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Meister Stainers falsche Geige.

Geschichte


von Willibald

"Dieses Rot hier überall macht mich noch verrückt", sagte meine Mutter.



Das Haus war rot und stattlich: Freistehender zweigeschossiger Walmdachbau mit Drempel, rückwärtiger Mittelrisalit und zweigeschossiger Wintergartenanbau, Sandsteinquaderfassade im Stil toskanischer Frührenaissancevillen, zweite Hälfte 19. Jahrhundert -  die Villa Gaggell.
Wir wohnten zur Miete im ersten Stock.
Zugehörig: ein verwilderter Park.
Unfassbar schön.

Im Wohnzimmer standen ringsum Shannon-Schränke: Hinter ihren Glasklappen wunderbare Bücher, Rücken an Rücken. Es galt zwar die väterliche Maxime: "Man begegne jeglichem Buche hier mit Ehrfurcht, Sorgfalt, Andacht." Aber Willibald durfte lockerer mit den Schätzen des Vaters umgehen. Der Fünfjährige öffnete voll Freude die Klappen. Da er noch nicht lesen konnte, suchte und betrachtete er die Bilder in den Büchern. Oft stundenlang. Ab und zu zeichnete er auch ein Strichmännchen oder lächelnde Gesichter auf textarme Seiten. Staunenswert war Meyers Konversationslexikon, mattgraues Seidenpapier schützte farbige Abbildungen, knisterte gelblich, wenn man es anhob. Dann  zeigten sich die Dinge in all ihren Farben. 20 Bände mit Goldschnitt, mindestens 10.000 Seiten, die sechs Supplementbände noch dazu. Richtiges Gold, ein Schatz.
Unerschöpflich. Jeder Tag.

Als Willibald einst  in der Wiege lag und  - wie es Kinder tun - die Händchen unermüdlich bewegte, sagte strahlend die Großmutter. „Schaut nur, wie Willouschek die Händchen bewegt. Großer Gott,  das wird ein Geiger. Jesus, Maria und Josef! Er soll eine Geige kriegen.“ Man kaufte alsbald zwei Geigen, eine einfache zum Üben. Und eine wertvolle für den zukünftigen Meister, eine Geige mit Löwenkopf  ("Schaun's,  gnädige Frau,  die Schnecke von der Geige ist ein Löwe.") und einem eingeklebten Zettel: „Jacobus Stainer fecit“. Ein berühmter Geigenbaumeister. Also eine  Meistergeige der Sonderklasse.  "No", sagte die Großmutter,  "da wird mein Enkel seine Freude haben, wenn er groß ist."



Berthold Bührer, der löwenmähnige Großmusiker Amorbachs (siehe Bild unten)  wurde eingeladen, nahm die Meistergeige mit der Löwenschnecke (siehe Bild oben)  in die Hand, stimmte sie, strich  Kolophonium auf die Bogen-Saiten, klemmte die Geige zwischen Kinn und Schulter und legte los. Die Eltern, die Großmutter, alle waren hingerissen. Bührer setzte die Geige ab: „Das ist, sagte er, „eine Zigeunergeige. Nichts Schlechtes. Aber bestimmt kein Stainer.“



Die erste Enttäuschung legte sich. Willibald wurde mit der anderen Geige, der Übungsgeige,  zum Geigenunterricht im Gymnasium angemeldet. Der Musikprofessor Andreas Lang schaute ihn wohlwollend an: „Dein Lehrer wird Franz Hala sein. Ihr seid zu Dritt.“ Die Stunden wurden Willibald zur Qual. Unmusikalisch wie er war, traf er die Töne und die Griffe nicht. Zuhause in der Gaggellsvilla hatte er zu üben, legte das Notenbuch auf den Ständer und spielte eine einfache Melodie, die sich variieren ließ und täuschte tatsächlich seine Eltern. Jeden Mittwoch nachmittags trottete er erbarmungsmäßig traurig gestimmt zu Franz Hala, der im Musiksaal wartete. Eines Tages fehlten die anderen zwei. Und so begann Hala für sich allein mit der Geige. Willibald setzte sich still in die Nähe.

Halas Geigenspiel war magisch, es zirpte, es schluchzte, es jammerte, es tröstete.  Hala hielt die Augen geschlossen und so funkelte und sprühte die Geige ihr wunderbares Feuer. Von Glanz umflossen. Duftende Töne. Willibald schloss ebenfalls die Augen, niemand sollte merken, dass er gleich weinen würde. Nie würde er so spielen lernen. Nicht einmal in Ansätzen. Und schon begann er zu weinen. Er musste hier weg.  Hala hatte die Augen geöffnet, legte die Geige ab, streichelte Willibald übers Haar: „Sie ist wunderschön, diese Musik. Nicht wahr? Sie kann einen jungen Menschen, ach was, die Menschen zu Tränen rühren.“ Willibald schluckte. „Du hast offensichtlich die Liebe zur Musik“, sagte Hala, "du wirst sehen, die Geige liebt dich."  Und begann wieder zu spielen.

