auf jeden Fall zurückmelden, findest du nicht auch?“ Er nickte zustimmend.
„Aber mach du das besser.“
„Okay.“
Ich klopfte an die Nachbarstür und wir gingen, ich vorneweg, hinein.
„Da seid ihr ja wieder? Na, wars schön?“ fragte mich Stefanie, die mit Achim eng aneinander gekuschelt auf dem kleinen Sofa saßen, beide ein Glas Wein in der Hand.
„Ja es war super. Wir wollten eigentlich nur gute Nacht sagen.“
„Gut. Dann schlaft schön.“ Und schon waren wir wieder verschwunden.
„Siehst du? Alles gut!“ sagte ich und er hob den Daumen.

Still lagen wir beide im Bett. Michael hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und sah zur Decke hoch. Als ich ihn ansah, im Halbdunkeln, hatte ich das Gefühl, das er mir was sagen wolle, doch ich war mir nicht sicher, ob ich ihn danach fragen sollte. Er sah irgendwie enttäuscht, sogar traurig aus. Und er machte auch keine Anstalten, schlafen zu wollen. Er starrte einfach nur an die Decke.
„Bist du denn nicht müde?“ fragte ich ihn leise. Dann drehte er den Kopf zu mir und sah mich an.
„Willst du wissen, was heute passiert ist? Mit dem Mädchen, meine ich?“
Ich sah ihn irritiert an. Ich habe zwar gehofft, er möge mir von seinen Erlebnissen erzählen, doch ich dachte, es wäre irgendwie anders. Fröhlicher. Enthusiastischer. Und nicht so…. bitter…
Ich nickte und er atmete hörbar durch.
„Wir sind zuerst tanzen gegangen.“ Fing er zu erzählen an. „Doch da waren wir nicht lange. Sie wollte noch was zu trinken und so bestellte ich einen Drink nach dem anderen. Es weiß gar nicht mehr, wie viele es waren. Wir haben uns echt gut unterhalten und sie drückte sich immer mehr zu her und so. Ich habe sie dann einfach in den Arm genommen und sie geküsst.“
„Wow!“ sagte ich voller Bewunderung und lauschte weiter.
„Ja. Wow… das hat mich meinen ganzen Mut gekostet. Auf jeden Fall küssten wir uns weiter. Du weißt schon. So richtig mit Zunge und so und dann führte sie meine Hand unter ihr Shirt auf ihre Brüste. Hey… sie hatte keine BH an. Ist das zu fassen?“
„Okay… sagte ich nur und wusste nicht so wirklich, was ich mit dieser Information anfangen sollte.
„Naja, es fühlte sich echt gut an.“ Er lachte auf. „Hey, ich hatte echt voll den Ständer.“ Er sah mich grinsend an.
„Und dann?“ wollte ich neugierig wissen.
„Wir fummelten weiter und ich dachte echt, dass wir wirklich gleich Sex haben werden und dann…“
„Was und dann?“
„Dann kam auf einmal dieser Typ.“
„Was für ein Typ?“ Michael zuckte mit den Achseln.
„Keine Ahnung. Er war ziemlich groß und auch älter. Bestimmt so 25 oder so. Er sagte was von, du bist du ja endlich oder so ähnlich. Ja und dann … dann … ging sie mit ihm einfach weg.“
Er sah mich deprimiert an. 
„Einfach so? Sie ließ dich einfach stehen? Das gibt’s doch gar nicht.“
„So wie es aussieht … doch. Sie tuschelten beim Weggehen miteinander und sie drehte sich noch mal zu mir um und grinste dann so blöd. Und weg war sie.“
„Wow. Das heißt also, sie hat dich abserviert wegen einem älteren Typen.“
„Oh danke Kai!“ sagte er beleidigt. „Als ob ich das nicht selber rausgefunden hätte. Jetzt fühle ich mich gleich viel besser.“
„So habe ich das nicht gemeint.“ Sagte ich entschuldigend. „Aber was ist dann passiert? Du hättest doch dann schon viel früher kommen können. Also zu mir und so.“ Er schnaufte wieder laut durch und sagte dann: „Ja sicher. Aber ich hab dann einfach einen Cocktail nach dem anderen bestellt. Solange, bis ich pleite war.“
„Ach so, ja, verstehe.“
„Hey.“ Sagte er nach ein paar Minuten, „es tut mir leid, dass ich dich da einfach so stehengelassen habe, okay? Ich habe nicht nachgedacht. Ich meine, ich hab schon nachgedacht. Aber nur an mich halt. Sorry, Mann.“
„Schon okay. Hat ja auch was Gutes. Wäre ich nicht allein gewesen, hätte ich niemals Steven kennengelernt.“
„Ja stimmt. Der scheint ganz nett zu sein.“
„Ja. Ich bin echt schon gespannt auf Morgen. Wird bestimmt cool, wenn wir zu dritt im Wasser spielen.“
Ja… spielen, dachte Michael. Wieder so ein Spruch, der nur von ihm kommen konnte. Von Kai. Seinem klei…
„Schlaf gut, großer Bruder.“ Sagte ich und drehte mich um.
„Du auch.“ Antwortete er mir. Aber die Worte kleiner Bruder dachte er sich nur.

