das ende der zeit

Groteske zum Thema Zeit

von  jds

das ende der zeit

Mit einem leichten anflug von wehmut nahm rüdiger s. aus e. den letzten eiswürfel aus dem gefrierfach. Das klirren im glas läutete das ende des langen und heißen sommers ein. In dem grellen neonlicht des fensterlosen raumes schimmerte angenehm das grün der becherovkaflasche. Nachdem er die klare flüssigkeit über den eiswürfel geschüttet hatte sog er den würzigen duft durch die nase und stellte die flasche wieder in den kühlschrank zwischen all die tuben und töpfchen zurück.

Rüdiger s. aus e. hatte sich von dem sturz wieder erholt. So hoch war die leiter zum glück nicht gewesen. Die platzwunde war schnell verheilt und auch die schwere gehirnerschütterung hatte er nach einigen wochen völlig überstanden. Vielmehr hatte er jedoch nach seiner entlassung aus dem krankenhaus mit der enttäuschung zu kämpfen, den wettlauf mit der zeit verloren zu haben.

Als er in seine wohnung zurück kam standen alle uhren still. Keine einzige der porzellanküchenuhren gab noch ein leises tick oder tack von sich. In seiner niedergeschlagenheit nahm rüdiger s. das einzig noch gefüllte glas von dem regal in der küche und bereitete sich ein letztes mal eine buchstabensuppe zu. Eine buchstabensuppe nur aus dem buchstaben s. Aus dem buchstaben s dessen beide rundungen er so sehr liebte und  die nach ihrer extrahierung aus der tageszeitung mittels einer kleinen nagelschere bis jetzt vergeblich auf ihre weiterverwendung gewartet hatten. Auch die zweieinhalb gläser, gefüllt mit den getrockneten spinnen wurden geleert, womit dann auch seine vorliebe für spinnen ein ende fand.

Um das warten auf das ende der zeit nicht sinnlos zu verbringen hatte rüdiger s. aus e. eine aushilfstätigkeit bei einem bestattungsunternehemen angenommen. Nachdem er anfänglich beim sargtragen und aufkehren geholfen hatte entdecke man seine fähigkeit im umgang mit den leblosen körpern, besonders seine geschicklichkeit sie mittels der cremes und schminkfarben noch einmal wie lebendig erscheinen zu lassen.

So kam es, dass er mehr und mehr die aufgabe übernahm, die toten für den tag der bestattung herzurichten. Längst besaß er einen eigenen schlüssel und niemand kümmerte sich darum wenn er bis spät in die nacht arbeitete.

Besondere anerkennung brachte ihm das lächeln der verstorbenen ein. Mittels einer geleeartigen  silikonlösung, die er unter die haut der eingefallenen gesichter spritzte, formten seine finger mit sanftem druck und einem zärtlichen streicheln ein derartig schönes und  entrücktes lächeln auf das antlitz, welches den verblichenen zu lebzeiten nie zu entlocken möglich gewesen wäre.
Die angehörigen waren meist von einer solch tiefen rührung ergriffen, dass sie rüdiger s. aus e. verlegen einen zehner extra in die hand drückten.

Dieser sommer hatte viel arbeit gebracht. In der hitze der tage starben die leute wie die fliegen. Rüdiger s. aus e. nahm sich gerade noch die zeit um seinem körper außer der arbeit noch einige wenige stunden schlaf zu gönnen.

Jetzt am ende dieses sommers fand er nun wieder mehr zeit um seiner neuen lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Auf dem weg von und zu seiner arbeit sammelte, ja rettete er jedes auch noch so kleine blatt, welches von den bäumen die den weg säumten auf den boden gefallen war. Zuhause wurden die blätter fein säuberlich zwischen die dünnen seiten alter telephonbücher gelegt und diese mit weiteren telephonbüchern beschwert.

Rüdiger s. aus e. verwendetet nur solche telephonbücher die er von vorne bis hinten gelesen hatte. Zeile für zeile, name für name und ziffer für ziffer glitten seine augen über die seiten um dann diesem telefonbuch seine letzte bestimmung zuteilwerden zu lassen. Der Flur in seiner wohnung war bereits links und rechts mit angehäuften telephonbüchern verbaut. Nur über einen schmaler gang in der mitte und einige abzweigungen davon, war es möglich, zu den einzelnen räumen zu gelangen.

Am ende eines sommers bückte sich rüdiger s. aus e. auf seinem heimweg auch häufig, um in der kleinen allee kastanien einzusammeln. Die taschen an seiner jacke und hose waren bald völlig zerbeult und ausgeweitet von der menge an kastanien die er darin verstaute.
In seiner küche wurden sie dann mit einem feinen wolltuch auf hochglanz poliert und auf dem küchentisch ausgelegt ehe sie am nächsten morgen wieder in den taschen von rüdiger s. aus e. verschwanden. Auf dem weg zu seiner arbeit platzierte er die kastanien in kleinen reihen oder gruppen auf den fenstersimsen, die von seinem weg aus erreichbar waren.

Mit kleinen schlucken trank rüdiger s. aus e. den würzigen schnaps in dem sich der eiswürfel bereits aufzulösen begann. Für diese nacht warteten noch zwei kandidaten darauf um von rüdiger s. aus e. für ihren letzten auftritt hergerichtet zu werden. Er schob die zwei metallenen rolltische, aus dem kühlraum. Nachdem er das helblaue tuch, das die starren körper bedeckte, zurückgeschlagen hatte blickte er auf die gesichter eines alten mannes und eines jungen mädchens.

