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Hat es in sich: It´s okay to run away.

Essay


von Willibald

Shrigleys Bild vom Läufer.
Hat auf den ersten Blick nicht viel für sich,
macht wenig her.



It’s ok to run away from your problems
(David Shrigley:  How are you feeling? 2012;  S. 164)


Zu sehen ist eine Figur, der BetrachterIn zugewandt, pupillenlos, mit angstvoll-skeptischem Blick, in einer Laufhaltung, momentan aufgenommen oder in einer Startphase. Neben dieser Figur steht ein Text, der legitimiert, zu legitimieren versucht, dass man vor seinen Problemen wegläuft, es sogar für eine gute Idee hält. Ob die Figur gerade tatsächlich dabei ist, wegzulaufen oder sich gegen das Weglaufen sperrt, ist unklar.

Der Blick des Betrachters streift  wahrscheinlich “irgendwie”  aufschlussreiche Details. Die ersten beiden Zeilen „It’s ok to run away“ enthalten einen Reim. Lebensregeln, Sprichwörter sind häufig aus mnemotechnischen Gründen gereimt (Morgenstund‘ hat Gold im Mund – Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen – Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute). Sie enthalten Weisheiten und Lebensrezepte, die in der Gesellschaft anerkannt sind und weitergegeben werden. Allerdings ist Weglaufen kaum positiv besetzt, erst recht nicht gilt es als positive, vor Problemen zu fliehen.

Auch typografisch gesehen ist der Text aufschlussreich: Ähnlich wie in Schulheften von Kindern ist jeder einzelne Satzteil unterstrichen, als sei er gleich wichtig wie die anderen. Gleichzeitig fungieren die Unterstreichungen wie Zeilenlinien, als Hilfsmittel, damit die Wörter und ihr Ratschlag ohne ästhetische Abstriche keinesfalls eine ordentlichen Linie verlassen.

Der Reim „Ok … away“ ist zwar da, wird aber nicht als Endreim gesetzt. Dies ist vielleicht ein  Hinweis auf die eher zufallsgegebene, von Formeln bestimmte kindliche Machart und Mentalität von Text und Bild, vielleicht ein karger Bonus für die Zeitinvestition in ein Bild, das sich der kulinarischen Schönheit oder der schnittigen Kargheit verweigert. Ein mentaler Widerhaken ohne Poesie.

Die Gestalt des Läufers weist Signale widersprüchlicher Art auf. In sich und in Bezug zu Textelementen. Das „It’s ok“ verspricht Zufriedenheit für den Fall, dass man läuft und metaphorisch von seinen Problemen wegläuft. Auch nicht-metaphorisch ist bekannt, dass Wandern, Laufen und Joggen Stressphänomene verringern oder auf ihre wahre Größe schrumpfen lassen, sodass sie zu bewältigen oder gar ganz beiseite zu schieben sind. Die angewinkelten Arme deuten auf eine Laufbewegung hin, die Beine könnten ebenfalls in einer Laufbewegung sein: das rechte Bein nach vorne, das linke Bein nach hinten.

Der Bildausschnitt allerdings ist so gewählt, dass auch eine gegenläufige Interpretation möglich ist. Die Beine sind auch als überkreuzt zu lesen, zu verstehen. Dies kann Stillstand und Verkrampfung signalisieren. Das den BetrachterInnen zugewandte Gesicht wirkt alles andere als glücklich, der Läufer und sein Mienenspiel wirken eher kleinlaut, fast verzweifelt, als würde er dringend um Bestätigung für den Okay-Satz bitten. Tiefe Verzweiflung, verzerrtes Gesicht.

Kleingeschrieben befindet sich im unteren Drittel der Satz: „It’s a good idea“. Die Phrase nimmt Bezug auf den großgeschriebenen Satz oben links, versucht ihn zu erhärten, hat es jedoch auch in sich: Eine Idee (idea) signalisiert meistens einen Einfall, den es erst  zu verwirklichen gilt, auch wenn man rückblickend von einer „guten Idee“ sprechen kann („Das war aber eine gute Idee“). Es ist demnach möglich, das Bild temporal vor der Ausführung der Idee einzuordnen. Das bedeutet, der Rezeptsatz oben und die Körperhaltung der Figur gehören eventuell nicht in die Ausführung, sondern in eine Vorphase. Das Laufrezept ist nicht oder noch nicht wirksam. Oder wird nie wirksam.

Vor Problemen wegzulaufen gilt als problematisch. Der aktuelle Satz aber setzt das Weglaufen als positives Rezept. Der kleingeschriebene Satz links unten signalisiert indirekt Zweifel, denn „das ist eine gute Idee“ lässt sich als ein energisch verkrampfter Bestätigungsversuch eines Vorhabens lesen. Das bedeutet, im verbalen Teil finden sich autosuggestive Formeln. Sie wehren gesellschaftlich gewünschte Aktivität, das gesellschaftlich gewünschte Bewältigen von  Problemen ab, doch sie sind als eine Art von innerem Monolog oder als direkte Rede nur zu hören, ohne dabei unbedingt ausgeführt zu werden. Vielleicht gilt in diesem Bild: Nicht einmal das Weglaufen funktioniert.

