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Ein Film namens Leben!

Kurzprosa zum Thema Liebe, lieben


von wa Bash

Ich traf Joy vor einigen Jahren. Von ihren Haaren tropfte der Regen direkt in meinen Alltag und rüttelte an meinen Fugen, weichte sie auf und brachte meine kleine Welt zum Einsturz. Mitten im Café unter der flackernden Kerze malte sie ein Lächeln auf das Blatt Papier und half mir meinen Schatten zu überwinden. Du erinnerst mich, sagte sie und ich erinnere mich, dachte ich: dass die Zeit nur relativ ist, und sie mir irgendwoher bekannt vorkommt. Sie kennen doch sicherlich diese Art von Träumen, die urplötzlich wieder in unsere Realität treten und laut sagen, hier warst du schon einmal. Bist du Wirklichkeit, sieht man sein Gegenüber erstaunt an und kann sein Glück kaum fassen. Ein Geist flüsterte mir, sagte ich zu Joy und schaute weiter tief in die Kerze, hielt ihn ihr vor die Augen, die faszinierend das Licht widerspiegelten. Ein Geist flüsterte dir was? fragte Joy zurück. Das, das...

Die letzten Wochen war ich bei Miss Mystik, eine der bekanntesten Wahrsagerinnen der Stadt. Heute hat sie den Tag der offenen Tür. Das heißt, ihre üblichen Spesen halbieren sich um die Hälfte und die Gesprächszeit halbiert sich ebenfalls. Die zwei Fische auf dem untersten Kartendeck blubberten kleine Luftbläschen in den von Seerosen umrankten Teich. Der Gondoliere zog auf dem Wasser einer aufgehenden oder untergehenden Sonne dem Horizont entgegen. Sie sagte, der Gondoliere ist ein Wanderer, für dich ist die Zeit des Aufbruchs gekommen. Ich sah auf ihre blumenbestickte Schürze. Schon glaubte ich, darin einen Urwald zu erkennen und hörte die Paradiesvögel singen. Wie ein kleiner Seufzer brach das Licht in meine Welt und auf der Haut tanzte der Sommer wieder seine Blütenfarben. Der Film erzählt mir von den Jahresringen der Bäume, wie interessant die Blätter im Herbst auf unserer Oberfläche tanzen und ihre nassen Küsse auf den Holzbänken hinterlassen. Man könnte seinen Namen dort hineinschnitzen. Ich war hier oder ein Herz mit zweierlei Initialen. Ich möchte ihren Hals küssen und meine Zunge auf den Blättern spielen lassen. Dieser Film fällt unter den Namen herbstlich angefärbt und ihr rötlich anziehender Teint erzählt mir alles, was ich wissen muss. Der Ginkgo Baum ist ein Gewächs mit fächerförmigen Blättern. Luft um die Atmung zu beruhigen und Sichtweisen um die kleinen Pulsschläge an ihren Schläfen zu zählen. Jetzt wischt sie ganz leicht eine Strähne von dannen, verliebt sich in das Bild dieser Pflanze und umschlingt ihren Bauch, als müsste sie sich halten und umarmen. Ein Ast wird ihr Arm, nimmt meinen und presst diesen an ihren Bauch. Heiß wird mir, so kalt. Sie bekommt Gänsehaut.

Mir wird immer so kalt im Winter. Ein leichtes Zittern geht durch ihren Körper und die Leinwand wird weiß. Schneeweiß und hell leuchtet sie den ganzen Raum aus. Weißes Rauschen. Ihre Augen tränen den riesigen Eisschollen nach, die jetzt irgendwo im Meer Dahindümpeln. Bald brauchen wir keine Eisbrecher mehr, flüstert sie. Ich spüre ihren Atem auf meinem Gesicht und hauche ihr ein Ja hinüber. Mir wird immer so kalt, flüstert sie wieder. Ein Sturm kommt auf. Der Frühling naht und ihre Knospen zeichnen sich hart unter dem T-Shirt ab. Immer früher Frühling, immer schneller Atmen. Sie zieht die Luft ein, als die Blume in Slow Motion ihren Blütenkelch öffnet. Nass noch von der letzten kalten Brise des Tagesanfangs präsentiert sie sich vollkommen und der Sonne zugewandt. Ich küsse sie, wie die Biene ihren Nektar stillt in dieser scheinbar grenzenlosen Fülle, namens Lebens. Der Film geht ihr so nahe, der Film geht mir so nah. Der Kajal verwischt darauf wie eine Ölschicht auf der Meeresoberfläche. Jetzt sieht sie aus wie ein Nachtengel. Joy, ich, ich...

Unsere Küsse sind stürmisch wie die zweier Ertrinkender.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Habakuk
Kommentar von Habakuk (18.01.2020)
Klasse Text. Bewegt sich auf der Grenze zwischen Lyrik und Prosa, man könnte auch sagen, es handelt sich um lyrische Prosa im weiteren Sinn.
Entstammt einer romantisch-impressionistischen Feder und ihrem Hang zum Unterbewussten und Traumhaften, zum Schwärmerischen und Mystischen, zum sehnsuchtsvollen Träumerischen, um es ein wenig überspitzt auszudrücken. Bildmächtig und atmosphärisch dicht.
Bei „cajal“ bin ich ins Stolpern geraten. Vermute mal, du meinst „das Kajal“, eine als Kosmetikum zum Umranden der Augen verwendete Farbe, bin mir aber nicht sicher. Egal.
Sehr schön!

H.
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wa Bash meinte dazu am 18.01.2020:
freut mich zu hören, dass es dir gefällt. ich denke man könnte den Text durchaus als prosaförmiges Langgedicht umgestalten, diese Möglichkeit besteht durchaus. Mit dem Kajal gebe ich dir Recht, ich wollte nicht auch Ramon Cajal o.ä verweisen, also schon auf die Schminke.

danke dir. LG wa
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AZU20
Kommentar von AZU20 (18.01.2020)
Sehr schön, gern gelesen. LG
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