Ab jetzt war es für Willibald klar, dass er sich aus diesem Musikunterricht zurückziehen musste. Einmal schmierte er sich mit Uhu und roter Kreide die rechte Hand ein, wies sie vor und sagte, er habe sich verbrüht. Halas Bedauern war immens. Die Hand blieb zwei Wochen lang verletzt, die Geige unbespielt  und dann war das Ende des Schuljahres gekommen.

Zu Beginn des neuen Schuljahres nahm Willibald jeden Mittwoch den Geigenkasten über die Schulter, setzte sich aufs Fahrrad, fuhr Richtung Schule, bog dann aber über die Schererstraße zum Main hinunter Richtung Bürgstadt. Am Handballplatz der Schule befand sich eine Art Holzhaus auf Betonsäulen.  Darunter setzte sich Willibald hin, betrachtete den Geigenkasten zu seinen Füßen, öffnete ihn, ließ  die Geige drin und nahm das Taschenbuch heraus: Er las, wie Tom Sawyer und Huck Finn und Joe Harper die Schule schwänzten und auf dem Fluss fuhren und auf einer Insel Unterschlupf finden . Und sie sind weg. Lange weg.

Das ganze Dorf versinkt  in tiefer Trauer. Becky Thatcher bereut ihre Kälte gegenüber Tom  und die Schulkameraden erinnern sich, dass sie schreckliche Vorahnungen hatten, als sie die Jungen das letzte Mal sahen. Am nächsten Tag, dem Sonntag, versammeln sich alle zur Beerdigung. Der Pfarrer hält eine schmeichelhafte Predigt über die Jungen  und die Gemeinde fragt sich, wie sie das Gute in Tom und Joe übersehen konnte. Schließlich bricht die ganze Kirchengemeinde  in Tränen aus. In diesem Moment treten die drei Jungen, wie von Tom geplant, durch eine Seitentür ein, nachdem sie gerührt und freudig und ernst ihrer eigenen Trauerfeier zugehört haben.

Joe Harpers Familie, Tante Polly und Mary ergreifen ihre Jungen und umarmen sie, während Huck allein dasteht. Tom beschwert sich: "Das ist nicht fair. Jemand muss sich doch freuen, Huck zu sehen", und Tante Polly umarmt Huck auch, was ihn noch mehr in Verlegenheit bringt. Dann singt die Gemeinde "Old Hundred". Man preiset Gott, den Herrn, von dem kommt Segen und Heil.



Willibald kamen bei der Lektüre die Tränen. Er schluchzte ein wenig.  Der Schwänzer war nicht ganz verloren. Er schaute zum Main hinüber. Er war traurig, aber irgendwie war er auch getröstet. Er war nicht ganz verloren, nein. Ruhig geworden nahm er den Geigenkasten auf den Rücken, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr zurück in den verwilderten Park rings um die Wohnung seiner Eltern. Es war fast windstill.  Die Büsche und Bäume ringsum bewegten sich kaum. Er genoss es  einen Augenblick lang, das Fahrrad und seine Füße auf  den Pedalen  über den Boden gleiten zu sehen.

Vor dem Haus stieg er ab und blickte nach oben.
Eine  Wolkenflotte: Segel bauschten sich.
Schiffe schwammen an der Sonne vorbei und netzten mit ihren  Schatten seine Haut.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Graeculus
Kommentar von Graeculus (05.05.2021)
Ein eigenwilliger, mich ansprechender Erzählstil.

Ach, der Katholische Filmdienst! Prädikate, ich erinnere mich: 1, 1E, 2, 2E, 3, 4. Wobei das "E" für "mit Einschränkung" stand.
Wie's so geht mit den moralisch-religiösen Bewertungen: das Interessante war das Schlimme. Das hat sich seit den Zeiten des Apfels im Paradies nicht geändert.
"Pastor Angelicus" ist zum Glück an mir vorübergegangen - den gab's nichtmal im Pfarrheim zu sehen.
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Willibald meinte dazu am 05.05.2021:
Grüße Dich, Graeculus,

meine Eltern besuchten 1955 das Schlosstheater, hatten vorher den Filmdienst gelesen und erklärten beim Mittagessen und beim Abendessen, dass sich viele Paare wohl nicht scheiden lassen würden, sähen sie diesen Film. Ich saß dabei und dachte nach, soweit ich das konnte.

Der gewalttätige Jahrmarktsartist Zampano kauft das einfältige Dorfmädchen Gelsomina, um es zu seiner Assistentin und Sklavin abzurichten. Sie unterwirft sich seinen unwirschen Befehlen, aber den seiltanzenden Narren Matto, der sie menschlich behandelt, betet sie an.

