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Nihilistische MoralInhaltsverzeichnisReden ist Mist

Nihilistische Konsequenzen

Text zum Thema Philosophie


von Terminator

1. Oben ohne

Es scheint einleuchtend zu sein, dass es geboten ist, bei einer Hungersnot Hilfe zu leisten. Doch der Schein trügt: wenn man nach dem Zweck fragt, so wird es sich um das Überleben zufällig existierender Menschen handeln. Warum ist das Überleben dieser Menschen gut? Es lässt sich keine Antwort finden. Wie ist es mit der Menschenwürde? Zur Achtung vor der Menschenwürde gehört auch die Achtung vor dem Menschenleben - das ist unbestritten. Wo ist jedoch diese Menschenwürde real vorhanden? Wird sie denn von denen tatsächlich gelebt, deren Würde ich achten soll, ist sie ihnen heilig? Es reicht, die Augen offen zu lassen, um dies verneinen zu müssen.  Ohne einen extranihilistischen Konsens über allen unseren nihilistischen Freiheiten, unseren Freiheiten zum Nihilismus, ist alles nur Willkür, an die nur gebunden ist, was sie physisch binden kann. Alles, was physisch machbar ist, ist gut und billig. Kein Tun kann oben ohne als böse oder schlecht bezeichnet werden, und erst recht kein Lassen als eine moralische Verfehlung deklariert werden.


2. Nutten gibt es nicht

Es gibt keine Unzucht, keinen Ehebruch, keinen Kindesmissbrauch, keine Sodomie, keine Totenschändung, - es gibt nur guten und schlechten Sex. Eine Vergewaltigung kann durchaus deskriptiv festgestellt werden, wenn sich nämlich eine Person der Sexualität einer anderen Person mit Gewalt bemächtigt. Die Vergewaltigung ist jedoch weder gut noch schlecht, Huren sind keine Nutten, Ehebrecher handeln nicht unmoralisch, sondern nur klug oder unklug. Es gibt keine Beliebigkeit in der Ethik - alles, was aus einer ethischen Aussage logisch folgt, ist mit ihr bereits vollzogen. So kann es auch keine halbe oder mit Ausnahmen gespickte Sexualmoral geben - entweder ist die Keuschheit das Ideal oder es handelt sich um flache, nihilistische Hierarchien. Wenn die Sexualethik lautet, dass alles, was zwei oder mehr Personen miteinander beschließen, gut ist, und was gegen einen Willen oder einen Sexualvertrag geschieht, schlecht, so handelt es sich nicht um eine ethische, sondern um eine positivrechtliche Maxime, die solange Bestand hat, bist sie durch eine Zuwiderhandlung faktisch aufgehoben wird.


3. Vericht: verlogene Selbstsucht und ehrlicher Narzissmus

Um fehlbar sein zu dürfen, projiziert man sein Ideal-Ich in eine andere Person, aber nicht in irgendeine, sondern in die, die einem zum gegebenen Zeitpunkt am Wertvollsten zu sein scheint: man verliebt sich. Mag sein, dass ich faul, feige, ein Heuchler und Betrüger bin - die geliebte Person, mein wahres Selbst, ist jedoch ein strahlend weißer Engel. Verliebtheit ist nicht blind, sie blendet aus: der Verliebte blendet all das am Geliebten aus, was an ihm hinderlich wäre, eine Projektionsfläche für sein Ideal-Ich zu sein. Man verliebt sich nicht, man vericht sich. Alle Liebesromantik ist nur Selbstsucht, die durch die Projektion in eine andere Person endlos überhöht werden kann. Das aufgeblasene Selbst des Selbstsüchtigen ist in der geliebten Person vor Angriffen durch die Realität geschützt, und darf ohne Scham in ihr angebetet werden. Narzissmus ist nur die ehrliche Form derselben Selbstsucht.


4. Leidensfähigkeit und Kinderzeugung

Wer absichtlich einen Sohn in die Welt setzt, ist entweder ein kranker Sadist oder ein noch kränkerer Masochist, denn in der Regel wird er seinem Sohn nichts zu geben haben, womit dieser (im Großen und Ganzen) nach dem Nichts streben wird.
Wer absichtlich eine Tochter in die Welt setzt, ist entweder ein perverser Sadist, denn er hegt und pflegt das zarte Pfänzchen, um es zu pflücken und ausführlich auszukosten, oder aber er ist ein unglaublich leidsüchtiger Masochist, der seiner Tochter all seine Liebe und einen großen Teil seines Lebens schenkt, damit irgendein dahergelaufener Köter das undankbare Pflänzchen mit dessen Einverständnis schändet, wobei sich der Erzeuger fühlen muss, als hätte man sein Herz aufgerissen und hinein geschissen.
Wer ohne Absicht ein Kind in die Welt setzt, wird weder auf dargelegte Weise empfinden können noch die Fähigkeit besitzen, über Sinn oder Unsinn der Kinderzeugung nachzudenken. Ein solcher Mensch ist ein durchaus glückliches Tier, das in seinem Glücke nur vom Baum überlächelt wird, wobei auch der Baum im Vergleich zum Kieselstein ein leidender Hund ist.


5. Der Held als Parasit

Ohne höheren Grund, den es nihilistischerweise nicht geben kann, ist Leid stets zu vermeiden, und Freude stets zu fördern; alles, was schmerzvoll ist, ist schlecht, und alles, was Vergnügen verschafft, ist erstrebenswert. Wenn nun jemand sich für ein höheres Ziel oder einfach nur für seine Kinder aufopfert, ist davon auszugehen, dass dieser Mensch gern leidet, und dass Mühsal, Ohnmacht und Entbehrungen ihm Lust verschaffen.

Es ist keine moralische Verurteilung des Helden und des Opferbringers, die hier geführt wird, - moralisch steht der Lustmörder auf einer Stufe mit dem Ordensbruder, aber die Ansprüche, die der leidende und opferbringende Mensch an seine Mitmenschen erhebt, sind in ihrer Nichtigkeit nicht hell genug zu beleuchten. Eltern etwa, die Kinder zeugen und für sie sorgen, um deren Schuldgefühle einzufordern, verdienen nichts als Verachtung; Politiker, die ihr Leben dem Wohle der Menschheit widmen, sollten von dieser Menschheit besser Spott als Denkmäler erwarten.

Wer seine Mitmenschen für Selbsttranszendenz missbraucht, ist nicht bloß seiner Gesinnung nach Egoist, sondern ein schädlicher Egoist, ein Parasit, ein Verbrecher.


6. Suizid ist weder Freitod noch Selbstmord

Die wenigsten Menschen werden so edel sein, sich ohne äußeren Grund das Leben zu nehmen, - etwa aus der Einsicht, genug gelebt zu haben, und aus der Willenskraft, das eigene Leben wirklich frei und selbstbestimmt abzuschließen. Wer sich umbringen will, befindet sich in der Regel in einer subjektiv (und allzuoft auch objektiv) ausweglosen Situation, und es ist aufgrund der natürlichen Neigung aller Lebewesen, sich am Leben zu erhalten, sowie der angeborenen Frucht vor dem Tod und der Angst vor dem Sterbeprozess davon auszugehen, dass der angehende Selbstmörder alle alternativen zum Suizid erschöpft, bevor es sich entschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Die Befindlichkeiten Hinterbliebener nach einem Suizid lassen sich in den Vorwurf "Warum hast du uns das angetan?" zusammenfassen. Der egoistischen Ansicht von Eltern, Lebenspartnern, Kindern oder Freunden nach hat der sogenannte Selbstmörder nicht sein eigenes Recht auf Leben (welches ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod beinhaltet) wahrgenommen, sondern eine ihnen nahestehende Person ermordet: ihr Kind, ihren Lebenspartner, ihren Verwandten oder Freund. Dass solche Besitzansprüche auf einen Menschen dem Zeitalter des Sklaverei angehören und gegen das Recht auf Leben verstoßen, ist leicht einzusehen, aber von der nihilistischen Annahme der objektiven Nichtigkeit aller Rechte und der Relativität aller ethischen Urteile ausgehend, darf nur eine Kritik der Befindlichkeit der Hinterbliebenen geführt werden.

Der Sohn, der Lebenspartner, die Mutter eines an Suizid Gestorbenen ist untröstlich traurig, was ihm als Folge seiner Tat vorgeworfen wird. Wie traurig muss aber ein Mensch sein, der sich selbst das Leben nimmt? Jedenfalls viel trauriger als die Hinterbliebenen, deren Trauer sich im Weinen und Gedenken leicht erschöpft, - und täte es sie nicht, wäre ihr Leben so unerträglich geworden, dass sie ihm ins Grab gefolgt wären. Wer als Angehöriger eines sogenannten Selbstmörders diesem seine Gefühle zum Vorwurf macht, beleidigt die Gefühle des Unglücklichen, indem er ihm einen emotional nicht hinreichenden Grund für den Freitod vorwirft: wer es sich psychisch leisten kann, an seine Angehörigen zu denken, ist in der Tiefe seiner Trauer noch nicht so weit, sich umbringen zu können. Wenn sich jemand aber selbst getötet hat, so ist davon auszugehen, dass seine Verzweiflung tiefer war als die Trauer seiner Hinterbliebenen nach seinem Tod jemals sein könnte.


7. Normalnull

Jede zufällige Existenz ist ein existentielles Extra, ein rechtfertigungsbedürftiges Dasein. Normal ist, dass ein zufällig Seiendes nicht ist. Die Nichtexistenz von Max Meier ist normaler als die Existenz von Max Meier. Darüber hinaus ist jede Handlungsweise zufällig Seiendem gegenüber ein existentielles Extra, und deren Negation der eigentliche Normalfall: Misstrauen gegenüber einem bestimmten Menschen ist kein verwirktes Vertrauen, sondern ein Nicht-Vertrauen, kein Dazutun zum Normalzustand. Jedes zufällige Tun ist gegenüber dem Lassen rechtfertigungsbedürftig, jedes zufällige Wünschen und Wollen bekommt sein Recht, wenn sich das Gewollte als nichts erweist: der Wille zum Sein ist ontologisch grundlegend, und sein steter Fluss ist das ontologische Normallnull; der Wille, etwas Bestimmtes zu besitzen, bekommt sein Recht in seiner Nichterfüllung.


8. Die Zigarette als Existenzrechtfertiger

"Rechtfertige dich!" fordert der Philosoph. "Nach dir!" ist der Laie schlagfertig. So stellt sich einem Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Sache mit der Zigarette dar - ohne die Zigarette. Nein, so einfach ist es nicht, denn der Philosoph hätte auch Cioran sein können, so sehr Nihilist, dass er sich nicht umbringt, weil es ihm egal ist, ob er lebt oder nicht. "Wieso lebst du?" "Ich weiß es nicht!" "Warum bringst du dich dann nicht um?" "Ich stehe einfach hier und rauche", so meine, zugegeben, tiefsinnigere Version. Wer kann schon einen Grund angeben, weshalb es gut ist, dass es ihn gibt? Jeder angegebene Grund würde sich durch das biologistisch Vulgäre oder das nihilistisch Indifferente in Luft auflösen. Darum steht er da mit der Zigarette, die seine Existenzrechtfertigung ist: "Ich tu doch nichts, ich rauche nur", könnte, gar sollte besser "Ich bin doch gar nicht, ich rauche nur" heißen. Es gibt eigentlich zahlreiche Existenzrechtfertiger, da ist die Zigarette nicht allein, aber besonders seit ihrer Verbannung aus dem öffentlichen Raum hat sich die Lage auf dem Existenzbegründungsmarkt dramatisch zugespitzt: die Zahl an der eigenen Grundlosigkeit mental Erkrankter ist in die Höhe geschossen. Die Flasche mit der Bionade ist kein guter Existenzrechtfertiger, das Buch ist es nicht, das mobile Telefon wäre ein Hoffnungsträger, erfüllt aber zu viele Fremdzwecke: ein idealer Existenzrechtfertiger sollte sonst zu nichts gut sein, als dass man eben hier steht und raucht, und in Ruhe existieren gelassen wird.


9. Ich hätte gekonnt haben können

Ein junger Mann steht auf einer Klippe und schaut ins Weite. Die Welt steht ihm offen. Er kann reisen, erfinden, entdecken, kämpfen, spielen, lernen, - er kann leben. Er hat aber Angst vor dem Leben, aus welchem psychologischen Grund auch immer. Da er auch Angst vor dem Tod hat, kann er sich nicht einfach in den Tod zurückziehen, um vor dem Leben zu fliehen. Er wählt den Stand-By-Modus: er gründet eine Familie, er heiratet.

Eine junge Frau steht auf einem Gipfel, blickt auf den herrlichen weißen Gletscher herab: die Königin der Welt. Liebe und Schmerz, Wissen und Macht, Sinn und Sinnlickeit: die Welt steht ihr offen. Das Leben ist kurzweilig und herrlich, unberechenbar wie ihre eigene Psyche, die sie aber wiederum aus welchen Gründen auch immer zur Angst vor dem Leben erzieht, zum Rückzug zwingt, - doch auch die Frau wählt den Tod nicht, sie heiratet, sie bekommt ein Kind.

Ach, wäre ich bloß nicht gebunden gewesen, rechtfertigt sich der Mann im "besten" Alter für all das Verpasste; ach, hätte ich bloß kein Kind bekommen, seufzt die vierzig- bis fünfzigjährige Frau. Aber ihre Kinder, sie werden es besser machen, als ihre Mütter und Väter, sie werden dann endlich leben - oder?


10. Moralisch tiefergelegt

Ein Christentum, das pränihilistisch, dogmatisch, gedankenfeindlich ist, ist auch moralisch dem Nihilismus unterlegen: dieser ist aufrichtiger und dem großen Geist Gottes näher, als unterwürfige Volksfrömmigkeit. Ohne den das Glaubenschristentum überwindenden Nihilismus zuzulassen, wird das Geisteschristentum niemals das Nichts überwinden können, niemals zum Wesen Gottes hinter der leersten Leerheit vordringen. "Seid fruchtbar und mehret euch!" ist ein rückschrittliches Argument gegen die nihilistische Ablehnung der Kinderzeugung, und darum steht jemand, der Kinderzeugung aus nihilistischen Gründen ablehnt, moralisch höher, als der Gläubige, der aus Frömmigkeit Kinder in die Welt setzt. So wie viele Eltern Gewordene zurück in die kindische Denkweise verfallen, beantwortet der Fromme die Frage nach dem Sinn der Kinderzeugung durch gedankenlose Idiotien, wie ein trotziges Kind.


11. Der kleine Junge muss Unfall bleiben

Freie, aus einem spontanen Urknall, einem Verknall entstandene Liebe ist seltenst eine gegenseitige, jedoch reicht auf der Seite des Geliebten bereits ein bestimmtes Maß an Sympathie, um eine glückliche Beziehung mit dem Verknallten einzugehen. Ein sechsjähriger Junge wird eingeschult und seine Lehrerin verliebt sich in ihn (rein, unschuldig, aerotisch - ich selbst kenne es seit der frühesten Kindheit nicht anders, muss es aber vorsichtshalber immer wieder unterstreichen, weil die Wenigsten offenbar intelligent genug sind, zu einer durchaus bescheidenen Abstraktionshöhe zu gelangen, auf der Liebe und Sexualität unterschieden werden können) - sie ist nicht nur schöner als seine Mutter, sondern zärtlichst an seiner ganzen Persönlichkeit interessiert, während seine Entstehung für die Erstere ein Unfall war, und sie ihn dazu noch heimlich hasst, weil sie ihm "zuliebe" einen suboptimalen Mann heiraten musste. Würde die Lehrerin den Jungen "adoptieren" (ein anderes Wort muss her), wäre er einer schlechten Kindheit mit vielen Traumata entkommen, und darüber hinaus mit freier (nicht aus trister Pflichterfüllung vorgetäuschter) Liebe großgeworden. Stattdessen frisst das Monster "Familie" (ein Euphemismus für die Eigentumsrechte der Eltern an ihren Kindern) den Jungen auf.

Was ist die Familie - ein Relikt aus dem Tierreich oder eine aus dem Grund notwendige zivilisatorische Errungenschaft, weil Menschen doch nur Tiere sind, und alle Liebe zu einer anderen Person im Endeffekt entweder Selbstliebe oder Sexualität ist? Beide Möglichkeiten zeigen auf, dass die amoralische Natur-Kultur als das hinter der moralischen Zuneigungsbeschränkungspflicht Stehende keine ethische Richtlinie sein kann, sondern bloß ein durch evolutionären Wildwucher enstandenes Monstrum.


12. Ich knall doch nicht meine Schwester!

Entweder wir Menschen sind Brüder und Schwestern, oder wir sind fruchtbar und mehren uns - ich knall doch nicht meine Schwester! Der biologistische Inzucht-Einwand gegen das wilde Treiben greift in die Biotonne, denn vom materialistischen Standpunkt handelt es sich ja um eine symbolische Geschwisterschaft. Wo ist also das Problem? Richtig, im Bewusstsein. Die sexuelle Begierde will - und Sex findet immer im Kopf statt - über das Bekannte hinaus, sie will Fremdes erobern und verzehren, sie will es in ihr Eigenes umwandeln. Mag der Trieb allein darauf aus sein, dass seine Befriedigung stattfindet, - der Kopf kriegt keinen hoch, wenn es streng nach Sinnlosigkeit riecht.


13. Das Nichts, das ich nicht meine

Am Anfang des 18. Jahrhunderts begründete Newton die Physik endgültig als Wissenschaft, was für die Philosophie derlei verheerende Folgen hatte, werlei sogar Hegels Logik einen schwer mechanischen Eindruck macht, und wer kein Wolf ist, ist ein Werwolf. Die Newtonlastigkeit der Natur- und Nichtnurphilosophie des größten metaphysischen Geizhalses der Denkannalen ist nochmal ein anderes Thema.

18. Jahrhundert: Newton stellt ein geschlossenes wissenschaftliches Weltbild auf, welches auf der Mechanik basiert. Die mechanistischen Materialisten halten die Welt für entzaubert, und verbannen Gott - als eine unnötige Hypothese - aus dem deterministischen Weltautomaten. Die konservativen  Engstirne rufen: So einen perfekten Mechanismus wie unser Universum kann nur ein intelligenter Schöpfer gemacht haben, - das deistische Gleichnis vom Uhrmacher.

19. Jahrhundert: Chemie und Biologie werden zu Wissenschaften. Die neue Erkenntnis: nur Leben erzeugt Leben, und Leben ist wiederum ein Zusammenspiel chemischer Prozesse. Die Sache ist klar: du bist, was du isst. Aber setzt das Leben, das so gut funtktioniert, das perfekt austarierte Fressen und Gefressenwerden nicht einen intelligenten Schöpfer voraus?

20. Jahrhundert: Hirnforschung und Informationstechnologie erklären die gottlose Welt. Aber Information, so Bibelphysiker wie der Braunschweiger Werner Gitt, kann nicht durch Zufall entstanden sein, sondern braucht einen Informanten!

So wird es immerfort sein: der letzte Schrei der Wissenschaft wird die wahrste Wahrheit über die Welt entdecken und Gott von Neuem überflüssig machen, und es werden phantasielose Mahner die neue Materie so komplex finden, dass sie in ihr nicht die Widerlegung, sondern den Beweis des Daseins Gottes sehen werden. Doch das Unendliche ist zu groß für jedes noch so komplexe Modell.  Gott ist kein Uhrmacher, kein Chemiker, kein Programmierer, Gott ist und bleibt das große Nichts der Wissenschaft, das mit jeder neuen Entdeckung aus dem Licht weiter in die Finsternis zurücktritt. Jede Erkenntnis dessen, wie sich die Dinge im Endlichen verhalten, widerlegt das Unendliche nicht, und beweist es ebensowenig. 


14. Zeit und Bedeutung

Wenn ein bestimmtes Alter erreicht ist, weiß man, dass man den richtigen Zeitpunkt für den Suizid verpasst hat. Was Cioran mit dem "aus der Zeit herausgefallen sein" meinte, ahnte ich nur dunkel, als ich mit 22 sein Alterswerk las, doch in letzter Zeit ist es genau diese Empfindung, die mein Leben bestimmt. Es ist ein Altersnihilismus, in dem es keinen Sinn mehr macht, noch etwas zu lernen, neue Bücher zu lesen, neue Menschen kennenzulernen, neue Freundschaften zu schließen. Man tut es, weil man weiter lebt, doch es ist alles ohne Bedeutung.

Das Bedürfnis, zu lieben, mich zu verlieben, sinnvoll zu leben, ist nach wie vor stark, doch ich kann mich nicht mehr verlieben, ich kenne das Wesen der Liebe zu genau, um noch aufrichtig lieben zu können, ich sehe in endlichen und vergänglichen Dingen keinen Sinn. Ich bin derselbe, der ich als Kind war, und doch ein anderer, ich will, doch ich kann nicht mehr - lieben, mir Ziele setzen, mich für etwas begeistern, in die Zukunft blicken - , ich bin alt geworden.

Im Alter lebt es sich ruhig, der Zeit- und Erfolgsdruck besteht nicht mehr, weil man aus der Zeit herausgefallen ist, und das Spiel vorbei ist. Das Alter ist weder unerträgliche Verzeiflung noch schwere Depression - die die Jugend allzugut kennt - , es ist eine leichte und bequeme Melancholie. Alles ist sinnlos, und gerade darum ist alles gut.


15. Eltern schlagen

Wer seine Kinder schlägt, passt bei aller Strenge des Urteils in das Weltbild des Ottonormalbeobachters hinein, wer aber seine Eltern schlägt, sprengt die Grenzen des Gewöhnlichen. Dabei sind es Erwachsene, die nicht selten eine einer körperlichen Züchtigung würdige Verhaltensweise an den Tag legen, während Kinder für ihren Leichtsinn oder ihre Verfehlungen aus Unwissenheit nicht wirklich für schuldig befunden werden können. Doch wer seine Eltern schlägt, stellt gleichsam seine eigene Existenz in Frage, denn der Ottonormalfeigling bleibt im Grunde für immer auf sinngebende Bezugspersonen angewiesen, und ist selbst nicht in der Lage, seinem Leben Sinn und Struktur zu geben. Es gibt durchaus 50-Jährige, deren Eltern zwar tot sind, die aber nichtsdestotrotz bei Lichte besehen dafür leben, ihre Eltern stolz zu machen, worauf die Lebensleistung vieler Menschen im Endeffekt hinaus läuft. Man macht lieber einen grausamen Vater stolz, als sich von ihm loszusagen; man achtet darauf, die Gefühle einer missbrauchenden Mutter nicht zu verletzten, anstatt sie auf den Müllhaufen der Biographie zu werfen. Doch ungeachtet dieser Extremfälle wird auch jede normale Familie über die Pubertät der Kinder hinaus nur aus der Angst der Kinder vor dem Leben, vor dem Sinn, vor der Selbstverantwortlichkeit zusammen gehalten, so dass sich jene am glücklichsten schätzen, die die Fehler ihrer Eltern am exaktesten wiederholen.   


16. Werde endlich mal erwachsen!

Erwachsen. Pragmatisch. "Realist". Von mir aus. Nichts ist heilig, vor dem Tod sind wir alle gleich, und nach dem Tod erst recht. Stirbt mein Körper, sterbe ich, denn ich bin nichts als mein Körper. Wunderbar! Was will mein Körper? Lustbefriedigung. Essen, trinken, Achterbahn fahren sind lustmäßig eher nachrangig, konzentrieren wir uns also auf das Wesentliche. Figur: zierlich, Typ: europäisch, Hautfarbe: weiß, Alter: lolitzehn bis neunzehn. Wie viele existieren davon. Millionen? Gehen wir von 10 Millionen aus, weltweit. Sagen wir mal, jede 100-ste ist schön. Bleiben noch 100000. So viele Tage hat noch kein Mensch gelebt; eine pro Tag ein Leben lang, würde hinkommen, wenn man über 250 Jahre alt werden könnte. Schauen wir kritischer nach, schließen jeden Makel aus. 10000 Wunderschöne weltweit? Jeden Tag eine, das sind über 25 Jahre, in denen weitere Schöne nachwachsen. Jeden Tag eine, und man muss mit jeder an einem Tag fertig werden, d.h. im Vampirjargon sie vollständig aussaugen. Steht er noch? Drückt er sich schon? Ich möchte nicht mit Viagra, ich möchte mit Gefühl. So wird aber die Zeit knapp. Selbst wenn es logistisch und finanziell möglich wäre, keine Wunderschöne im besten Alter zu verpassen, könnte man nichts mehr im Leben machen, als tagein tagaus diese Kirschen zu pflücken. Ehrlicherweise muss man ja zugeben, dass man sie ALLE will, alle die einem gefallen, alle, die man zur höchsten Kategorie seines Begehrens bestimmt hat. Muss man eine entbehren, will man sie alle entbehren. Ganz oder gar nicht, alles oder nichts, und realistischerweise muss zugegeben werden, was zugegeben werden muss. Selbst der bescheidene - selbstredend vollständig befriedigende, sonst wäre er nicht der Rede wert - Genuss unvollkommener irdischer Schönheiten stößt an harte zeitliche und physische Grenzen, selbst dieser Trostpreis dafür, dass es nichts nach dem Tode geben sollte, ist ein fauler Apfel.