Kindlicher Minimalismus, Rezipientenansprache, Verzicht auf ausgefeilte grafisch versierte Technik, all das bleibt unter den normal-ästhetischen Standards. Shrigleys Blatt ist Ergebnis eines vertrauensvollen Skizzierens von Einfällen und Gedanken. Linguistisch gefeit könnte man hier ikonisch-narrative Strategien entdecken, die in einer sehr knappen Weise keine Ereignisse miteinander verknüpfen. Und doch komplexe, sich hindernde Ereignisansätze verknüpfen. Aufmerksamkeit durch und für eine zerrende Momentaufnahme.

Treten wir zurück und versuchen wir festzuhalten: Shrigleys  Gestaltungsweise arbeitet mit der Abweichung von ästhetischer Norm, er signalisiert den Verzicht auf elaborierte Meisterschaft, seine Mittel erzeugen eine Atmosphäre kindlich-naiver Machart und eben solcher Mentalität. Sein graphisches Gebilde lässt  Leerräume, die der Rezipient – trotz der Verzweiflung der Figur -  lächelnd füllen kann, weil er die Mentalität und das Ungenügen im Dargestellten sicher auch  von sich und in sich selbst kennt. Die gewisse Komik des Blattes führt nicht zu Verlachen, sie macht nicht lächerlich, sie spaltet nicht das ab, was die Leistungsgesellschaft verdammt, sie grenzt nicht aus, sie lässt unser Bewusstsein  erkennen und “außen” bestätigen, dass Widersprüchlichkeit und Bedürfnisse nach Widerspruch nebeneinander bestehen. Gloriose, arme Hunde, die wir nicht immer sind. Das Problem beim Versuch, das Universum zu verstehen, ist, dass wir nichts haben, mit dem wir es vergleichen können. Vielleicht mit unserem Bewusstsein?
Genug.

Primärliteratur:
Shrigley, David:
How are you feeling? At the centre of the inside of the human brain‘s mind. Edinburgh: Canongate Books LTD, 2012.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Moja
Kommentar von Moja (23.03.2020)
Lieber Willibald,

wieder ist Dir Inspirierendes gelungen! Diesen Künstler kannte ich nicht, blätterte ein paar Bilder von ihm an - it works, it's a really good idea! Der Text nimmt mich mit, verlangsamt die Zeit.

Herzlichen Dank und lieben Gruß,
Moja
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AchterZwerg
Kommentar von AchterZwerg (24.03.2020)
Mir fällt vor allem die verzerrte ("falsche") Perspektive auf.
Handelt es sich hier nicht um mangelhaftes Kunstverständnis, muss ich von einer Absicht ausgehen.
Die Zeichnung kehrt die Perspektive ebenso um, wie sie die verwortete Redewendung infrage stellt.

Ein interessanter Ansatz, der sich vermutlich nicht allen gleich erschließen wird, weil er sich subtil hinter der kindlichen Machart der Zeichnung verbirgt.

Liebe Grüße
der8.
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Willibald meinte dazu am 24.03.2020:
Grüß dich, lieber 8.

Die Zeichnung kehrt die Perspektive ebenso um, wie sie die verwortete Redewendung infrage stellt.

Ein interessanter Ansatz, der sich vermutlich nicht allen gleich erschließen wird, weil er sich subtil hinter der kindlichen Machart der Zeichnung verbirgt.


ich denke, das ist - intersubjektiv - die Machart des graphischen Ge-Bildes. Und ja, das ist wahrscheinlich, dass es so funktioniert.
Sei es, dass man beim Betrachten aussteigt, sei es, dass unser Bewusstsein affiziert bleibt.

Beste Grüße
ww
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LottaManguetti
Kommentar von LottaManguetti (25.03.2020)
Zum Bild:

Ein Moment des Innehaltens, erschrocken, verwundert, zweifelnd. Wie meint der das It's ok to running ...?
Meint der überhaupt mich? Scheint so.
Wie kommt der darauf, ich würde wegrennen?

Der Körper dreht sich während dieser Überlegung unnatürlich dem Rufer entgegen. Leere Augen suchen nach Erklärung. Der Mund, verzerrt, vermag nichts zu entgegnen. Die Mimik scheint zu fragen: Bin ich ertappt oder will man mich reglementieren? Chaos im Kopf.
Unverständnis btw. der kurze Moment vor dem Sich-selbst-verstehen?
Zwischen Weiterlaufenwollen und Innehaltenwollen entsteht so eine seltsam verdrehte Momentaufnahme sowohl der Mimik als auch der Gestik.
Das Bild spricht Bände!

Lotta

edit: Schulligung schreibe am Handtelefon.

🙄

Kommentar geändert am 25.03.2020 um 08:45 Uhr
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Willibald antwortete darauf am 25.03.2020:
Momentaufnahme erstarrtes Innehalten bei ertappten Weglaufen.
Die Deutungsvielfalt macht das Ding überzeugend: Eben auch weil sie die Beliebigkeit zu vermeiden weiss.
Mehrdeutigkeit ohne Beliebigkeit.
gratias
ww

Antwort geändert am 25.03.2020 um 09:26 Uhr
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