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Sollte man Taschengeld lieber von einem Sugardaddy nehmen, der einen richtig liebt, oder von einem, der nur seinen Spaß sucht?

Erzählung zum Thema Grenzen/ Grenzen überschreiten


von toltec-head

Ein junger Iraner aus Shiraz, den ich in Whatsapp unter Hafiz abgespeichert habe, erzählt mir nach dem Ficken, dass er gestern einen Brief bekommen habe, er könne sich jetzt gegen Corona impfen lassen, wenn er das denn wolle, was er aber gar nicht will. Ob ich es denn wolle?  Wenn ich es denn wollte, wäre jetzt wohl der Moment für eine Neiddebatte. Um mehr für mein Geld zu bekommen, drehe ich ihn lieber rum und ficke ihn noch einmal schnell...

Seltsames Land. Als mein kleiner Hafiz nach Deutschland kam, war er zwar erst mit seiner Familie in einer Flüchtlingsunterkunft eingepfercht, jetzt - mit knapp 19!!! - hat er aber schon eine eigene Wohnung mit eigenem Bad und eigener Küche und wird bei der Impfung gegenüber Normal-Kartoffel-Angestelltenexistenzen und sonstigen Wurstfabrikarbeitern priorisiert. Wo ist der Haken? Liebe AfD, keine Angst, nichts ist perfekt: Den Haken, es gibt ihn nicht nur, nein, mein kleiner, lieber Hafiz, er zappelt daran. Nicht etwa bettelt er um Extrageld, sondern nur darum, meine Adresse bei Amazon als Lieferadresse angeben zu dürfen, denn: Ein Kartoffel-Sozialarbeiter fängt bei ihm Zuhause als autochthoner Hausdrache seine Bestellungen ab und hat ihm, da es sich bei diesen um ziemlich teure Dinge wie Playstations, Laptops oder Iphones handelt, mitgeteilt, dass man hier nicht alles für ihn zahle, damit er sich dann auch noch diese Dinge übers Internet bestelle.

Zum Glück bin ich weder Sozialarbeiter, Anhänger der AfD oder sonst einer Partei, noch habe ich es auf andere Weise nötig, neidisch zu sein, aber eines macht mich dann doch stutzig. Ich rechne mal eben schnell zusammen: Von meinen 50 € pro Fick kann er sich all diese Dinge unmöglich leisten!!! Sollte das etwa heißen, dass Merkel als Mutter und ich als Vater ihm nicht genügen und er noch andere Sugardaddys hat?

:(:(:(

***

Über 2.000 Jahre lang konnte die Ausgangssituation, die sich durch alle platonischen Dialoge zieht, nämlich die zwischen dem älteren erastes und dem jüngeren eromenos und die sich hieraus ergebenden materiellen wie idealistischen Fragestellungen dem christlichen, abendländischen Leser nur total unverständlich sein. Was soll eine Identitäre Bewegung, wenn das ganzen Abendland auf Texten beruht, die ihm bei Lichte besehen überhaupt nichts sagen konnten? Die im Phädrus abgehandelte Frage, ob ein junger Mann seine Reize lieber an einen älteren Mann verschwenden sollte, der ihn wirklich liebt oder nicht vielleicht doch lieber an einen Sugardaddy, der nur eben mal seinen Spaß mit ihm haben möchte, ist erst dank Planetromeo und GRINDR wieder ansatzweise verständlich. Die jungen Männer im Platon, es ist klar, dass die älteren Bewunderer ihnen egal ob echte Liebhaber oder doch nur Sugardaddys kleine Geschenke machen mussten und doch waren sie keine Stricher und erst Recht konnte man sie nicht heiraten, die ganze Schwulenbewegung und alle Gleichstellungsdebatten prallen an ihnen ab. Selbst Foucault, der sich zuletzt am fachkundigsten zu ihnen geäußert hat, konnte von ihnen nichts wissen, denn es gab für ihn weder Planetromeo noch GRINDR. Erst durch Planetromeo und GRINDR ist es wieder möglich einen ganz normalen Bürger Athens, der noch auf das Gymnasium geht, anzuschreiben und ihm einen Hasen, wie man dies tatsächlich auf Vasen sehen kann, bzw. TG, mit dem er sich dann die neusten Sneaxx kauft, anzubieten. Die Welt vor Planetromeo und GRINDR bestand aus Strichern und Nicht-Strichern, was ja auch etwas für sich hatte, doch das Lob des Strichs, es klingt heute etwas antiquiert, es war ein falscher Dualismus, wie eigentlich alles im Christentum. Heute lebt die Antike wieder auf und wir können uns endlich anders als Nietzsche und Deleuze, die hiervon nur träumen konnten, in einen transzendenten Empirismus hinein ficken.

Und auch der zweite Teil des Phädrus über die Schändlichkeit der Schrift als Institution wir erst durch ein Forum wie keinVerlag erst wieder für uns zugänglich. Denn wo eigentlich soll man die Texte in einem Forum wie keinVerlag genau verorten? Diese Texte sind nichts fürs Archiv. Es sind Briefe für Freunde, aber für anwesende Freunde, also gewissermaßen Reden. Dank der Interaktion, dank der Threads, dank der Unmöglichkeit eines echten Autorseins, lebt in ihnen die Antike wieder auf. Sie sind schriftlich, aber institutionell ungebunden, kein Christentum, kein Philosophieprofessor wird sie einholen. Die Klage über einen angeblichen Logozentrismus prallt an den Texten von Literaturforen wie die Frage nach der Moralität der Prostitution an dem Eromenos des Altertums ab. Die Texte - sie mögen noch so schlecht sein - haben eine sokratische Doppelnatur, gegenüber der die im literarischen Quartett besprochenen, also die von Lewitscharoff & Co., mögen sie noch so gut geschrieben sein, deutlich zurückbleiben.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Palytarol
Kommentar von Palytarol (06.04.2021)
Ich gerate ganz romantisch bei der Vorstellung, dass meine rektale Perspektive ewiglich die einer profanen Einbahnstraße sein wird.
Einfach, weil ich weder eine tolerante Frau noch ein Homosexueller bin.
Andererseits halte ich die Metapher vom 'Licht am Ende des Tunnels' nicht für eine puffige Metapher sondern für das Synonym von Ungefik-
ktsein.
Paly
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toltec-head meinte dazu am 08.04.2021:
Ohne deiner Persona nahetreten zu wollen, aber kennen wir Schwestern, wie es so schön heisst, uns nicht lângst? 😘
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Mit dem Es schreibenInhaltsverzeichnisDas Virus als Ende der Moderne
toltec-head
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Dies ist ein Text des mehrteiligen Textes Notizen aus dem Wohnklo.
Veröffentlicht am 06.04.2021, 3 mal überarbeitet (letzte Änderung am 06.04.2021). Textlänge: 743 Wörter; dieser Text wurde bereits 62 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 10.05.2021.
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