17. Das Tier im Vorteil

Nimmt man den Nihilismus mit all seinen Konsequenzen an (wehrte man sich gegen die logischen Konsequenzen eines Sachverhalts, müsste man - selbst wenn man logisch zurechnungsfähig wäre, aber sich willentlich gegen die Einsicht sträubte - für schwachsinnig erklärt werden), so sieht man leicht ein, dass die tierische Natur im Menschen sogleich die besseren Argumente auf ihrer Seite hat, nur noch die Lust als ein Imperativ bestehen kann, und alles Moralische sich ohne den Bezug auf Transzendenz (mit welcher Gott, das höchste moralische Wesen, nur angedeutet, aber die Willensfreiheit und Persönlichkeitswürde des Menschen im Konkreten ausgedrückt sind) als bloße Eitelkeit erweist. Das Tierische im Menschen braucht seine Existenz nicht zu rechtfertigen, es war schon immer da, und bestimmt die Empfindungen eines jeden, so lange er auf der Welt ist. Die Anlage zur Menschheit und Persönlichkeit, Freiheit und Würde ist nichts als Spekulation, die nur im Reich der Ideen einen festen Standpunkt hat, und bedeutungslos wird, sobald das Reich der Ideen für nichtig erklärt wird. Es ist somit keineswegs der Ausdruck eines niederen Charakters, den Nihilismus als Einladung zu einem amoralischen und lustfixierten Leben zu sehen, sondern eine ehrliche logische Konsequenz des Nihilismus.


18. Missbauch (sic!) des Nihilismus: ästhetisches Scheitern

Wenn sich erst moralisch eine nihilistische Haltung eingestellt hat, lässt sich schwerlich etwas gegen moralisches Fehlverhalten einwenden, - freilich ist moralische Irrelevanz noch keine Rechtfertigung, die Sau rauszulassen, in dem Sinne, dass der Unmoralische in den Augen des neutralen Beobachters gar nicht mehr fallen könnte, vielmehr ist etwa die Nutte durchaus nicht nur eine moralisch schlechte, sondern um nichts minder eine ästhetisch hässliche Person.


19. Unfreiwillig Single

Es grassieren immer wieder Formulierungen (obengenannt heißt ein kürzlich erschienenes kurzes aber bündiges Buch), die Freudentränen ausbrechen lassen bezüglich der Naivität der großen schweigenden Mehrheit. Unfreiwillig Single, unfreiwillig allein, unfreiwillig auf die Welt gesetzt, unfreiwillig nackt geboren, - Default-Zustände, Ausgangssituationen sind immer unfreiwillig, und dennoch die einzigen, die keiner Rechtfertigung bedürfen. Allein sein ist Normalnihil, zusammen sein ist ein Extra. Um eine Default-Einstellung zu ändern, muss man etwas tun, um aber bei ihr zu bleiben, nichts. Jedes Verbrechen gegen das Individuum ist als eine gewaltsame Veränderung der Default-Einstellung durch ein anderes Individuum beschreibbar; jedes so-lassen der Default-Einstellung eines Anderen ist einzig normal, und nicht etwa ignorant und unsozial. Obgleich der Mensch als Gattung nur in Gemeinschaft mit anderen existiert, ist das Individuum als solches immer allein, und seine Ausgangssituation ist stets eine Robinsonade. Es ist normal, wenn du allein, hungrig, durstig und nackt bist; du kannst dich aus eigener Kraft tränken und füttern sowie kleiden, du kannst - falls dein und sein Wille übereinstimmen - eine persönliche Bindung zu einem anderen Individuum aufbauen, nur schuldet dir dies weder irgendeins der existierenden Individuen, noch die Welt, dass dieser Wunsch dir erfüllt werde.


20. Sex und Nichtsex

Bei aller aus dem Nihilismus folgenden moralischen Indifferenz gegenüber jeder Form von Sexualverhalten bleibt anzumerken, dass kein Sexualverhalten immer noch das Normalste überhaupt ist, das am wenigsten Rechtfertigungsbedürftige. Schwule und Heteros, Orgienliebhaber und Nekrophile, Zoophile und Exhibitionisten, - niemand ist schlechter oder besser als andere, und niemand hat sich vor einem anderen für seine Sexualpraktiken zu rechtfertigen. Will man jedoch eine Rechtfertigung seines Sexualverhaltens von einem Nichtsexuellen, so erweist man sich als der wahrhaft sexuell Perverse: das Lassen hat Vorrang vor dem Tun, da es ein Nichts des Tuns ist, und sich vom Tun überhaupt, und nicht bloß von einem bestimmten Tun unterscheidet.


21. Hamster

Die Sinnfrage stellt sich eigentlich im keinem Leben: wer hat schon die Muße? Fragt man, wozu das alberne Rennen im Hamsterrad, wird man des Diebstahls am Tage bezichtigt, oder nur wüst angeschnauzt. Alle sind so furchtbar beschäftigt, und wer nicht beschäftigt ist, dessen Existenz bedarf einer Rechtfertigung. Nein, eigentlich nicht. Das Hamsterrad bedarf einer Rechtfertigung, dieses Hetzen, diese Ruhestörung. Wer faul rumliegt, und dabei auf weder parasitäre noch kriminelle Weise sein Brot erwirbt, ist der Richter, nicht der Angeklagte. Also fragt er: weshalb hetzt ihr so? Und sie sagen: bald, nur noch ein Jahr im Hamsterrad, nur noch fünf, nur noch zehn Jahre, und dann leben wir richtig los, und du wirst schon sehen, dass wir durchaus sinnvoll leben können. Doch dieses Bald kommt nie, sie sterben, und hinterlassen Idioten, die mit noch größerem Enthusiasmus noch größere Hamsterräder besteigen. Die Sinnfrage ist elitär, sie stellt sich ihnen nicht. Die Sinnfrage muss erst verstanden werden, bevor sie gestellt werden kann. Wer hat Mut zur Muße?


22. Kampf gegen Rechts

Wir werden gar nicht mal davon sprechen, warum es überhaupt gut ist, dass Millionen von Menschen am Leben bleiben, und nicht von ideologisch versierten Genozideuren dem Tode zurückgegeben werden. Wir werden davon schweigen, wie egal es ist, ob die Menschheit morgen in einem nuklearen Inferno untergeht, oder sich in einem größeren zeitlichen Entferno zugrunde richtet.

Reden wir davon, wie sinnvoll Engagement ist, z.B. der so populäre Kampf gegen Rechts. Selbst wenn jeder an jeder Kreurzung nur noch links abbiegt, wird es die rechte Seite immer noch geben. Selbst wenn sich jeder den rechten Arm abhackt, wird seine rechte Hirnhälfte weiterhin über seine Gefühle bestimmen. Auf der Straße ein Rudel Glatzköpfe, oben scheint der Mond. Fällt ein Steinchen aus dem All auf den Subplaneten, wird das Kraterchen noch in Millionen von Jahren zu sehen sein. Schlägst du die Glatzköpfe heute nicht ein, sind sie spätestens in 100 Jahren für immer verschwunden. Hinterlassen sie unerfreuliche Hinterlassenschaften, so werden auch die sehr bald mit der ganzen Menschheit das Angesicht der Erde verlassen. Was du heute tust, interessiert in einem Jahrtausend keinen Saturnring; was dich heute auf die Palme bringt, dafür wird es - das Universum hat viel Zeit - irgendwann keine Palmen mehr geben.


23. Kampf gegen Links

Freiheit - wo? Ein Nanny-Staat, der nicht Chancen- , sondern Ergebnisgleichheit verordnet, ist ein Anschlag auf die Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums! Erst wird Gleichheit propagiert, dann werden durch Gleichmacherei alle Unterschiede eingeebnet, bis alle wirklich gleich sind. Wohin das führt, zeigte die Menschenvernichtung im Namen der kommunistischen Gleichmacherei. Nicht mit mir!

Nicht mir dir? Guck doch: es gibt Millionäre, Milliardäre, reiche Länder, arme Länder, Künster, Schauspieler, Spitzensportler, - es sind nicht alle gleich! Wenn du dir zu gleich vorkommst, dich von anderen unterscheiden willst, aber nicht kannst, dann ist nicht der gleichmacherische Sozialstaat schuld, sondern du selbst: aus Mangel an Talent, Fleiß und Durchsetzungswillen. Nicht alle können ungleich sein, nicht jeder kann sich signifikant von anderen unterscheiden. Doch welchen Sinn macht es, gegen Gleichmacherei welcher Art auch immer aufzubegehren, wenn der Tod am Ende doch alle gleich macht?


24. Atheistisches Moralgebot

Wenn die Sonne scheint, sollst du nicht morden, nicht stehlen usw., und du wirst es auch nicht machen, da ein glücklicher Mensch so etwas nicht tut. Wenn es stürmt, darfst du stehlen, morden usw., denn alle Argumente dagegen sind, wenn es hart auf hart kommt, nichts als Worte, und außerdem hast du eh keinen freien Willen, und wirst das tun, wozu die Situation dich zwingt.


25. Unentschieden gibt es nicht

Es gibt viele Menschen, die sich über die Weltanschauungen anderer Menschen lustig machen, selbst aber kneifen, wenn man sie nach ihrer Weltanschauung fragt. Im heiteren Gespräch, der sinnenthobenen Sophisterei, mag dieses Versteckspiel gelingen, aber sobald es um den konkreten Lebensvollzug geht, erweist es sich als Lüge.

Niemand kann sich davor verstecken, dass er auf dieser Welt existiert. Nun existiert man nicht bloß als ein Ding, sondern ist eine Person. Rein amoralisch gesehen, macht sich jeder ein bestimmtes Weltbild, damit er vorhersehen kann, was die Folgen seiner Taten sein würden: kein Skeptiker springt vor einen fahrenden Zug, weil er nicht an die Realität von Materie glaubt. Moralisch gesehen, handelt jeder nach bestimmten Prinzipien, und seien es nur die Prinzipien des eigenen Vorteils oder der situationsbedingten Gefühlsentscheidung. Auf die Frage, weshalb man eine bestimmte moralisch oder rechtlich relevante Tat begangen hat, muss jeder logisch sinnvoll antworten können (andernfalls ist er unzurechnungsfähig). Dies setzt Gründe voraus, die in einer Weltanschauung verankert sind, in einem Bild vom Weltganzen, - so hat jeder Mensch zwangsläufig immer eine bestimmte Weltanschauung, die implizit Behauptungen über Seins- und Sollensaussagen enthält, die der betreffende Mensch für wahr hält.


26. Die nekrophile Arbeit

Leben ist verdächtig: Leben stiehlt eigene und fremde Arbeitszeit. Leben ist grundsätzlich unproduktiv, es besteht in freier Wildbahn zu großen Teilen aus Muße. Leben vernichtet Arbeit, indem es für seine Erhaltung die Früchte der Arbeit konsumiert. - Das sind die Glaubenssätze des Arbeitswahns, der insbesondere in der protestantischen Ethik ins Perverse gehend überdimensional aufgezogen wurde. Zeit ist Geld! Wer seine Zeit vergeudet, versündigt sich am Kapital! Kapital ist allerdings tote Arbeit, - und es ist keineswegs Lohn oder Frucht der Arbeit, denn Geld kann man weder essen noch kann man darin wohnen oder darauf fahren. Zum Ausgeben ist Geld allerdings auch nicht da, es sei denn man gibt nur so viel aus, wie zur Erhaltung der eigenen Arbeitskraft und als Kapitalinvestition in weitere Arbeit nötig ist. Der Arbeitswahn ist also in seinem Wesen nekrophil. Wer lebt, um zu arbeiten, ist einer nekrophilen Perversion verfallen.


27. Des Zufalls Hirte

In Hegels Naturphilosophie ist eine Evolution der Lebewesen durchaus möglich, aber nicht notwendig. Die Naturphilosophie nach Darwin geht hingegen von einer durch Zufall geleiteten aber notwendig fortschreitenden Evolution aus. Als Begründung für die immer komplexer werdenden Organismen werden die Nullen hinter der Zahl, die das Erdalter ausdrückt, angeführt: ist die Zeit lang, kann das Undenkbarste passieren. Oder, Polemik beiseite, - warum vertilgt der Zufall nicht die komplexeren Lebensformen kurz nach deren zufälliger Entstehung, wo ihre Ontogenese doch viel störungsanfälliger ist, als die der primitiveren Erdenbürger? Ohne dies zu explizieren, setzt also die moderne Naturphilosophie (die diesen Namen natürlich ablehnt, da sie keine Metaphysik, sondern seriöse Wissenschaft sein will) dem Zufall einen unsichtbaren Hirten vor, der den Zufall mit seinen Würfeln am Nasenring in die Regionen hinaufführt, in denen sich am wahrscheinlichsten drei Sechsen werfen lassen.

Dem Zeitgenossen ist der Hirte unter dem Namen "Evolution" bekannt: die Evolution als tätiges Subjekt der Evolution. Wer Metaphysik verwirft, findet seine Metaphysik in der Zauberei. Der Metaphysiker Hegel weiß hingegen, dass Evolution durchaus nicht widernatürlich ist, was sie aber nicht notwendig macht. Dass die Natur nämlich unter logischen Gesetzmäßigkeiten steht - die in der Naturwissenschaft als Naturgesetze erkannt werden können - , ist noch kein Grund, die ganze Natur unter ein einziges (besonders schönes, elegantes oder einfaches) Gesetz zu zwingen.


28. Investition in die Vergangenheit

Der Suizid eines jungen Erwachsenen ist erschütternd, weil er ein scheinbar sinnloses Wegwerfen des eigenen Lebens - auch als nihilistische Möglichkeit für einen selbst - darstellt. Nicht selten bringen sich Menschen um die 20 selbst um, weil ein Sprung in den Tod nur der bessere Selbstmord ist, als das noch verbleibende Leben: es gibt nämlich Menschen, die, bewusst oder unbewusst, für ihre Eltern leben, oder gar von ihren Eltern gelebt werden. Sie wählen einen bestimmten Lebensweg, um ihre Eltern glücklich zu machen; sie entscheiden sich für einen bestimmten Beruf, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen.

Ein von den Eltern bestimmtes - und für die Eltern gelebtes - Leben ist eine Investition in die Vergangenheit, ein Selbstmord ohne Leiche. Man ist im Minus und rennt der Null hinterher: bloß die Eltern nicht enttäuschen! Man lebt, um sein Dasein im Nachhinein zu rechtfertigen. Darum ist es die bessere Lösung, sich gleich umzubringen, anstatt eine Existenz, die nur um ihre Selbstrechtfertigung bemüht ist, rechtfertigen zu müssen. Die ungewöhliche Formulierung am Ende des letzten Satzes soll zeigen, dass eine Existenzrechtfertigung nichts ist, was man in einem bestimmten Alter abschließt, um Frieden mit seinen Eltern schließen und selbstbestimmt leben zu können. Eine erfolgreiche Rechtfertigung des eigenen Daseins erfordert vielmehr eine weitere Rechtfertigung, nämlich eine Rechtfertigung der Rechtfertigung, - und darum scheitert die Selbstrechtfertigung, sobald sie Erfolg hat.

Eine Lösung für die lebenden Selbstmörder besteht darin, zu erkennen, dass sie ihren Eltern nichts schulden, und ihnen erst recht nicht ihr Dasein verdanken. Doch um dies erkennen zu können, muss man zunächst den Mut aufbringen, konsequent darüber nachzudenken, warum einen trotz aller Bemühungen und Erfolge nichts im Leben glücklich macht: die Illuminaten, die Juden, die Außerirdischen sind nicht schuld, es liegt vielmehr an einer psychischen Abhängigkeit von den Eltern, einer nekrophilen Form der Beziehung, in der die Eltern nicht als Menschen, sondern als Götzen erlebt werden, und deren Macht über einen selbst nicht als ein im Dialog relativierbares Verhältnis zwischen Lebenden, sondern als eine starre, zauberhaft-fluchartige Macht eines toten zur Gottheit verklärten Gegenstands.   


29. Die Destruenten

Es gibt diese naiven Optimisten mit ihrem unerschütterlichen Urvertrauen. Sie sind die unbewussten Produzenten. Die bewussten Produzenten sind alle Menschen, die unabhängig von der Intuition (der Nichtigkeit aller Produkte und der Ungerechtigkeit im Konsum) oder ihr entgegen die psychische Substanz der Welt aufbauen, sich aufopfern.

Es gibt Menschen, die psychisch auf Kosten anderer leben: unbewusst (weil erwünscht - das sind in der Regel Kinder), oder bewusst (andere unterdrückend: Tyrannen, Machtmenschen usw). Das sind die Konsumenten der psychischen Substanz.

Die Problembären sind nun die Destruenten, weil sie Lebendes als Totes konsumieren. Um etwas genießen zu können, müssen sie es zuerst töten. So genießen sie z. B. beim Geschlechtsakt ausschließlich den Körper, und nicht die ganze Person des Konsumierten. So wandeln die Destruenten pausenlos Lebendes in Totes um, um es als Totes - meist später, irgendwann, - zu konsumieren. Sie haben ein gestörtes Verhältnis zum Leben und zum Lebendigen.

Wenn nun ein Konsument einen Produzenten sagen wir mal auf die BDSM-Art konsumiert, nimmt er ihn als ganze Person, weshalb der Schmerz und der Kontrollverlust des Produzenten durch ein Hochgefühl des Begehrtseins und der Selbstauflösung in einen realen Willen ausgeglichen wird. Konsumiert hier ein Destruent, so handelt es sich um bloßen Sadismus gegen eine Sache; der Destruent verhält sich zum Produzenten wie zu einem Toten, und daher seinerseits wie ein Totes.

Da es ohne Feigheit keine Angst vor dem Leben gäbe, und das hier aufgeworfene Problem gar nicht existieren könnte, muss also auch von der überdimensionalen Feigheit ausgegangen werden, wenn Prognosen über Handlungsweisen der drei genannten Typen abzugeben sind. Der Produzent produziert für alle, seinem Produkt droht zwar die unautorisierte Konsumtion, aber der Produzent selbst wird von seiner Mitwelt im Produzieren bestärkt, da er für sie produziert. Beim Konsumenten sieht es anders aus - da gehört auch ein gewisser Status dazu, um autorisiert konsumieren zu können. Nur wenige potentielle Konsumenten konsumieren also genug zu ihrer Zufriedenheit. Der Destruent kann nur unautorisiert konsumieren, da seine Konsumtionsweise nekrophil ist, also im Verhältnis zum Lebendigen mörderisch. Ein Bruchteil der Destruenten zerstört etwas anderes, als sich selbst. Die große Seuche heißt also Selbstdestruententum, oder, alltagssprachlicher, Selbstzerstörung.

Der Nihilismus kann die Angst vor der eigenen kriminellen Courage nicht nehmen, denn er garantiert für nichts. Im Nihilismus findet sich keinerlei Ermutigung für den Destruenten. Die Erkenntnis der Nichtigkeit aller möglichen psychischen Produkte kann hingegen für mögliche Konsumenten hilfreich sein, die mit zu viel Ehrfurcht an die Sache heran gehen, und sich nicht trauen, sich zu nehmen, was wenn nicht ihnen, dann eben einem Anderen gegeben wird.


30. Für die Homo-Ehe

Gleichberechtigung für Homo-Ehen beim Ehegattensplitting und Adoptionsrecht! - alles andere ist lächerlich. Die Homo-Ehe sollte in sämtlichen sozialen Disziplinen als gleichberechtigt anerkannt werden. Ist das nun eine nihilistische Konsequenz des Gedankens, dass wenn eh schon alles egal ist, dann warum nicht die Homo-Ehe als gleichberechtigt anerkennen? Nein. Das versteckt Nihilistische ist hier vielmehr die bevorzugte Hetero-Ehe, und der aufrichtige Nihilismus besteht darin, diesen irrwitzigen Mythos zu dekonstruieren.

Aus Zeitgründen kann keine zehnseitige Abhandlung erfolgen, aber begnügen wir uns doch mit dem, was schon übergenug ist. Ein Kind, das zwei Mütter hat, die miteinander verheiratet sind, wird wahrscheinlich in der Schule mal schief angeguckt. Aber ein Kind, das anstatt einer zweiten lesbischen Mutter einen Alkoholiker zum Vater oder anstatt eines zweiten schwulen Vaters eine trinkende heterosexuelle Mutter hat, schämt sich in Grund und Boden, zerbricht an Schuldgefühlen, ganz egal, ob es schief angeguckt wird, oder nicht. Missbrauchende, misshandelnde Eltern sind die Pest für das Kind, nicht homosexuelle Eltern. Psychoterroristen, sich scheidende Egozentriker, Prostitutionsehen: bei denen will kein Kind aufwachsen. Bei einem schwulen Paar schon.

Was für kulturelle und zivilisatorische Werte kann denn ein Kind in einer heterosexuellen Familie lernen? Die Hetero-Eltern sind die besten Lehrer dafür, die Fassade zu erhalten, die heile Welt vorzuspielen. Das Kind lernt in einer "normalen" Familie exklusiv nur dies: verlogen zu sein und sich zu verbiegen. Alles andere kann eine auf respektvollem Miteinander basierende Homo-Ehe dem Kind genausogut beibringen.


31. Unerfüllbare Wünsche

Wäre nicht eine große Menge unnötigen Leids erspart, wenn wir erfüllbare Wünsche hätten? Sicherlich, denn das Bewusstsein dessen, dass die eigenen Wünsche (zumindest in diesem Leben) unerfüllbar sind, ist, milde gesagt, eine Qual. Doch wären erfüllbare Wünsche noch Wünsche, besser: würden wir uns etwas wünschen (können), wenn wir zuerst die Erfüllbarkeit überprüfen müssten? Beschnittenes Hoffen, Wünschen mit gesenktem Blick, - ein Widerspruch in sich.

Es gibt Wünsche, die unerfüllbar sind, aber auch nicht aufgegeben werden können. Warum halten wir an unerfüllbaren Wünschen fest? Weil ohne sie unser Leben unerträglich wäre. Das gewöhnliche Maß an erlebtem Leid ist bereits so vernichtend hoch, dass es sich nur unter dem Vorbehalt ertragen lässt, es wäre die Voraussetzung für ein unvorstellbar großes Glück. Sobald wir die unrealistischen Wünsche und Hoffnungen aufgeben, werden wir uns unverzüglich fragen: wozu noch weiter leben? Dass eine große Mehrheit den Großteil ihres Lebens unbewusst, auf Autopilot verbringt, tut nichts zur Sache, denn ein Leben unter Betäubungsmitteln flieht die Realität, welche es leidlich zu ertragen vorgibt.   


32. Das unendliche Leben

Ob man Hegel falsch versteht, wenn man die Menschheit als Gattung für das wahre Leben des Begriffs des Menschen, für das unendliche Leben hält, oder vielmehr - leider - diese perfide Ansicht mit ihm teilt, ist sekundär. Einstein wollte nichts von der Unschärfe wissen, das schmälert seinen Beitrag zur Physik nicht im Geringsten.

Im objektiven Idealismus wird der auf sich selbst bestehende Einzelne als der Böse ausgemacht, was insofern zutrifft, als dass ein Einzelnes, das sich absolut setzt, in der Tat den Begriff des Bösen erfüllt. Doch auch die Gattung, die menschenfressende Gebärmutter, erfüllt den Begriff des Bösen mit allerlei Monströsitäten, wenn sie sich absolut setzt, und den Einzelnen absolut negiert. Wenn zwei Individuen subjektiv-moralisch im Recht sind, und sich aus dieser nicht relativierbaren inneren Notwendigkeit aufeinander stürzen, und gegenseitig negieren, bis zur physischen Vernichtung, während die Unmoralischen und Amoralischen sich feige vor der moralischen Pflicht verkriechen, und erfolgreich fortpflanzen, dann ist dies keine List der Vernunft, sondern eine List des vernunftlosen Lebens. Das Gute wird ad absurdum geführt, damit das Leben fortbestehen kann. Die Weitergabe des Lebens, des Leidens am Widerspruch, der allem endlichen Leben anhaftet, ist - in Hegels Ausdrucksweise - die schlechte Unendlichkeit, ein vernunftloses Immerweiter.

Die Gattung hat nur dann einen moralischen Wert, wenn der Einzelne in ihr zu seinem absoluten Recht kommt, und nicht in die Welt geworfen, um das Gute betrogen, in seinem Leiden gemolken und wieder verschlungen wird. Eine Menschheit als Gattung, die Moralität und Sittlichkeit der bloßen Existenz unterordnet, kann kein Gegenstand moralischen und sittlichen Handelns sein, d. h. im Angesicht einer Menschheit, die selbst das Böse wäre, hätte ein Selbstmordkandidat auf die Frage, ob er denn wollen könnte, dass jeder es ihm gleich täte, und es die Menschheit bald nicht mehr gäbe, nur antworten können: "Das hoffe ich doch!"


33. Schuften

Wer schuftet, ist ein Schuft. Ein Scherz, gewiss, wo das harte Schuften doch so vielen als Existenzrechtfertigung gilt? Nein, denn man frage jeden Beliebigen: was tust du? Ist es etwas Gutes, etwas Sinnvolles? Er wird sagen: ich weiß nicht, aber ich schufte so hart, dass ich mir nichts vorwerfen lassen muss.