Zu dritt im Wasser machte es gleich noch viel mehr Spaß. Wir versuchten nun, uns alle drei auf der Luftmatratze zu halten, was uns natürlich kaum gelang. Aber diesmal waren nicht die Wellen schuld. Das Meer war heute außergewöhnlich ruhig und kaum ein Lüftchen wehte. Dennoch schafften wir es nur ein einziges Mal und aus der Gummimatte zu halten, bis wir wieder mit lautem Gelächter umkippten.
Doch damit nicht genug. Steven hatte nicht nur einen Ball, sondern auch eine Frisbee mitgebracht. Und das im seichten Wasser versuchen zu fangen, ist noch viel lustiger als an Land. Stefanie und Achim wunderten sich zuerst, als sie uns mit dem fremden Jungen spielen sahen, doch nach einer kurzen Trinkpause mit anschließendem Kennenlernen waren die Umstände geklärt. Mehr noch. Auch Stevens Eltern kamen von ihrem Strandabschnitt herüber und suchten das Gespräch mit ihnen. Und so saßen sie bald alle vier an der Strandbar, tranken Wein und Wasser und unterhielten sich anscheinend wunderbar. Stevens Vater war froh, dass sein Sohn hier Freunde gefunden hat, mit denen er abhängen kann. Es war zwar ein Familienurlaub, doch mit der Zeit ging ihm das gelangweilte Gesicht von Steven gehörig auf die Nerven, als er wieder mal vorgeschlagen hatte, eine Landausflug zu machen, anstatt ständig nur am Strand zu liegen. Natürlich verstand er ihn. Steven war ein Teenager, der was erleben wollte. Am besten mit gleichaltrigen. Und er wollte Spaß haben. Während sie hingegen das Land und die Menschen dort sehen wollten, oder in Ruhe auf einem Liegestuhl mit einem guten Buch den Tag verbringen. Ohne Einkaufszentrum, Spielhallen und so weiter. Manchmal hat ein Einzelkind halt auch Nachteile. Aber jetzt, wo jeder im Prinzip das machen konnten, was er wollte, und dabei nie alleine war, war es für alle am besten.
Fortan waren wir jeden Tag zusammen. Mal trafen wir uns bei ihnen im Hotel, mal bei uns. Mal gingen wir gemeinsam zum Markplatz und einmal verbrachten wir den Tag bei einem Ausflug ins Landesinnere. Aber nur deswegen, weil am Ende eine Stunde Jetski fahren in einer Bucht auf dem Programm stand. Und das Beste war, das wir ganz alleine die Boote fahren durften. Sie hatten gar kein Interesse daran und wir brausten über die Wellen, das es nur so spritzte.
Ich war noch nie so glücklich. Und als ich alleine auf einem Jetski saß, mit Vollgas aufs Meer hinausschoss, sah ich nach oben. In den dunkelblauen Himmel. Und eine Engelsstrasse folgte mir.
„Danke.“ Rief ich laut nach oben. „Vielen Dank Mama. Ich hab dich lieb.“

