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Das MauseMem, der frühe Vogel und unser Bewusstsein.

Essay


von Willibald



Es gibt kaum etwas Komischeres  als einen Gelehrten, der erklären will, wie Komik funktioniert und welche Rolle dabei unser Bewusstsein spielt. Trotzdem sei hier ein wenig in die aktuelle Forschungsszene hineingeleuchtet. Das „Verstehen“ von Texten mag ein schwieriges Thema, ein schweres Problem sein, vielleicht kann man es mit einer gewissen Leichtigkeit angehen. Und da dürfte es dann nichts schaden, wenn man über den schwierigen nächsten Satz nicht hinwegliest ....


„Man kann Texte als „Einladungen/Instruktionen zum Bau mentaler Modelle der sprachlich vermittelten fiktionalen Welt betrachten.“1)


...  dann aber – wird man von seiner Sprache unangenehm berührt - nicht aufhört, sondern weiterliest.

Seit langer Zeit gibt es – auch in diesem Forum – den Spaß an Limericks und deren Komik. Eine Komik, die eine unwillkürliche Reaktion hervorruft, das Lachen. Und die Lust am Lustigen wird fassbar.Im Internet hat sich ein bestimmter Langsatz als vielgepriesenes und vielgesuchtes Mem2) von nahezu klassischer Qualität installiert:

„The early bird may get the worm, but the second mouse gets the cheese.“
(„Der frühe Vogel mag zwar den Wurm fangen, aber die zweite Maus kriegt den Käse.“)


Der erste Teilsatz („The early bird may get the worm“) mag zunächst rätselhaft erscheinen, wenn man das zugrundeliegende Sprichwort vom „frühen Vogel“ nicht kennt. Dann verzögert er das Verstehen und ködert das Bewusstsein der LeserInnen, die verstehen wollen und daher aufmerksamer für das Szenario werden:

Hier wird ein Beispiel aus dem Tierreich auf den menschlichen Bereich übertragen. Der Vogel, der im übertragenen Sinne früh aufsteht, so vor allen anderen Vögeln seine Nahrung findet und damit das, was eine Grundlage für ein gutes Leben ohne Hunger und mit der Versorgung für sich und andere ist, entspricht einem Menschen, der früh aufsteht und gleich das tut, was zu seinem Lebensunterhalt notwendig ist, und so die Grundlage für mehr schafft.

Es geht folglich in diesem Szenario um ein schnelles Eintreten in den Arbeitsalltag und nicht um ein Verschlafen des Tagesanfangs oder gar des ganzen Tages. Im Deutschen kennen wir das etwas altväterlich wirkende „Morgenstund hat Gold im Mund“. Fans von Erika Fuchs lächeln da still.

Das Modalverb „may“ ist eine Stolperstelle. Sie bereitet darauf vor, dass Satz Eins  zwar gelten mag, doch nicht uneingeschränkt. Der Beleg dafür findet sich im zweiten Satz. Er setzt verbal ein „but“ und damit ein Gegensignal. Inhaltlich entwirft er eine Szene mit Käse, Maus und Mausefalle. Herkömmlicherweise fängt man in einer Falle Mäuse, indem man Käse als Köder auslegt. Ein Klappmechanismus springt beim Berühren des Käses an, fängt und tötet meistens  das beutesuchende Lebewesen. Dieses Szenario hat auf den ersten Blick nichts mit dem ersten Szenario zu tun, doch bei genauerem "Nachdenken" wird der Zusammenhang deutlicher - ich zögere etwas bei dem Begriff "Nachdenken". Mir scheint, dass unser Bewusstsein recht schnell und gleichsam "wie von selbst" einen Abwägungs- und Interpretationsprozess vollzieht.

Eine Maus, die frühzeitig nach Beute sucht – sie entspricht dem frühen Vogel – wird von der Käsefalle angelockt, geschädigt oder getötet. Eine Maus, die später als die Opfermaus auftritt, sozusagen ihre Alltagsarbeit verzögert und aufgeschoben hat, findet neben dem Opfer auch das, was Nahrung und ein gutes Leben der Maus ausmacht, den Käse.

So gesehen ist dieser zweite Satz ein humorvoll-anschaulicher Versuch, die Leistungsethik des ersten Satzes zu relativieren und Verzögerung als klug, fruchtbar und glückbringend zu präsentieren. Das Mem bereitet – darf man sagen – uns und unserem Bewusstsein  dadurch Freude, dass es eine leicht verrätselte Formulierung enthält, die zum Enträtseln reizt und dafür auch hinreichende Hilfen bietet. Dabei wird eine Hochnorm angegriffen. Es geht um ein arbeitsames, pflichtbewusstes Leben, ein Arbeitsleben wohl. Das beim Lesen auftretende, „spontane“ Schmunzeln belegt, dass das Bewusstsein es genießt, wenn die Regeln und Normen des hochmoralischen Überichs    in Witz und Gag untergraben und demontiert werden, sodass für kurze Zeit Entlastung eintritt.

Allerdings können aufmerksame Leser im zweiten Teil des Mems eine gewisse Zweischneidigkeit bemerken: Vorbereitet wird sie  durch das „may“, das dem ersten Satz eine gewisse Geltung in seinem Bereich der Vogelwelt einräumt, so dass ihn der zweite Satz gar nicht ganz demontieren kann. Im Fall des Beutewurms wird frühe Jagd Erfolge bringen, egal, was der zweite Satz behauptet. Im Fall des Käses und seinen Bedingungen gilt das nicht, die Situation ist eben ganz anders als im ersten Fall. Die Frühzeitigkeit des Vogels und sein Erfolg sind eben nicht relativiert.