Es ist bequemer, ein Kind nicht zu entführen, zu ermorden, und die Leiche unauffällig zu entsorgen, als dies zu tun. Es ist leichter, keine Kinder zu zeugen, als eine Familie zu gründen, und mit Müh und Not und Kindesmisshandlung über die Runden zu kommen. Doch zu viele Menschen neigen dazu, sich maßlos zu übernehmen. Man schätzt seine Geduld und seine Kräfte zu optimistisch ein, wenn man denn überhaupt denkt, bevor man handelt.

Wer hart arbeiten muss, sollte sich dafür schämen, als damit zu prahlen, und auf Anerkennung zu pochen. Das harte Schuften ist meist ein Indiz dafür, dass ein Mensch sich übernommen hat, seine Kräfte falsch eingeschätzt hat, was nicht nur sein Leben ruiniert, sondern auch für viele Mitmenschen unerfreuliche Konsequenzen hat, insbesondere für gedankenlos gezeugte Kinder: "Das wird schon!" Nein, wird es nicht.

Wer jeden Tag entspannt lächeln kann und zwanglos gute Laune verbreitet, der kann auf sich stolz sein. Wer keine Lebensaufgabe braucht, an der er scheitert, wobei so jemand sein Drama natürlich fast nie ohne existentiell beteiligte Zuschauer (in der Regel Kinder) der Welt vorzuspielen mag, - wer es nicht nötig hat, aus Selbstsucht seine eigene Hölle mit unschuldigen Insassen zu errichten, der verdient Respekt. 


34. Selbstmord ist eine Lösung

Wenn man überlegt, ob der Selbstmord in einer bestimmten Situation eine ernstzunehmende - und nicht bloß sarkastisch empfohlene - Lösung sein könnte, landet man immer in Banalitäten wie etwa einer sehr schmerzvollen Krebserkrankung mit einer kurzen verbleibenden Lebenszeit oder einer so schweren Behinderung, dass dadurch die Lebensfähigkeit und die Würde der betreffenden Person extrem beeinträchtigt wären.

Gibt es denn keine Situation für einen gesunden Menschen jungen oder mittleren Alters, in welcher ein Suizid ohne Sarkasmus, sondern gutmeinend zu empfehlen wäre? Gehen wir, um es noch schwerer zu machen, von einem Menschen, der nicht durch Missbrauch oder andere Traumata in seiner Kindheit geschädigt wurde, und der keine unerträgliche Schuld auf sich geladen hat, aus. Da fällt keine Situation mehr ein, bei aller Fantasie.

Ach, wirklich? Hand aufs Herz: der Sinn, oder zumindest das Wichtigste im Leben sind für die meisten Menschen ihre intimen Beziehungen. Stellen wir uns einen solchen Menschen vor, der nicht Ich genug ist, sein ganzes Leben einsam verbringen zu können, und der dennoch niemals eine intime Beziehung als Lebensmittelpunkt aufbauen könnte, wobei es nicht an zufälligen Faktoren wie Armut oder mangelnder Attraktivität läge, sondern prinzipiell unmöglich wäre. Ein moralisch integerer Pädophiler wäre ein solcher Mensch. Er wüsste nämlich, dass es prinzipiell keine mit Kindeswohl vereinbare Möglichkeit gäbe, seine Sexualität auszuleben. Wenn aber Sexualität und Beziehung sein Lebensmittelpunkt wären, und alle übrigen Anstrengungen entweder darauf hinausliefen, oder sinnlos wären, dann gäbe es zwei Möglichkeiten: tragischer Heroismus oder Suizid. Nicht jeder ist stark genug, ein Held oder Märtyrer sein zu können. Die meisten Menschen zerbrechen und verzweifeln in hoffnungslosen Situationen. Pädophile werden dann zu Tätern. "Werde kein Täter!" könnte dann ein zynisch klingender, aber humorlos gemeinter Slogan lauten, "Bring dich um!" 


35. Gattung und Perversion

Als Perversionen gelten gewöhnlich alle Varianten der Sexualität, die nicht im Dienste der Gattung stehen. Dass Homosexualität heute in einigen Gesellschaften nicht mehr als Perversion gilt, ist eine große zivilisatorische Errungenschaft. Dass alle Moralität aus der Sexualität verbannt wurde, und Sexualität nur noch nach abstraktem Recht in legitime und illegitime unterteilt wird (als legitim gilt alles, was zwei oder mehrere mündige Personen aus freien Stücken miteinander vereinbaren), ist der eigentliche Sittenverfall der Moderne.

Die Gattung ist amoralisch, die privilegierte Sonderstellung der Heterosexualität entspringt keiner göttlichen, sondern bloß einer natürlichen Ordnung. Das Natürliche ist nicht heilig: es ist profan, amoralisch, nihilistisch. Wenn wir es bei natürlichen Bewertungskriterien belassen, und keine Moralität im Sinne Kants in die Sexualmoral einführen, können sogenannte Perversionen nicht als schlecht oder böse gelten, sondern allenfalls als luxuriös. Dem natürlichen Bewusstsein gilt jeder Genuss, der nicht dem Leben und der Gesundheit des Organismus gilt, als schädlicher Luxus: ob leckere Speisen, Süßes, Alkohol oder Drogen. Genauso kann der sexuelle Genuss über bloßen gattungsdienlichen Paarungstrieb hinaus vom natürlichen (amoralischen) Standpunkt aus nicht als unmoralisch verurteilt, sondern nur als Luxus beneidet werden. Der natürliche, amoralische Mensch (und dazu gehört die breit grinsende Mehrheit) hat also nicht das geringste Recht, über Vergewaltiger oder Pädosexuelle moralisch zu richten, denn dieser potentielle Lynchmob ist bloß neidisch auf den sexuellen Luxus, den sich einige Mitbürger aus welchen Gründen auch immer leisten können.


36. Das Monster

Ein nihilistischer Umgang mit Kindern, sprich eine Erziehung, die das Kind dazu bringt, unter allen Umständen zu funktionieren, erschafft Monster. Nein, Kinder sind keine Monster, und werden es auch nicht dadurch, dass man ihnen Schaden zufügt. Ich spreche vom Du-darfst-nicht-so-fühlen-Monster, diesem grausamen Biest, das viele Kinderseelen auf dem Gewissen hat. So darf das Kind niemals Gefühle wie Enttäuschung, Wut, Trauer empfinden, sondern muss immer fröhlich und gehorsam sein. Von vielen Kindern ergreift das Monster Besitz, und sie leben auch als Erwachsene all ihre Beziehungen in der Gefangenschaft des Monsters, wobei sie diese Gefangenschaft womöglich als Schutz empfinden: wenn der Andere nicht funktionieren will, wird das Du-darfst-nicht-so-fühlen-Monster herausgeholt, und der Lebenspartner, der gute Freund, das eigene Kind so lange emotional erpresst, bis er lernt, seine wahren Gefühle zu unterdrücken, und die von ihm erwarteten Gefühle vorzuspielen - auch sich selbst. In der Regel zerbrechen dadurch alle Beziehungen - was gut ist, weil das Monster sich dann nicht Sieger nennen darf - , aber eine leider nicht: die Beziehung zum wehrlosesten und schutzbedürftigsten Menschen, zum eigenen Kind.

Die erste Regel in menschlichen Beziehungen muss daher lauten: du darfst so fühlen, wie du fühlst!  Es ist das Recht auf nicht nur emotionale Integrität, das in diesem Zusammenhang die obige Formulierung erhält, - es ist auch das Selbstzweckprinzip, dass der Mitmensch niemals bloß ein Mittel zum Zweck sein darf, sondern auch als ein Selbstzweck gesehen werden muss. Nun gibt es - polemisch vereinfacht - zwei Sorten von Menschen, nämlich jene, die selbstsüchtig lieben, und jene, die selbstlos lieben. "Lieben" wohlgemerkt im umgangssprachlichen, nicht im streng wissenschaftlichen Sinne gemeint. Die Selbstsüchtigen versuchen, Menschen, die ihnen wichtig sind, an sich zu fesseln; die Selbstlosen lassen Menschen, die ihnen etwas bedeuten, lieber frei. Beide haben subjektiv-emotional Recht, wenn sie behaupten, aus Liebe zu handeln: die Selbstsüchtigen lieben so sehr, dass sie nicht loslassen können; die Selbstlosen wollen einem geliebten Menschen unter keinen Umständen Leid antun. Was ist daraus zu lernen? Gar nichts, versteht sich, denn an allem sind doch die Erfahrungen in der Kindheit schuld! Ein solcher Fatalismus ist für einen der genannten Typen witzigerweise sehr hilfreich. Aber für die Vollnihilisten sei gesagt: selbst jemand, der nur an sein eigenes Wohl denkt, der keine Skrupel kennt, der es lächerlich findet, nach moralischen Prinzipien zu handen, wird nicht bestreiten können, dass eine Beziehung - egal welcher Art - , die man für den Anderen zum Gefängnis macht, um ihn bloß nicht zu verlieren, rein hedonistisch gesehen, eine Katastrophe für beide Seiten ist.


37. Die Fallhöhe

Was auf einer Lüge aufbaut, dessen Erhebung über dem Boden ist zugleich seine Fallhöhe. Die hohe Würde eines Geistlichen, der Kinder missbraucht, oder der Leistungsethos eines Milliardärs, der sein Vermögen auf kriminelle Weise angehäuft hat, - Anspruch und Wirklichkeit öffnen eine Schere, die der sichere Fall schließen wird.

Welche Fallhöhe hat aber eine Jungfrau, die sich für kein Geld der Welt schänden lassen will? Ein schönes, edles, reines Mädchen, das bis zum Tode unberührt bleibt, lebt ein Leben im Hochplateu. Der Gekreuzigte, der dem Teufel konsequent widersagt, kann niemals als Heuchler enttarnt werden, weil er keiner ist.

Der nihilistische Blick wähnt sich als ein Blick von oben, da er nirgendwo eine Höhe höher als Null anerkennt, was jedoch daran liegt, dass der Nihilist im Flachland lebt, und überhaupt keine Höhendimension kennt.


38. Affen und Romantik

Was müssen die ordinären Affen gelacht haben, als der erste Affe vom Baum stieg, um aufrecht zu gehen? Ein verrückter Affe, lachten die Affen, der sich vom Affentheater ab- , und dem Horizont zuwendet, und sich dabei ordentlich zum Affen macht. Dieser Affe hat doch einen Vogel - er läuft sogar wie ein Vogel: auf zwei Beinen durch die Savanne. Und was lacht der Kammerdiener über den Romantiker, der das tierische Treiben zurückweist, und sich (einseitig, subjektiv) dem Unendlichen zuwendet?

Seit Menschengedenken weiß doch jeder, was er im Leben zu tun hat: Geburt, Lehre, Arbeit, Sex, Tod. Und da verliebt sich einer, macht sich das Leben unnötig kompliziert, - und was bringt ihm die Liebe, etwa Geld, Ruhm, Vergnügen? - nein, nichts davon. Und doch steht der seltsame Affe aufrecht, und wartet auf den göttlichen Funken, der ihn zum Menschen machen wird. Und doch hofft der Liebende, dass sein einseitiges Streben zur Unendlichkeit durch die Unendlichkeit erwidert wird, und er Glück und Erfüllung findet.

Alles nur albernes Getue? In der Tat - sobald der Kammerdiener beginnt, den Romantiker nachzuäffen, und Geilheit mit Liebe verwechselt; sobald geistlose Gören durch Fernsehserien lernen, wie das Spiel namens "romantische Liebe" funktioniert; sobald Verstechnokraten anfangen, romantische Gedichte zu schreiben.


39. Nur so

Wenn ein Mensch mit defizitärem Geschmackssinn behauptet, Essen sei wie Ausscheiden ein peinlicher tierischer Vorgang, der nicht mit Genuß und in der Öffentlichkeit, sondern diskret und verborgen vollzogen werden sollte, dann hat seine Ansicht keine objektive Relevanz. Wenn ein Mensch, der seine Sexualität stets gefürchtet und verdrängt hat, anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen, für sexuelle Enthaltsamkeit plädiert, dann will er bloß aus seiner eigenen Beschränktheit eine allgemeine Beschränkung machen.

Wenn ein Feinschmecker, der mit größter Leidenschaft Speisen und Getränke verkostet, und jeden Tag danach giert, etwas neues zu probieren, im allgemeinen keine hohe Meinung von Essen und Trinken hat, dann sind seine Ansichten interessant. Wenn einer, der erotische Gedanken zulässt und durchdenkt, den Trieb in seiner ganzen Bandbreite kennt, und das große Lustversprechen nicht verdrängen, sondern nach hartem Ringen mit sich selbst bewusst abweisen muss, dann ist er befähigt, den Sinn der Enthaltsamkeit anderen beizubringen. Selbstredend kann hier kein Beispiel eines sexuell Aktiven als Berechtigungsgrundlage gegeben werden, so wie man nicht erst zum Mörder werden muss, um sich mit Mordlust bewusst auseinandersetzen zu können.

Der letzte Satz leitet zur Spitze aller Lebensweisheit, der Vernunft selbst, geradezu über: das Beste ist in jedem Fall die vernünftige Erkenntnis, das Begreifen des Wesens einer Sache, denn durch Erfahrung und Induktion kommt man nur zu Wahrscheinlichkeitssätzen, aber zu keinen wahren Erkenntnissen. Da der Nihilist nur den Verstand anerkennt (wenigstens das muss er, um nicht, um Aristoteles zu bemühen, einer Pflanze zu gleichen), bleibt ihm die Vernufterkenntnis verwehrt, und der Nihilist muss ins Reich der bloßen Meinungen zurückfallen, unter denen er lebensklugerweise die erfahrungsaufgeklärten den bornierten Meinungen vorziehen muss.


40. Kinder in der Homo-Ehe

Kinder können für die Emanzipation sexueller Randgruppen nichts. Kinder haben das Recht auf einen Vater und eine Mutter, auf eine Tracht Prügel vom Vater, auf einen Liebhaber der Mutter, und als Krönung des Familienlebens auf eine nervenaufreibende Scheidung der Eltern. Auf natürlichem Wege einem Kind aufgebürdete Geschwister sind ein Segen, Patchworkfamiliengeschwister ein Fluch. Im Ernst: wer Kindern nicht zutraut, bei zwei Vätern oder bei zwei Müttern genausogut aufzuwachsen, wie in einer klassischen Familie, hält nicht viel von Kindern, hält sie vielmehr für dumme bornierte Wesen, die weder lern- noch entwicklungsfähig sind.

Aber die Erfahrung lehrt doch...! Ich weiß nicht: meine Erfahrung lehrt, dass ich furchtbar gern bei zwei oder mehreren streng lesbischen Müttern aufgewachsen wäre, oder aber bei einem einsamen Greis. Schon in der Grundschule fand ich das alberne Mann-Frau-Getue in allen mir bekannten klassischen Familien peinlich, und fand darüber hinaus anmaßend, dass sich ein erwachsener Mann mir ohne meine Erlaubnis als mein Vater aufdrängen konnte, den ich für alles, was mir meinem gesunden kindlichen Empfinden nach natürlicherweise zustand, nach Erlaubnis fragen musste. Es gibt Kinder, die so intelligent und vernünftig sind, dass die Erziehung nicht liberal genug sein kann, und strenge Erziehung nur den guten Willen bricht, Hass erzeugt, und Eltern im Alter durchaus einsam machen kann. Es gibt unterschiedliche Kinder, und es gibt verschiedene Arten von Familien: anything goes.

Eine seltsame Gesellschaft, die keine Angst hat, atomar aufzurüsten, aber eine Todesangst vor der Homo-Ehe hat. Ein Spruch, der 30 Jahre zu spät kommt, denn heute sind wir weiter, und wissen, dass das Festhalten an naturgegebenen Gewohnheiten nichts mit religiösen Werten zu tun haben kann, es sei denn, man betet in einer Naturreligion das Tierreich an.


41. Arg ärgerlich

Jeder wünscht sich irgendwann, ein Machtwort sprechen zu können. Manche heben ihre Stimme, um das letzte Wort zu haben. Manche schließen ein Gespräch mit "das ist mir zu dumm" und ähnlichen idiotischen Phrasen ab. Manche begreifen, dass im freien Meinungsaustausch keine Meinung den Anspruch auf ein für alle verbindliches Machtwort erheben darf.

Jeder wünscht sich irgendwann, ein Machtwort sprechen zu können. Das ist erfreulicherweise sehr wohl möglich. Ich meine nicht hasserfüllte Drohungen oder dass man den anderen bei der Stasi, der Gestapo und den Zenobiten verpfiffen hat. Der Denunziant ist das Allerletzte. Doch was tun, wenn man von Anfang an einen relativistischen Diskurs wollte, und keine Aussage mit Wahrheitsanspruch akzeptieren konnte? 

Entweder man akzeptiert, dass alle Meinungen gleich gültig sind, und versucht, sich in Zukunft gleichgültig gegenüber Meinungen anderer zu verhalten, oder man geht mit Vernunft an die Sache heran, und schaut, ob nicht die Sache selbst zu qualifizierten Aussagen mit Wahrheitsanspruch berechtigt. Wenn es jedoch ein Wahr und Falsch gibt, und nicht bloß gleichberechtigte Meinungen, kann man auch mal in der Sache Unrecht haben. Die Eitelkeit erlaubt das nicht. Also ärgert man sich weiter und träumt seinen politisch korrekten Gutmenschentraum: Meinungsfreiheit für mich, Nordkorea für alle anderen.


42. Gute Menschen

Manch einer hat ein gutes Herz, nicht im medizinischen Sinne, sondern so, dass sein Herz vor Mitgefühl verblutet, - er fühlt alles mit, leidet mit jedem lebenden Wesen, wünscht jedem von Herzen das Allerbeste. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange dieser Mitleidweltmeister keine Achtung oder Bewunderung dafür fordert, solange er nicht behauptet, er würde sich für die anderen aufopfern, denn er fühlt zwar mit, aber gibt exakt nichts: keine tröstenden Worte, keine guten Taten. Solange es bei untätigem Mitgefühl bleibt, hat dieses eine rein ästhetische Bedeutung, - ach, wie zartfühlend einer doch ist! - aber keine moralische.

Mitgefühl für das Gute zu halten, ist auch deshalb gefährlich, weil das moralisch Gute dadurch abgewertet wird, und der Begriff des Guten der Beliebigkeit anheimfällt. Selbstverständlich ist es wünschenswert, dass man mitfühlend ist, und das ist von und bis zu einem bestimmten Grade jeder, der kein Soziopath ist. Doch letztlich zählt, dass man für den auf der Straße von Gewaltverbrechern Angegriffenen tätlich Partei ergreift, und nicht, wie sehr man mit dem Zusammengeschlagenen mitfühlt. Letztlich ist aufrichtiges Interesse für das Leiden eines Freundes bei nur mäßiger Fähigkeit, sich in seine Situation hineinzuversetzen, wertvoller, als großes Mitgefühl bei tätlicher Ignoranz.

Ein guter Mensch ist kein Mensch, der am zartesten fühlt, sondern jener Mensch, der das Gute tut. Wenn das, was Kant mit seinem kategorischen Imperativ aufzeigt, nicht das Gute ist, dann hat der moralische Begriff "gut" keine Bedeutung.


43. Himmel und Hölle ästhetisch

Alles kann in seiner Unangemessenheit zu seinem Begriff aufgezeigt, und somit als nichtig erkannt werden: Wahrheit kann durch erkenntnistheoretischen Skeptizismus bestritten werden, das Gute dadurch, dass das Dasein Gottes niemals theoretisch erkannt, sondern nur praktisch postuliert werden kann (Gott als das notwendige allmächtige und vollkommene Wesen, das garantiert, dass diejenigen, die der Glückseligkeit würdig sind, ihrer auch teilhaftig werden), - und selbst die Liebe muss jeden Anspruch auf Vollkommenheit aufgeben, weil sie nur einseitig sein kann (banales hormongesteuertes Pärchen-Getue ist hier nicht angesprochen, sondern die Liebe in ihrer höchsten, reinsten Form, - selbst diese ist nicht das Sinnbild des Paradieses, und tierische Triebe und Gelüste, selbstredend, schon gar nicht).

Gibt es denn nichts Vollkommenes, gibt es nichts, das selbst durch den konsequentesten Nihilismus unhintergehbar wäre? Doch, so etwas gibt es. Das Schöne ist als Ideal unabweisbar, und als Idee erkennbar. Der Ekel ist so penetrant, dass er kaum ein pathologisches Gefühl sein kann, und vielmehr ein alles Sein durchdringender Vorbote der Hölle sein muss. Dass es Schönes, und dass es Ekelhaftes gibt, ist bei größten geschmacklichen Verschiedenheiten der Betrachter nicht zu leugnen. So kann auch nur das Schöne als das vollkommene Symbol des Guten auftreten, und der Ekel entsprechend als das Sinnbild der Unwürdigkeit. An der Evidenz des Ästhetischen stößt der Nihilismus an seine Grenzen, denn der Einwand, Schönes sei nur für Menschen schön, und Ekelhaftes nur für Menschen ekelhaft, fordert für eine objektive Betrachtung die Vernichtung des Betrachters, und ist daher haltlos. 


44. Ich bin nichts wert

Es ist nicht nur traurig, von jemandem, den man liebt, verschmäht oder verlassen zu werden, sondern zutiefst erniedrigend, so wie umgekehrt bereits die angenommene (und umso mehr die erwiderte) Liebe das größte Hochgefühl für das Ego ist. Wenn der für einen wertvollste Mensch einen annimmt, fühlt man sich nicht nur wohl, sondern man fühlt auch, dass man etwas wert ist; lehnt die geliebte Person einen ab, kann man sich fühlen, als sei man nichts wert, wenn man kein stabiles autonomes Selbstwertgefühl hat.

Erniedrigung ruft unmittelbar Scham hervor, die neben Schuldgefühlen unerträglichste Empfindung. Um sich davor zu schützen, greift der Leidende gern zu entpersönlichenden Ausdrücken, und beschreibt seinen Zustand der Trauer durch eine medizinische Diagnose. Er macht sich in der Kommunikation mit anderen zu einer Maschine, die an einer Funktionsstörung leidet. Das schützt vor der schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem unerfreulichen seelischen Zustand, bestätigt aber auf einer anderen Ebene genau das, was die Scham, vor der die Flucht ergriffen wurde, einem zuflüstert: "Ich bin nichts wert!"

Man bewältigt die Trauer keineswegs, indem man sich - für sich selbst und für andere - zu einer Sache macht. Trauer ist keine Krankheit, und erst recht keine Funktionsstörung, sondern eine höhere Empfindung, zu der nur komplex fühlende Lebewesen in der Lage sind. Trauer entwertet einen nicht, sondern zeigt, dass man grundsätzlich einen Selbstwert hat, der durch die erlebte Ablehnung negiert wird.

Nicht die Intensität der Trauer, sondern die Stärke des Gefühls, nichts wert zu sein, ist ein Gradmesser psychischer Unreife. Auch ein Mensch, der sich selbst genügt, kann durch Ablehnung, durch Verlassenwerden sowie durch den Tod einer - erst recht der - geliebten Person in eine tiefe Trauer stürzen, doch er wird den Schmerz nicht fliehen, sondern aushalten, er wird mit seinem Schicksal hadern, aber nicht sich selbst verfluchen und in Selbstmitleid zerfließen.


45. Erziehung = Misshandlung?

Wer diese verwahrlosten Kinder im Fernsehen oder auf der Straße sieht, fordert zuweilen einen "Führerschein" für Eltern, einen durch Qualifikation erworbenen Erziehungsschein für Menschen, die Eltern werden wollen. Das ist eine sinnvolle Forderung, die jedoch für einen selbst meist ein Wäre-nicht-schlecht-wenn bleibt, und keine Relevanz für das eigene Leben hat: wie viele haben es schon im Alltag mit verwahrlosten Kindern oder kriminellen Jugendlichen zu tun?

Jeder kennt aber Menschen aus seiner unmittelbaren Lebenswelt, die in einer schwierigen Situation auf rational unbegreifliche Handlungsmuster zurückgreifen, mit übertriebenen Ängsten auf Herausforderungen reagieren, kurz: sich seltsam verhalten. Man kann oft das physisch oder emotional misshandelte Kind in ihnen sehen, das ungeliebte und deshalb von Verlustängsten und irrwitzigen Wutanfällen heimgesuchte Kind. Wenn eine zivilisatorisch angemessene Sozialistation  völlig fehlt, reagiert ein Mensch wie jedes gewöhnliche Tier: mit Aggression, Flucht oder Erstarrung. Wenn die durch das Elternhaus vermittelte Menschlichkeit nur dürftig war, dann werden die archaischen Handlungsmuster bereits bei mäßiger Belastung aktiviert.

Wer hinter die Maskerade der Fassadisten, der Anscheinwahrher blicken kann, erkennt in den fast durchgehend mit irgendeinem Rausch- oder Betäubungsmittel zugedröhnten Mitbürgern die misshandelten Kinder von einst. Es gibt so viele Menschen mit erworbener sozialer Inkompetenz, dass eine von subtilen oder offenen Misshandlungen geprägte Kindheit die Regel zu sein scheint, und nicht die Ausnahme. Im Verhalten vieler junger Menschen ist derart klar die hässliche Handschrift ihrer Eltern zu erkennen, dass man, ohne diese Eltern je gesehen zu haben, sie fast bildlich vor sich sieht, wenn das traurige Ergebnis ihrer jahrelangen Mühen vor einem steht.