„Darf ich nochmal ans Meer runter? Bitte?“ Achim sah auf die Uhr.
„Wir werden in 20 Minuten abgeholt. Das wird wohl nichts mehr.“
„Ach bitte!“ bettelte ich. „Nur noch einmal.“ Doch Achim schüttelte den Kopf. „Ich will, dass wir pünktlich sind. Und die Koffer sind auch noch nicht abgeholt worden.“
„Bitte. Bitte!“ Ich faltete die Hände. „Nur fünf Minuten. Bitte.“ Achim verdrehte genervt die Augen, doch Stefanie lächelte nur.
„Geh nur. Aber wirklich nur fünf Minuten!“
„Ja. Danke.“ Und sofort lief ich los und hätte beinahe Michael über den Haufen gerannt, der gerade aus unserem Zimmer kam.
„Was ist denn mit dem los?“ fragte er seine Mutter.
„Gar nichts. Er will nur noch mal zum Strand. Das ist alles.“
„Ach so, du meinst, so wie am ersten Tag? Als er auch unbedingt allein runter wollte?“
„Ganz genau. Will sich wohl verabschieden oder so.“
„Wenn er meint. Unsere Koffer sind auf jeden Fall gepackt.“
„Habt ihr im Zimmer überall nachgesehen, ob noch was rum liegt. In alle Schubladen und Schränke geguckt?“
„Ja. Alles klar. Wir haben alles einpackt.“
„Sehr gut. Dann hoffen wir mal, dass unsere Koffer jetzt endlich mal geholt werden.“

Mit der Zimmerkarte in der Hand lief ich, so schnell ich konnte, runter an den Strand. Es war so schade, dass wir heute nach Hause fliegen müssen. Ich hätte es hier locker noch eine Woche ausgehalten. Oder sogar noch länger. Es war einfach zu schön hier.
Wie am Tag unserer Ankunft zog ich auch jetzt wieder die Schuhe aus und lief barfuß weiter ans Wasser. Ich wollte noch ein letztes Mal das Meer spüren. Es riechen und schmecken. Und mich bei ihm bedanken. Auch wenn es euch seltsam vorkommen mag. Ich hatte das Gefühl, ich musste es tun. Es hat mir und meinen Freunden so viel Spaß bereitet, das muss man sich doch bedanken, oder?
Und wieder umspielte das Wasser meine Füße. Und wieder ging ich in Knie und tauchte meine Hände in den feuchten Sand.
„Danke.“ Flüsterte ich. „Wir sehen uns wieder.“ Noch ein paar Mal ließ ich die Wellen über meine Hände gleiten, dann stand ich wieder auf und lief zurück. Nicht ohne mich noch einmal umzudrehen und wehmütig auf den großen Ozean zu schauen. Er war so wunderschön. Und ich hoffte, ihn bald wieder sehen zu dürfen.
Es dauerte tatsächlich keine fünf Minuten, da war ich wieder im Zimmer. Schnell wusch ich mir die Füße sauber, zog Socken und Schuhe an und ging dann gemeinsam mit meiner Familie hinunter an die Rezeption. Unsere Koffer waren inzwischen abgeholt worden.

Der Bus kam pünktlich und auch der Flieger zurück nach Hause hob laut Zeitplan ab. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern und ich war wieder zu Hause.

