Nachbarschaft

Kurzprosa

von  BeBa

Den Tag des Umzugs habe ich mir freigenommen, konnte es bis zum Schluss nicht glauben. Aus dem Fenster, zweiter Stock und exzellenter Überblick, beobachte ich, wie die Möbelpacker aus dem LKW steigen. Um sicherzugehen, laufe ich nach unten bis ins Erdgeschoss. Tatsache, die Tür zu seiner Wohnung steht offen.

Ich erinnere mich, wie er vor zwei Jahren hier eingezogen ist. Ein schwülheißer Sommertag, Gewitter lagen schon am Morgen in der Luft. Da stand er in der Haustür und gab den triefenden Packern detaillierte Anweisungen. In seinem edlen Zwirn machte er keinen Finger krumm. Ich musste zur Arbeit und damit an ihm vorbei.
„Oh, entschuldigen Sie all das hier“, meinte er und zeigte auf zwei Packer, die soeben ein elegantes Ledersofa in die Wohnung schleppten, „ich ziehe gerade hier ein. Bohrmann ist mein Name, und ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
Ich nickte und erklärte ihm, es eilig zu haben, da der Bus nicht warten würde. Er lachte und ich nahm es ihm nicht ab.
„Einen schönen Tag noch!“, rief er mir hinterher.
Schon im Bus auf dem Weg zur Schule, ich bin Lehrer für Deutsch und Musik, war mir klar, dass dieser Tag nichts werden würde. Die Schüler saßen völlig übermüdet in der Klasse. Am Abend vorher war ein Fußballspiel übertragen worden. Als ich wenig Verständnis für ihre Verfassung zeigte, redeten sie von Finale, Verlängerung und Elfmeterschießen. Dabei, und das wissen sie alle, interessiert mich Fußball nicht die Bohne. Gegen Mittag verlangte der Direktor nach mir. Einige Eltern hätten sich beschwert, dass ich zu oft Robert Walsers Werke als Klassenlektüre wählen würde. Ich solle doch mal etwas Zeitgemäßeres in den Unterricht einbauen.
Im Kopf noch auf der Suche nach einem modernen Robert Walser, griff ich zuhause wie gewöhnlich zur Türklinke, als sich das Fenster der Wohnung EG links öffnete.
Und heraus schaute Herr Bohrmann. Mittelblondes, kurzgeschnittenes Haar, Dreitagebart, blaue Augen. Der Typ, der immer lächelt, um seine strahlend weißen Zähne zu zeigen. Seine Eltern hatten damals Geld für eine teure Zahnspange gehabt. Meine nicht.
„Na, Feierabend?“ Als wären wir Bekannte. Ich nickte und suchte schon einmal nach dem Wohnungsschlüssel.
„Ich bin noch dabei, mich einzurichten. Aber wir werden sicherlich Gelegenheit haben, uns einmal näher kennenzulernen.“

Zum Kennenlernen kam es nicht. Wenn ich heimkehrte, waren die Fenster im EG geschlossen. Und zu Robert Walser fand ich keine Alternative. Damit würden sich die Eltern abfinden müssen, ebenso wie ihre Sprösslinge. Diese Walser- Hasser hatte ich mittlerweile ins Visier genommen.
Bohrmann begegnete mir nicht mehr. Wenn ich nach Feierabend aus dem Fenster schaute, sah ich ihn häufig in einem engen, kunterbunten Sportdress losjoggen. Sport ist nicht meins, und das betrifft nicht nur den Fußball mit seinen Verlängerungen. So wie der neue Nachbar durch die Stadt zu hetzen, käme für mich nicht in Frage. Zugegeben, seine Figur passte eher in solch einen farbenfrohen Sportanzug als meine, aber zum Affen macht man sich so oder so mit diesem Joggen.

Unser Haus hat vier Etagen. Im ersten Stock, zwischen mir und Bohrmann, wohnt die blonde Kellnerin aus der Cocktailbar Curacao, die immer erst nachts heimkommt. Ich hatte in der Bar ein paar Mal einen Cocktail getrunken und sie hat mich bedient, aber wenn wir uns im Hausflur über den Weg liefen, erkannte sie mich nicht. Eines Tages sah ich von meinem Fenster aus Bohrmann und Miss Curacao zusammenstehen und lachen. Von da an kamen die beiden regelmäßig gemeinsam nachts heim. Das ging mindestens ein halbes Jahr so.
Über mir wohnt die Chinesin, eine Stewardess. Ich bin ihr ab und zu im Treppenhaus begegnet und habe ihr erzählt, dass ich gern mal China besuchen würde. Sie hat immer genickt und gelächelt. Das letzte Mal meinte sie dann, dass sie Japanerin sei und für Lufthansa die Südamerikaroute fliegen würde.
Ein wenig später hörte ich Bohrmanns Lachen aus der Wohnung der Stewardess. Der werte Nachbar zählte fortan zu den Vielreisenden.
Und nicht zu vergessen meine direkte Nachbarin. Etwa fünfzig wie ich, und sie lud mich immer wieder ein zum Kaffee. Einmal ging ich hin und trank Tee. Später am Abend öffnete sie den einen oder anderen Wein. Sie kannte Robert Walser, doch ich vertrage keinen Alkohol und ihr Merlot hatte satte 14,5 %.
Wenig später hörte ich Bohrmanns Lachen aus ihrer Wohnung.