46. Zynische Bescheidenheit

Wer von Liebe spricht, und diese vom vulgären Balzen abhebt, stellt sich unvermeidlich über die Balzenden, für die das Wort Liebe nur eine Floskel ist. Viel sympathischer erscheint jemand, der "erkannt" hat, dass alles eben nur ein Spiel unserer Gene ist, und alles Interesse an dem anderen Geschlecht bloß evolutionär bedingt ist.

Der Romantiker erniedrigt zwar die Eitelkeit des Balztänzers, aber er bietet im Gegenzug etwas Positives an: die romantische Liebe, welcher jedes menschliche Wesen grundsätzlich fähig ist. Jener aber, der den Balztänzer freundlich anguckt, ist ein Zyniker, der das Paarungsspiel ebenso als nichtig enthüllt, aber keine Alternative bietet.

Steht denn der hier Zyniker genannte nicht bescheidenerweise auf derselben Stufe, wie das gemeine Volk? Nein, denn auch er schaut sich die Balztänze von oben an, und "erkennt" sie als evolutionär bedingte Notwendigkeit, und somit in ihrer konkreten Gestalt als beliebig und nichtig. Stünde er auf derselben bescheidenen Stufe wie der Paarungswillige, würde er nicht über das Balzen als Solches nachdenken, sondern darüber, wie er selbst beim anderen Geschlecht erfolgreich werden könnte. Ist er bereits erfolgreich, so ist diese Sache für ihn kein Thema mehr. Wer jedoch selbst die wohlwollendste Sicht auf etwas aus einer höheren Perspektive vertritt, tritt bereits die von ihm wohlwollend Betrachteten, denn er steht mit seiner Perspektive über ihnen.


47. Mädchenerziehung und Massenmord

Man ekelt sich nicht nur vor der auf der Straße liegenden Hundescheiße, sondern - wenn nicht noch mehr - vor dem, der aus welchen Gründen auch immer sich auf der Straße hinkniet und sich die Hundescheiße in den Mund steckt. So scheiden Neid und Frust als Motivationen des Autors aus, das hier zu schreiben, denn es existiert nichts auf dieser Welt, worum der Autor einen anderen beneiden könnte, und Frust erzeugt höchstens die Tatsache, in dieser Zeit und auf dieser Welt geboren zu sein.

Liberalerweise legt man viel Wert darauf, dass die Frauen sich ihre Lebenspartner selbst aussuchen. In der Realität sieht die Damenwahl so aus, als würde man ein Kleinkind in einem Raum mit vielen großen roten Knöpfen aussetzen, auf denen steht: "Atombombe auf New York werfen" oder "In Brüssel Napalm regnen lassen" oder "Ebolavirus in Tokio aussetzen" usw. Die kleineren weißen und grauen Knöpfe bemerkt das Kind nicht, und die Konsequenzen der großen roten Knöpfe kann es nicht abschätzen, da es in der Regel nicht einmal lesen kann. Dadurch, dass die abscheulichsten Männer bevorzugt werden, tragen Frauen mit ihrer Partnerwahl den entscheidenen Teil zur Zerstörung dieser Welt bei, denn eine demoralisierte, moralisch indifferent gewordene Welt ist der ideale Nährboden für Charaktere wie Eichmann, Hitler oder Breivik.

Viele werden sich angesprochen fühlen, wenige sind gemeint. Natürlich geht es um die schönen Frauen, sprich um jede 50-ste wenn nicht 100-ste Frau im Alter von 15 bis 30. Zu dieser Kategorie dürfen eher 8-jährige Mädchen als Hollywood-Sexbomben hinzugezählt werden, denn kein Mann  wird durch sexuelle Frustration gebrochen, es muss schon (enttäuschte) Liebe sein. Die klassische Mädchenerziehung war früher darauf angelegt, dass sich der Backfisch bei der Partnerwahl nicht vergreift; wenn die wohlerzogene junge Frau mit einer ehernen Selbstverständlichkeit lieber alte Jungfer bleibt, als dass sie männermäßig Hundescheiße frisst, hat die gute Erziehung ihr Werk vollbracht, - eine erfreuliche Nebensache, wenn die Dame nebenbei zwei-drei Sprachen gelernt hat und Klavier spielen kann.

Die wirklich verwahrlosten Kinder sind heute die bürgerlichen Mädchen. Wenn man sieht, welche weiblichen Promis deren Vorbilder sind, und für welche berühmten Männer sie schwärmen, muss man schwarz sehen. Den Jungs wird keine freiheitlich-demokratische Erziehung helfen (ob man ein Jahr Gymnasium streicht oder ein zusätzliches beifügt), angesichts solcher Mädchen nicht in den tiefsten Nihilismus zu verfallen, - und bei allen alibimäßigen Ausrufen wie "Nie wieder Auschwitz!" ziehen die Kinder und Enkel der Weltkriegsgeneration die Massenmörder von Morgen heran.

Verzweiflung ist angesichts solcher Befunde dennoch verfrüht. Noch gibt es die Möglichkeit, eine lesbische Elite auszubilden, die den Eltern ihre schönen Mädchen (das sind nur 1 bis 2%) wegnimmt, und in transhumanistischen Klöstern zu edlen Miezen erzieht. Diese könnten später die Schlüsselpositionen in Film und Fernsehen, Kunst und Kultur übernehmen, und wie Göttinnen über die Welt der Sterblichen schweben, ohne jemals den Boden zu berühren. Im Bewusstsein, dass die Schönheit nicht entweiht wird, wird erstmals ein tiefgreifender Weltfrieden möglich sein, denn die allererste Voraussetzung dafür ist der Wille zum Weltfrieden, der in einem Klima des Ekels, der Verachtung, der moralischen Indifferenz niemals entstehen könnte.


48. Der vierfache Weltfrieden

Der Weltfrieden ist nicht bloß der Zustand des Nichtvorhandenseins militärischer Auseinandersetzungen und politischer Unterdrückung auf dem ganzen Globus. Entscheidend ist der vierfache Frieden des einzelnen Individuums, der aus vier Verhältnissen resultiert. Jeder ist Subjekt (das immaterielle Selbst) und Objekt (physisch seiend) zugleich, woraus die vier Verhältnisse folgen:

1) Der Andere als Objekt zu Dir als Objekt: äußere Anerkennung, Verzicht auf Gewalt und Unterdrückung.

2) Der Andere als Subjekt zu Dir als Subjekt: Freundschaft der Gleichgesinnten.

3) Der Andere als Subjekt zu Dir als Objekt: Geliebtwerden (zuerst als Kind von den Eltern, später sehr prekär, weil nur die wenigsten äußerlich schön genug sind).

4) Der Andere als Objekt zu Dir als Subjekt: Zärtlichkeit (die in Reinform nicht vorhanden ist, - aber als Ersatz gibt es Sex für Geld oder in einer Beziehung).

Der Mensch braucht nicht nur äußeren Frieden (1) oder moralische Selbstbestätigung (2), sondern auch die abstrakte (3) sowie die konkrete (4) Bestätigung, Selbstzweck zu sein. Ohne süße Blicke, die Dir gelten und die Berührung zarter Hände, mit der Du als verwöhnungswürdiges Wesen gemeint bist, lebst Du bei aller Anerkennung und Freundschaft noch lange nicht in einer Dir friedlich gestimmten Welt.


49. Entfaltung und Scham

Was existiert, entfaltet sich. Existieren bedeutet, außer sich sein, sich entäußern. Dies gilt, solange das Existierende über kein Bewusstsein seiner Existenz (in Gefühlssprache: Scham) verfügt. Ein seiner Selbst bewusstes Wesen muss sich nicht mehr entäußern. Darum konnte ein Recht auf die Entfaltung der Persönlichkeit formuliert werden, denn die Persönlichkeit kann auch nicht entfaltet werden, - was sich aber mit einer Naturnotwendigkeit vollzieht, kann weder verrechtlicht noch verboten werden.

Wo das Recht auf Meinungsfreiheit gilt, muss nicht jeder dauernd quatschen. Das Äußern einer Meinung, der Selbstausdruck, kann auch unterlassen werden. Worte sind nicht wie Pisse, die sich auch gegen den Willen ihren Weg bahnen kann; Selbstmitteilung ist nicht wie Ausatmen, an dessen Behinderung man ersticken kann.

Im Zweifel gilt: schweigen! Nicht erst, wenn man nichts zu sagen hat, denn auch wenn man etwas zu sagen hat, ist es oft die damit verbundene Selbstentblößung und die Aufmerksamkeit anderer nicht wert. Erst wenn man Wichtiges zu sagen hat, sollte man reden, - dann aber aus reiner Pflicht, das Gesagtwerdenmüssende zu sagen, und nicht, um durch das Gesagte auf sich selbst aufmerksam zu machen. 


50. Gegen Bioeltern

Jeder Depp kann Kinder Zeugen, und bereits durch die Tatsache der Zeugung zum Quasi-Eigentümer eines Kindes werden. Dieser Missstand müsste in einer technologisch so hoch entwickelten Gesellschaft wie der gegenwärtigen eigentlich der Vergangenheit angehören. Doch dem ist nicht so, und täglich trifft man Eltern mit Kindern, die bei anderen Erwachsenen, womöglich bei einem selbst, viel besser aufgehoben wären.

Zweierlei Auflösungen der ganzen gerechtfertigten Aufregung ins Nichts zeichnen sich ab: gesellschaftlich kann weder die Übereignung aller Kinder dem Staate funktionieren, noch ein Kinderübernahmerecht von potentiell besseren Eltern, denn es gibt Kinder, um die sich hunderte Erwachsene reißen würden, und es gibt Kinder, deren Leid und Elend die Herzen nur alibimäßig zu erschüttern vermag. Für jeden persönlich gibt es immer die Möglichkeit, ein Kind, dessen Misshandlung oder ein Mädchen, dessen Minderverwöhnung durch leibliche Eltern einem das Herz zerreißt, zu entführen, wenn man für ein würdiges Leben dieses Kindes und mit diesem Kind vorgesorgt hat.

Da Kinder keine Lobby haben, kann sich an deren Rechtlosigkeit nichts ändern. Durch zivilisatorischen Fortschritt wird es bestenfalls immer weniger schlechte Eltern geben, doch erschütternde Einzelschicksale werden durch eine statistische Verbesserung der Lage nicht vermieden. Wer also zu sehr mit einem misshandelten Jungen mitfühlt, oder wer einen sexuellen Missbrauch oder eine Vernuttung eines besonders schönen Mädchens fürchtet, wird schon seine Herzensentscheidung treffen, - und wer zögert, das Mädchen aus den ihrer Schönheit nicht würdigen Lebensverhältnissen zu befreien, der gibt damit nur preis, dass das Mädchen noch nicht schön genug ist, damit er seinen Arsch endlich in Bewegung setzt.


51. Kein Sexualobjekt

Ein Mensch auf der moralischen Stufe des Tieres (Amoralität) unterliegt den Gesetzen der sexuellen Konkurrenz. Wäre ich so ein Mensch, müsste ich mich nicht wundern, dass ich ewiger Single bin, weil ich ausschließlich Frauen begehre, die unerreichbar sind, weil mein sozialer Status für sie nicht hoch genug ist. Doch wenn ein amoralischer Mann beispielsweise der 8. Sozialsorte (10 ist die niedrigste, 1 die höchste) rein hypothetisch eine Frau der Sozialsorte 6 abbekommt, wird er sich freuen und den Sex genießen.

Ein Mensch, der sich nicht nur der Möglichkeit nach, sondern auch wirklich vom Tier unterscheidet, ein moralischer Mensch, steht über der tierischen Rangordnung, und seine Einsamkeit resultiert daraus, dass er nach tierischen Regeln nicht mehr spielen kann: sobald mir eine Frau gefällt, nehme ich sie sofort als einen Menschen war, und sie kann kein Sexualobjekt mehr für mich sein. Da sie als Mensch Person und somit Selbstzweck ist, ist Sex mit ihr gar völlig ausgeschlossen, so als wäre sie meine Tochter oder Schwester (dem Alltagsverstand als Beispiel zur konkreten Vorstellung eines Selbstzwecks).

(In der Lebenswirklichkeit sind die meisten Menschen ihrem eigenen Anspruch nach moralische Wesen, wollen aber, wenn es zu konkreten Handlungen kommt, auf keine hedonistische Lust verzichten, so sehr sie auch der Moral widerspricht. Nur die Furcht vor Strafe und der Mangel an Macht, sich alles zu nehmen, was man will, hält Gier und Wollust in flexiblen, situationsbedingten Grenzen. Die Unfähigkeit, sich zu holen, was man will, wird im Nachhinein zu moralischen Skrupeln umgewertet. Da ist das Tier ehrlicher, weil es dieser Heuchelei gar nicht fähig ist).


52. Die verdammte Unschuld

Der Mensch ist ein Sinnenwesen, und hat naturgegebene Bedürfnisse und Begierden. Solange deren Befriedigung keinem moralischen Gebot widerspricht, ist nichts dagegen einzuwenden. Da es im Nihilismus keine moralischen Gebote geben kann, ist gegen rücksichtslosen Hedonismus nichts einzuwenden. So weit, so selbstverständlich.

Der dichterunddenkerländische Film "Endlich Sex!" (2004) beinhaltet gleich am Anfang eine Selbstgespräch-Replik, die lautet: "Wie verliert ein Mädchen ihre verdammte Unschuld?" Das ist selbst im konsequenten Nihilismus, in dem es keine Nutten gibt, da alles Amoralische erlaubt ist, zu nuttig. Sex, weils Spaß macht, - das ist natürlich und hedonistisch erstrebenswert. Aber Sex aus Gruppenzwang? Was kann man denn noch so alles aus Gruppenzwang tun? Außenseiter verprügeln? Mit Drogen dealen? KZ-Wärter sein? Wer von der "verdammten Unschuld" spricht, hat, verdammt nochmal, keine Unschuld; unschuldig sind da schon eher radikale Hedonisten, die jede Sexgelegenheit nutzen, und keine sexuelle Praktik in ihrem langen Lustleben ausgelassen haben.


53. Beispiele in der Philosophie

Universitätsphilosophie ist langweilig, aber man lernt, wenn man sie ernsthaft betreibt, wenigstens so gründlich wie nirgends sonst, wie nichtig alles ist, was wir vom Schein zum Sein erheben. Dazu muss man aber dicke und schwere Bücher lesen, daraus besteht 90% des Studiums, und der Rest ist das Gequatsche in Seminaren und das Anhören von Vorlesungen. In Vorlesungen werden so gut wie immer Beispiele gebracht, um das Gesagte zu verdeutlichen. So forderte ein Dozent, der den Hedonismus widerlegen wollte, alle, die ihrem realen armseligen (das Wort hat er leider nicht gesagt) Leben, das sie derzeit führen, ein - an entsprechende technische Geräte angeschlossen - glückliches, aber simuliertes Leben vorziehen würden, sollten bitte die Hand heben. Da er vollends überzeugt war, dass keine Hand hochgehen würde, redete er sofort weiter, während in der hinteren Reihe einer die Hand hob: das war ich. Nun musste er nachfragen, warum, und alle hörten zu. Ich war aber erst im 3. Semester, und war über den vorphilosophischen Skeptizismus noch nicht hinaus, also sagte ich nur: woher weiß ich denn, das dieses meist leidvolle und offensichtlich ziemlich sinnlose Leben nicht ebenfalls eine Simulation ist, vielleicht ein Scherz eines sadistischen Gottes?

Es wäre schön, wenn es eines Tages tatsächlich möglich wäre, solche Realitätssimulatoren zu erfinden. Dann würde der Dozent mich auffordern, mich in so ein Ding reinzulegen, und in den nächsten zehn Minuten zehn glückliche Jahre realitätssimuliert zu erleben. Dann würde er mich aufwecken und fragen: bist du jetzt glücklich? Nein, würde ich sagen. Was fehlt denn, würde er vielleicht fragen. Dass ich mich dabei der Glückseligkeit nicht würdig gefühlt habe, würde ich mit Kantkenntnissen angeben. Weitere zehn Minuten für weitere zehn Jahre der simuliert-verdienten Glückseligkeit würden mich auch nicht zufriedener machen. Aber es ist immer noch ein Glück darüber hinaus vorstellbar, würde ich sagen. Weitere zehn gefühlte Jahre würde ich sodann genießen und schweigen. Und nun, zufrieden? Nein, würde ich sagen, denn seit es diese Realitätssimulatoren gibt, kann jeder Depp dasselbe erleben, wie ich, ja selbst meine schönsten Träume könnten sich für jeden Arsch einfach mal so am Dienstagnachmittag erfüllen. Siehst du, hätte er gesagt, der Hedonismus hat Unrecht. Aber nein, hätte ich widersprochen, ein Hedonismus, der die größte Quelle der Lust, die Eitelkeit, außer Acht lässt, kann gar nicht befriedigend sein, - sobald ich aber weiß, dass meine schönsten Träume für mich persönlich reserviert sind, und zu Mädchen, Landschaften und Vergnügen, die nur für mich bestimmt sind, kein anderer jemals Zugang haben wird, ob real oder simuliert, sobald mein Leben aus einer endlosen Reihe von Versicherungen besteht, dass ich die wertvollste Person im Universum bin, und alle Lust ihre tiefe Ewigkeit bekommt, ist es mit herrlich egal, wie mein Leben technisch zustande kommt, und was die logischen und ontologischen Bedingungen für meine Existenz sind. Mit Beispielen sollte man also sehr vorsichtig sein, denn sie verführen oft zu Denkweisen, die niederzumachen sie eigentlich erdacht wurden. 


54. Ich und Welt

Es gibt Menschen, die nur eine Person kennen: sich selbst. Alle anderen sind für sie mehr oder weniger Automaten, sprechende Dinge. Solche Selbstichler leben nicht in Kants Reich der Zwecke, sondern in ihrem eigenen Reich der einsamen Eitelkeit. Alles, was nicht sie selbst sind, ist für sie einfach die Welt, - dazu zählt die Natur ebenso wie andere Menschen, und auch Gott, wenn sie an einen glauben.

Geht es solchen Menschen gut, so betrachten sie die Welt als gut, und die Welt ist abstrakt und unterschiedslos alles, was sie selbst nicht sind. Geht es ihnen schlecht, ist die Welt böse. Eine Anekdote: ein Schüler, der stotterte, aber genötigt wurde, im Unterricht zu sprechen, weil ansonsten die 6 für mündliche Leistungen zu 60% in die Endnote eingegangen wäre, war im letzten Monat der elften Klasse, als das Schuldkonto der Welt ihm gegenüber auf ein Menschenleben - tot oder vergewaltigt - anwuchs. Um nicht sitzenzubleiben (mit durchschnittlich einer 2 in allen geschriebenen Klausuren), musste er nun besonders viel reden. Die Mitschüler versuchten, nicht zu lachen. Der Versuch war nicht von Erfolg gekrönt. Das Schuldkonto der Welt wuchs stetig - hatte es vorige Woche noch den Wert der Melissa aus der 12., so hatte es nunige Woche den Wert von der viel hübscheren Leonie aus der 10. Schließlich, nach einem besonders demütigenden Referat an einem Tag, an dem er sehr knapp den Schulbus verpasste, erreichte das Schuldkonto der Welt ihm gegenüber den Wert der wunderhübschen Annika aus seiner Klasse, auf deren Einladung zum Schulball er nunhin eine Woche vergeblich wartete. Da die Welt - in Person der mit ihm zum Schulball gehenden und ihn danach verführenden Annika - ihre Schuld nicht begleichen wollte, stand ihm das Recht zu, Annika zu pfänden. Er besorgte sich eine Waffe und wartete vor Annikas Haus, als ein gleichaltriger Junge, der als Kind sexuell missbraucht wurde, und dem die Welt nun eine Einladung zur ungestraften Ermordung der Person seiner Wahl schuldete, Annika fing, in sein Auto zerrte, und den zuspätgekommenen Entführer überfuhr. Die Moral: es gibt nur eine Moral - die von Immanuel Kant - oder gar keine; bei allem Mitgefühl und bei aller Mühe, nicht zu lachen: Eigendünkel hat immer Unrecht.


55. Körperlichkeit

Es gibt die, denen Aussehen wichtig ist, und es gibt die, die sich darüber erhaben wähnen. Natürlich ist es erstrebenswert, moralische, "innere" Werte zu haben, wenngleich nichts einen Mann mehr am Erfolg bei Frauen hindert, als ebendiese. Selbstredend ist das Seelenheil der sexuellen Befriedigung vorzuziehen, es sei denn, man glaubt, man sei nichts weiter als sein sterblicher Körper.

Der Körper wird geboren, hat ein genetisch bestimmtes Aussehen, wird alt und stirbt, und mit ihm die Person. Oder es gibt ein Leben nach dem Tod. Oder es beginnt ein transhumanes Zeitalter, in dem jeder seinen Körper selbst aussuchen kann, - alles wird um das zentrale Nervensystem nach Wunsch und Geldbeutel neu konfiguriert. Ist Aussehen dann immer noch unwichtig? Ich kann so aussehen wie ich aussehe, und ein moralisch hochstehender Mensch sein, aber ich kann dieselbe edle Persönlichkeit sein, und ganz anders aussehen, nämlich so, dass mein Äußeres und meine "inneren Werte" harmonieren, -  darum ist das bestmögliche Aussehen erstrebenswert, wobei in der Realität das optimierte Aussehen wiederum nicht der wahren Persönlichkeit, sondern den finanziellen Möglichkeiten ensprechen wird.

Wem Aussehen angeblich egal ist, der lügt, oder ist so auf den Körper fixiert, dass er gar nicht die Möglichkeit erwägt, anders aussehen zu können. Wer wirklich über die Körperlichkeit hinaus ist, für den ist das Aussehen austauschbar, denn es zählt nur die Person, und nicht das einem zufällig mitgegebene Aussehen. Wer über den Körper hinaus ist, identifiziert sich nicht mit einem bestimmten Aussehen, und kann durch in der Regel treffende Aussagen wie "du bist hässlich" nicht persönlich getroffen werden, denn die Person ist nicht der Körper, - sie hat nur diesen Körper, insofern oder solange es ihr nicht möglich ist, einen anderen Körper zu haben.


56. Ist Enthaltsamkeit eine moralische Leistung?

Es gibt Menschen, die kein Verlangen nach Sex verspüren (zumindest behaupten das manche von sich, und haben bereits eine Asexuellenbewegung ins Leben gerufen). Wenn diese Menschen auf Sex verzichten, ist der Wert ihrer Leistung exakt Null, denn sie kämpfen mit ihrem Verzicht gegen kein Verlangen an. Es gibt Menschen, die schon als Dreijährige eine Viertelstunde auf zwei Kekse warten konnten, anstatt einen Keks sofort zu essen (ein wichtiges psychologisches Experiment, das schon bei Kleinkindern Vorhersagen mit hoher Wahrscheinlichkeit über ihre zukünftige Leistungsfähigkeit erlaubt). Diese Menschen schieben ihren Sex auf, weil sie lieber später guten Sex als sofort schlechten Sex haben wollen. Im Extremfall geht das so weit, dass sie ihr ganzes irdisches Leben lang enthaltsam leben, weil sie im Jenseits eine Belohnung dafür erwarten, die natürlich jeden im Diesseits möglichen Sex in den Schatten stellt. Die Enthaltsamkeit dieser Menschen ist zwar eine Leistung, aber keine moralische, denn sie beruht auf einem Handel: heute verzichten, morgen genießen.

Vom nihilistischen Standpunkt ist es nicht zu erklären, warum manche Menschen nach absoluten moralischen Prinzipien handeln. Menschen, die nach dem Prinzip leben, andere immer als Selbstzwecke zu behandeln, und niemals als bloße Mittel zum Zweck, werden auf Sex verzichten, weil der andere beim Sex auf ein Lustobjekt reduziert wird, und somit seine Menschenwürde verliert. Ein Mensch mit einem starken sexuellen Verlangen, der aus Prinzip auf Sex verzichtet, vollbringt eine moralische Leistung, - jedoch nicht immer, denn das Prinzip selbst kann auch nicht-moralischer Natur sein. Ein Mensch, der viele Demütigungen und Enttäuschungen erfahren hat, und der sich darüber im Klaren ist, dass sein soziosexueller Status eher niedrig ist, wird, anstatt sich um niedrigrangige Sexualpartner zu bemühen, lieber gänzlich auf Sex verzichten, aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus verletztem Stolz. Er wird sich aus einer selbstsüchtigen Trotzreaktion heraus für etwas Besseres halten, wird aber beteuern, auf Sex aus moralischen Gründen zu verzichten. Rein technisch ist sein Verzicht eine Leistung, moralisch aber eine Heuchelei.

Eine moralische Leistung wird beim Sexverzicht erbracht, wenn ein Mensch, der in einer nihilistischen Gesellschaft lebt, - wenn seine moralischen Prinzipien überhaupt nicht gewürdigt werden, und ihm stattdessen Befriedigungsaufschub, Heuchelei oder sexuelles Nichtkönnen vorgeworfen werden, - und allein aus moralischer Pflicht, seine Mitmenschen stets als Selbstzwecke zu behandeln, und deren Würde niemals mit Füßen oder Genitalien zu treten, auf Sex verzichtet.


