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Der Zauber einer Holzkugel

Märchen zum Thema Geheimnis


von hei43

Der Zauber einer Holzkugel

Vor vielen vielen Jahren lebte eine lustige und fröhliche Königsfamilie in einem alten Schloss. Sie war im ganzen Land sehr beliebt. Eines Tages aber, als Eduard, der jüngste Prinz, am Fenster saß, überkam ihn eine große Traurigkeit. Alle machten sich große Sorgen und überlegten, wie man dem kleinen Prinzen helfen könnte. Sie versuchten es mit lustigen Geschichten, mit allerlei Spielen und Kutschfahrten, die er so sehr liebte. Doch nichts konnte ihn aufmuntern. Plötzlich erinnerte sich der König an die „rote Holzkugel“, es war ein Abschiedsgeschenk der kleinen Inselprinzessin Molu. Sogleich rief er den ganzen Hofstaat zusammen und erzählte von dieser Begebenheit.

„Als junger Prinz bereiste ich mit einem Segelschiff die Weltmeere. Eines Tages erlitten  wir bei hoher See Schiffbruch und wurden über Bord gespült. Glücklicherweise blieben wir unversehrt. Wie nasse Pudel krabbelten wir aus dem Wasser und sahen einen wunderschönen Strand mit weißem Sand und Palmen vor uns. Der Anblick  dieser Insel
im Glanz der Sonne faszinierte auf seltsame Weise. Geheimnisvoller Gesang drang an unsere Ohren. Kurz darauf sahen wir eine Schar Menschen auf uns zukommen. An ihrer Spitze der Inselkönig mit seiner Königin und der kleinen Prinzessin Molu. Viele Tage lang waren wir willkommene Gäste auf dieser schönen Insel!“.

Der König fuhr fort:
„Als der Tag des Abschieds kam, bedankten wir uns für die Gastfreundschaft. Da eilte die kleine Prinzessin herbei, streckte mir ihre Hand  entgegen und öffnete sie behutsam. Eine leuchtend rote Kugel kam zu Vorschein.
„Für Sie werter Prinz. Sollten Sie oder einmal eines Ihrer Kinder traurig sein, dann nehmen Sie diese Kugel in die Hand und sogleich kehrt die Fröhlichkeit wieder ins Herz!“, sagte sie und schaute mich mit ihren schwarzen großen Augen an. Bald darauf traten alle die Heimreise an.“

Als der König seine Erzählung beendet hatte, setzte er sich neben den traurigen Prinzen, streichelte ihm liebevoll über den Kopf und sagte:
„Diese rote Kugel habe ich in einer goldenen Schachtel aufbewahrt. Ich hole sie dir!“.
Es dauerte nicht lange und er kam mit der Schachtel zurück, öffnete sie vorsichtig und ließ alle die da waren, hineinschauen. Welch ein roter Glanz ihnen entgegenstrahlte!

„Sie soll jetzt dir gehören. Bitte nimm sie in deine Hand!“, sagte der besorgte König.
„So eine schöne rote Holzkugel habe ich noch nie gesehen. Danke, Danke!“, sagte er erfreut. Seine Traurigkeit war wie weggeblasen. Schnell sprach es sich im ganzen Schloss herum, dass die Fröhlichkeit wieder des Prinzen Herz erobert hatte.

Je öfter er in der folgenden Zeit mit der Kugel spielte, umso mehr erfasste ihn ein seltsames Gefühl. War es Sehnsucht? Nach wem oder nach was?  In der Unschuld seiner jungen Jahre vermochte er es nicht zu deuten. Trotz dieser kurzen Sehnsuchtsmomente vergingen Jahre in Fröhlichkeit und Glück.

Eines Tages saß Prinz Eduard wieder am geöffneten Fenster hoch oben im Turm und betrachtete seine rotglänzende Holzkugel. Gedankenverloren schaute er dabei in die Ferne. Plötzlich hörte er die Fanfaren! Ein fremdes Schiff war im Hafen! - Vor Schreck entglitt die Kugel seinen Händen, fiel und fiel polternd von Dach zu Dach, über die Schlossmauern hinweg, von Fels zu Fels, immer tiefer.

„Hilfe, meine Kugel,“ rief er laut, „was mache ich nur?“.
Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er die Wendeltreppe nach unten stürmte.
„Ein Pferd, ein Pferd!“, rief er nach unten, „Knappen, sattelt mir bitte mein Pferd!“.
Atemlos schwang er sich unten angekommen auf sein Pferd und hetzte es den Schlossweg hinunter. Er hoffte, seine Kugel noch irgendwo zu finden.

Gerade war er am Hafen angekommen und wollte sein Pferd nach links reißen, in die Richtung, wo er seine Holzkugel vermutete, als seine Augen ein wunderschönes Geschöpf entdeckten. Er zog so heftig an den Zügeln, dass sich das Pferd wiehernd aufbäumte. Er sprang ab und eilte zum Kai, wo bereits der König mit dem ganzen Hofstaat die fremden Ankömmlinge empfing. Nach Atem ringend erreichte er die Versammelten und begrüßte die Fremden, die von einer fernen Südseeinsel angereist waren, wobei er kaum seinen Blick von dieser jungen Schönheit abwenden konnte.

In diesem Augenblick hörte er hinter sich ein Poltern, ein Rollen. Noch bevor er sich umwenden konnte, hörte er die junge Dame rufen:
„Das ist doch die rote Kugel meiner Mutter, von der sie mir immer erzählt hatte! Ganz sicher, das ist sie!“.
Der König eilte sogleich an ihre Seite, um sich die Entdeckung genauer zu betrachten. „Ja, diese rote Kugel hatte mir die Inselprinzessin Molu zum Abschied geschenkt!“, rief er aufgeregt in die Runde der Umherstehenden. Die junge Dame fragte erstaunt:
„Werter König, sagten Sie gerade Molu?“.
„Ja, das sagte ich!“, entgegnete ihr der König und beugte sich zu der Holzkugel hinunter, um sie aufzuheben.
„Das ist sie ganz bestimmt!“, erwiderte sie und fügte leise hinzu, „Molu war meine Mutter, die vor zwei Jahren plötzlich verstarb!“.

Prinz Eduard verfolgte alles mit großem Interesse und wurde immer ruhiger, je mehr das Geheimnis gelüftet wurde. Seine Sehnsucht schien sich in diesen Momenten aufzulösen. Vorsichtig nahm er die rote Holzkugel aus den Händen seines Vaters und legte sie in die zarten Hände eines neuen Glücks.

© Heidrun Gemähling

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Veröffentlicht am 29.11.2005, 1 mal überarbeitet (letzte Änderung am 14.08.2008). Textlänge: 838 Wörter; dieser Text wurde bereits 1.610 mal aufgerufen; der letzte Besucher war ein Gast am 26.09.2019.
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