Zampano tötet Matto im Streit und verläßt Gelsomina, weil er jede menschliche Bindung als Last empfindet. Erst als er später von ihrem Tod hört, läßt ein hemmungsloser Gefühlsausbruch ahnen, was er für sie empfunden hat.

Der Film hat eine soziale, eine humane und eine christliche Ebene. Ob man ihn als simple Geschichte über menschliche Beziehungen oder als Allegorie versteht, der durch den Zusammenklang aller künstlerischen Faktoren erzielten Intensität wird sich kaum ein Zuschauer entziehen können. - Für Erwachsene "Sehenswert".


p.s.
Die Passage ist bei Überarbeitung rausgefallen, sonst wäre die Geschichte wohl zu überladen. Deine Erinnerung sei hiermit geehrt und Du für die Empfehlung bedankt. Und für dein Organisieren.

Antwort geändert am 05.05.2021 um 15:07 Uhr
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Graeculus antwortete darauf am 05.05.2021:
Jetzt erst wird mir klar, daß Du Fellinis "La Strada" meinst.
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Willibald schrieb daraufhin am 05.05.2021:
sapienti sat et pelliculae experto.
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AchterZwerg
Kommentar von AchterZwerg (06.05.2021)
"Das Böse ist immer und überall", wusste die Erste Allgemeine Verunsicherung, die gleichzeitig Basis so mancher kindlichen Untat ist.
Auch der8. erinnert sich voller Scham an mit Bunstiften ausgemalte "Träumereien an französischen Kaminen" (Jugendstilausgabe) und einen gutherzigen Musikpädagogen, der ihn zum Geigenspiel animieren wollte, dann aber doch aus dem Schulchor entfernen musste ...

Jenseits all dieser Bemühungen ist uns immerhin die Leidenschaft für gutgefüllte Bibliotheken geblieben.

Vielleicht auch deswegen, weil es die Elternpaare versäumten, ein Mobile aus Miniaturexemplaren Thomas Mannscher Gesamtwerke über unseren Bettchen zu befestigen ...

Deine Geschichte gefällt mir außerordentlich gut. Sie verknüpft auf charmante Weise pädagogischen Anspruch und Wirklichkeit, Liebe und kindliche Bosheit. - Möge die B-Liga-Geige im seichten Gewässer ihre verdiente Ruhe gefunden haben.

In diesem Zusammenhang mundet mir das Ende deiner Geschichte. - Jesses na. Und wie!

Herzlichste Grüße
der8.
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Willibald äußerte darauf am 06.05.2021:
Ach, Achter! Dank!!
Und diesen Snoopy habe ich in dieser Zeit dann auch kennen- und lieben gelernt. Hier vier Bilder.



Sie mögen Dir munden
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AchterZwerg ergänzte dazu am 07.05.2021:
Sie munden wie verrückt!
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (06.05.2021)
Walmdachbau, Drempel, Mittelrisalit - der Einstieg ist zu kryptisch, wenn du diese unbekannten Begriffe nicht wenigstens andeutungsweise erklärst.
Der Mittelteil ist mir etwas zu altbacken-stereotypisch: Großbürgerliches Elternhaus - dominante Großmutter - Geigespielen. Du baust da eine Tragik auf, die bei Lichte betrachtet nicht das hält, was sie verspricht - wer nicht Geige spielen kann, wird nicht erschossen.
Und der Schluss: Schluchzen, Segel, Sonne, Schatten, die die Haut netzen - ist das nicht etwas arg dick aufgetragen?

P.S.:
Zwei Meistergeiger in so einer kurzen Geschichte sind einer zuviel. Die Rolle kannst Du getrost einer Figur überlassen, finde ich.
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Willibald meinte dazu am 06.05.2021:
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Dieter_Rotmund meinte dazu am 06.05.2021:
Schön.
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Willibald meinte dazu am 07.05.2021:
Ach, Dieter, deine Kommentare und deine Lesekünste muss derjenige, der Dir wohl will, sich schön trinken.
Ich versuche es erst gar nicht.
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AchterZwerg meinte dazu am 07.05.2021:
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Moja
Kommentar von Moja (07.05.2021)
Zauberhafte Geschichte samt der Illustrationen, lieber Willibald, schade, dass immer irgendwann das Ende folgt, wenn man gerade so schön eingesponnen ist in die Netze Deiner Erzählung.

Liebschönen Gruß,
Moja
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Willibald meinte dazu am 08.05.2021:
Liebe Moja, ganz herzlichen Dank.
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Willibald
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Veröffentlicht am 05.05.2021, 29 mal überarbeitet (letzte Änderung am 09.05.2021). Textlänge: 1.020 Wörter; dieser Text wurde bereits 99 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 19.09.2021.
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