57. Das schöne Subjekt

Wer Schönheit perzipiert, und in ihr das Ästhetischgute erkennt, zeigt sich als ein moralisch gesundes (noch nicht moralisch gutes, aber potentiell moralisches), vollwertiges Subjekt. Die Anlage zur Tierheit im Menschen verleitiet ihn nun zum sexuell-konsumtiven Verzehr der Schönheit am anderen Menschen. Da nur Frauen überhaupt schön sein können, kann ein ästhetisches Subjekt nur Frauen begehren; wer Männer "begehrt", ist ein ästhetisches Objekt, und begehrt eigentlich nicht sein Objekt, sondern das Begehrtwerden durch ein Subjekt. Da es nun um sexuelle Begierde geht, ist der Begehrtwerdenwollende ein Sexualobjekt, während der Objekte begehren Könnende ein Sexualsubjekt ist.

Ein heterosexueller Mann ist zwar ein Subjekt, aber ein natürliches, seiner Subjektivität in der Regel nicht bewusstes. Eine lesbische Frau, die sich selbst als schön erkennen kann, und nicht das Begertwerden, sondern die Schönheit begehrt, ist ein selbstbewusstes, geistiges, nicht bloß natürliches Subjekt. In einem Staate, der Ästhetik zur Staatsreligion hätte, stünden schöne lesbische Frauen an der Spitze, den Lehrstand würden gewöhnliche Lesben ausmachen, und den Wehrstand besonders wählerische heterosexuelle Männer.


58. Wie erzogen so verzogen

Kinder, die von ihren Eltern wenigstens erzogen werden, werden mit bestimmten Spielregeln vertraut gemacht, die ihnen eine Sozialisation ermöglichen. Kinder lernen, wie sie sich wo zu benehmen haben, was sie wann sagen müssen, und wofür sie sich eventuell entschuldigen müssen. Sie lernen also nichts.

Wer etwas Schlechtes getan hat, das ihm als seine Schuld zugerechnet werden kann, und in der Kindheit erzogen wurde, wie man eben so erzogen wird, meint, mit einer Entschuldigung sei alles wieder in Ordnung. Eine Entschuldigung ist aber nicht mehr als eine symbolische Geste, die unter wirklich Erwachsenen die Bereitschaft zu einer Wiedergutmachung ausdrückt. Zauberworte können nicht zaubern, und das muss man in der Kindheit gelernt haben, oder man hat nichts gelernt.

Die Regeln der Moral und Ethik sind keine Spielregeln, sondern Regeln für den Ernstfall. Wer richtig erzogen wurde, hat nicht nur gelernt, die Spielregeln des menschlichen Miteinanders zu beherrschen, sondern auch, Spiel und Ernst zu unterscheiden. Für wen alles ein Spiel ist, der lebt in einem kindischen Nihilismus, und ist als Person nicht ernstzunehmen.


59. Volk von Objekten

Im Nihilismus ist alles, was Moral und Ethik betrifft, einfach egal. So wäre von einer dekadenten Gesellschaft zu erwarten, dass sie moralisch indifferent ist, und stattdessen zum Beispiel ästhetische Werte hochhält. Was ist das aber für eine Gesellschaft, in der es bei jedem falsch verstandenen Wort einen Aufschrei der sich als moralisch verstehenden Empörung gibt, wo aber zugleich nicht bloß einige wenige Verbrecher, sondern viel zu viele, und besonders viele von denen, die sich über alles und jeden empören, darauf stolz sind, moralisch Abschaum zu sein? Die Tugendpflicht, das Wohl anderer zu befördern, würde ein gesunder Nihilist einfach außer Acht lassen, - aber was sind das für Menschen, die sie in ihr Gegenteil verkehren, und sich freuen, wenn es ihnen gelingt - im Rahmen des gesetzlich Erlaubten, wenn der Rechtsbruch nicht durch den sozialen Status vor Strafe abgesichert ist, -  ihren Mitmenschen so viel wie möglich zu schaden?

Diese Menschen haben keinen Wert, sondern einen Preis, und betrachten sich selbst und andere als Objekte, weshalb sie versuchen, ihren eigenen Preis auf Kosten anderer zu erhöhen, indem sie diese als Waren wahrgenommenen Menschen beschädigen. Wenn der Mensch in allen Lebensbereichen Warencharakter annimmt, konkurrieren alle miteinander als Huren umeinander als Freier. Eine moraphilosophische Betrachtung würde in den Heutigen ein Volk von Teufeln sehen, aber sie träfe nicht zu, denn diese Menschen sind keine Subjekte mehr, sondern nur noch Objekte. Darum muss man diese armen Schweine ökonomisch (auch sexualökonomisch, aufmerksamkeitsökonomisch) betrachten, und sobald man das tut, empfindet man nicht mehr Abscheu und Verachtung, sondern nur noch Mitleid.


60. Mönche und Lesben

Was die Ehre eines Mannes angeht, so ist es nicht die Schönheit der Frau, die er bekommt, sondern die Schönheit der Frau, auf die er großzügig verzichtet, die seine Ehre ausmacht. Der wahre Held ehelicht nicht die Prinzessin, die er erobert, - er macht sie durch seine Eroberung zur ewigen
Jungfrau; er freit sie nicht, er befreit sie. Der Stolz eines Mannes resultiert aus seinen Siegen, und der größte Sieg ist der Sieg gegen seine größte Begierde. Ein richtiger Mann ist der Mann, der die schönsten Frauen haben konnte, und keine einzige hatte.

Die Ehre einer Frau hat ebenso mit Keuschheit zu tun, doch Frauen sind nicht einfach Männer ohne Schwanz, wie manche Feministinnen meinen, und somit sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht spiegelbildlich, sondern etwas komplexer. Eine schöne Nonne ist noch nicht keusch: indem sie arbeitet, wird sie durch die weniger schönen Nonnen indirekt penetriert; eine schöne Dienerin, die einem Herrn oder einer Herrin dient, ohne dass je eine körperliche Berührung zustande kommt, wird durch ihren Dienst nichtsdestotrotz sexuell konsumiert. Keuschheit schöner Frauen kann also nur in den Armen anderer schöner Frauen stattfinden, - eine Gemeinschaft verwöhnter reiner unberührter lesbischer Schönheiten ist das weibliche Keuschheitsideal.


61. Die Alltagsirren

Gegner der Todesstrafe gelten dem Alltagsverstand als besonders gute Menschen, Abtreibungsgegner gelten als frauenfeindliche Faschisten. Der geimene Mensch guckt schief, und hat keinen festen Blick, sondern springt stets hin und her, weshalb seine beliebigen und inkonsequenten Meinungen und Ansichten freundlichstenfalls als lächerlich zu bewerten sind, bei größerer Ehrlichkeit aber als irre und gefährlich bezeichnet werden müssen.

Wer als Argument gegen die Todesstrafe anführt, dass mit dieser nur ein weiteres menschliches Leben genommen wird, unterscheidet sich in seinem Menschenbild nicht von Stalin oder Hitler: die Menschen zählen für ihn nicht als (zurechnungs- , schuldfähige und für ihr Handeln verantwortliche) Personen, sondern als bloße Objekte, deren Wert nicht in der Würde der Persönlichkeit, sondern in ihrem bloßen physischen Leben (und dessen gesellschaftlichem Nutzen) besteht.

Dass die Todesstrafe grausam ist, ist unbestritten, doch erstens ist das Verbrechen selbst unendlich grausamer, da beim Mord ein nicht wiedergutzumachendes Unrecht hinzukommt, und zweitens ist der fürchterliche Anblick einer Hinrichtung genausowenig ein Argument gegen die Todesstrafe, wie der blutige Anblick einer Operation ein Argument gegen die lebensrettende Chirurgie.


62. Sei du selbst, du Opfer!

Wir wollen, nein, müssen authentisch sein. Die Parole der Freiheit lautet: Sei du selbst! Wer in der Gesellschaft eine Rolle spielt, ist unfrei; wer ganz er selbst ist, ist frei. So sind wir immer und überall wir selbst, und zwar nur wir selbst. Wir sind nackte menschliche Individuen, wir sind nur privat, und gerade deshalb keine Personen mehr.

Der authentische Mensch ist die Summe seiner privaten Lebensverhältnisse. Seine geistige Welt (seine Gedanken, Träume, Hoffnungen) existiert genausowenig wirklich, wie seine gesellschaftliche Rolle, die ja nur eine Rolle ist. Der Jürgen ist nicht mehr Vater seines kleinen Sohnes, sondern auch für diesen in erster Linie, eigentlich, nur Jürgen. Gisela hat keine authentische Legitimation, sich politisch zu engagieren, und wird zur Geisel des Faktischen in einem Käfig aus materiellen Zusammenhängen ihres Privatlebens.

Der Mensch als nacktes, authentisches, privates Leben ist kein Subjekt mehr, sondern nur noch Objekt. Ein Subjekt ist eine Person, die handeln kann, und dadurch mehr ist, als die Summe ihrer faktischen Zusammenhänge, die sie als Objekt definieren. Um als Person öffentlich handeln zu können, muss man eine Rolle spielen, und wer eine Rolle spielt, ist unecht. Es gibt also keine Täter mehr, sondern nur noch Opfer.

Jeder, der etwas tut, ist Opfer seiner Verhältnisse, denn ein Objekt handelt zwar stets aus zurecheindem Grund, aber immer willenlos. Jeder tut, was er tun muss, und so geschieht, was geschehen muss. Wer das Bestehende in Frage stellt, gilt als verrückt, denn es darf keine Welt im Kopf geben (authentisch ist nur das Reale), mit der man die bestehende vergleichen und kritisieren könnte. Willst du immer noch nur du selbst sein?


63. Verklärter Narzissmus

Was ist jugendliche Rebellion? Filme wie "Ghost World" (2001) und "Margaret" (2011) zeigen, was sie nicht ist. Beide Filme erhielten überwiegend katastrophale Kritiken, doch nicht in dem Sinne, dass die Filme vernichtend kritísiert wurden, denn es sind gute Filme, - vielmehr in dem Sinne, dass die Handlungen der jeweiligen Hauptperson krass missverstanden wurden. Man weiß nicht so recht, ob die Kritiker mit dem Kopf oder mit dem Schwanz dachten, denn sie verwechselten das hinterfotzige und rücksichtslose Verhalten von Schlampen (die gute schauspielerische Leistung von Thora Birch in "Ghost World" und Anna Paquin in "Margaret" muss besonders gelobt werden, denn es ist nicht einfach, negative Charaktere in der Hauptrolle so realistisch zu spielen) mit jugendlicher Rebellion.

Die Protagonistinnen der beiden Filme sind ungefähr 18, und verhalten sich so narzisstisch wie Vierjährige, wobei es für Kleinkinder entwicklungstechnisch gar nicht anders möglich ist, als davon auszugehen, die Welt würde sich nur um sie drehen, - für ältere Kinder und Jugendliche allerdings schon. Sie lügen, betrügen, manipulieren, sind grausam zu ihren Mitmenschen, und dabei ach so sensibel, ja die einzigen, die überhaupt echte Gefühle haben können, und alle anderen Menschen sind ja nur Trottel und Idioten. Sie sind ein abstoßendes Beispiel dafür, wie weit spätpubertärer Eigendünkel gehen kann, wie scheinheilig und heuchlerisch bereits Heranwachsende sein können. Ihre "Rebellion", wie so viele Kritiker es nennen, hat nur für andere ernste Konsequenzen, sie selbst aber können, wie Kleinkinder, ungestraft jeden "Fehler" machen, mit dem großen Unterschied, dass sie ganz genau wissen, was sie tun, und das Schlechte absichtlich (oder grob fahrlässig) tun.

Es gibt viele Jugendliche, die auf dem Holzweg sind: Gewalt, Kriminalität, Extremismus, exzessiver Drogenmissbrauch. Jene, die nicht anders können, weil sie in schrecklichen Verhältnissen aufgewachsen sind, können einem nur leid tun. Die beiden wohlbehüteten Gören sind  abgeklärt und zynisch, sie wissen genau, was gut ist, und fordern das Gute von ihren Mitmenschen mit einem theatralisch in Szene gesetzten moralischen Terror. Für sich selbst lassen sie andere Maßstäbe gelten, denn sie haben schließlich Gefühle, und sind so sensibel und genial und einzigartig. Wer schon immer wissen wollte, aber nie zu fragen wagte, was eine Bitch ist, bekommt in diesen zwei Filmen eine klare Antwort (ohne dass die Filme beanspruchten, diese Antwort zu geben).

Die meisterhaft gespielten Bitches sind nur ein Spiegelbild einer verlogenen und narzisstischen Gesellschaft; sie saugen wie Schwämme die "Werte" dieser Gesellschaft mit sämtlichen Feuchtgebieten auf, - das, was auf benebelte Filmkritiker wie Rebellion wirkt, ist nichts als konsequente Nachahmung dessen, wogegen vermeintlich rebelliert wird. Dass die Bitches als solche nicht erkannt, sondern zu Rebellinnen verklärt werden, spricht nicht gerade für ein hohes Reflexionsniveau derer, die in den genannten Filmen Gesellschaftskritik zu sehen glauben. Dass die Protagonistinnen dem Zuschauer schon deshalb sympathisch werden, weil er dazu gedrängt wird, mit ihnen mitzufühlen, sollte nicht den Blick auf deren Handlungen vernebeln; der Wunsch, derartige Spätlolitas flachzulegen, sollte nicht zum Befehl werden, ihre Verdorbenheit als Ehrlichkeit usw. zu verklären.


64. Suizid entspannt betrachtet

Man stelle sich Folgendes und noch Folgenderes vor: es ist menschlich eng und zwischenmenschlich schwül, die Stimmung ist gereizt, wie an Weihnachten, und die Familie ist kurz davor, am Hass, der sie all die Jahre zusammengehalten hat, zu zerbrechen. Da kommt auf einmal einer, egal wer, aus dem Badezimmer angerannt, und berichtet, dass einer, egal wer, tot in der Badewanne liegt, und neben ihm eine Rasierklinge. Endlich dürfen all die aufgestauten Gefühle raus, die, wenn sie ohne Anlass mitgeteilt worden wären, für großen Ärger gesorgt hätten; nun aber darf all die Wut aufeinander, all die Enttäuschung, Frust, Trauer, alles ans Licht, und keiner sagt jetzt, du sollst dich nicht so anstellen, im Gegenteil, man wird verstanden und getröstet, denn man hat soeben einen Angehörigen an den Suizid verloren.

Ach ja, der Suizid. Meist werden die Leute bei dem Thema sehr emotional: da meldet sich das limbische System, der tierische Teil des Hirns. Der menschliche Teil des Hirns wird ausgeschaltet, wo gerade bei diesem Thema Menschlichkeit doch angebracht wäre.

Mag sein, dass der Suizid ein Weglaufen vor Problemen ist, aber das wahre Problem so vieler Menschen ist, dass sie vor dem Suizid weglaufen. Sie tun einfach irgendwas, einfach um sich nicht umzubringen: einfache Menschen, die es sich zu einfach machen.

Nirgendwo sind Mut und Feigheit so nah beieinander wie im Suizid: zu feige, sich als z. B. homosexuell oder z. zweiten B. als Missbrauchsopfer zu outen, fasst man den Mut zum Freitod. Ja, Freitod, nicht Selbstmord: der Suizid ist ein Fest der Freiheit. Der Verzweifelte, dessen Selbstwertgefühl bodenlos versunken ist, hat im Moment des Entschlusses zum Suizid die Macht über Leben und Tod; der von Situationen, Beziehungen und Problemen Versklavte ist ein stolzer freier Mensch, der selbst entscheidet, all dem, was ihm das Leben zur Hölle macht, vorauseilenden Gehorsam zu leisten, und sich umzubringen.


65. Mal was anderes über Mütter

Mütter können grausam sein. Das weiß jedes Kind. Der härteste Vater bestraft seine Kinder für Bagatellen nach bestimmten Regeln, das Kind weiß bei ihm wenigstens, woran es ist. Bei der Mutter weiß es das Kind nie. Der Mutter kann man es nie recht machen. Väter, die ihre Kinder misshandeln, sind Verbrecher, und werden als solche betrachtet. Eine Mutter muss ihr Kind schon ermorden, damit jemand sagt, sie habe etwas Böses getan. Psychische Gewalt von Müttern an Kindern wird totgeschwiegen, jeder Vater gilt als potentieller Sexualverbrecher. Natürlich gibt es unter Frauen genausoviele, die Kinder missbrauchen, wie unter Männern, und wer es nicht sehen will, will es aus einem bestimmten Grund nicht sehen.

Für viele Kinder sind Mütter das schrecklichste, was ihnen im Leben widerfährt. Kinder sind von Müttern emotional abhängig, und erleiden nicht selten furchtbare Qualen hinter einer Fassade, auf der eine sich aufopferungsvoll um sie kümmernde Mutter mit zynischen Farben gezeichnet ist. Was wird aus diesen Kindern, wenn sie erwachsen werden? Wäre eine Abtreibung nicht das beste für sie gewesen? Und wäre eine vorherige Sterilisation der Mutter nicht fairer, als eine Abtreibung, bei der immerhin ein Lebesween draufgeht?

Es ist immer ein interessantes Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern. Liebe trifft man dort am allerwenigsten. Dieselben Frauen, die als Mütter energisch widersprechen werden, werden zugleich als Töchter traurig mit dem Kopf nicken. Die Mutter darf nicht alternativlos bleiben. Es muss verantwortungsvollere Wege geben, Kinder großzuziehen, als sie immer denjenigen zu überlassen, in deren Bauch sie gewachsen sind.

Kinder sind kein Müll, keine Parasiten, kein Eigentum ihrer Mütter, sondern Menschen, schließlich waren alle Menschen einstmals Kinder. Es gibt gute Mütter, es gibt sehr gute Mütter, aber es gibt nicht weniger gute und sehr gute Väter. Guten Eltern sei gedankt für all die liebenswerten Mitmenschen, die bei ihnen in Kindschaft waren. Bei wem müssen wir uns für die unzähligen Monster bedanken, die in Menschengestalt die Erde in eine Hölle auf Erden verwandeln?


66. Kinder sind ihre eigene Zukunft

In der Menschheitsgeschichte gab es fast immer und überall auf der Welt zu viele Kinder, viele überlebten nicht, scheißegal, die, die überlebten, waren immer noch zu viele. Kinder wurden wie Waren gehandelt, versklavt, verheizt, manchmal gegessen. Kinder waren selten ein liebreizender Anblick, und auch heute sind Kinder in der Regel kleine Ekel, - vielleicht ein schlauer Trick der Natur, um die sexuelle Attraktivität der Kinder für Erwachsene zu mindern. Manche Tierjungen wälzen sich instinktiv im Dung, um von adulten Tieren derselben Art nicht verspeist zu werden.

Die meisten Kinder in der Geschichte der Menschheit kannten nie etwas anderes als Vernachlässigung, die noch das mildeste Schicksal war, - neben Gewalt, Sklaverei und sexueller Ausbeutung. Tiere gelten heute noch juristisch als Sachen, früher wurden auch Kinder so behandelt. Kinder sind ein billiger nachwachsender Rohstoff, und sie gewannen für die Erwachsenen erst an Wert, als sie aufgrund moderner Lebensverhältnisse immer weniger werden mussten. Heute darf kein Kind mehr unbeaufsichtigt draußen spielen, denn der Nachbar könnte ein Perverser sein. Verteilte man Kindern früher fröhlich Hiebe, benutzt man sie heute als Generatoren für Liebe: das überbehütete Kind soll die Eltern glücklich machen.

Was ist die Zukunft der Kindheit? Die Familie ist nicht mehr zeitgemäß. Es ist nicht mehr zumutbar, Kinder per Zufallsprinzip bei Psychopathen oder Alkoholikern, Eltern durch Unfall und Workaholikern aufwachsen zu lassen. Die bestmögliche Förderung wird Kindern durch Erwachsene zuteil, die dafür qualifiziert sind, mit Kindern umzugehen, und denen Kinder nicht scheißegal sind. Die Freiheit ist immer die Freiheit der Machtlosen. Die Freiheit der Kinder muss eine Freiheit von Zufallseltern sein, die Kinder als Verlängerung ihrer selbst sehen, oder als Sinnersatz missbrauchen, und erst recht eine Freiheit von Eltern, die zwar in biologischen, aber nicht in menschlichen Begriffen Eltern sind.


67. Egal ist nicht gleich

Nihilismus ist eine durchaus gesunde Lebenseinstellung. Nihilismus, zu dem man sich nicht bekennt (wie etwa im atheistisch-sozialistischen Gutmenschentum) ist eine Krankheit, aber nicht im medizinischen, sondern im diskurs(theor)ethischen Sinn: ihr seid ja krank!

Im Nihilismus gilt der Grundsatz, dass im Grunde alles egal ist. Viele (aufrichtige wie verlogene) Nihilisten verstehen dieses Prinzip falsch, nämlich als ein Dogma der absoluten Gleichheit aller Menschen, Dinge und Taten. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass aufrichtige Nihilisten weniger zu dieser totalen (und politisch totalitären) Gleichmacherei neigen, - allein schon deshalb, weil sie ihren Nihilismus nicht hinter einer aberwitzigen Maske der Marke "Weltverbesserer" verstecken, sondern sich offen dazu bekennen, dass das Leben als Ganzes sinnlos ist.

Nun ist unbestritten, dass es leckerere und eher fade schmeckende Früchte und Pralinen gibt, schönere und hässlichere Menschen, edle und verachtungswürdige Taten (die auch nach dem Wegfall der Moral ästhetisch das bleiben was sie sind), Siege und Niederlagen, Glück und Unglück. Der nihilistische Standpunkt ist nicht, dass ein Sieg und eine Niederlage dasselbe sind, sondern dass es letztlich egal ist, ob man gewinnt oder verliert. Der Nihilismus sagt nicht, dass ein Lügner und ein ehrlicher Mensch moralisch gleichwertig sind, sondern dass es am Ende egal ist, ob man ein guter oder ein schlechter Mensch ist.

Ob alles erlaubt ist, wenn es Gott (einen höheren, verbindlichen, absoluten Sinn des Weltganzen) nicht gibt, ist für den aufrichtigen Nihilisten eine unsinnige Frage, denn wo alles egal ist, ist nichts geboten, und darum kann weder etwas erlaubt noch etwas verboten sein. Die atheistisch-sozialistische Gutmenschenbewegung (ein faschistoider Humanismus) lässt keinen noch so privaten Lebensbereich von der Schikane der Gebote und Verbote aus. Nichts ist ihnen egal, aber alles ist ihnen gleich. Während der aufrichtige Nihilismus ("alles ist egal") also eine vertretbare und respektable Weltanschauung ist, ist der verlogene Nihilismus ("alles ist gleich") eine perfide Ideologie, und der Atheismus des verlogenen Nihilisten eine monotheistische dogmatische Religion ohne transzendenten Gott und mit nach Lust und Laune austauschbaren heiligen Schriften.


68. Carnivoren

Wenn ein Mann über eine Frau sagt, diese sei alt und verbraucht, dann meint er nicht eine 60-jährige Frau aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, und auch nicht eine 40-jährige Frau wegen nachlassender Frische ihre Haut, sondern in der Regel eine 30-Jährige, wenn nicht sogar eine 20-Jährige, und meint damit, dass diese Frau von so vielen Männern gefickt wurde, dass sie nun eben verbraucht ist. Wie ein Drops, der gelutscht ist.

Betrachten wir den Menschen zuerst als potentielles Sexualobjekt, und setzen wir ihn mit dem tierischen Leben gleich. Weibliche Sexualität ist vegetarisch: Frauen naschen, aber sie verbrauchen nicht. Man google mal Pornoclips wie "N. N. dominates Justine Joli", und vergleiche sie etwa mit einem heterosexuellen Porno mit Sophie Moone. Ein Mann von Geschmack würde Justine Joli nach dem Betrachten des Films noch durchaus begehren, aber Sophie Moone würde er, wenn überhaupt, dann früher als der Clip gedreht wurde, gehabt haben wollen. Heute ist dieser Drops gelutscht. Männliche Sexualität ist auf der ideellen Ebene das, was Fleischkonsum auf der materiellen Ebene ist.

Betrachten wir den Menschen nun als Sexualsubjekt, so gleicht die Frau einer Pflanze und der Mann einem Tier. Hans Jonas misst dem Tier in "Organismus und Freiheit" nicht bloß eine größere Freiheit zu, als der Pflanze, sondern stellt das Tier auf eine höhere Ordnung der Freiheit. Der Mann hat einen höheren natürlichen Subjektstatus, - er lutscht den Drops nicht nur, sondern löst ihn auf, verdaut ihn. Politisch korrekter sprich männerfeindlicher formuliert: der Mann ist ein gefährlicherer Umweltzerstörer als die Frau; wo eine Frau gewütet hat, wächst, wie nach einem Waldbrand, recht bald wieder neue Vegetation, aber wenn der Mann sexuell konsumiert hat, ist das Objekt, wie nach einer nuklearen Explosion, im menschlichen Zeitmaß für immer radioaktiv verseucht.


