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Soll ma valängern? Der alte Willibald erzählt vom jungen Dietl.

Text


von Willibald

Zuerst verwendete ich das Wunderpapier, das gar kein Papier war, sondern eine ganz dünne Metallfolie, die sich zu allen möglichen Gestalten und Installationen formen ließ, zum Spielen.
Mithilfe meiner Mutter entstanden realistische Dinge wie Häuser, Mauern und Straßen. Ich belebte dann die Szenerie mit Fabelwesen, die nur von mir identifiziert und benannt werden konnten.
Wenn jemand fragte, welche Kreatur oder welches Tier beispielsweise ein etwa zwanzig Zentimeter langes, röhrenartiges Gebilde sein sollte, das sich nach dem einen Ende zu deutlich verjüngte, bekam man von mir nur die verächtliche, stereotype Antwort: »Das sieht man doch.«

Helmut Dietl:  A bissel was geht immer: Unvollendete Erinnerungen, München:  Kiepenheuer&Witsch 2016.




Abb.1:  Das Grab von Helmut Dietl und seiner Mutter Else auf dem Bogenhausener Friedhof

Tada!
Das Beste an dem Alter ist, dass du was zu erzählen hast. Und je öfter du was erzählst, desto mehr erinnerst du an den eignen Großvater. Der erzählte gern und hingebungsvoll. Vom Krieg. Nein, nicht so, wie ihr  denkt. Seine beste Geschichte ist die, wo er den Hintern auf eine Weise  rausstreckt im Gelände, dass er  vom Feind angeschossen wird. Schuss seitlich ins Gesäß  - Sakrischer Schmerz. Heimatschuss, verdächtig. Aber er kam heim, der Krieg war aus für ihn und 1945 für alle.  Andere erzählten, wie  nach der "Niederlage"  alles in Trümmern lag. Was vorher passierte, blieb eher unklar.  Dafür erfuhren wir, wie schlimm die Zerstörung, das Elend und der Hunger waren. Und wie man sich aufgerappelt hatte. Die Ärmel hochkrempeln. Keine Experimente. Der Alte von Rhöndorf.

Aber jetzt  zu meiner Geschichte. Die ist aber eher  literarisch, ich will mal sagen, literarisch legitimiert und kulturhistorisch aufschlussreich: Monaco Franze, Kir Royal, Helmut Dietl  und Milbertshofen.  Dort,  im Norden von München, da streckten sich damals hinter der Fabrik von der "Knorr Bremse"  braungrau verputzte Kasernen,  zweistöckige, darin das  Fernmeldebataillon 776,  daneben eine Holzbarackenkantine mit Qualm und Bier für fünfzig Pfennig und Wurstsemmeln. Milbertshofen in den Sechziger Jahren. Damals gab es Fernsehansagerinnen hochtoupiert, Birkelnudeln mit Tomatensoße,  Schwarzwälder Kirschtorte. Wenn ihr versteht. Und dann dieses Taschenbuch hier: "Die Caine war ihr Schicksal" von Herman Wouk. War damals bekannt. Gab dann auch die Verfilmung mit Bogart. Alle paar Jahre krame ich den Wouk hervor.  Hatte ihn bei dem Büchertandler am Nordbad gekauft für DM 2,50.
Retro-Hypnose.
Trance.
Alles noch da 



Abb.2:  Humphrey Bogarts Queeg auf der Caine


Feldwebel Ilg gab uns den Tip: Am Abend hat man tatsächlich seine Ruhe in der Kaserne -  man steigt  hoch  in die Zeitungsstube  unter dem Dach: SZ, Münchner Merkur, NZZ, ZEIT und in den Regalen standen ein paar Bücher. Ab und zu schaute jemand kurz rein, setzte sich hin. Helmut D. saß heute da, blätterte in der Süddeutschen Zeitung. Ich las mich in diesem Buch  fest, dem von Wouk.

Fünfhundert  Seiten, eng bedruckt,  die amerikanische Flotte im Krieg gegen Japan, Drill in der Ausbildung, dann Einsatz auf dem Meer. Da war Lieutenant Commander Philip Francis Queeg, Kapitän auf der Caine -  pingelig, neurotisch, fast paranoid.  Dann  Willie Keith,  Fähnrich Willie Seward Keith, Marineakademieabgänger, amateur-hafter Klavierspieler. Voller Sehnsucht nach seiner schönen Freundin May Wynn.

Das Schrubben des Decks, das Ölen der Scharniere, das Putzen der Waffen, ja, das kannte man.  Hatte der  neurotische Kasernenchef oben im ersten Stock nicht die Macken  von  Queeg auf der Kommandobrücke?  War es nicht spannend und wirklich gut, wie  er in einer Meuterei entmachtet wird?  Und war Willies May Winn nicht die Freundin, die mir fehlte? 

Und dann, ganz am Schluss, das Schlimmste scheint schon vorbei zu sein,  die Caine ist auf der Heimfahrt, da bricht noch einmal  der Schlamassel los. Ein Kamikaze-Flieger greift  das Schiff  an. Willie übernimmt das Kommando, er organisiert die Rettungsarbeiten, er bekommt die Situation in den Griff,  er agiert  so gut,  dass die Mannschaft  den jungen Offizier mit Hochachtung betrachtet. Willie raucht  in sich gekehrt eine Zigarre an.  "Willie saß und sann, der Rauch der Zigarre flutete um seine Stirn, und seine Gedanken begannen zu wandern. Sie befassten sich mit Leben und Tod, mit dem Problem des Glücks und mit Gott.  Der Willie Keith, der den Stummel seiner Zigarre im Aschenbecher ausdrückte, war ein anderer Mensch als jener, der sie angezündet hatte. Mit dem unreifen Jungen in ihm war es endgültig aus."
Ich seufzte.



