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Levi

Erzählung zum Thema Stadt


von blauefrau

Ich kam gestern (hier) am Schlossplatz an und fragte in der Schlossschänke nach dem Grund für das Fest.
Der neue Schlossplatz wird eingeweiht, war die Antwort. Mir gefielen die bogenförmig angelegten Muster aus Pflastersteinen und ihr warmer Braunton. Ich ging ein paar Schritte auf den Pflastersteinen und schwankte. Es roch nach Meer, und auch wenn ein Fischstand in der Nähe war, erstaunte mich dieser intensive Geruch. Die Steine flimmerten unter meinen Augen. Ich starrte sie länger an: Sie bewegten sich. Ich lief zum Brunnen, um meine Stirn zu kühlen und optische Täuschungen auszuschließen. Mich schwindelte. Ich setzte mich auf den Rand des Brunnens und sagte etwas wie: "Lange geht das nicht mehr gut" vor mich hin.
"Verlass lieber den Platz! Ich werde gleich loslegen", tönte eine  Stimme aus dem Brunnen.
"Wer bist du?",  fragte ich.
"Ich bin Leviathan. Du kannst mich Levi nennen. Siehst du die Wasserfontäne? Sie sprüht aus meinem Nasenloch", teilte mir die Stimme mit und dann: "Lauf, Charlie, lauf auf die Mitte des Platzes. Ich starte. Jetzt."
Ich lief in Richtung  Schlossschänke, um mich zu retten. Alle Buden auf dem Platz fielen um, Menschen, Holzbalken und weitere Gegenstände  verknäuelten sich. Die Mauern des Schlossgrabens stürzten ab. Da sah ich, wie sich ein Schwanz einer Echse (oder eines Fisches?) zeigte und hielt mich daran fest. Jetzt konnte ich mehr erkennen: Das Wesen ähnelte einem Wal mit glitzernden blauen Schuppen. Der Wal nahm Fahrt auf.
Das Schloss war inzwischen zusammengebrochen. Von unten ploppte die Bibliotheksrotunde auf, die sich strahlend schön zeigte, ganz so, wie ich sie  von früher her noch kannte. "Ist Lessing auch hier? Oder wenigstens Leibniz?", fragte ich. Keine Antwort.
"Ich habe Fragen, und mit Leibniz habe ich noch eine Rechnung offen!", rief ich dem Wal zu. Levi antwortete nicht.
"Jetzt ist die Zeit gekommen, um hier aufzuräumen", bemerkte Levi.
Wir schwammen weiter in Richtung Klein Venedig. Immer wieder fielen Menschen wie lästige Insekten von Levis Rücken herab. Ich erkannte den Pommesbuden-Verkäufer, die Frau vom Stand mit den Poffertjes, und die Aufsicht aus dem Lessinghaus, die sich an ihrem Pult festklammerte.
Sie hatten mir nichts getan, und ich versuchte, sie vor dem Ertrinken zu retten. Beide Hände am Schwanz des Wales, konnte ich allerdings nicht viel ausrichten. "Lange halte ich mich hier nicht mehr!", rief ich Levi zu. "Wir sind gleich da", tönte er.
Kurz vor Klein-Venedig warf er mich seitlich ab. Er schleuderte mir ein Lasso entgegen, das sich um meinen Körper schlang. Dann zog er mich hinter sich her. Ein paar Schürfwunden und blaue Flecken bekam ich schon, doch war ich froh, angebunden zu sein.
Er schlug mit dem Kopf gegen die Ränder der Gracht, um die Wasserstraße zu verbreitern. Dann rückte er ein.
Doch das war erst der Anfang.

Anmerkung von blauefrau:

Die erfundene Stadt. Wolfenbüttel
August 2019


 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (02.09.2019)
Verstehe den Wales-Witz nicht, sorry.
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blauefrau meinte dazu am 04.09.2019:
Wie schon so oft aufmerksam gelesen!
Das Wesen soll den Platz/die Stadt zerstören und Wasserwege ausgraben oder neu graben können. In der Stadt(Wolfenbüttel) gibt es mehrere zugeschüttete Grachten, die in meiner Skizze wieder zur Verfügung stehen sollen.
Einen Fisch oder ein Säugetier aus der Gegend konnte ich nicht benennen. Daher habe ich als Namen ein Zwischending zwischen Wal und Wels genommen. Ein anderer Name käme auch in Frage.
Leicht abgekühlt, die blauefrau.

Antwort geändert am 04.09.2019 um 13:53 Uhr
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Dieter_Rotmund antwortete darauf am 05.09.2019:
Achso.

Das Problem ist, dass fast jeder Leser an das Land denken wird. Das ist extrem verwirrend! Ein anderer Name tut unbedingt not!
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blauefrau schrieb daraufhin am 07.09.2019:
Geändert in : Levi.
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