Wie seltsam eine Wohnung riecht, wenn eine Woche lange niemand anwesend war. Außer die Nachbarin natürlich, die die Blumen goss, den Briefkasten leerte und dessen Inhalt fein säuberlich auf dem Küchentisch gestapelt hatte. Sogar sortiert nach Werbung und Briefen.
Stefanie riss erstmal sämtlich Fenster auf und kontrollierte danach die Post.
„Alle Dreckwäsche auf einen Haufen!“ sagte sie im Befehlston. „Die Unterwäsche extra!“
Wir taten was sie sagten und leerte unsere Koffer aus. Als ich mein Waschzeug wieder ins Bad räumte, sah ich den Klodeckel mit dem Muschelmuster und träumte mich wieder sehnsüchtig an den Strand zurück.
„Weiß du was wir vergessen haben?“ sagte Michael, der auf einmal ins Bad kam und sich das T-Shirt über den Kopf zog.
„Was denn“? wollte ich wissen.
„Sand!“ meinte er nur knapp und ich sah ihn fragend an.
„Wir hätten ein Glas voll mit Sand mitnehmen sollen. Als Andenken meine ich. Muscheln gabs ja da keine.“
„Ja, stimmt. Das wäre schön gewesen.“ Sagte ich verträumt.
„Die Muscheln oder Sand?“
„Beides.“
„Naja, du hast ja noch den Klodeckel.“ Sagte er und grinste. „Und jetzt verschwinde. Ich will duschen!“
Zurück in meinem Zimmer schaltete ich den Laptop ein und checkte meine Mails. Selbstverständlich schickte ich Stefan sofort eine Nachricht, in der ich ausführlich erzählte, was ich im Urlaub so erlebt hatte. Dann räumte ich meine restlichen Sachen aus dem Koffer in den Schrank und auch mein Teddy bezog wieder seinen Stammplatz im Bett.
„Was soll ich mit dem Koffer machen?“ fragte ich Stefanie auf dem Flur, die gerade einen riesigen Berg Wäsche auf den Armen an mir vorbeitrug.
„Lass ihn einfach stehen. Die verstaut den Achim mit dem anderen Zeugs im Keller.
„Okay. Darf ich rausgehen? Ich würde gerne ins Heim zurück und Christian und den anderen sagen, dass ich wieder da bin und so weiter.“
„Klar. Aber komm nicht zu spät heim. Wir wollen heute noch essen gehen. Haben ja nichts zu Hause.“ Sie lachte auf.
„Aber nicht spanisch!“ rief Achim von der Küche und ich grinste.

Ich holte mein Fahrrad aus dem Keller und fuhr auf direktem Weg ins Kinder- und Jugendheim Sonnenthal, wo ich fast ein halbes Jahr gewohnt habe. Wenig Zeit, verglichen mit den anderen, die dort untergebracht waren. Pierre zum Beispiel, der mit mir in einem Zimmer war, lebte schon drei Jahre dort und wird wahrscheinlich dortbleiben, bis er volljährig war. Er hatte keine näheren Verwandten, so hatte er mir mal erzählt, und seine Eltern konnten oder wollten nicht für ihn sorgen. Traurig eigentlich, dass manche Kinder so ungeliebt auf die Welt kommen müssen. Ich hatte da ja Glück. Zumindest bis meine Mutter starb. Und danach war ich … nun ja … das kennt ihr alles schon.

Ich verbrachte einen tollen Nachmittag im Heim. Christian war leider nicht da, aber in meinem alten Zimmer traf ich Pierre, Manuel und Simon, die sich freuten, mich wiederzusehen. Ich erzählte ihnen von dem Urlaub auf Mallorca sie hörten interessiert zu. Besonders Simon, Manuels kleiner Bruder, wollte alles ganz genau wissen. Vor allem über das Meer und den Strand. Er war noch nie am Meer gewesen und wünschte sich so sehr, auch einmal dorthin fahren zu können.
Mir tat er richtig leid, wie er mich mit seinen großen, traurig wirkenden Augen neugierig ansah und gar nicht aufhörte, Fragen zu stellen. Und so berichtete ich ihm, alles was ich erlebt habe. Auch von Steven, mit dem Michael und ich uns angefreundet hatten und mit dem wir unsere eMail Adressen getauscht haben. Und natürlich von der Strandparty.
Mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen fuhr ich anschließend nach Hause. Ich duschte noch und zog frische Sachen an, danach fuhren wir zum Essen. Und deutsche Küche war angesagt.

Auch wenn ich Strand und Meer vermisste, war ich doch froh, wieder zu Hause zu sein. Die restlichen Ferientage verbrachten Michael, Jochen und ich meist in der Stadt oder beim ihm. Wir liefen durch die Gegend, redeten, spielten Computer. Eben alles wie immer. Und Jochen war auch nicht mehr eifersüchtig auf mich. Zuerst dachte er ja, ich würde ihm seinen besten Freund wegnehmen, doch das war nie meine Absicht. Es kam oft genug vor, dass die beiden was ohne mich unternahmen und das machte mir auch gar nichts aus. Ich fuhr dann ins Heim, um zu helfen, oder blieb einfach zu Hause. Ganz wie ich wollte. So war jeder zufrieden. Auch wenn Michael am Anfang wirklich aufpassen musste, seinen besten Freund nicht allzu sehr zu vernachlässigen, weil er ja nun auf einmal eine Verantwortung als großer Bruder hatte. Auch wenn er sich fragte, ob er die nun wirklich hatte, oder es sich nur wünschte.