Abb.3:  H. Dietl  auf kaserniertem  Gelände

„Was ist los?“ Helmut Dietl hatte den Kopf gehoben.
„Gutes Buch“, murmelte ich.
„Zeig mal. Ah je, der Wouk“, kurze Pause.  "Hör dir das mal an." Er blätterte  in dem  blaugrauen Band bis  hin zum  Nachwort des Autors : „Auf das obszöne und lästernde Beiwerk der Seemannssprache ist nahezu völlig verzichtet worden. Diese gutherzige Flucherei bietet im Großen und Ganzen wenig Abwechslung und ist vor allem ohne bezeichnende Bedeutung."
Er klappte den Band zu. „Gutherziges Fluchen. Obszönes Lästern.  Readers-Digest-Sprache . Bannt den Unflat."
Das letzte Wort hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Untier, Ungeheuer, Untiefe, unheimlich, Unflat...
"So ein Schmarrer, der Wouk!  Ein rechter Scheiß, was er da verzapft. Im Nachwort. Der Queeg ist ganz gut. Gell.“
Ich nickte.
"Bei einem alten Arzt mit Beinprothese  war ich - blöderweise nach der Musterung erst - er konnte nichts mehr machen. hat das sehr bedauert - weil mir jeder junge Mensch leidtut, der zu demhurenbarrasdemvarrecktenbluatigenMörder undDodschläerverein  muass, schau mi do an wia i ausschaug … samma wieder soweit ...und da HerrgottdaliabeGottdaliabe … da Herrgott der schaut zua, als wia wenn’s ihn nix angeh’n dat!!."
Ich nickte wieder.
Dietl schwieg, dann zog er ein Taschenbuch aus der Seitentasche der Uniform. "Stirb und werde", rotes Cover, rororo, Andre Gide. Er begann zu lesen.
Mein Willie schrieb an May Wynn einen Brief.
Und Dietl hatte draußen vor München im Moos eine Freundin, eine Lili. Oder war es eine Dorle in Schwabing?
Wie öde mein Leben war.

Die folgenden Tage brachten es dafür voll. Zuerst, am Montag  rief man die  Abiturienten in der Infanteriestraße zusammen. Man bot uns an, den 18-monatigen Wehrdienst auf zwei Jahre aufzustocken. Zeitsoldat. Z 2. Es gibt statt der sechzig Mark Sold dann fast 400 Mark Gehalt, man kann  eventuell den LKW-Führerschein machen. Und einen Lehrgang.  Wir schauten uns an. Sechs Monate länger? Sollte man? Zwei Wochen Bedenkzeit.

Dann,  am Dienstag  plötzlich „Nato-Alarm“ um 22.00 Uhr. Den Spindinhalt schwitzend in einen Seesack stopfen, dazu das Gebrüll der Unteroffiziere: „Wenn ihr tot seid, dann habt ihr Zeit. Jetzt nicht.“ Den Rucksack aufschnallen, den Klappspaten nicht vergessen („Gräben graben, Scheiße verbuddeln“), im Laufschritt in den Hof, rauf auf die  LKWs, raus Richtung Freising, dort warteten angeblich schon die Amerikaner mit Aufträgen für uns. Funken. Kabellegen. Den Osten abhören.  Ja, doch, euer Großvater erzählt halt, wie es damals war für ihn. Peinlich? Noja, das war schon auch irgendwie… Wouk.
Kompromiss: Nicht ganz peinlich.

Also runter  von den LKWs. „Der Feind hört euch, ihr Trampeltiere“, wir keuchten und fluchten leise. Endlich waren die  grünen Tarnzelte erreicht. Amerikanische Soldaten, die breit grinsten, saßen davor. Dietl zündete sich seine Roth-Händle, nein, seine Gitanes an, blies den Rauch in die Luft, nickte kurz und sagte dann: „Zwei Jahre?“
Er  zog an der Zigarette und klatschte sich aufs Knie.
„Willi, die ficken uns. Sie ficken uns.“
Ich war zu erschöpft, etwas zu sagen.
„Die ficken uns",  Ausdrücken der Zigarette, Wegschnippsen der Zigarette, „ und wenn sie uns ficken, dann sollen sie uns auch bezahlen.“
„Alsdann“, sagte ich grübelnd.

„Was alsdann, Willi.. Wir nehmen den Scheißwisch und unterschreiben.“ 
Ich stellte mir die vierhundert Mark im Monat vor und die Bundeswehr,  sechs Monate länger.
Dietl schaute auf die ausgebrannte Zigarette, dann auf mich: „Ich, Willie Keith, verpflichte mich hiermit, zwei Jahre  der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen.“
„O Gott“,  sagte ich.

Herrschaften, ich erzähl nicht weiter.
Die Frieda bringt jetzt gleich aus der Küche den Zwetschkendatschi und ich den Kaffee und die geschlagene Sahne mit dem Vanillezucker. Gleich ist alles da.



Abb. 4:  H. Dietls Franz Münchinger im Gespräch mit Annette und dem Zuschauer: "Geh Spatzl, schau, wia i schau."

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von Aha (53) (31.08.2020)
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Willibald meinte dazu am 31.08.2020:
Gratias, Aha.
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