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von Quoth


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Die vielen blinden Fenster im leerstehenden Parterre waren plötzlich blankgeputzt, an den Tischen herrschte emsige Geschäftigkeit, viele Notebooks waren aufgeklappt. Früher hatten wir hier Bio-Textilien gekauft, die Firma zog aus, weil sie mehr Platz brauchte. Wie oft war ich hier vorbeigegangen auf dem Weg zu meiner Therapie! Und jetzt erklang aus der Ferne Chorgesang! Ich blieb stehen und starrte hinein: Womit mochte die Firma, die hier eingezogen war, handeln, worauf beruhte ihr Geschäft? INTERNAT AMBROSIA stand in Messingbuchstaben über der Tür. Ein blondbärtiger Angestellter sah meinen Blick, erwiderte ihn lächelnd, wechselte ein paar Worte mit seinem adipösen Nachbarn – und kam heraus. „Kommen Sie doch herein! Wir führen Sie gern ein bisschen herum!“ Ich ließ mich beschwatzen, auch wenn ich meine Therapeutin nicht gerne warten ließ. Große dampfende Styroporverpackungen wurden aus den hinteren Räumlichkeiten durchs Büro und auf die Straße gewuchtet, wo neutral weiße Kühlwagen sie in ihr Inneres aufnahmen. Ich fragte nach und erfuhr, dass es sich um Spenderblut handle. „Arbeiten Sie mit dem Roten Kreuz zusammen?“ Das wurde mit nachsichtigem Lächeln verneint, ich wiederum wurde gefragt, was ich beruflich gemacht hätte. „Ich war Soldat, Hauptmann bei den Rollbahnkehrern, so nennen wir uns beim Bodenpersonal der Luftwaffe.“ Der Blondbärtige sah den adipösen Kollegen bedeutsam an. Wir betraten die Halle, in der früher die Textilien gelagert waren. Hier waren jetzt Tische aufgestellt, an denen rechts Jungen, links Mädchen saßen, die sangen und stampften dazu den Rhythmus:
„Den Durst der Mächtigen,
der Herrlichen, Prächtigen,
stillt unser Blut.
Sie werden’s uns danken,
wir werden nicht wanken,
alles wird gut!“
Sie mochten zwischen drei und zwölf Jahre alt sein, trugen die blaugraue kurzärmlige Internatsuniform, viele hatten verbundene oder verpflasterte Arme. „Hätten Sie nicht Lust, über die ganze Rasselbande mal die Aufsicht zu führen?“ „Aber ich habe keinerlei pädagogische Erfahrung! Ich war doch nur Soldat!“ „Das qualifiziert Sie gerade! Disziplin und Ordnung sind hier oberstes Gebot.“ Dann offerierten Sie mir ein Gehalt, das meine Pension gerade mal verdreifachte! „Klären Sie mich noch auf – an wen versenden Sie das Blut – an hiesige Krankenhäuser?“ Wieder wurde nur nachsichtig gelächelt, und ich erfuhr, dass die Ambrosia GmbH & Co KG global arbeite und in alle Länder versende, aber nur an ausgewählte Adressen. „Ambrosia verfügt über ein Netz sehr guter Verbindungen, Netzwerke sind heutzutage das A und O!“ „Woher haben sie die Kinder?“, fragte ich ohne Hoffnung auf eine Antwort. Aber ich bekam eine: „Verhaltensauffällige, schwer erziehbare und gefährdete Kinder werden uns von Amts wegen zugewiesen. Die Pandemie hat ihre Zahl durch die Decke gehen lassen.“ Ich unterschrieb für ein Probevierteljahr. Meine Frau sah mich durchdringend an, als ich ihr, freudig erregt, von meiner neuen Stelle berichtete. „Warum hast du dich darauf eingelassen?“ Ich erinnerte sie an die noch immer nicht abgezahlte Hypothek. Sie rief die Polizei an und stellte das Telefon laut. Sie wurde mehrfach weiterverbunden bis zum Polizeipräsidenten hinauf, der sie lachend beruhigte. „Warum, gnädige Frau,“ fragte er charmant, „gönnen Sie uns Verantwortungtragenden nicht hin und wieder eine kleine Blutauffrischung?“ Aber als ich heute meinen Dienst antreten wollte, waren die Räume leer, die Fenster blind.

 
 

Kommentare zu diesem Text


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (30.05.2021)
Herrlich!
diesen Kommentar melden
AchterZwerg meinte dazu am 30.05.2021:
Jau!
diese Antwort melden
Quoth antwortete darauf am 31.05.2021:
Vielen Dank für Wertschätzung Dieter_Rotmund, AchterZwerg, Soshura und Willibald! Aber was gefällt Euch daran? Und gibt es nicht auch Kritikpunkte?
diese Antwort melden
Lluviagata
Kommentar von Lluviagata (22.07.2021)
Hallo Quoth,

so langsam beschleicht mich das Gefühl, dass du uns deine Träume erzählst, und zwar auf eine brillante Art und Weise. Oder du hast eine so überbordende Phantasie, dass sie schon wieder genial ist. Kritikpunkt? Ich finde keinen.

Faszinierte Grüße

Llu ♥
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Quoth
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Dies ist ein Text des mehrteiligen Textes Parabeln.
Veröffentlicht am 30.05.2021, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 20.07.2021). Textlänge: 509 Wörter; dieser Text wurde bereits 62 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 22.07.2021.
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