69. Mitgefühl

Mitgefühl ist immer seicht. Das Übel dieser Welt dient den öffentlichkeitswirksam Mitfühlenden als Wichsvorlage. Sie suhlen sich in Mitleid wie die Schamlosen in Selbstmitleid. Mitgefühl ist eine moralische Schweinerei.

An sich ist Empathie amoralisch, nichts als Emotion. Dieselben Spiegelneurone, die einen auffordern, das Elend der Hungernden mitzufühlen, helfen dem Sadisten, die Schmerzen seines Opfers genießen zu können. Einem Sadisten kann es nicht egal sein, was sein Opfer fühlt, er will es so genau wie möglich wissen, - er muss mitfühlen, um genussvoll quälen zu können.

Die Mitgefühlsfa- und -fetischisten wollen die Fremdheit aller Menschen zueinander auflösen: wer zu allen eine Beziehung hat, fühlt mit allen mit, ist von allem betroffen. Die Mutter aller Beziehungen ist die Macht, die Beziehung zwischen einem Mächtigen und einem Machtlosen. Der Machtlose, mit dem man immer nur mitfühlt, ohne ihm jemals ernsthaft zu helfen, ist der willenlose Sklave seiner Peiniger und Helfer, der Endzustand eines Mitgefühlsopfers.

Moralisch ist nur, die Würde des Menschen zu achten, und zwar nicht bloß in Absichten, sondern auch in konkreten Handlungen. Mitgefühl ist moralische Masturbation, die als solche nur ein harmloses Vergnügen ist, es sei denn der öffentlich Mitfühlende benutzt sein Mitgefühl als Moralkeule gegen den angeblich Kaltherzigen.

Es gibt auch ein moralisches Mitleid, nicht nur ein tierisch-emotionales. Ersteres resultiert aus dem Unrechtsbewusstsein und verursacht einen wirklichen Schmerz im Betrachter, welcher die Verursacher der Übel berechtigterweise fragt: "Warum hast du diese Kinder in die Welt gesetzt, wenn du sie nicht beschützen kannst?", "Warum vögelst du wild rum, und wirfst dann Abtreibungsgegnern Kaltherzigkeit vor, - sind die etwa schuld an deiner ungewollten Schwangerschaft?". Der Mitgefühlsfaschist nimmt sein dankbares Opfer, den Junkie, den Loser, die Nutte, in Schutz, und schreit hysterisch: "Wie kannst du nur so etwas sagen, hast du denn kein Mitgefühl?!!" "Doch, hat er. Aber er kommt sich nicht dabei geil vor, und wird auch nicht davon geil, sondern leidet daran im Gegensatz zu dir", möchte man als neutraler Beobachter erwidern.


70. Feine und keine Unterschiede

Es gibt feine Unterschiede, und es gibt Unterschiede, die keine sind. Ob eine Hure sofort mit Bargeld oder mit lebenslanger Versorgung bezahlt wird, ist kein Unterschied. Ob eine Frau aus ästhetischen (für sich selbst) oder aus sexuellen Gründen (um ihren Körper feilzubieten) auf ihr Äußeres achtet, ist ein feiner Unterschied.

Ein edler Mann und ein Dreckskerl machen einem Mädchen Geschenke. Äußerlich kein Unterschied. Weil der Unterschied nicht offensichtlich ist, ist er eben fein: der Dreckskerl will das Mädchen mit den Geschenken kaufen, und endlich zur Frau machen, während der edle Mann der Schönheit des Mädchens Tribut zollt, und selbstredend keine Gegenleistung erwartet.

Der gute Heide verehrt die Sonne, weil sie da ist, der schlechte Heide betet die Sonne wegen ihres Nutzens für die Landwirtschaft an. Der gute Christ verehrt Gott, weil er Gott ist (das allerheiligste Wesen, der Quell aller Heiligkeit, das Sinnbild der Würde, der absolute Selbstzweck), der schlechte Christ will Gott wie eine Kuh melken, und erwartet für seinen Glauben Belohnung.

Feine Unterschiede sind Unterschiede, die äußerlich keine sind. Unterschiede, die keine sind, führen einen Exhibitionismus der Unterschiedlichkeit auf: es gibt Abertausende religiöse und aberreligiose Kulte, unzählige Wege von Betrug, Hurerei und Mord, viele Sprachen, Völker und Kulturen. Dennoch sind ihre Unterschiede untereinander nur vorgetäuscht: sämtliche Kulte beten einen Teil als das Ganze an, jedes Unrecht ist ein Unrecht, und die Vertreter verschiedener Völker sind entweder Menschen (wenn sie ein transzendentales Ich aufweisen) oder Tiere (wenn sie ausschließlich biologisch gesteuert sind).

Unterschiede, die nicht wesentlich sind, sind keine. Künstlich gemachte oder an Haaren und anderen Äußerlichkeiten herbeigezogene Unterschiede sind keine. Wenn die meisten Menschen miteinander diskutieren, streiten sie sich um künstlich gemachte oder unwesentliche Unterschiede. Im Grunde sind alle immer deselben Meinung (die jeweils dem intellektuellen Entwicklungsniveau entspricht), nur hat der Eine diese Meinung in Grün, der Andere in Blau.


71. Unsere Väter und Mütter

Sie waren alle Nazis, deshalb sind wir in alle Ewigkeit schuldig, und haben die moralische Pflicht, die Scharia in Deutschland einzuführen. Ein Scherz, der hoffentlich ob seiner Blödheit gewürdigt wird, - dieser Unsinn ist selbst als Witz geschmacklos, selbst als Witz. Und dennoch waren oder sind unsere Väter und Mütter Nazi genug, dass wir uns angegriffen fühlen, wenn deren Ehre angetastet wird.

Niemand wird gern ein Hurensohn genannt, doch der Unterschied zwischen einem und keinem ist vergleichsweise unerheblich. Wir weiten den Blick: jeder kann durch irgendein älteres Männchen eine Beleidigung galaktischen Ausmaßes erfahren, wenn dieses Männchen zu ihm sagt, was Darth Vader einst zu Luke Skywalker sagte: ich bin dein Vater. Die plumpe Faktizität der biologischen Vaterschaft ist eine Anmaßung, wo für eine Person, ein Ich, nur die geistige Vaterschaft zählen kann.

Jeder ist einst aus dem Schoße eines Weibchens hervorgekrochen, wie ein Untoter aus der Erde. Es gibt keine größere Indiskretion, als die Tatsache, dass man eine Mutter hat. Wie einer, der Eltern hat, noch sein Gesicht verlieren könnte, ist unerklärlich: dieser Mensch muss so eitel sein, dass er seine kindheitliche Nacktheit und materielle Bedingtheit völlig verdrängt hat.

Der wahre Mensch ist eine mutterlose Kopfgeburt. Sein geistiger Vater hat ihn nicht in Blut, Nacktheit und Hilflosigkeit hineingeboren, sondern in höchster Diskretion ihm den ursprünglichen Ich-Anstoß gegeben, ihn aus der Superposition von Sein und Nichts ins Dasein geweckt. 


72. Jung und Schön

O2 ist eine Telekommunikationsfirma, O3 ist ein Regisseur, dessen jüngster Film "Jung und Schön" schön kontrovers diskutiert wird, - weniger euphemistisch gesagt: es gibt wieder mal hysterisches Geschrei. Die meisten Menschen, insbesondere berufliche Maulhuren, benutzen die Worte "Schlampe", "Hure" und "Nutte" nuttigerweise sehr schlampig, woraus die dümmste Art von Diskussionen resultiert, nämlich jene Diskussionen, in denen für jeden ein und dasselbe Wort etwas anderes bedeutet. Solche Diskussionen fangen aus Streitlust an, und enden mit persönlichen Beleidigungen. Dabei sind die hierfür zu bestimmenden Begriffe schon beleidigend genug.

Eine Schlampe ist jemand, der Unzucht treibt. Es gibt auf der Leinwand nur noch Schlampen, es sei denn, ein Film spielt im Kloster. Die Definition der Nutte ist enger: eine Nutte verkauft ihre Sexualität, und leugnet, dass sie ihre Sexualität verkauft. Wäre die Hauptperson von "Jung und Schön" eine Nutte, wäre die Aufregung nicht so groß. Nun ist sie aber keine Nutte, sondern eine Hure, d. h. jemand, der seine Sexualität verkauft, und dazu steht. Eine 17-Jährige, die sich freiwillig prostituiert: ein Skandal! Sie wurde nicht als Kind missbraucht, sie wird nicht zur Prostitution gezwungen, sondern tut es, weil sie Lust dazu hat. Natürlich fragt man sich als Journalist, Schmeißfliege, Klatschtante oder Aufmerksamkeitsparasit, warum sie das macht.

Die Antwort ist, wie so oft, in den Konsequenzen einer nihilistischen Weltanschauung zu finden. Geld, welches niemals realisiert wird, ist bloß virtuelles Geld. Irgendwann muss mit dem Geld etwas gekauft werden, oder der Glaube daran, dass es noch gilt, schwindet. Schönheit, die nicht realisiert wird, ist virtuelle Schönheit. Im nihilistischen Bewusstsein gibt es keinen Begriff eines Selbstzwecks, der Nihilismus ist das Reich der Mittel (weshalb absolut alles als relativ erscheint). Ein schöner Körper kann nur durch sexuellen Konsum realisiert werden. Wenn es der eigene Körper ist, bedarf es eines äußeren Konsumenten als Mittel des Selbstgenusses. Tierische Menschen, die schön aussehen, wollen vernascht werden, damit ihre Schönheit realisiert wird, und wollen selbst bestimmen, von wem, damit sie durch ihre Reize Macht ausüben können.

Der eigentliche Skandal von "Jung und Schön" ist, dass Sex selbstverständlich scheint und als alternativlos gilt. Als gäbe es keine andere Art, erwachsen zu werden. Wenn der Gradmesser des Erwachsenseins in einer Gesellschaft an der Zerstörung gemessen wird, die du dem Kind in dir angetan hast, dann ist es wahrlich nicht schön, in einer solchen Gesellschaft jung zu sein. 


73. Pickup und Rosinenpicken

Viele Männer trauen sich nicht. Vor einigen Jahren ist die sogenannte Pick-Up-Bewegung entstanden, die diesen Männern auf die Sprünge (in den Sumpf) hilft. Pick-Up-Coaches lehren einen Mann, den Frauen durch bestimmtes Verhalten einen höheren sozialen und finanziellen Status vorzuspielen, sprich, sie bringen ihm das Hochstapeln bei. Natürlich ist eine Frau nach einer kurzen und auf Lügen aufgebauten Beziehung mit einem Pickupisten enttäuscht, denn sie ging ja davon aus, von einem reicheren und mächtigeren Mann abgeschleppt worden zu sein.

All jene Ratschläge, deren sofortigen Erfolg die Starcoaches der Pick-Up-Szene garantieren, sind eigentlich an Männer mit passablem Status und genug Kohle gerichtet. Auch ein erfolgreicher Mann kann Misserfolg bei Frauen haben, etwa wenn er schüchtern ist, oder sein erfolgreiches Erfolgreichsein durch die Aufopferung seiner sämtlichen Freizeit für den Erfolg erfolgt, so dass er gar nicht die Gelegenheit hat, sich in Balzkünsten weiterzubilden, und mit der Zeit einrostet. So jemand braucht aber keinen Pickuptrainer, und falls doch, dann nur, weil er unwissentlich tiefstapelt, d. h. den Frauen in seiner Gegenwart gar nicht zeigt, dass er ein durchaus wohlhabender und angesehener Mann ist. Sobald die Frauen es wissen, und sich kein noch dominanteres Männchen in der Nähe befindet, wird kein Anmachspruch zu plump sein, im Gegenteil: die Frauen werden ihn, und sei er ein Volltrottel, glauben lassen, er wäre George Clooney. "Sei Selbstbewusst!" funktioniert also nur für einen Bruchteil der Pickup-Klientel, nämlich für Männer, deren sozialer Status genügt, um fast jede Frau abzuschleppen, die sich aber aus verschiedenen, meist banalen, und nicht traumatischen Gründen, nicht trauen.

Warum fallen massenhaft Männer, deren niedriger Status Erfolg beim anderen Geschlecht ausschließt, auf Pick Up herein? Weil Pickup auf einer doppelten Lüge basiert: die andere Seite der Goldmedaille für paraplumpisches Hochstapeln ist der Selbstbetrug, dem fast jeder Pickup-Jünger aufsitzt. Früher war man ein schüchterner Typ, der an die Frauen, die er wollte, eh nicht herankam, und sich für die Frauen, die ihn nicht interessierten, selbstredend nicht interessierte. Nun aber spricht er auch Frauen an, auf die er eigentlich nicht steht, einerseits um zu sehen, ob Pick-Up wirklich funktioniert, andererseits um sich selbst zu beweisen, dass er kein Loser ist, und nun, da er das Trughochfliegen beherrscht, auch (im Sumpf) landen kann. An die attraktiveren Frauen kommt er weiterhin nicht heran, denn er wird schon vor einer möglichen Begegnung (vom freundlichen Türsteher oder vom feindseligen Blick der Frau) aussortiert. Also spricht er mit seinen neu erlernten pickupalen Qualifikationen nun Frauen an, die er früher nicht angesprochen hatte, weil sie ihm nicht attraktiv genug waren (nicht etwa, weil er zu schüchtern war), und redet sich ein, dass es ihn glücklich macht, bis die Schere zwischen eingeredetem Glücklichsein und der tatsächlichen empfundenen jämmerlichen Situation zu groß wird, und der betrogene Betrüger sich wieder in den real existierenden deprimierten Masturbismus zurückzieht.   

Cui bono? Wer profitiert also von Pick-Up? Erstens die Pick-Up-Coaches, die damit Geld verdienen, zweitens schüchterne oder eingerostete Alphamännchen, und drittens unattraktive Frauen, für die es völlig anstrengungslos auf einmal normale bis mittelprächtige Kerle regnet, und die sich folglich so zu benehmen erdreisten, wie es nur den attraktiven Frauen zusteht (asozial und überheblich). Wer ist der Verlierer, wenn man das Pickupphänomen in seiner möglichen Wirkung zu Ende denkt? Der normale und mittelprächtige Mann: nun müsste ihm jede Frau gut genug sein (denn er wäre ein Loser, wenn er gar keine hätte), er müsste sich fortwährend verstellen in Tateinheit mit bis zum Burnout abstrampeln, und fände überall nur noch asoziale und überhebliche Frauen vor. Manche behaupten ja, dies sei in der Bundesrepublik bereits der status quo.


74. Genderfreie Wollust

Zwei Erwachsene haben wollüstigerweise Lust. Welcher Nihilist würde es ihnen verdenken? Die zwei Typen gehen ordentlich miteinander ins Bett, so dass nicht nur die Rücksitze des Personenkraftwagens darunter leiden, sondern auch das Schiebedach in Mitleidenschaft gezogen wird und die Klimaanlage ausfällt.

Zwei Kinder über 18 tauschen Zärtlichkeiten aus. Hauchzart schlängelt sich ein schlanker weiblicher Körper über den anderen, es wird geflüstert, gekichert und geküsst. Anmutige Bewegungen.

Ein Mann und eine Frau wollen es. Beide. Doch nur wird es feucherweise haarig: der Mann ist der Frau irgendwie etwas schuldig, die Frau hat irgendwie irgendwas bei ihm gut. Nein? Dann sagt sie vielleicht am nächsten Morgen zu ihrer Freundin: "Du, Gisela, ich glaube, ich wurde gestern vergewaltigt". Ein Mann und eine Frau fickten. Als das Geschäft verrichtet war, verpisste sich der Mann, ebenso wie die Frau, nach Hause. Beide bekamen was sie wollten, beide gaben es einander, und doch...

Im Erwachsenenfilm "Philadelphia" (1993, Regie: Jonathan Demme), heißt die Umschreibung für "Sag deutlich, was Sache ist" wie folgt: "Erklären Sie es mir so, als wäre ich fünf Jahre alt", oder ähnlich (wie recht kann man sich schon entsinnen). Erklären Sie es mir so, als wäre ich fünf Jahre alt, warum ist ein Mann einer Frau (die keine Hure ist) für Sex, den beide wollen, "irgendwie" etwas schuldig, ja oft sogar für ihre bloße Anwesenheit? Sie schweigen, gnädiger Herr, und schauen angstvoll auf die Dame dort drüben, als müssten Sie schon vor dem ersten Blickkontakt erahnen, ob Sie in ihrer Gegenwart so tun müssen, als wären Sie Luft, oder ob Sie gerade unsanft augefordert wurden, den Affen zu spielen.

Das Herrliche am Nihilismus ist, dass der Nihilist tatsächlich so tun kann, als wäre er fünf Jahre alt. Der Nihilist muss nichts verstehen, was er eigentlich längst verstanden hat. Im Nihilismus ist Gender Mainstreamig zu Ende gedacht, bevor man angefangen hat, diesen Kraftausdruck auszusprechen. Es ist immer wie in den ersten zwei Absätzen: zwei Freiwillige sind so frei. Keiner kauft, keiner wird gekauft. Keiner tritt mit einer Bringschuld in den Ring. Und falls widerliche Spielchen doch stattfinden, so darf man sie auf charmant-ästhtische Art hässlich, abscheulich, abstoßend finden, und muss nicht steif-unerotische Moralbegriffe wie "unwürdig" benutzen, deren Bedeutung ohnehin der großen Mehrheit verschlossen bleibt.


75. Was Frauen Wollen

Die Frage stellt sich wohl jeder Mann (so hieß sogar ein kitschiger Film mit Mel Gibson, als es mit ihm als Schauspieler bergab ging), - und jede Frau. Bezieht sich die Frage darauf, was die Frau als Weibchen will, so stellt sich diese Frage nur Männchen, aber keinen Männern. Ist damit gefragt, was eine Frau als Mensch will, so ist das eine selten dämliche Frage, denn jeder Mensch will etwas anderes.

Frauen, die nur das Eine können, wollen Männer, die nur das Eine wollen. Weibchen verlangen nach Männchen (und umgekehrt), um sich fortzupflanzen, oder durch exzessives fruchtloses Ausleben der Sexualität es dem eigenen Gehirn vorzuspielen. Nur Menschen können klug sein, aber das Gehirn ist dumm, und unterscheidet nicht zwischen echter und simulierter Erfüllung der Naturtriebe: in beiden Fällen reagiert sein Belohnungssystem, die natürliche Drogendiele.

Weshalb fragen denn Männer danach, was Frauen wollen? Wohl um den schnellsten Weg zur erfüllten Wollust zu finden. Solche Männer benutzen Frauen als Mittel zum Zweck, und sind widerlicher als gewöhnliche Freier, weil sie nicht ehrlicherweise fragen, wie sie Frauen ins Bett kriegen, sondern vorgeben, sich dafür zu interessieren, was Frauen angeblich wollen. Frauen, die dieses Spielchen mitspielen, sind nicht besser.

Die Frage ist also dümmer, als die Frage, ob es nachts kälter ist als draußen. Mit etwas mehr Verstand (dem Vermögen zu denken) und etwas weniger Hirn (einer Neuromaschine zur Erfüllung der biologischen Aufgabe eines Individuums in der Gattung) kann man diese Frage dennoch klüger stellen als sie ist: was würde ein Mann wollen, wenn er eine Frau wäre? All das, was er auch als Mann wollen können würde.

Zusammenfassend kann der neutrale, übermännliche Beobachter, jedem Mann, der diese Frage stellt, sagen: Frauen wollen all das, was sie eben wollen, aber wie kommst du, dämlicher Trottel, dazu, dich zwischen einer Frau und dem, was sie will, zu stellen, und dir einzubilden, Frauen würden das, was (auch immer) sie wollen, aus deinen Händen empfangen wollen?


76. Persönlichkeit und Nihilismus

Je stärker eine Persönlichkeit, umso deutlicher bekennt sie sich zum Nihilismus, wenn dieser tatsächlich ihre Weltanschauung respräsentiert, - die Bereitschaft, alle Denkverbote und Trosttabus fallen zu lassen, und die Nichtigkeit aller möglichen Ziele, Wünsche und Hoffnungen zu erkennen, wächst mit der Reife des Geistes. Der Schwächling verdeckt seine geistige Scham mit vereinzelten "Werten", die keine konsistente Weltanschauung bilden, - sie werden vielmehr postuliert, um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit aller eitlen Bestrebungen mit einer Moralkeule zu vertreiben.

Je willensstärker ein Mensch, umso längerfristig kann er planen. Der fremdbestimmte Mensch - als Objekt, als Sklave seiner Triebe oder einer äußeren Macht, - lebt in den Tag hinein, und kennt weder Zukunft noch ein klares Bewusstsein vom Tod. Eine starke Persönlichkeit kann mit 30 Jahren bereits mit aller Ruhe auf ihren eigenen Alterstod blicken. Auch Zeiträume wie 6000 Jahre (Geschichte der Menschheit), eine Milliarde Jahre (Geschichte mehrzelligen Lebens auf der Erde) und 14 Milliarde Jahre (Alters des Universums) sind mit einiger Übung überschaubar. Was ist die Konsequenz?

Stolz, Würde und Geschmack werden davon, dass alles angesichts des Todes egal ist, nicht tangiert. Man bleibt weiterhin ein moralischer Mensch, weil der Stolz einem nicht erlaubt, wie ein Tier zu leben, und weil Würde und Geschmack einem nicht verzeihen würden, wenn man sich vor sich selbst ekeln müsste. Dass alles angesichts des großen Nichts, wie weit man dieses auch fasst (der eigene Tod, das Ende der Menschheit, die Vernichtung des Universums), letztlich egal ist, ist keine Entichungsfreikarte. Ein Ich lässt sich nicht rückgängig machen, es ist die einzige unbestreitbare ontologische Tatsache: Ich bin Ich.

Der Nihilismus einer reifen moralischen Persönlichkeit mit Stolz, Würde und Geschmack kann also entweder ein heroischer oder ein mystischer sein. Der heroische Nihilist lebt sein Leben so, als ob angesichts des unendlichen ewigen Nichts, das letztlich alles vergangene, gegenwärtige und zukünftige Sein verschlingen wird, nicht alles egal wäre, und strebt nach moralischer Vollkommenheit ohne jede Aussicht auf Glückseligkeit. Der mystische Nihilist zieht sich von allem zurück, was eitel ist, also letztlich von allem, was nicht nichts ist. In der Hinwendung zum Nichts strebt er nach ontologischer Vollkommenheit, will das Nichts vernichten, indem er vor der Vernichtung seines Ich durch das Nichts selbst zum Nichts wird.


77. Die Eitelkeit der Zahlen

Wenn buddhistische Mönche wochenlang in mühseliger Arbeit ein Kunstwerk aus feinstem Sand fertigen, um dieses in einem einzigen Augenblick zu zerstören, dann fragt sich der normale energiesparende Betrachter, was dieses sinnlose Getue soll. Keine biologische Todsünde (kinderlose Ehe, Miseugenik, Suizid mit 18) ist so verstörend, wie die Sünde gegen die Entropie, die absichtlich zwecklose Mühe.

Doch was tun wir anderes, wenn wir zur Schule gehen, studieren, und weiterbilden, lesen und denken? Erst lernt man, dass der Mond 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist, und der Zweite Weltkrieg 1939-1945 stattfand und von Deutschland ausging. Später lernt man, dass der Mond, als er gerade entstanden war, nur 20000 Kilometer von der Erde entfernt war, und dass man den Zweiten Weltkrieg anders datieren und in einem größeren Zusammenhang sehen muss. Man lernt immer mehr, bis man gelernt hat, dass alles egal ist. Auf einmal ist die jahrelange Mühe in einem einzigen Augenblick sinnlos geworden.

Wie lange gibt es schon die menschliche Zivilisation? Das ist egal. Wie entstehen schwere Elemente in den Sternen? Furzegal. Wie sieht die politische Landkarte am Ende des 21. Jahrhunderts aus? Piepegal. Werde ich reich und berühmt? Wie lange habe ich noch zu leben? Werde ich nach meinem Tod in guter Erinnerung bleiben? Vollkommen egal.

Wer erkannt hat, dass alles eitel ist, hat noch nicht alles erkannt. Auch die Eitelkeit ist nämlich eitel. Auch sein Wissen, seine Erkenntnisse, auf die er so stolz ist, sind eitel. Alle Fakten und Zahlen sind bedeutungslos, alle Zusammenhänge letztlich kontingent. Es ist auch egal, ob du weißt, dass alles egal ist, wenn nach dem Tod tatsächlich nichts mehr kommt, und damit alles objektiv egal ist, egal, ob es dir in diesem Augenblick egal ist oder nicht.


78. Diesseitsromantik

Oberflächlich betrachtet, macht die Liebe das Leben sinnvoll. In Wirklichkeit verschleiert sie nur, dass alles im Großen und Ganzen egal ist, während ohne die (romantische) Liebe die Sinnlosigkeit des Lebens offen zutage liegt.

Die Liebe bündelt die existentiellen Prioritäten und fokussiert sie auf ihr (diesseitiges) Objekt. Da dieses Objekt eine sterbliche Person ist, entsteht aus der Vergänglichkeit dieser dem Liebenden ein heroisches Gefühl: er lehnt sich gegen die Vergänglichkeit der geliebten Person auf, und verehrt sie so, als wäre sie unsterblich.