Der schädel des alten mannes war von einem silbernen haarkranz umgeben, die wangen waren eingefallen und der mund zu einer böswilligen grimasse verkniffen, als ob er sich noch im sterben über etwas sehr geärgert hätte. 

Von dem zweiten tisch blickte ihn das mädchen mit hellblauen, durch den tod getrübten augen an. niemand hatte daran gedacht sie zu schliessen bevor die totenstarre einsetzte. Umrahmt von unzähligen goldenen löckchen bargen die gesichtszügen eine unbeschreibliche schönheit. Das mädchen lächelte rüdiger s. aus e. entgegen. Solch ein lächeln war ihm seit beginn seiner arbeit noch nicht gelungen.

Er ging zum kühlschrank, holte einige tuben und gläser hervor und füllte noch einmal sein glas mit becherovka aus der angenehm grün schimmernden flasche bevor er mit seiner arbeit begann.
Aus einer großen tube zog er das das silikon in eine spritze und führte die flache nadel unter die haut an den wangen und um die mund winkel des alten mannes. Den mundinnenraum musste er mit mit papiertüchern ausfüllen um das gesicht überhaupt etwas voller und angenehmer erscheinen zu lassen. Sanft strich er mit seinen fingern über die haut um das mittel zu verteilen. Während er wartete bis sich das silikon etwas verfestigt hatte blickte er auf das mädchen und trank mit kleinen schlucken aus seinem glas. Mit leichtem kneten versuchte er dem gesicht des alten mannes einen würdigen ausdruck zu verleihen. Immer wieder betrachtete er das mädchen , als ob er versuche ihr lächeln zu kopieren und etwas davon dem alten mann abzugeben. Doch es es gelang ihm nicht annähernd. So würde der alte mann nun eben am nächsten tag alle, die ihn noch einmal zu sehen wünschten, spöttisch und verächtlichen angrinsen. 

Ein letztes mal blickte er dem mädchen in die augen, bevor er damit begann mit einem feinen seidenfaden die augenlider zusammen zu nähen. Auch ihr strich er sanft mit den fingerspitzen über das gesicht, ohne allerdings vorher das silikon unter die haut zu spritzen.

Rüdiger s. aus e. füllte ein weiters mal sein glas. Lange zeit stand er da und blickte auf die beiden gesichter, auf das des alten mannes, der nicht lächeln wollte und auf das des mädchens mit dem bezaubernsten lächeln, das er je gesehen hatte.

Als das glas leer war begann er vorsichtig die beiden gesichter mit einer fettcreme einzureiben, bis diese einen leichten glanz erhielten. Aus einem papiertuch rollte er vier kleine kugeln die er in die nasenlöcher  der leichen steckte.
Rüdiger s. aus e. rührte etwas wasser und ein weisses pulver zu einer paste mit der er die gesichter bestrich. Über die paste legte er eine schicht angefeuchteter weicher gipsbinden und über die binden strich er eine weitere schicht der weissen paste.

Nochmals schenkte er sich ein glas aus der grünen flasche ein und wartete bis die totenmasken fest wurden. Vorsicht entfernete er die erstarrten abdrücke der gesichter. Aus zwei dosen rührte er eine andere paste zusammen, mit der er die innenseite der beiden masken bestrich. Danach wandte er sich wieder den beiden leichen zu, reinigte die gesichter und haaransätze von der fettcreme und den resten der paste und begann mit make up und rouge den gesichtern eine lebendige frische zu verleihen.

Zufrieden mit seinem werk betrachtete Rüdiger s. aus e. die beiden, deckte sie zu und schob sie in den kühlraum zurück. Morgen in aller frühe würde man sie mit dem letzten hemd ankleiden, in einen sarg betten und sie auf die letzte kurze reise schicken an deren ende sie ein letztes mal einen kleinen empfang geben würden, der alte mann mit seinem spöttischen grinsen und das mädchen mit ihrem bezaubernden lächeln.

Vorsichtig entfernte rüdiger s. aus e. die inzwischen ausgehärtete masse von der totenmaske, schnitt mit einem skalpell die überflüssigen ränder ab und blickte in die gesichter des alten mannes und des jungen mädchens. Die nicht mehr benötigten reste knüllte er zusammen und warf sie in den müllschlucker.

Nachdem er die beiden gesichter in seiner aktentasche verstaut hatte löschte er das neonlicht und machte sich auf den heimweg. In der kleinen allee fand er schon die ersten kastanien. Bei den blättern hatte er eingesehen, dass diese im herbst zuviel werden würden und er den winter über erst weitere telephonbücher lesen musste um all die blätter unterbringen zu können.

In seiner wohnung angekommen nahm er die kastanien aus den taschen polierte sie sorgfältig und legte sie vor sich auf den küchentisch. An die beiden gesichter klebte er auf die rückseite einen dieser bilderaufhänger.
Nachdem er sich in der küche umgeschaut hatte nahm rüdiger s. aus e. zwei weitere der vollständig die wände bedeckenden porzelanküchenuhren ab und hängte stattdessen die gesichter des alten mannes und des jungen mädchens an die haken.

Am nächsten morgen stopfte er sich die kastanien in die hosentaschen, legte die beiden abgenommenen uhren in seine aktentasche und begab sich auf einem kleinen umweg zu seiner arbeit. Dieser weg führte auf einer brücke über einen kleinen fluss. In der mitte der brücke blieb rüdiger s. aus e. stehen, öffnete die aktentasche nahm eine uhr nach der anderen heraus und warf sie in das bleigraue von einigen grünen tangsträhnen durchsetzte und durch die strassenlaternen auf der brücke perlmuttartig schimmernde wasser.



jens schreblowsky - alletagekunst

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