Allerdings kann man auch hier, vom „may“ sensibilisiert, eine gewisse Einschränkung erschließen: Die kluge Maus – und die gibt es vielleicht tatsächlich – wird vermutlich schon gesehen haben, dass diese Falle einen Artgenossen getötet hat, sie wird skeptisch den Mechanismus der Falle studieren, bei erheblicher Gefahr auf die Beute verzichten oder aber durch vorsichtiges Aufnehmen vom Rand her einen Teil oder die ganze Beute ohne Schaden einkassieren.

Das mag ein eher unwahrscheinliches Szenario bei Tieren sein, doch Menschen – und auf sie bezieht sich ja bei aller Tiermetaphorik das Mem – besitzen Instinkte, Reflexe, Verhaltensflexibilität und Reflexionsvermögen in hohem Ausmaß. So kann dann auch die Frühaufsteherin und Leistungsaktivistin, die erste Maus, die Lage genauer prüfen, Gefahren abschätzen, gegebenenfalls auf die Beute verzichten oder sie in ihren Besitz bringen.

Kurz:

Das Mausemem kann gelesen werden als komische Widerlegung und Relativierung des Früher-Vogel-Mems.
Die Leistungsethik bildet sich für den menschlichen Leser in der Menschenwelt ab. Die Leistungsethik gilt im Bereich der Lebewesen außerhalb der Vogelwelt nicht absolut. Auch der Leistungsunwillige - sei er nun Maus oder Mensch - kann seinen Anteil finden, vielleicht sogar - anders als der Leistungswillige  - sein Leben nicht verkürzen.
Dennoch: Der Kluge kann unabhängig von der zeitlichen Taktung seines Alltags durch genaue Beobachtung Gewinn erzielen.
Die Relativierung des zeitorientierten Leistungsdenkens funktioniert nur begrenzt und eben ad hoc in einem spielerisch-humorvollen Rahmen.3)

1) Sophie Wege: Wahrnehmung, Wiederholung, Vertikalität. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2013; S.140f.
2) Ein Bild oder Satz oder Bild-Satz-Kombinationen, die sich etwa im Internet großer Beliebtheit erfreuen, viral verbreitet werden und so ins öffentliche Gedächtnis (memory) eingehen und Nachahmungen (mimesis) , ähnliche Meme oder Gegenmeme erzeugen.
3) Die wissenschaftliche, neuere Literatur zu diesem Thema ist naturgemäß unüberschaubar. Dem Schreiber dieses Essays entstand Vergnügen, Spaß und Erkenntnisgewinn etwa bei der Lektüre von Sophie Wege, Paul B. Armstrong, Wladyslaw  Chłopicki, Seana Coulson, Hans-Georg Kemper.

Literatur:

Paul B. Armstrong:
How Literature Plays with the Brain. The Neuroscience of Reading and Art. Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 2013.
Wladyslaw  Chłopicki:
Humor and narrative. In S. Attardo (Hrsg.), The Routledge handbook of language and humor (pp. 143– 157). New York: Routledge, 2017.
Seana Coulson:
Semantic leaps: Frame-shifting and conceptual blending in meaning construction. Cambridge: Cambridge University Press. 2001.
Hans-Georg Kemper:
Komische Lyrik - Lyrische Komik. Tübingen: Niemeyer 2009.
Sophie Wege:
Wahrnehmung, Wiederholung, Vertikalität. Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2013.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Fisch (55) (22.03.2020)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.
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Willibald meinte dazu am 23.03.2020:
Sorgen über Sorgen!

greetse an den Fisch
ww

Antwort geändert am 23.03.2020 um 08:15 Uhr
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Graeculus
Kommentar von Graeculus (22.03.2020)
Die Klippe, auf die der erste Satz hinweist, meisterst Du gekonnt.
An sich ist es natürlich schon unterhaltsamer zu lachen, als eine Theorie des Lachens zu lesen.
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Willibald antwortete darauf am 22.03.2020:
Ein schöner Kurztext von Dir, Graeculus. Geht vielleicht anderen als mir auch so: ich "musste" zustimmend schmunzeln.

Beste Grüße
ww

Antwort geändert am 23.03.2020 um 08:16 Uhr
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AchterZwerg
Kommentar von AchterZwerg (23.03.2020)
Erst wenn der Wurm den Vogel würgt,
die Falle in den Käse beißt,
wird klar, wer wohl fürs Lachen bürgt
und heimlich Witze reißt.

Womit ich ncit sagen will, dass die Wissenschaft nicht ebenfalls halblustig - komisch wirken kann. Besonders dann, wenn sie die Trefferquote eines Horoskops aufweist.
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Willibald schrieb daraufhin am 23.03.2020:
Sei gegrüßt, Achter!

Danke für die vierversige Exhilaration!
..........
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Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte: 1954 – 2006. Frankfurt: Fischer 2016; S.658.

"The study of the emotion of exhilaration originated in the study of positive affective responsesto humor. "Exhilaration" was introduced as an emotion construct aimed at integrating the
various responses occurring at the levels of behavior, physiology, and emotional experience ..."

Prof Dr. W. Ruch, Department of Physiological Psychology, University of Düsseldorf,
Universitätsstraße 1, 4000 Düsseldorf, Germany

p.s.
Der Kemper - wenn Du ihn nicht sowie schon ... - macht Dir sicher größeren Spaß:

Hans-Georg Kemper:
Komische Lyrik - Lyrische Komik. Tübingen: Niemeyer 2009.

 Rezension Kemper


greetse
ww

Antwort geändert am 23.03.2020 um 11:33 Uhr
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