Um sich nicht (vergeblich) gegen das große Egal aufzulehnen, lehnt sich der Romantiker gegen das kleine Egal auf: es ist egal, wie sehr du liebst, ihre Schönheit und ihr Leben werden trotzdem vergehen. Doch nach dem Ende der Liebe bleibt der Romantiker selbst immer noch am Leben, und muss sich selbst in der größten Verzweiflung nicht mit der eigenen Vergänglichkeit befassen.


79. Menschliche Liebe?

Der Mensch ist ein aberwitziges Zwischenwesen zwischen einem Tier und einem Gott: er ist gänzlich durch Materie bedingt, doch findet seine wahre Identität nur im Geist, er ist sterblich, doch sein Wesen (transzendentales Ich) lässt sich nur unsterblich denken. Der Mensch lässt sich weder völlig auf Materie reduzieren, und somit seiner Würde berauben und moralisch entlasten, noch kann er darauf bauen, dass die welttranszendenten Gesetze der Vernunft (wie etwa die ewige Glückseligkeit mit der Bedingung der Würdigkeit, ihrer teilhaftig zu werden: das höchste Gut in Kants Moralphilosophie)  mit Sicherheit objektiv gültig sind.

Die Liebe des Menschen unterscheidet sich frei nach Weininger in eine männliche Form (romantische Liebe) und eine weibliche Form (Sex), so wie "lieben" einerseits Verehrung bedeuten kann, und andererseits so wie "Ich liebe Lammfleisch!" verstanden werden kann. Wie gesagt, der Mensch ist ein Zwischenwesen. Um diesem Schweben über dem Abgrund zwischen zwei unversöhnlichen Extremen gerecht zu werden, errichtet er mannigfach Luftschlösser, die aus seiner materiellen Bedingtheit und geistigen Freiheit zusammengesetzt sind. Das gemütlichste bisher gebaute Luftschloss ist die Kleinfamilie, das höchste, und an den Turmbau zu Babel erinnernde, ist der Staat.

Auch die Liebe kann sich ein Luftschlösschen bauen, warum nicht mit hängenden Gärten drumrum und dem Gezwitscher der Nachfahren der Dinosaurier auf der einen und dem Gesang unserer willenlosen Geschwister im Geiste auf der anderen Seite des Hiatus. Eine genuin menschliche Form der Liebesbeziehung kann weder romantisch (idealisierend, transzendent) noch sexuell (tierisch, zerstörerisch) sein. Sie kann weder der einen noch der anderen Seite angehören, und doch muss sie unverzichtbare Elemente beider Seiten vereinigen. Von der materiellen Seite erfordert sie eine durch körperliche Schönheit ermöglichte Zärtlichkeit, von der geistigen Seite ein fortwährendes Interesse an der konkreten Person, das nur durch eine Schönheit der Seele hervorgerufen werden kann.

Der andere Mensch ist weder Fickfutter noch Projektionsfläche für das eigene Ich-Ideal, - er ist genauso Mensch wie man selbst, und darf unperfekt sein. Eine verlockend humane Vorstellung, die auf einer sehr instabilen Hängebrücke balanciert, denn die mehresten Beziehungen kippen leicht auf die tierische Seite, und einige, die über einen gewissen Zeitraum ohne Unzucht auskommen, steuern, um die Fleischeslust weiterhin fernzuhalten, auf die keusche und idealisierende romantische Liebe zu.


80. Die Qual mit der Qual

BDSM-Erotik gehört inzwischen zur Allgemeinbildung. Zwar sind die sensibleren Spielarten des Sadomasochismus weiterhin nirgendwo anzutreffen, als in den Köpfen feinerer erotischer Phantasten (das Humanmaterial der potentiellen Darsteller ist zu plump, um diese zu realisieren), doch selbst in der Vulgärliteratur ist das Thema mittlerweile angekommen.

Warum, fragt sich ein kultivierter Genießer erotischer Spielfilme, hat die Erniedrigung einer Frau durch eine andere Frau (vorausgesetzt, sie ist elegant und nicht plump) etwas Würdevolles, wo unsere Maus doch gequält und gedemütigt wird? Warum ist der Anblick einer Frau, die von einem Mann genauso behandelt wird, nichts als widerlich, und weshalb möchte der zivilisierte Zuschauer diesen Mann, je plumper er ist, auf umso menschenverachtendere Art hinrichten?

Wenn unsere Maus mit einer anderen Frau wechselwirkt, dann fühlt es sich auf bestimmte Weise an: es fühlt sich so oder so an, aber niemand wird persönlich davon berührt. Kommt ein Ich ins Spiel, durch einen Mann verkörpert, genießt sich unsere Maus selbst durch den Mann, dessen Körper, Begierde und Persönlichkeit für sie ein bloßes Mittel des Selbstgenusses sind. Handelt es sich um einen eleganten Schönling, der die Frau mit großer Zartheit und Demut berührt, so sehen wir eine Frau, die sich der Würde ihrer Schönheit bewusst wird. Behandelt der Mann eine Frau respektlos, erniedrigt er sie, so sehen wir eine Frau, die es genießt, dass der Zuschauer an der Beschmutzung der Schönheit leidet. Der Zuschauer fühlt sich sexuell missbraucht, und es ist ein Irrtum, den Mann, der in der Pornographie ein bloßes Mittel, ein Werkzeug, nicht wichtiger als ein Vibrator ist, für einen Täter zu halten, und die Frau, die im Mittelpunkt steht, für ein Opfer oder ein Sexualobjekt für andere (sie wird zum Sexalobjekt für andere, erst indem sie im Selbstgenuss Sexualobjekt für sich selbst ist). Wohlgemerkt existieren auch sensiblere Spielarten des Sadomasochismus, in denen unsere Maus sich selbst durch einen Mann genießen kann, aber so dass die Würde ihrer Schönheit dadurch nicht besudelt wird, - dies ist aber bestenfalls allgemeinerotische Zukunkftsmusik, und ist gegenwärtig nirgendwo anzutreffen, als in den Köpfen feinerer erotischer Phantasten.


81. Trümmerfrauen

Während Männer in malerischen Gefechten freudevoll ihr Leben lassen, bleiben in der tristen Heimat die traurigen Trümmerfrauen zurück; Männer dürfen sich an der Front wie spielende Kinder austoben, Frauen müssen zu Hause den Schutt der Kriegsverwüstungen aufräumen. Zum Beispiel in München, wo Widerstandskämpfer gegen tote Nazis sich wider ein Denkmal für die Trümmerfrauen  erheben. Nein, die NPD sollte man auf keinen Fall verbieten, denn es ist besser, wenn das geistige Prekariat wählen geht, als wenn es außerparlamentarisch opponiert. Die Grünen zu verbieten wäre eine für dieses Land wohltuende Entscheidung, und das moralische Prekariat hätte immer noch drei bis fünf Blockparteien zur Auswahl.

Männer wollen frei sein, Frauen leiden folglich an einem ungemütlichen Mangel an Sicherheit. Immer wenn sich Männer von Frauen emanzipieren, zerbrechen infantile Kastensysteme, und auf einmal kann jeder alles werden: ein Bauernsohn wird ein großer Wissenschaftler, eine Arbeitertochter wird erfolgreiche Unternehmerin. Ein trockener Alptraum, denn wenn jeder alles gewinnen kann, kann auch jeder alles verlieren. Seit einiger Zeit kämpfen der bevormundende Staat, die gleich zum Wohle der Habenden geschalteten Medien und die alleinerziehenden Mütter aufopferungsvoll gegen die Freiheit, Verzeihung, für die Sicherheit, und zwar indem sie Männer und Jungen für sich selbst aufopfern. Bald werden diese testosterongesteuerten Bestien gezähmt sein, und wir werden wieder in Höhlen leben und nachhaltig wirtschaften.

Jeder Mann, der zum Mann wird, weiß: du bist, was du tust. Jede Frau weiß von Natur aus: du bist, was du hast. Da man zum Mann erst werden muss, sind die Männer das schwächere Geschlecht. Nachdem ein Mann zum Mann geworden ist, wird er noch schwächer: er fühlt sich bestimmten Werten, Normen, Idealen verpflichtet, und ordnet seine Triebe und Wünsche ihnen unter. Die Frau unterstützt ihn dabei, aber nur solange wie er vom Menschen spricht und nur sich selbst, den Mann, damit anspricht: der Mann soll sich ruhig verpflichtet fühlen, sei es durch Religion oder Vernunft, und er soll seine Geschlechtsgenossen zwingen, wenn deren selbstsüchtige Wünsche der Pflicht zuwiderlaufen. Wenn der Mann dasselbe auch von der Frau fordert, wird seine Religion für ein patriarchales Machtinstrument erklärt, und seine Vernunft als ein männlicher Logozentrismus relativiert.

Im Nihilismus hat es keinen Sinn, irgendwelche Werte hochzuhalten. Warum soll man ein Mann werden wollen? Ein Junge kann auch infantil bleiben, und auf jede sittliche oder moralische Forderung, dem Beispiel seiner Mutter und Schwester folgend, erwidern, sie sei diskriminierend, und missachte seine wahren Bedürfnisse und Wünsche. Wenn sich jeder Mann endlich um seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche kümmert, hört der alberne kindische Krieg gegen die äußere und innere Natur auf, und wir alle dürfen als Trümmerfrauen des Nihilismus den Planeten erstmal gründlich aufräumen, was keineswegs im martialisch-metaphorischen Sinn gemeint ist, sondern im Sinne einer routinierten Putzfrau. Dass uns keiner später dafür Denkmäler bauen wird, müssen wir freilich in Kauf nehmen.


82. Lyrik als Ersatzhandlung

Ein Hund sieht seinem Herrchen beim Essen zu. Der Hund kann nicht einfach nach dem Steak greifen, weil er dafür Stockhiebe bekommt, er kann aber auch nicht einfach weggehen, weil er scharf auf das Stück Fleisch ist. Der Hund bleibt einfach da und beginnt, sich am Ohr zu kratzen. Mit dieser einfachen Parabel lässt sich nicht nur die Partystimmung des sexuell bedürftigen Menschen, sondern auch jede menschliche Kulturleistung erschöpfend beschreiben. Der Mensch ist auch nur ein Hund, aber auch nicht nur ein Hund: er ist freilich ein Kaninchen und durchaus eine Maus.

Warum schreibt man Gedichte? Eigentlich will man Bunnies knallen, die attraktivsten 0,39%, aber diese sind längst versteigert und harren in Harems aus. Da will man - ach! - die Harems stürmen, hat aber kein besonders stürmisches Gemüt, dann will man - scheißdrauf! - sich vom Flohmarkt der Sexualitäten gänzlich zurückziehen, ist jedoch zu geil und möchte nicht allein sein. Also "sublimiert" man seine sexuelle Energie und schreibt Gedichte. Dabei übersieht man freilich, dass in der Physik des Geistes zwar eine höhere Energieform in eine niedere umgewandelt werden kann, aber nicht umgekehrt: ein Geistesblitz der Inspiration kann zu einem fruchtbaren Gedanken werden oder zu einer (im positiven Sinne) furchtbaren erotischen Phantasie, aber Geilheit kann keine Gedanken erzeugen, und auch keine für lyrisches Schaffen erforderlichen Assoziationsketten biden. Man sublimiert nicht die sexuelle Energie, um aus der tierischen Geilheit etwas menschliches und darum wertvolleres zu machen, - man verschwendet seine geistige Energie, mit der man hätte denken können, zum Dichten. Aus Frust und Feigheit sabotiert man sich selbst, verschwendet seine Zeit, kratzt sich am Ohr wie der dumme Hund, und nennt es Lyrik.


83. Kultur als Ersatzkonsequenz

Was man will, kann man nicht, und was man kann, will man nicht, - das ist die konkrete conditio humana (die abstrakte beschreibt sich dadurch, dass der Mensch sterblich ist, und nicht weiß, was ihn nach dem Tode erwartet). Ob rechtliche, moralische oder physikalische Gründe für das Nichtkönnen verantwortlich sind, spielt keine Rolle: ein Durchschnittstrottel will ein Supermodel (ehe- und ehrlos) ehelichen, bekommt aber keins, weil er zu arm (für gesellschaftlich anerkanntes Beischlafsrecht), zu skrupelvoll (meist ein Feigenblatt: moralische Gründe werden gern vorgeschoben, wenn etwas aus anderen Gründen unmöglich ist) oder zu schwach ist. Aber der Wunsch ist dennoch da, jeden verdammten Tag. Und der Trottel selbst ist auch noch da, er löst sich ja nicht in Luft auf, weil seine Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Was macht er also? Er ist zu feige, bestimmte Konsequenzen konsequent zu ziehen, und sich fortan der Sexualität oder des Lebens zu enthalten, aber er ist zu eitel, um überhaupt keine Konsequenzen zu ziehen (selbst ein Mensch ohne Ehre und Würde hat aberwitzigerweise noch seinen Stolz). Was tut der gute Arsch? Er geht ins Theater, ins Museum, besucht Konzerte, fängt an zu malen, liest Weltliteratur, versucht in brotlosen Künsten seine Eitelkeit ersatzzubefriedigen.

Im Paradies kann es keine Kultur geben, da jeder Wunsch erfüllt wird, und Ersatzhandlungen daher sinnlos sind. Unter uneitlen Menschen (die sich nicht anders als Maschinen denken lassen) kann es auch keine Kultur geben, da jeder mit dem zufrieden ist, was er hat, da er über eine emotionslose und realistische Selbsteinschätzung verfügt. Unter charakterstarken Menschen kann es ebenfalls keine Kultur geben, weil jeder, der eine Welt vorfindet, die seinen persönlichen Idealvorstellungen nicht enstpricht, diese Welt konsequenterweise unmittelbar zu zerstören beginnt oder sogleich verlässt. Hieraus ergibt sich, dass es keinen Grund geben kann, auf kulturelle Leistungen stolz zu sein, - vielmehr muss man sich ihrer schämen, da sie offensichtlich ein Produkt aus Feigheit, Unentschlossenheit und Charakterschwäche sind.


84. И рыбку съесть и на хуй сесть

Das russische Sprichwort im Titel kann man zensurgerecht mit "Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen" übersetzen. Dieses Sprichwort - selbstredend das derbe Original, nicht die Übersetzung - kommt mir oft in den Sinn, wenn ich über das moralische Gehabe der Menschen nachdenke. Man will unbedingt ein guter Mensch sein, und noch unbedingter zeigen, dass man einer ist. Was ist dagegen einzuwenden? Es ist löblich, moralisch sein zu wollen, Gutes zu tun, - und es wäre eine nahezu masochistische Bescheidenheit, dies auch noch zu verheimlichen. Doch sobald nur die leiseste Spur eines selbstsüchtigen Vorteils zu erahnen ist, ergreift man in größter Eile und mit beängstigender Selbstverständlichkeit diesen Vorteil, natürlich ohne jede Rücksicht auf die selbsterklärten moralischen Werte. Man will auf Moral nicht verzichten, jedoch nur dann moralisch handeln, wenn es der eigenen amoralischen Selbstsucht keinen Abbruch tut.

Für den Nihilisten ist ein solches Getue lächerlich, denn es gibt nihilistischerweise keinen Grund, moralisch zu handeln. Für die moralische Persönlichkeit ist jemand, der nur dann moralisch ist, wenn es die eigenen Triebe, Neigungen und Gelüste nicht stört, in Immanuel Kants Worten ein Nichtswürdiger. Für mein ethiko-ästhetisches Empfinden stinkt besonders die Verlogenheit: man will sich als ein guter Mensch fühlen, als einer gelten, ist aber nicht wirklich bereit, einer zu sein. Warum nicht einfach ein Arschloch sein und dazu stehen? Und da der derbe Ausdruck sich jetzt doch nicht vermeiden ließ, kann das Sprichwort nun unzensiert übersetzt werden: "Das Fischchen essen und auf den Steifen steigen". Nein, der Witz kommt nicht wirklich rüber, - aber dass es nuttig ist, beides zu wollen, durchaus.


85. Doch ein bloßes Tier?

All die Kriege und Massaker der Weltgeschichte werden vom Alltagsverstand gern als Argument benutzt, dass der Mensch im Grunde doch nicht mehr als ein bloßes Tier sei. Dabei sind große Emotionen wie bei Fussball, Patriotismus und Amokläufen sowie akribisch geplante und erbittert geführte totale Kriege nur allzu menschlich, und mitnichten tierisch. Das Böse ist gerade eine Möglichkeit des Menschen, die das Tier nicht besitzt: das Tier gehorcht sklavisch seinen Trieben und Neigungen, der Mensch besitzt aber eine Ungeheuerlichkeiten ermöglichende freie Willkür.

Der Opportunismus der meisten Menschen, die Schwäche des Willens gegenüber der Selbstsucht sowie die charakterliche Einfältigkeit, die bodenlose Dummheit, die Verweigerung der Rationalistät und Humanität zugunsten des eigenen falschen Stolzes - des Dummstolzes eines Zweijährigen oder Vollidioten - , all das wiegt schwer, doch überwiegt letztlich nicht die evidenten Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst und Zivilisation.

Und doch gibt es etwas, was mich nötigt, jede Verteidigung der Menschheit in der Person anderer fallen zu lassen, und in den Chor der Naturwissenschaftler und insbesondere Evolutionisten einzustimmen: wenn ich sehe, wer alles sich fortpflanzt, und unter welchen grausamen Umständen Menschen so selbstverständlich wie Ratten, Schlangen und Insekten Nachkommen zeugen, dann scheinen sie mir dem Tierreich so nahe zu sein, und dem Vernunftwesen Mensch so fern, dass eine nihilistische Apathie sich meiner bemächtigt, der ich nichts als das unleugbare Faktum der Menschheit (der Würde, Vernunft, Moralität) in meiner Person entgegensetzen kann, was zwar für den Einzelnen mehr als genug ist, aber angesichts des Zustandes der Gattung aus der Perspektive der dritten Person als eine aberwitzige Anomalie meiner Hirnfunktionen erscheint.


86. Sensibilität und Kontrolle

Menschen, die zu stark empfinden, denen z. B. das Leid anderer wirklich nicht am Arsch vorbei geht, die tatsächlich mitfühlen, und lösungs- und nicht linderungsorientiert helfen, sind nicht nur gut und selten, sondern auch für die Mitmenschen ein großer Segen. Und doch verflucht man sie, indem man echter Sensibilität vorwirft, sie könne bloß ihre Emotionen nicht kontrollieren. Ehrliche und wohlüberlegte Statements werden zu Floskeln abgewertet; eine von tatsächlichen Floskeln (etwa der political correctness) freie Rede wird als Stammtischgequatsche missverstanden oder sogar des politischen Extremismus bezichtigt. Dabei ist das Mitfühlen sowenig politisch wie Humanität und echte (lösungs- und nicht linderungsorientierte) Hilfsbereitschaft.

Natürlich können Worte und Taten sensibler Menschen politisch missbraucht werden, so kann z. B. jede Aussage über unschuldige Opfer des Krieges oder etwa der Kinderzeugung in ein Leben des Elends und der Kriminalität hinein als undifferenzierte Anklage der Täter mit Sippenhaft oder als faschistoide Kastrationsforderung für bestimmte Bevölkerungsgruppen missverstanden werden. Die folgende Feststellung ist nicht politisch korrekt, aber sie ist wahr: es kommt sehr wohl darauf an, WER etwas sagt, und zwei identische Statements können aus dem einen Munde wahr und zustimmungswürdig und aus dem anderen falsch und abscheulich sein.

Es gibt in jeder Gesellschaft einen Rahmen für akzeptierte Statements, und wer sich innerhalb dieses Rahmens bewegt, gibt oft nur Floskeln wieder, die er wie ein Hündchen andressiert bekam, wogegen tieferes Nachdenken immer die Grenzen des Korrekten, ja oft sogar des Sagbaren sprengt. Kontrollierte Kälte, am besten noch gepaart mit Zynismus, mag vielleicht einen tadellosen Eindruck hinterlassen, kann aber keinen Nachweis erbringen, dass die sich kontrolliert im Rahmen bestimmter Denk- und Sprechverbote befindende Person in Wirklichkeit nicht doch verabscheuungswürdige An- und Absichten hat, und diese nur - anders als etwa ein Dummkopf - für sich behalten kann, wenn (und wo) diese für das Image nachteilig sind. Auf einem Nazikonzert irgendwo im Nirgendwo treffen sich dann der offen faschistische Dummkopf und der Schwätzer vom Stammtisch, und begrüßen ihren Gruppenführer, den überangepassten politisch korrekten Musterbürger.


87. Sugarbabes

So heißen Frauen, die Beziehungen verkaufen. Zur Zeit ist das ein weit verbreitetes Internet-Phänomen, aber diese Zwischenstufe zwischen Prostitution und Ehe gab es natürlich - unter anderem Namen oder unbenannt - schon immer. Die Sugardaddys - Männer, die Beziehungen kaufen, - wissen, woran sie bei den Frauen sind, was ein Vorteil gegenüber normalen Beziehungen ist, doch sie wissen auch zu genau, woran sie sind, was der Nachteil gegenüber normalen Beziehungen ist. Der Vergleich zu Prostitution gestaltet sich noch harmonischer: es kommt einfach mehr in den Warenkorb. Besonders das ganze Drumherum ist ein großer Gewinn für den Sugardaddy, denn in einer normalen Beziehung müsste er im Alleingang für Stimmung, Emotionen und Unterhaltung sorgen. Die Frau wiederum bekommt durch das Arrangement einen Mann, dem die Klarheit der Situation und das Geld, das er für die Beziehung zahlt, jene Männlichkeit verleihen, die die Frau heute bei verweiblichten, unentschlossenen und feigschüchternen Männern mit der Lupe suchen muss, und mit derselbigen auch nur noch in der Hose findet.

Sind Sugardaddys-Sugarbabes-Arrangements unethisch? Unmoralisch ja, aber nicht wirklich sittenwidrig. Wo zwei oder mehr im Namen des Eigennutzes versammelt sind, ist ohnehin alles ein Geschäft. Hübsche Frauen können sich aussuchen, ob sie früh einen reichen Mann heiraten wollen, sich als Sugarbabe oder als Prostituierte verkaufen, oder vielleicht auch Mathematik, Geologie, Astrophysik oder Philosophie studieren wollen, um dann ich weiß auch nicht. Frauen, die subsuboptimal aussehen, haben wie alle nicht-reichen Männer das Nachsehen, was keine Veränderung zu früher ist, im Gegenteil: jede gesellschaftliche Veränderung ist lediglich eine Neujustierung der ewigen Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Mittelmäßig aussehende Frauen und Männer, die sich für wohlhabend halten, es aber nicht wirklich sind, sind naturgemäß die größten Kritiker der Sugarbabes und Sugardaddys, nicht nur weil sie sich nicht leisten können, diese bzw. jene zu sein. Das peinliche Gequatsche von "inneren Werten", die sie den Schönen und Reichen angeblich voraus haben, erweist sich bereits im Alltag als Lüge, noch mehr in Freundschaften, und erst recht in Beziehungen. Frauen, die etwas weniger gut aussehen, sind deshalb noch lange nicht moralischer als die Hübschen; Männer mit nicht so viel Geld meinen es mit dem Veganismus, dem Retten der Wale und dem "Schönheit ist nicht so wichtig" überhaupt nicht ernst, was sie immer aufs Neue beweisen, sobald sie wirklich wohlhabend werden. Die große Mehrheit muss also das Phänomen Sugarbabes/Sugardaddys als Bereicherung der Lebensqualität dankbar annehmen, anstatt es scheinheilig zu kritisieren.


88. Incels

Ein Incel ist ein unfreiwilliger Single. Für den klischeebeladenen Alltagsverstand kann so jemand nur ein Loser sein, ein Freak; für besonders dumme und bösgläubige, ignorante und schadenfrohe Menschen gar ein potentieller Amokläufer. Ein sensiblerer Naivling wird wenigstens noch Mitleid empfinden, doch auch dieses ist am Platze freilich fehl. Unfreiwillig Single zu sein bedeutet nämlich nicht, von gar niemandem als Beziehungspartner gewollt zu werden, sondern in der Regel, dass die Ansprüche für den gegenwärtigen sozialen Status zu hoch sind. Diese zu hohen Ansprüche kommen nicht aus dem Nichts, sondern resultieren daraus, dass Incels eher bessere Menschen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Es ist bekannt, dass jene Persönlichkeitsmerkmale, die zum sexuellen Erfolg führen, nur mit erheblichen charakterlichen Defiziten zu erkaufen sind; die besseren Charaktere haben einen sexuellen Nachteil, weil sie durch ihre höhere Sensibilität und Moralität auf dem Marktplatz der Balztänze ausgebremst werden.