Die Möbelwagen sind abgefahren. Das EG links ist leer und Bohrmann fort.
Unser katholischer Religionslehrer sucht eine Wohnung. Ich habe ihm schon einen Tipp gegeben.

Zu Walser gibt es keine Alternative.

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Kommentare zu diesem Text

Stelzie (55)
(21.08.21)
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 BeBa meinte dazu am 21.08.21:
So ist es wohl. Danke dir, Kerstin.

LG
BeBa

 EkkehartMittelberg (21.08.21)
hallo Beba,

Bohrmann passt sich an alle an, aber dein Erzähler-Ich bleibt sich treu.

LG
Ekki

 BeBa antwortete darauf am 21.08.21:
Das auf alle Fälle, Ekki.

LG
BeBa

 Quoth (21.08.21)
Hallo BeBa, zu Robert Walser gibt es in der Tat keine Alternative, weil er einzigartig ist, Franz Kafka ist der einzige, der ihm das Wasser reichen kann. Da das Erzähl-Ich Robert Walser so sehr schätzt, habe ich mich gefragt, ob der große kleine Bieler auf den Text abgefärbt hat. Ein Element habe ich gefunden: Seine Neigung zu platonischen Frauenbeziehungen. Dies Element hätte ich sogar noch ausgebaut. Die sexuelle Übergriffigkeit kann er gut anderen überlassen. Aber putzt er ihnen, der Bardame, der Stewardess und der Nachbarin, die ihn zum Kaffee einlädt und bei der er Tee trinkt, die Schuhe? Gruß Quoth

 BeBa schrieb daraufhin am 21.08.21:
Hallo Quoth,

wobei wir dann mit Kafka und Walser bei zwei meiner absoluten Lieblingsautoren wären. Die beiden werden ja oft zusammen erwähnt und miteinander verglichen. Meiner Ansicht nach kann man das nicht wirklich, die beiden sind in ihrer Art sehr verschieden einzigartig.

Was das Schuheputzen anbelangt: Die Antwort überlasse ich der Phantasie des Lesers.

Wobei in der Tat die Szene mit der Nachbarin noch Potenzial hat. Das ist ein sehr interessanter Tipp, denn hier könnte das "Erzähl-Ich" deutlich an Kontur gewinnen. Daran werde ich noch einmal arbeiten.

LG und Dank
BeBa

Antwort geändert am 22.08.2021 um 00:15 Uhr

Antwort geändert am 22.08.2021 um 00:15 Uhr

Antwort geändert am 22.08.2021 um 00:19 Uhr

 Quoth äußerte darauf am 22.08.21:
Peter Bichsel ist zwar auch kein "moderner Robert Walser", aber ein Meister der kleinen Form, wenn auch ganz anders, ist er auch. Den hätte ich gewählt, um die kritischen Eltern zufrieden zu stellen ... Gruß Quoth

 BeBa ergänzte dazu am 22.08.21:
Oh ja, Peter Bichsel wäre eine gute Idee. Und gerade mit seinen Kindergeschichten könnte man bei den Eltern punkten, denn diese Geschichten sind ja für Erwachsene ebenso interessant.

LG
BeBa

 BeBa meinte dazu am 22.08.21:
Leider schreibt Bichsel ja nichts mehr. Ich habe so ziemlich alles von ihm hier im Regal.

 AchterZwerg (22.08.21)
Grüß dich, BeBa,

die Haltung des Erzählers ist bemerkenswert - und irgendwie auch typisch für eine "gut" nachbarliche Beziehung.
Er selbst maßt sich allerlei Werturteile an, macht sich selber aber nicht die Mühe, seine Umgebung besser kennenzulernen, unterscheidet nicht einmal zwischen Japanern und Chinesen.

Ganz anders Robert Walser, der bescheidene Spaziergänger und große Beobachter. - Zu ihm gibt es in der Tat keine Alternative.

Gut, dass sich der Erzähler wenigstens in der Literatur auskennt.

Jedenfalls ein interessanter, gelungener Kunstgriff.

 BeBa meinte dazu am 22.08.21:
Danke dir, 8er. Gut analysiert, dieses Erzähl-Ich.

LG
BeBa
Agnete (66)
(22.08.21)
Dieser Kommentar ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 BeBa meinte dazu am 22.08.21:
Ja, wie man lebt, das weiß man in Köln.

Danke dir und LG
BeBa
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