Im darauffolgenden September begann ich meine Ausbildung in dem großen Elektronikladen. Das war wirklich eine Umstellung. Auf einmal den ganzen Tag in der Arbeit zu sein, war so ganz anderes als nur den Vormittag in der Schule. Aber es machte mir Spaß, ich strengte mich an und lernte viel. Bald durfte ich selbstständig verkaufen ohne dass mein Vorgesetzter ständig hinter mir stehen musste, und das war das Beste an meinem Job. Ich freute mich, wenn ich Menschen helfen konnte, ganz gleich, ob sie ein neues Produkt kaufen wollten oder Fragen zur dessen Bedienung hatten. Und wenn sie sich dann mit einem freundlichen Dankeschön verabschiedeten, hatte ich immer das Gefühl, Gutes getan zu haben. Auch wenn es nur eine Hülle für ein Handy war.

Auch mit Steven hielt ich mehr oder weniger, regelmäßig Kontakt über E-Mail, in der er mir immer wieder berichtete, wie er nächsten Sommer auf sechs Wochen auf Mallorca arbeiten würde. Er hätte seine Eltern soweit, dass sie ihm beinahe zustimmten, und ich merkte an seinen Worten, wie sehr er sich darüber freute. Ich hingegen hatte über das Thema Arbeiten im Ausland noch keinen Gedanken verloren. Geschweige denn, meinen Pflegeeltern davon erzählt. Irgendwie kam das für mich nicht in Frage. Schon alleine deshalb nicht, weil ich meine Ausbildung ja schon in der Tasche hatte. Aber reizvoll wäre es schon.

An meinem 16. Geburtstag im darauffolgenden Jahr durfte ich sogar eine richtige Party machen. Da unsere Wohnung dafür aber nicht unbedingt geeignet war, wegen der Nachbarn, hat Jochen vorgeschlagen, die Party einfach in der kleinen Disko im Jugendzentrum zu machen. Dort wären sie zwar nicht unter sich, aber von seinem Vater weiß er, dass Geburtstagsfeiern dort öfter abgehalten werden. Im Prinzip ist es nichts anderes, wie ein Diskobesuch, nur das der DJ Bescheid weiß und dann öfter die Lieblingslieder des Geburtstagskindes auflegt. Außerdem war ein Getränk umsonst und eine kleine Überraschung.
Ich war sofort dafür und so feierte ich mit all meinen Freuden knapp zwei Wochen nach meinem Geburtstag eine echt coole Party. Ich hatte dem DJ von meiner Lieblingsmusik erzählt, die der immer wieder zwischen den üblichen modernen Diskokrachern schob und es freute mich, dass auch andere meinen Musikgeschmack gut fanden und dazu tanzten.
Aber am besten war es, als ich auf einmal zum DJ gehen musste, das Licht ausging und nur ein Spotlight auf mich gerichtet war. Er erzählte allem laut über das Mikrophon, das es heute meine Geburtstagsparty war und dann alle für mich ein „Happy Birthday“ sagen. Das war echt cool und ich war so glücklich, dass ich die Tränen kaum zurückhalten konnte. Fremde Menschen wünschten mir alles Gute. Mehr kann man einfach nicht verlangen, oder?

Als ich an dem Abend kurz nach Mitternacht im Bett lag, grinste ich immer noch. Ich dankte meiner Mutter, meiner Pflegefamilie und meinen Freunden für alles, was ich heute erleben durfte. Jetzt war alles gut. So kann es bleiben. Und zufrieden mit mir und meinen Leben schlief ich, wie immer, mit dem Teddy im Arm und dem Daumen im Mund ein.

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Dies ist ein Kapitel des mehrteiligen Textes Nwiab - Nur weil ich anders bin.
Veröffentlicht am 02.07.2019, 2 mal überarbeitet (letzte Änderung am 02.07.2019). Textlänge: 10.870 Wörter; dieser Text wurde bereits 59 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 18.11.2019.
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