Wer nicht rücksichtslos sein kann oder will, für wen lügen, betrügen, hochstapeln nicht in Frage kommen, der bekommt beim anderen Geschlecht im Vergleich zu seinem Konkurrent mit einem vergleichbaren sozialen Status eher eine negative Antwort. Bessere Charaktere nehmen Körbe ernster, sie sind selbstkritischer und respektieren andere Menschen zu sehr, um mit ihren Gefühlen zu spielen. Ob jemand Incel ist oder nicht, sagt über den Einzelnen wenig aus, denn auch unter Arschlöchern gibt es solche, die unfreiwillig allein sind, was allerdings selten am Arschlochverhalten und oft an der trostlosen sozialen Herkunft liegt. Betrachtet man aber den Anteil der Incels in einer Population, so kann man feststellen, welche Gruppe, welche Ethnie und welches Geschlecht eher die besseren Exemplare der Menschenrasse beinhaltet, - oder doch nicht?

Die moralische und oft auch intellektuelle Überlegenheit der Incels ist ein gewichtiger Grund für ungewolltes Alleinsein, aber das ungewollte Alleinsein ist kein Indiz für einen besseren Charakter. Ein sensibler und intelligenter Mensch wird eher Incel als der Durchschnittstyp, aber nicht jeder, der ungewollt allein bleibt, ist sensibel und intelligent. Der naive Alltagsverstand meint gar, Incels seien die schlechteren Menschen, wofür es einen einfachen Grund gibt: das sind nämlich Menschen, denen es schlechter geht. Die Mehrheit ist dumm genug, den Zustand einer Person mit deren Persönlichkeit zu verwechseln: man empfindet die Welt unterbewusst als gerecht, und möchte dieses Vorvorurteil durch die Realität nicht gestört sehen, also werden jemandem, dem es schlechter geht, schlechte Charaktereigenschaften angedichtet, und jemandem, dem es besser geht, "das gewisse Etwas", das neben Glück eben zum Erfolg führt. Incels sind Menschen, die größtenteils durch äußere Umstände und Schicksalsschläge zu ungewollter Einsamkeit verurteilt sind, - einige  sind jedoch tatsächlich aus charakterlichen Gründen allein, aber nicht, weil sie eher schlechtere, sondern weil sie eher bessere Menschen sind.


89. Er will doch nur

Wenn jemand benachteiligt oder behindert ist, werden ihm automatisch der Opferstatus und ein guter (oder zumindest friedfertiger) Charakter zugeschrieben. Man sagt über einen, der vom Glück verlassen ist: er will doch nur ein ganz klein wenig Glück. Welch ein Schwachsinn. Der hässliche Junge, den alle hänseln, ist wie die anderen in das schönste Mädchen der Klasse verknallt; der lernbehinderte Schüler will nicht bloß eine Dreiminus schaffen, und ein normales Behindertenleben führen, sondern hat höchstwahrscheinlich ähnlich große Träume von Erfolg im Leben wie seine normalen Mitschüler. Die hässliche Frau, die keinen Mann findet, will nicht irgendeinen Mann, sondern den Mann, den sie sich wünscht.

Die Internalisierung äußerer oder zumindest dem Charakter einer Person äußerlicher Umstände führt zum widersprüchlichen Verhalten anderer dieser Person gegenüber. Auf der einen Seite wird Benachteiligten und Behinderten völlig unbegründet Bescheidenheit zugeschrieben - und mit einer soliden Menge weiterer positiver Charaktereigenschaften nach ihnen geworfen - , auf der anderen Seite werden sozial schwacher Status oder Behinderung zum Anlass genommen, gegenüber diesen Menschen ungeniert Grenzen zu überschreiten, die gegenüber anderen Menschen völlig selbstverständlich eingehalten werden. Diskriminierung und Infantilisierung werden als normale Umgangsform gesehen, und wenn sie mal ausbleiben, soll der Benachteiligte oder Behinderte bitteschön dankbar sein. Da ist es durchaus von Vorteil zu wissen, dass man ihn dafür, wie jeden anderen, den man so behandelt, bitteschön am Arsch lecken kann.


90. Vergewaltigungsrealitäten

Vergewaltigungsphantasien lassen wir hier außen vor, denn selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Dunkelziffer stimmt, und fast alle Frauen diese Phantasien haben, so hat kein Mann (und keine Frau) das Recht, diese Phantasien Realität werden zu lassen. So wie es etwa 1% Kernpädophile, aber mindestens 100% Pädophile im weiteren (und für nicht nur schöne Kinder gefährlichen) Sinne in jeder Bevölkerungsgruppe gibt (was jede seriöse Attraktivitätsforschung bestätigt), gibt es eine kleine Prozentzahl von Hardcore-Gewaltsexuellen, aber eine überwältigende Mehrheit von Menschen, für die Sexualität untrennbar mit Gewalt verbunden ist (weil sie das an sich ist). Die gesellschaftliche Realität ist jedoch ein Filter, der die wahre Natur der Natur (nicht des Geistes) des Menschen im Zaum hält, und nur zu einem sozial verträglichen Bruchteil zur Entfaltung kommen lässt.

Derzeit wird weltweit eine angebliche Vergewaltigungskultur (rape culture) diskutiert: viele Männer ignorieren angeblich, wenn eine Frau Nein sagt, und nutzen uneindeutige Situationen, um Frauen zu vergewaltigen. Die Empfehlung an Frauen lautet daher, sich eindeutig zu verhalten, und die Empfehlung an Männer lautet, nur dann Sex zu haben, wenn eine Frau eindeutig Ja gesagt hat. Nun entspricht das eindeutige Ja oder Nein nicht dem weiblichen Gender, weshalb Frauen, die sich an die Eindeutigkeitsempfehlung halten, unweiblicher (auch unkindlicher) und damit unattraktiver werden. Männer, die Eindeutigkeit von Frauen verlangen, sind, abgesehen von der mehr als berechtigten Angst vor Falschbeschuldigungen, dermaßen sozial inkompetent, dass sie die Sprache des weiblichen Genders nicht verstehen können (was bei modernen und postmodernen Männern die Regel, nicht die Ausnahme ist).

Unfähigkeit zur Kommunikation kann keine Entschuldigung für sexuelle Übergriffe sein, denn im Fall eines Missverständnisses wie generell im Zweifelsfall ist Zurückhaltung die beste Option; wer aber so geil ist, dass er eine versehentliche (oder im Nachhinein erfundene) Vergewaltigung riskiert, ist in beiden Fällen selber schuld. "Aber es muss doch eine Möglichkeit geben, sorgenfrei Sex zu haben!" - nein, muss es nicht, und selbst die Natur hat sorgenfreien Sex nicht vorgesehen, und droht vielmehr mit ungewollten Schwangerschaften und tödlichen Geschlechtskrankheiten. Die Sphäre des Sexuellen müsste, um Frauen vor Vergewaltigungen und Männer vor Falschbeschudigungen zu schützen, in einem solchen Ausmaß verrechtlicht und reglementiert werden, dass Sex bald mehr Unbehagen als Lust auslöst, und daher zugunsten der Masturbation aufgegeben wird.

Rettet den Sex! - ist eine törichte Mahnung an alle Beteiligkeiten, denn der Sex, die Natur, wird sich seinen/ihren Weg durch die dünne Kruste der Kultur und Zivilisation auch ohne unsere Hilfe bahnen. Erkennt, was Sex ist! - wäre die notwendige Aufforderung an alle, denn wer nicht weiß, wie die menschlichen Triebstrukturen funktionieren, wird beim Kampf gegen gesellschaftlich unerwünschte Sexualität massenhaft Perversionen, sexuell Gestörte und sadistische Ersatzhandlungen verursachen. Wer erkennt, was Sex ist, verliert viele Illusionen auf einmal, so auch die Illusion von den friedfertigen Frauen (von denen, wie seriöse Studien zeigen, genausoviel sexuelle und andere Gewalt ausgeht wie von Männern). Ist das eigentliche Problem also die menschliche Natur oder unsere Zivilisation, die die natürlichen Triebe aus Unwissenheit und Ignoranz falsch angeht, und zu Perversionen werden lässt? Solange diese Frage, wie auch die Frage nach einem für alle akzeptierbaren gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität nicht gelöst ist, wäre die vernünftigste Empfehlung ein Jahr (oder Jahrzehnt oder Jahrhundert) der Besinnung, in dem alle enthaltsam leben und über Sexualität nachdenken, bis jemandem eine Lösung einfällt.


91. Nur Freunde

Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Menschen gegenüber ihrer Willigkeit zu schwach sind, und man sollte nicht die Augen davor verschließen, dass die Sexualiät die treibendste Kraft im Lebens eines Menschen ist, - und somit muss kein Blatt vor einen Mund gehalten werden, der sagen will, dass Freundschaft zwischen Männern und Frauen einfach nicht funktioniert.

Das ist aber nur die halbe Lüge. Die ganze Lüge ist, dass zwischengeschlechtliche Freundschaften daran scheitern, dass einer irgendwann "mehr" will. Setzt man Heterosexualität auf beiden Seiten voraus, so ist es ein kurzer Weg zu einer einfachen und plausiblen aber falschen Antwort. Warum soll es denn einem Mann nicht möglich sein, mit einer Frau wie mit einem Mann oder wie in der Kindheit mit einem Mädchen befreundet zu sein, zumal es nicht ausschließt, dass der Mann zugleich in einer Beziehung mit einer anderen Frau sein kann oder gar verheiratet mit dieser? 

Zwischengeschlechtliche Freundschaften scheitern durchaus wegen der Sexualität, aber nicht aus erotischen, sondern aus thymotischen Gründen: eine Frau und ein Mann sind nicht nur Freunde, sie sind auch "nur" Freunde. Menschen neigen grundsätzlich dazu, Freundschaften zu schließen, und mögen es, jemandes Freund zu sein, aber sie mögen es nicht, ein Nur zu sein. Wenn zwei Menschen "nur" Freunde sind, dann handelt es sich um eine zwischenmenschliche Beziehung zweiter Klasse; man denkt, wenn der Freund/die Freundin einen wirklich mögen würde, dann wären sie mehr als "nur" Freunde.

Will jemand mit einem freudianisch-nihilistischen Weltbild dieses Phänomen erklären, so verkennt er die Natur des Menschen, die neben Lust und Unlust noch den Stolz und das Selbstwertgefühl als Handlungsmotivationen hervorbringt. Ein Mann, der "nur" Freund einer Frau ist, fühlt sich in seiner Männlichkeit abgewertet; eine Frau, mit der ein Mann "nur" befreundet sein will, denkt, nicht gut genug für ihn zu sein, und ist gekränkt. So ist es auch eine unkluge Strategie, eine Freundschaft als Sprungbrett in eine Beziehung aufzubauen, denn nachdem man sich bereits als "nur" Freund für den anderen abgewertet hat, wird das Zeigen von sexuellem Interesse (selbst-)verständlicherweise mit Verachtung erwidert.


92. Cartesianische Vernunft vs Afterphilosophie

Der weltanschauliche Nihilismus, der als Afterdienst eines reduktionistisch-naturwissewnschaftlichen Weltbildes betrieben wird, erzeugt aberwitzige Perversionen, so dass z. B. einer Schwangeren, die ihr schwerbehindertes Ungeborenes abtreiben lassen will, und allen Menschen, die diese Entscheidung befürworten, Behindertenfeindlichkeit oder Angst vor Behinderten unterstellt werden. Es sei ach so kalt und unmenschlich, daran zu denken, dass ein schwerbehindertes Kind niemals wird selbstständig leben können, seinen Mitmenschen viel Zeit und Kraft kostet, und ein ästhetisch suboptimaler Anblick ist. Der nihilistische Gutmensch, der sich dafür ausspricht, Kinder mit schwersten Behinderungen auf die Welt kommen zu lassen, um die Gesellschaft "besser" zu machen, sollte einfach verbindlich gefragt werden, ob er selbst, falls er in derselben Welt reinkarniert werden würde, schwerbehindert auf die Welt kommen wollte.

Die gegenwärtige Afterphilosophie setzt den Menschen mit seinem Körper gleich. Das ist nicht ganzheitlich, sondern einseitig und geistfeindlich, denn dem Geist (und der Seele) wird eine Rolle als Epiphänomen körperlicher Vorgänge zugewiesen. Wie weise war doch die cartesianische Trennung in res cogitans und res extensa, in Seele und Körper, in Geist und Materie!

Hat ein Behinderter keine Seele? Warum sollte willkürlich einigen Seelen zugemutet werden, in einem schwerbehinderten Körper inkarniert zu sein? Eine Behinderung ist eine chronische, lebenswierige Krankheit. Wenn ein Schulkind unheilbar an einer chronischen Krankheit erkrankt, ist das ein tragisches Schicksal, - wenn aber ein Kind, das noch nicht auf der Welt ist, mutwillig (durch unterlassene Abtreibung) zu lebenslangem Leiden verurteilt wird, ist das ein Zeichen von Humanität, Toleranz und sozialer Wärme? In der Hölle soll es übrigens sehr warm sein.

Ich war als Kind und Jugendlicher durch einen Sprachfehler behindert, und habe wegen des Stotterns sehr gelitten. Es war eine vergleichsweise leichte Behinderung: ich konnte mich immerhin selbstbestimmt bewegen, ernähren, entleeren, konnte denken und lernen, und fühlte ein im Prinzip freies aber extrem schambelastetes Leben. Mit meinem charakterbasierten Selbstbild als intelligenter und eleganter Mensch konnte das durch andere gespiegelte Bild eines unbeholfenen Idioten nicht harmonieren, was psychisch nicht folgenlos bleiben konnte: ich war fast zehn Jahre schwer depressiv. Sagte mir einer, es sei "ok" zu stottern, so reagierte ich mit Ablehnung oder gar Verachtung, denn ich wollte nicht ein von Gnaden anderer nicht diskriminierter Mensch zweiter Klasse sein, sondern mein stockend-würgendes Ersprochenes genauso mitteilen können, wie es meiner Absicht entsprach: fließend, dezent emotional gefärbt und mit Intonation.

Natürlich war mein Leiden als Jugendlicher nicht monokausal durch die Behinderung verursacht, aber sie hat erheblich zu meiner sozialen Isolation und täglichem Unglücklichsein beigetragen. Was in den Seelen von Menschen vorgeht, die so schwer behindert sind, dass sie sich nicht einmal mitteilen können, können wir uns ungefähr vorstellen, - oder vielmehr vorstellen, dass wir es uns nicht vorstellen können. Es gibt Menschen, die, wie ich übrigens auch, ein Asperger-Syndrom haben, und dieses als Argument für fahrlässige Nichtabtreibung Schwerbehinderter missbrauchen. Da haben sie sich eine tolle Behinderung ausgesucht - hochfunktionaler Autismus ist nämilich gar keine - , und hätten sie nur eine leichte echte Behinderung gehabt, wären sie weniger für "Vielfalt" und mehr gegen Sadismus im Namen der Menschlichkeit. Es ist ein Verbrechen, mutwillig ein behindertes Kind in die Welt zu setzen.


93. Der Rat für nihilistische Ethik

Wie hat der sogenannte Ethikrat in Sachen Beschneidung entschieden? Vermutlich für das Wohl des Kindes und gegen den Missbrauch der elterlichen Religionsfreiheit, denn sonst könnte man auch das öffentliche Hinrichten von Ungläubigen erlauben, weil die Religionsfreiheit eines Fanatikers ja schwerer wiegt als das Leben und die Unversehrtheit eines Unschuldigen.

Vor Kurzem entschied sich der Ethikrat für sexuelle Selbstbestimmung und damit für die religiös und sittlich verbotene Sexualpraktik des Inzests. Geil! Nihilistischen Glückwunsch, endlich dürfen Geschwister ficken! Aber das ist noch nicht konsequent genug, denn wenn man es mit der sexuellen Selbstbestimmung ernst meint, müsste man Polygamie, Sexualmord und Kannibalismus auf sexueller Basis, und natürlich zeichentrickanimierte Kinderpornographie erlauben, - eben alles, was Erwachsene freiwillig miteinander zu tun vereinbaren, und wobei kein Unbeteiligter zu Schaden kommt.

Es geht nur nicht, dass man sich einerseits zu jüdisch-christlichen Werten bekennt, und andererseits liberal-nihilistische Freiheiten gegen ebendiese Werte behauptet. Ein Eiertanz geht Liberalen und Traditionalisten gleichermaßen tierisch auf die Eier, entscheidet euch also für ein Prinzip, oder haltet die Klappe. Weil Inzest treibende Erwachsene eine Lobby haben und Kleinkinder keine, dürfen Geschwister ficken, Kinder müssen aber sich für die Religionsfreiheit ihrer Eltern quälen lassen, - auch das ist eine nihilistisch vertretbare Möglichkeit, denn gegen das satanistische Prinzip "Macht ist Recht" kann der Nihilismus keine Moralpredigt halten. Allein die Ästhetik ist im Nihilismus nicht an Wertneutralität gebunden, und somit steht ein schwanzsteifes ästhetisches Urteil, das durch keine moralische oder amoralische Instanz anfechtbar ist: Pfui, ekelhaft!


94. Die Verhausschweinung der Sexualität

Sexualität ist die weltimmanente Selbsttranszendenz alles Lebendigen. Nihilistisch (amoralisch) betrachtet, kann nur Sex der höchste Wert im Leben eines Menschen sein, denn alles Weltimmanente ist eitel, und Transzendenz (und damit die Grundlage der Moralität) wird vom Nihilismus verneint. Es geht im Leben ohne Welttranszendenz also nur um alle Lust, die tiefe Ewigkeit will, und diese ausschließlich im Moment des Orgasmus erreichen kann.

Die meisten Frauen, hört man, täuschen Orgasmen nur vor, hatten aber nie wirklich einen. Warum? Weil Beziehungssex langweilig ist. Ejakulation beim Mann ist nicht gleichbedeutend mit Orgasmus; Frauen wissen wenigstens, wann sie einen Orgasmus vortäuschen und wann sie wirklich einen haben, aber viele Männer können Orgasmus und Ejakulation nicht auseinanderhalten. Die zwanghafte Masturbation des Pornosüchtigen ist ein Symptom der Orgasmusunfähigkeit, - kein Wunder, wenn man dabei an einen Sex denkt, bei dem die Frau keinen Orgasmus bekommen kann.

Wenn ich Sex hätte, und die Frau(en) dabei keinen Orgasmus bekäme(n), wäre der ganze Zirkus für uns zwei/drei/vier/fünf sinnlos. Ich kann mich nur weltimmanent transzendieren, wenn die Frau bzw. die zwei/drei/vier Frauen in meinem Bett bereit sind, mit mir zu verschmelzen, sich aufzulösen, so dass auch ich mich in ihnen auflösen kann. Beziehungssex gibt das nicht her. Nichts ist erbärmlicher als die fälschlich für Sex gehaltene zwanghafte Masturbation eines Pärchens.

Verführungssex ist geil. Ich wehre mich, aber die Frau(en) ist (sind) so weiblich, dass sie (sie) mich eben einfach halt verführen. Wenn ich fühle, dass sie mich haben, wenn ich loslasse, - und dabei meinen Sexdämon auf sie loslasse, wenn sie kreischen und stöhnen, sich in mich krallen, und es doch kein Entkommen gibt, wenn jeder Körperteil lutschbar wird, wenn wir keine Personen mehr sind, sondern nur noch pures pulsierendes Leben, dann findet die weltimmanente Selbsttranszendenz leibhaftig und lebendig statt.

Wie jämmerlich es in unserer Kultur um die Sexualität steht, zeigen Begriffe wie "sexuelle Befriedigung". Sexualität duldet keine Mediokrität. Es gibt entweder die Auflösung der Grenzen oder depressivistisches Gewichse. Letzteres ist unerträglich; selbst Enthaltsamkeit ist geiler, weil der zurückgehaltene Trieb leidenschaftlich nach Wegen sucht, sich auszutoben oder zu sublimieren. Ein Leben gegen die Sexualität ist ein sexuell erfüllteres, als ein Leben mit sexuellen Halbheiten und Kompromissen, mit einer zensierten, verkrüppelten, verhausschweinten Sexualität.


95. Warum Kinder zeugen?

Wir gehen von der Arbeitshypothese aus, dass es Gott nicht gibt. Damit gibt es kein "höheres" Ziel im Leben, keinen "höheren" Zweck der menschlichen Existenz. Jedes diesseitige "höhere" Ziel instrumenalisiert das Individuum und führt zu Auschwitz und Gulag. Es kann im Leben nur individuelle Ziele geben, die alle auf das Streben nach Glück hinaus laufen.

Nun ist ausnahmslos jedes menschliche Leben mehr oder weniger leidvoll, aber auch ein unglückliches Leben wird meistens aus Angst vor dem Tod weiter gelebt. Deshalb ist die Frage: "Wenn dein Leben so schlecht ist, dass du lieber tot wärest, warum bringst du dich nicht um?" unzulässig. Vielmehr muss gefragt werden, ob es gut oder schlecht ist, neues Leben zu erzeugen.

Nehmen wir großzügig an, dass es auch viele glückliche Leben gibt. Bei der Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen, fragt man sich: wird dieses Kind zu den Glücklichen gehören? Wenn ja, war die Entscheidung, es zu zeugen, richtig. Wenn nein, war diese Entscheidung falsch. Während aber ein nicht geborenes Kind niemals leiden wird (die Entscheidung, kein Kind zu zeugen, ist immer gut, weil niemandem Leid geschieht), besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein geborenes Kind ein leidvolles Leben haben wird.

Somit ist es gut, keine Kinder in die Welt zu setzen, und es ist schlecht, Kinder auf die Welt zu bringen. Wir gingen davon aus, dass es Gott nicht gibt (Atheismus). Bedeuten die Begriffe "gut" und "schlecht/böse" ohne Gott nichts, oder haben sie immer noch eine Bedeutung? Wenn der Atheismus moralisch sein kann, dann behalten diese Begriffe ihre Bedeutung, und es ist schlecht/böse, Kinder zu zeugen. Ein konsequenter moralischer Atheismus muss zum Antinatalismus führen.


96. Altruismus ohne Gott

Der zeitgenössische Utilitarist Peter Singer hält den Menschen mit ungenierter Selbstveständlichkeit für ein bloßes Tier, fordert aber, dass jeder mindestens 10% seines Einkommens für Entwicklungshilfe spendet, und auch sonst seinen Mitmenschen hilft, wo er nur kann, und stellt dies sogar ethisch höher als individuelle Selbstverwirklichung (obwohl er solch radikaler Individualist ist, dass er nicht von Affen und Menschen, sondern von Individuen spricht: dieser Mensch, dieser Gorilla, und folglich Menschenrechte für Tiere fordert).

Vom Ergebnis her gesehen, ist Singers Einstellung lobenswert, was aber ihre logischen Voraussetzungen betrifft, erweist sie sich als beliebig, und darum ethisch unhaltbar. Der Selbstwiderspruch ist folgender: warum soll ich, einzigartiges Individuum, meine Selbstverwirklichung zurückstellen, damit andere Individuen, die nicht Ich sind, ein besseres Leben haben, - wenn der Individualismus so weit gehen soll, dass er zwischen Menschen und Tieren keinen Unterschied macht? Individualismus bedeutet: meine Bedürfnisse (z. B. in die Oper gehen zu können und einen großen Geländewagen zu fahren) sind wichtiger als Hunger und Krankheit der Menschen in armen Ländern. Altruismus bedeutet: es zählt nicht, wessen Bedürfnisse befriedigt werden, sondern welche. Somit wäre es wichtiger, arme Menschen zu heilen, als Steuergelder für luxuriöse Opernhäuser zu verschwenden.

Der offensichtliche Selbstwiderspruch wiegt hier jedoch nicht so schwer wie das Fehlen einer ideellen Basis für Altruismus und Utilitarismus im Allgemeinen: die meisten Menschen sind schlecht, einige böse, nur wenige gut. Warum soll ich mich um das Wohlergehen schlechter Menschen kümmern, oder gar meine Lebenszeit und mein Geld dafür opfern, um ihnen zu helfen? Was ist gut daran, dass es schlechten Menschen gut geht? Eine schwache Erwiderung wäre: aber hin und wieder trifft deine Hilfe auch einen guten Menschen! - Wenn wir nun den Unterschied zwischen guten und schlechten Menschen fallen lassen, müssen wir fragen: was geht es mich überhaupt an, wie es anderen Menschen geht?

Mit Kant ist die Sache klar: der kategorische Imperativ fordert in seinen logischen Ableitungen, sich selbst immer der Glückseligkeit würdig zu verhalten, und das Wohl seiner Mitmenschen zu befördern (denn ich bin machtlos, zu bewirken, dass sich andere Menschen moralisch verhalten). Wenn ich Gott als den transzendentalen Garanten für das höchste Gut (das Zusammenfallen von Würdigkeit und Glückseligkeit in einer anderen Welt) annehme, macht es Sinn, selbst schlechten Menschen zu helfen, weil es für diese einen Sinn hat, sich zu bessern.

Wenn anstelle Gottes das große Nichts auf alle wartet, habe ich keine Veranlassung zu glauben, dass ein egoistischer Mensch zu seinem eigenen Nachteil handeln und sich moralisch bessern wird; nicht dass ich aus moralischen Gründen bereits im Konkurrenzkampf mit ihm im Nachteil wäre (aus der moralisch gebotenen Rücksicht), nein, ich soll auch noch sein Wohl befördern!? Der Schlechte lebt nach seiner Lust, und der Gute soll seine Bedürfnisse zurückstellen und ihn dabei unterstützen?

Nihilistische MoralInhaltsverzeichnisReden ist Mist
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