Im Garten der Dauerpatienten

Szene zum Thema Ausweglosigkeit/ Dilemma

von  Thomas-Wiefelhaus

Im Garten hielten sich rund ein Dutzend Patienten auf. Ringsum Mauern, zwei bis drei Meter hoch und mit Stacheldraht bewehrt. Dazwischen eine Wiese mit Wegen, ein paar Bäumen, Büschen und Bänken. Keine Blumen.
Tomas wollte sich fern von den anderen halten. Er ging ein Stückchen für sich alleine, setzte sich dann auf eine der Bänke. Er hatte nicht geahnt, dass es einen solchen Garten überhaupt gab.
Die Morgensonne schien mild. Er spürte ihre Wärme auf der Haut. Die Luft war gut. Er atmete tief ein und aus. Welch ein Genuss das war! Besonders nach den stickigen und dunklen Tagen in der Zelle!
Nicht lange dauerte es, bis einer der Patienten auf Tomas zukam und ihn ansprach. Ein vergleichsweise noch junger Mann, mit Mitte zwanzig oder höchstens dreißig Jahren ungefähr doppelt so alt wie Tomas, und neben ihm augenscheinlich der zweitjüngste Patient im Garten. Er machte äußerlich einen normalen Eindruck, war mittelgroß, schlank und hatte ein intelligentes Gesicht.
„Können Sie bitte mit mir ein wenig spazieren gehen?“
Ein kurzes Kopfschütteln von Tomas, dazu ein lautes und klares: „Nein!“
Der junge Mann wich einen Schritt zurück; diese Antwort hatte er wohl nicht erwartet. Sein Gesicht drückte eine erschrockene Enttäuschung aus, er wendete sich ab und ging alleine weiter.
Er umrundete den Garten, mit gesenktem Kopf, den er ab und zu hob, um Tomas aus der Ferne unfreundliche Blicke zuzuwerfen. Plötzlich kam er mit einem überaus ärgerlichen Gesichtsausdruck wieder zurück, marschierte schnurstracks auf Tomas zu.
„Wozu sind Sie dann eigentlich da?!“ fuhr er den Jungen an.
Dieser war ängstlich erschrocken und verdutzt zugleich. Offensichtlich wurde er nicht für einen Patienten, sondern für einen Pfleger gehalten …
Noch bevor er etwas erwidern konnte, hatte der Mann schon auf dem Absatz kehrtgemacht – und drehte wieder seine einsamen Runden. Beim Gehen hielt er weiterhin den Kopf gesenkt, den Blick nun fortwährend auf den Boden gerichtet.
Jetzt tat er Tomas ein wenig leid: Bestimmt war es auch für ihn nicht leicht, hier in einer psychiatrischen Klinik zu sein. Hätte er nicht doch ein Stückchen mitgehen und mit ihm reden sollen …?!

Tomas ging ebenfalls ein paar Schritte alleine. Dann setzte er sich auf eine andere Bank und dachte an die Schule. Vor wenigen Tagen war er ja noch dort gewesen! In welcher Ferne sie auf einmal war! So weit, so unerreichbar!
Er stellte sich die Schulkameraden vor. In diesem Moment müssen sie alle beim Unterricht sitzen, aber er fehlt! Ob sie wohl wissen, weshalb? Hat der Lehrer ihnen etwas mitgeteilt? Und wenn, ob sie sich ein Bild machen können, was er hier gerade erlebt?
Er stellte sich vor, wie er zu ihnen in die Klasse kommt. Wenn er ihnen berichten könnte, würden sie ihm glauben?
Oder angenommen: Ein großer Farbfernseher stände vorne auf dem Pult! Was würden die Kinder in seiner Klasse sagen, wenn sie ihn hier sehen könnten? Die hohen Mauern mit dem Stacheldraht?
Ein älterer Patient näherte sich indes Tomas’ Bank. Er wirkte sehr kontaktfreudig. Neugierig blickte er den Jungen bereits aus der Ferne an. Tomas konnte sein Alter schwer einschätzen. Mitte fünfzig mochte er sein, seine dunklen Haare waren an den Seiten grau. Er schien mit einem Male sonderbar belustigt zu sein. Drei Schritte vor Tomas blieb er stehen.
(c) Thomas Wiefelhaus


Anmerkung von Thomas-Wiefelhaus:

AUSZUG aus „An der Morgensonne“ aus meinem Buch Betheljugend.

Thema – Der 14-jährige im Bereich der Dauerpatienten, die über Jahrzehnte in Bethel „verwahrt“ wurden.

Original um die Hälfte bzw. mehr gekürzt.
Große Schonkost, denn die makaberen, gefährlichen, verletzenden, skurrilen Stellen wurden fortgelassen.
Aber das Motto, weniger sagen, um das wenige herauszuheben, damit es nicht untergeht, macht hier durchaus Sinn. -- Weniger ist mehr?

Allerdings ist die Tatsache, dass Menschen über Jahrzehnte in solch einer Verwahrungs-Psychiatrie „leben“ mussten, (die sich viele, die es zum Glück nie sahen, sich vermutlich kaum vorstellen können) ist sicher makaber genug.
-- Eine sehr, sehr fremde, abgeschiedene Welt!

Natürlich lässt sich auch beim Kommentare denken: weniger ist mehr! Aber die Tatsache, dass wenig später viele Dauer-Patienten nach 20 oder 30 Jahren (!) Verwahrung doch wieder an die Öffentlichkeit gelassen wurden, beweist: es wäre sicher auch viel früher möglich gewesen! Da kocht bei mir einfach die Wut hoch. Dampf muss raus. Auch weil ich mir selbstverständlich die nicht beantwortbare Frage stelle: was hätte mit MIR passieren können, hätte ich 5 oder 10 Jahre früher jenes alte Bethel kennengelernt? Auch ein Dauer... für Jahrzente?

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Kommentare zu diesem Text

Stelzie (55)
(22.01.21)
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 Thomas-Wiefelhaus meinte dazu am 22.01.21:
Danke für die positive Rückmeldung. Die Formulierung "Nicht lange dauerte" ist natürlich eher unüblich. Aber mein Schreibgefühl fand es hier richtig. Und es ist ein Auszug (Leseprobe) aus einem älteren Text von mir. (Den ich bereits veröffentlicht habe!) Möchte daher möglichst wenig verändern.

 Thomas-Wiefelhaus antwortete darauf am 30.01.21:
Mutmaßlich hatte mich beim Schreiben gestört, dass der Satz "dachte an die Schule" mit einem hohen e endet und der neue Satz "Es dauerte" mit einem hohen e beginnt. Aufgrund der Sprachmelodie habe ich die Stachelstellung gewählt?

Was meine die Lyriker hier? Vermute: wenig?
Stelzie (55) schrieb daraufhin am 01.02.21:
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