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Wollsocken

Text zum Thema Scham


von nadir

Sie trägt ihre Wollsocken und er schreit. Nicht kantig schreit er, nicht scharf. Er schreit nicht geschliffen, oder spitz. Er schießt nicht mit Scherben, wenn er schreit, nicht mit Splittern, nein, - wenn er schreit , fallen unendlich dumpfe und stumpfe, träge und plumpe Worte aus seinem Mund heraus, Wort um Wort, Satz um Satz, fast so, als übe er seine Zunge in einer Art geheimer Elefantengymnastik … lächerlich!

Dabei beobachtet sie, wie seine Lippen sich zu allerlei betonschweren Bögen und zu Geraden, zu stumpfen Zacken und noch stumpferen Winkeln verformen, aus denen dann die Worte herausplumpsen und wie schwere Blöcke auf den Fußboden klatschen. Sie beobachtet, wie aus den Blöcken an beiden Seiten riesige Beine herauswachsen und wie die Beine sich auf sie zubewegen, um sie zum Stolpern zu bringen.

Sie aber – ja, sie trägt ihre Wollsocken. Wollsocken, so warm und leicht und wollen, wie die Wolken am Himmel eines Spätsommerabends. Und dann wird sie selber zur Wolke. Sie stolpert nicht mehr, nein, - leicht wie ein Geschöpf aus warmen Winden und Feenflügeln, schwebt sie über dem Boden und alle seine Worte laufen ins Leere hinein und verstummen.

Das war nicht immer so. Früher hatte sie sich geschämt, wenn er schrie.

„Lea“, hatte man ihr gesagt, „du musst darüber stehen, wenn er dich anschreit, du musst fliegen lernen, glaub es mir nur, glaub es!“ Und sie hatte es gelernt. Anders als Ben.

Ben ist ihr Bruder und er ist schon immer gestolpert, wenn er angebrüllt wurde … er tut es noch, - warum? Weil er Mitleid hat, weil er immer gesagt hat, das Gebrüll käme daher, dass Vater krank sei, dass er nicht zurechtkomme, dass er sterbe und nichts dagegen tuen könne – Idiot! Sie glaubt sogar, das Ben deshalb mit dem Trinken angefangen hat. Dass er sich schämt gesund zu sein, während Vater langsam umkommt– Idiot! Ja, das er sich zerstört, Tag für Tag und Flasche für Flasche, weil er eigentlich gesund ist, weil er das als nicht richtig empfindet gesund zu sein – Idiot! Weil er sich zerstören muss,  weil er sich seines Glücks schämt, noch immer schämt, vor einem alten, dummen Mann, der immer bloß brüllt und brüllt – Herrgott nochmal, was ein Dummkopf!

Sie trägt ihre Wollsocken und er schreit. Wie es wohl in ihm aussieht, wenn er so brüllt? Sie stellt sich eine zorngepeitsche, schwarze Felsverschattung vor, in deren totem Winkel eine lebendige Düsternis wohnt, die in unablässigem Würgen ihre Innereien in seinem Mund spuckt – eklig! Eine Geröllhalde. Übergänge, die schroff von farblosem Grau in ein farbloseres Grau übergehen. Abstufungen eines Wechselspiels von Mondgrau und Mitternachtsschwarz und überall Winkel und Verstecke für diese kleinen, zornigen Monstren, die später als Worte aus ihm herausfallen.

Wenn er jetzt, während er so brüllt, einfach umfallen würde, denkt sie, so wie ein Sack, so wie ein dummer nasser Sack umfallen würde, weil sein Herz stehenbliebe, weil es einfach so stehenbliebe, mitten zwischen zwei Schlägen, würde er sich dann auflösen? In ganz kleine Spinnen auflösen, die dann auseinanderkrabbeln und auseinanderhuschen und es bliebe von ihm nur noch hier und dort, in einem Winkel an einer Decke, eine kleine, ekelhafte, knopfäugige Spinne?

Ob Ben dann auch eine Spinne werden wöllte? – der Idiot! Sicher wöllte er eine Spinne werden, weil er sich schämen würde, nicht auch in hunderttausend winzige, krabbelnde Leiber zerflossen zu sein, weil er sich immer schämt! – weil er sich für alles schämt, was er nicht selber durchgemacht hat - Herrgott, was ein Dummkopf!

Und Vater würde man dann begraben, der Sarg bliebe leer, sicher, aber es müsste doch ein Begräbnis geben! Ben käme sicherlich ganz betrunken zu dem Begräbnis. Und heulen würde er, wie ein Kind würde er heulen … sie aber trüge ihre Wollsocken. Wollsocken, so warm und leicht und wollen, wie die Wolken am Himmel eines Spätsommerabends.

Ob Vaters Geist aus dem Sarg heraus schriee? Nein sicher nicht, nein.
Sie trüge ihre Wollsocken und er schwiege. Und das Schweigen würde nach Wald und Sommer duften, nach Frühling vielleicht und nach Süßigkeit. Sie trüge ihre Wollsocken und er schwiege! Kaum zu glauben, dass es so etwas geben könnte; er schwiege und sie wäre allein. Plötzlich beginnt sie zu weinen.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Kommentar von minimum (21.04.2021)
Bizarr und packend. Mit sehr großem Vergnügen gelesen
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nadir meinte dazu am 21.04.2021:
danke dir
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Ralf_Renkking
Kommentar von Ralf_Renkking (21.04.2021)
Recht lang, diese Wollsocken, aber dennoch tragbar. 😂

Ciao, Frank
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nadir antwortete darauf am 21.04.2021:
hmm, na ja - für ne kurzgeschichte ist es eigentlich sogar recht kurz
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Moja
Kommentar von Moja (21.04.2021)
Sehr eindringliche Bilder und Szenen, hochsensibel geschrieben über Scham, Trost und Trauer -
beeindruckten Gruß, Moja
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nadir schrieb daraufhin am 24.04.2021:
danke moja

lg
nadir
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Kommentar von indikatrix (21.04.2021)
Die verschiedenen Selbstrettungsversuche , die mittels der Socken zeitweise gelingen, bis es sie am Ende doch noch kriegt...sehr ergreifend und gut nachzuempfinden. Liebe Grüße, Indikatrix
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nadir äußerte darauf am 24.04.2021:
vielen dank

lg
nadir
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