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Entseelung

Kurzprosa zum Thema Abgrenzung


von Epiklord

An einem Sonnentag im Frühling fuhr er mit ihr ins Gebirge, mit der Seilbahn hinauf auf einen Gipfel. Jens frohlockte über die Ästhetik der weiten Naturlandschaft, ihm war, als wenn ein Flair des Schöpfers jeden Grashalm, jeden Strauch beseelte. Ehrfurcht übermannte ihn, doch Sophie trottete zu einem riesigen Stein, ließ sich seufzend nieder, blickte unentwegt grüblerisch vor sich hin  und  stöhnte. Vielleicht war sie doch verstockt wegen Janine. Nie hatte Sophie etwas Vorwurfsvolles im Blick gehabt und gerade dieses stumme Verharren quälte ihn, war schlimmer als ein klärendes Todesurteil eines Strafgerichts.

Er hörte oft, wie sie sich nachts räusperte. Nachdem er etwas ferngesehen hatte, legte er sich schlafen, neben ihr ins französische Bett, wie jedes Mal. Die letzten Nächte kam Sophie ihm besonders ruhig vor, sie drehte sich nicht in seine Richtung.

Janine schien sich seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Uni nicht verändert zu haben. Schon damals schwärmten sie für eine brüderliche Gesellschaft, glaubten, dass sich das Gehirn während seiner Evolution in genug Falten gelegt hätte, um dafür die nötige Weisheit erlangt zu haben. Nun hockten sie am Tage in Janines Appartement bei Kerzenschein und einem Glas Whiskey und redeten von dem Richtschwert der Natur, von der Ungleichheit, dass die Wüstensöhne über Öl verfügten, wonach unsere Limousinen dürsteten. Dann wieder lachten sie darüber, dass Störche sich von Fröschen ernährten, während sich diese mit Fliegen zufriedengeben müssten. Am meisten bedauerten sie, dass die Flower-Power- Bewegung kontraproduktiv verlaufen war. Und sie würden selbstverständlich in die Bresche springen und der Welt wieder ihre jungfräuliche Unschuld von Eden zurückbringen.

Die Gespräche mit Sophie hatten stets in ratloses Schweigen gemündet. Aber mit Janine gab es ein inniges miteinander Einssein, ein weit verzweigtes Seelencluster.

Sophie hatte Jens immer umsorgt, war ihm eine gute Köchin gewesen, hatte sorgfältig seine Hemden gebügelt und ihn auch sonst ohne Murren mütterlich gepflegt. Sie schaute ihm nach unendlicher Zeit wieder fest in die Augen und sagte: „Wenn du nicht bei mir bleiben willst, ich verstehe es, bin ich dir doch nie eine richtige Frau gewesen.“ Er schlug seine Augenlider nieder, weil er ein schlechtes Gewissen hatte wegen seiner Liebe zu Janine. Doch Jens wollte Sophie sein Leben lang um sich behalten, aber nicht aus Dankbarkeit. Es war die selbstlose Atmosphäre und kuriose Lebensqualität mit ihr, die Verlässlichkeit, ihre Aufrichtigkeit und Bescheidenheit, obwohl Sophie ihm im Kern fremd geblieben war.

Epiklord
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Veröffentlicht am 05.08.2019. Textlänge: 390 Wörter; dieser Text wurde bereits 44 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 31.01.2020.
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