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Der Waggon

Erzählung zum Thema Familie


von Mondscheinsonate

Der Idiot amüsiert mich bereits am Anfang der Geschichte und wieder betone ich, dass Dostojewski ein meisterlicher Erzähler ist. So las ich früher eher Tolstoj, einmal sogar Anna Karenina in einem Zug durch, las einen Tag und eine Nacht, seufzte am Schluss. So schrieb Inge über den Film "Lolita", den ich nicht besonders fand, allerdings, es gab ja, wieder weggehend von Nabokov, zurück zu Tolstoj, zwei neue Verfilmungen von Anna Karenina, da fand ich den mit Sophie Marceau großartig, der andere Film war mir zu theatralisch.
Als Kind liebte ich bereits Tschaikowsky und das Ballett. Ich saß mit leuchtenden Augen in der Wiener Staatsoper, während die Schwänchen tänzelten. Vielleicht liegt meine Affinität zu der russischen Schwermut in dem Zugabteil begründet, in dem sich meine, zu früh verstorbene Oma, die Mutter meines Vaters befand und sich von einem russischen Soldaten verführen ließ, der sie sogleich im Gepäckwaggon beglückte und dadurch mein Vater entstand und später eben ich, aber das ist nur eine vage Annahme, könnte allerdings sein. Diese fünf- Minuten-Leidenschaft begründete auch mein Leben, was ich beinahe romantisch finde, wäre nicht die Tatsache, dass es sich um einen groben Akt der Ignoranz gehandelt hatte. Na ja, sie sah ihn nie wieder, ich sehe das schöne Mädchen in meiner Phantasie vor mir, als es dem Soldaten in Wien noch nachwinkte bis er, vor sich hin pfeifend, in der Menge an Menschen und Unrat verschwand. Schließlich waren die vertriebenen Sudeten dort, meine Oma war eine von ihnen oder besser, eine unter ihnen. Schwanger als Unverheiratete war früher eine Schande, leicht hatte sie es wohl nicht. Aber, dadurch, dass sie sehr schön war, nahmen sich mehrere Männer ihrer an, bis sie mit 37 Jahren an Unterleibskrebs starb, das heißt, ich lernte sie gar nie kennen, was ich auch sehr schade finde, denn irgendwie fehlen mir die Geschichten, die ich selbst gerne gesehen hätte. Auf jeden Fall bin ich eine Mischkulanz aus Russen, Ungarn und Niederösterreicher sowie einem Wiener. Der Vater meiner Großmutter mütterlichseits war ein Ungar und diente unter dem Kaiser als Soldat, bis man ihn erstach und das während einer Meuterei, das erzählte mir meine Urgroßmutter, die, während des Unglücks, schwanger war und dies mit meiner Oma. Natürlich war sie böse, wie immer, ich sah sie immer nur böse, sagte: "Der Halunke, immer nur gesoffen und dann lässt er sich von irgendjemandem erstechen! Nichtsnutz!" Ja, Nichtsnutz nannte sie ihn. Die Ehe schien wahrlich glücklich, es schien so. Der Grieskram wurde vererbt, meine Oma war irgendwie dann auch so.
Na ja, als meine Mutter von zuhause auszog, ohne Schulabschluss in eine Kommune, lernte sie, völlig bekifft meinen Vater kennen und nach drei Monaten heiratete er sie im Stephansdom. Wie schön! Sie hatte ein kurzes Hochzeitskleid an und sah wie Twiggy aus. Ich sehe mir oft die alten Bilder an, finde sie reizend und dies am 31.8.1967, an ihrem Geburtstag. Das B. am selben Tag Geburtstag hat, ist ein reiner Zufall, will aber schön ins Konzept passen, da beide denselben Lebensweg hatten und haben, was doch schon seltsam ist und für mich befremdlich.
Aber, zurück zu dem Russen. Ich weiß nicht einmal seinen Namen. Ich stelle ihn mir schwarzhaarig vor, mit einem knabenhaften Gesicht, eine Haarsträhne ins Gesicht mit dunklen Augen und schmalen Lippen. Ich glaube, dem wäre ich auch verfallen gewesen. Er rauchte sich eine selbstgedrehte Zigarette im Abteil an, beugte dabei seinen Kopf ein wenig, haftete seinen Blick dabei an meine Großmutter, die ein Bündel mit ihren kleinen Habseligkeiten in beiden Händen festhielt. Der Zug fuhr gemächlich. Ich bin mitten in der Szene. Sie lächelte, errötete und sah immer wieder, abwechselnd zu Boden, dann wieder in seine Augen. Der Rest ist Geschichte, aber ich denke, es war so, es muss so gewesen sein. Meine Großmutter konnte kein Russisch und er kein Deutsch, das weiß ich, so viel ist überliefert worden, somit geschah alles über Blicke.
Aber, vermutlich ist sie vergewaltigt worden, kann sein, man sprach nicht über sowas. Ich lasse mir die romantische Vorstellung. Nun, daher rührt also meine Affinität zum Russischen, ich nehme es an. Kann man seine Herkunft auf Dauer abstreiten? Mein Vater interessiert sich für das alles nicht. Der lernte dann holländisch, war eines, dieser Kinder, die man zur Kost wegschickte. Interessanterweise wusste ich das gar nicht, aber einmal war ich mit Papa in Holland, diese Leute besuchen und nach ein paar Stunden zuhören, ja, tatsächlich, sprach mein Papa holländisch, ich war fassungslos, so konnte er kein Englisch, dachte, er könne nur Deutsch, aber, er sprach fließend und nein, ich habe keine Ahnung, ob es richtig war, ich kann kein holländisch. Aber, die Leute verstanden ihn. Das war das erste Mal, dass ich stolz auf meinen Vater war, da war ich 12 und ich sagte: "Du bist ja cool!"

Mondscheinsonate
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Veröffentlicht am 03.03.2021, 6 mal überarbeitet (letzte Änderung am 03.03.2021). Textlänge: 790 Wörter; dieser Text wurde bereits 72 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 21.10.2021.
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