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Wie ich zu KV kam

I.

Naja, interessant ist es eigentlich nicht. Ziemlich banal. Aber der Reihe nach. Als ich meine Konfirmation feierte, musste ich entdecken, dass mein Großvater ein Nazi war. Es war gegen Nachmittag und ich durfte mich mit allen eingesammelten Geldumschlägen in das Arbeitszimmer meines Opas verziehen und die „Geschenke“ zählen. Mein Opa war Superintendent gewesen und hatte mich damals noch selbst getauft. Als ich konfirmiert wurde, war er längst nicht mehr im Amt, erfreute sich aber mit seinen knapp neunzig bester Gesundheit.
Ich hoffte mit den „Einnahmen“ aus meinem Bekenntnis zum Glauben – dem Bestechungsgeld – mir endlich einen PC anschaffen zu können. MMX Prozessor, AGP Grafikkarte, 128 MB Ram – wow. Der Spaß hätte zweieinhalbtausend Mark inklusive Monitor, Aktivboxen und Tintenstrahldrucker gekostet.
Anfangs hatte ich gut gelaunt Umschlag um Umschlag geöffnet und die Balthasar-Neumann-Scheine gestapelt, seltener waren Clara Schuhmanns, aber als ich beim letzten Brief angekommen war, lag die Summe erst bei 1815 DM. Der letzte Brief war von irgendeinem Tantchen, die auch nicht zur Feier gekommen war. Fünfundfünfzig Mark waren drin. Ich wunderte mich, warum zum Naumann eine Bettina von Arnim beigelegt worden war. Inflationsausgleich? Die Konfirmation meiner älteren Schwester lag immerhin knapp zehn Jahre zurück. Hatte Sie Fünfzig bekommen? Schwesterchen, die doofe Kuh, hatte mir ein Buch geschenkt. Was sollte ich mit einem Buch?
Während ich also grübelte, warum Tante Ernie auf fünfundfünfzig DM gekommen ist, ging die Tür auf. Eine Wolke süßlichen Zigarrenduftes schwoll ins Zimmer und die immer noch stattliche Gestalt meines Großvaters erschien in der Tür.
„Lars?“, kommandierte er im Befehlston.
Ich beeilte mich aufzustehen und ging auf ihn zu.
„Lars, ich habe hier noch ein kleines Präsent für Dich.“ kaum dass er es gesagt hatte, hatte er einen Briefumschlag aus seiner Weste geholt und ihn mir in die Hand gedrückt. „Heute Abend rauchen wir noch eine Zigarre, junger Mann.“
Kaum gesagt kniff er mir noch in die Wange und ging schmauchend wieder hinaus. Ich schrubbte mir mit der Hand ein paar Mal über die gekniffene Seite, denn ich mochte das nicht.

Ihn liebte ich und hatte Respekt, aber diese Eigenart, seinen Enkeln und Urenkeln in die Wange zu kneifen oder auf den Mund zu küssen, mochte ich nicht. Ich liebte sein Arbeitszimmer, die vielen Bücher, die schweren Folianten, die alte Bibel, das Klavier und die Gitarre und seinen vollen Gesang. Ja, mein Großvater war ein guter Sänger, ein noch besserer Unterhalter und mein Vetter Andreas hatte dieses Talent geerbt und die ganze Familie Lauterbach hoffte, dass er ein Stipendiat für die Meisterklasse von der Hochschule der Künste in Berlin bekommen würde, weil der Dieskau doch da auch Professor sei. Vetter Andi hat den Dieskau und den Kollo nie gesehen, aber das ist Andreas Geschichte.

Ich liebte das Unterhaltungsgenie meines Großvaters, seine Schüttelverse, Stehgreif Reime und Parodien und ich liebte sein Klavier und das Regal über dem Klavier, in dem eine ganze Reihe der Perry Rhodan Abenteuer im Silberband standen. Keiner von uns verstand, was unseren Großvater mit Perry Rhodan verband, aber wir alle, Vettern und Basen – Cousin und Cousine waren bei uns verpönt – fanden es toll oder wenigstens schräg.
.
Gespannt öffnete ich das Kuvert und fand zu meinem Entsetzen wie Erstaunen die Gebrüder Grimm - 1000 DM. Ich weiß noch, dass ich „Ach Du Scheiße“, dachte. Mehrmals. Aufs gerate wohl setzte ich mich auf den Klavierschemel, drehte mich auf dem Stuhl und den Schein drehte ich dabei in meinen Händen. Ich träumte von einem Spiele PC, der sich gewaschen hat, träumte von Duke Nukem 3D, dem geilsten Ballerspiel, dass ich bis dato gespielt hatte, denn diese Figur konnte pissen, dabei Oh, much better now raunen oder wahlweise Stripperinnen Geldscheine zustecken, sodass die Mädels ihre verpixelten Möpse zeigten. Zwischendurch mähte man Polizisten nieder, die wie Wildschweine aussahen. Oh Mann, wenn es damals schon jugendliche Amokläufer gegeben hätte, ich, der introvertierte PC-Freak aus der Familie L., wäre wahrscheinlich der Bürgerschreck gewesen. Aber alles hätte, wenn und aber versiegte bald darauf, denn bei meinen Drehungen auf dem Schemel, fiel mein Blick immer wieder auf den Rücken eines Rhodan Silberbandes, Band 12: „Der Anti.“

Wir Enkel wagten es nicht, ohne die Erlaubnis von Superintendent Lauterbach irgendetwas in seinem Studierzimmer anzufassen. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen als achtjähriger Knirps gehabt, wenn ich immer wieder auf den großen Drehaschenbecher im Wohnzimmer gedrückt hatte. Er übte auf mich die Faszination eines Brummkreisels aus und irgendetwas zog mich an diesem Nachmittag eben zu dem Rhodan Band hin. Das Interessante an dem Band war nicht so sehr der Titel, sondern die Karte, das Lesezeichen, das in ihm steckte. Vielleicht war es nur eine dämliche Übersprungshandlung gewesen, weil ich schlicht überfordert mit der Situation war, soviel Geld zu haben und so wunschlos glücklich zu sein? Vielleicht wollte ich mich einfach nur ablenken, um nicht an die Schmatz- und Knuddelparade zu denken, die ich, wenn ich wieder ins Wohnzimmer treten würde, zu absolvieren gehabt hätte – einschließlich des Kusses auf den Mund von Opa? Ja, vielleicht war es das gewesen oder doch nur das Erstaunen darüber gewesen, dass er die Rhodan Saga anscheinend immer noch aktiv las.
Ohne lange zu überlegen, zog ich den Band „Anti“ raus, schlug ihn auf und betrachtete das Lesezeichen, das oben leicht herausgeguckt hatte. Es war ein Foto. Ein altes schwarz-weiß Foto. Es zeigte zwei Männer im Vordergrund, die sich lachend die Hand gaben. Einer davon war ganz unzweifelhaft mein Großvater. Im Hintergrund war ein Kirchenportal zu sehen, wo viele Uniformierte standen. Auf der Rückseite des Fotos stand: „Gruß aus Minden. Es war eine unvergessliche Zeit, noch Größeres werden wir erleben. Danke Dir für Deine Hilfe bei der Vorbereitung des Gebetes und der Zeile: Herr nur einen einzigen Mann und er war da, Adolf Hitler. Nun ist das Dritte Reich im Werden … Das vergangene Jahr gibt davon Kunde.“

Ich war zwar jung, doch der Name Hitlers und die Uniformen auf dem Foto, machten mir die Bedeutung der Karte schnell klar. Hatte er die Karte im Band vergessen. Wie lange steckte sie schon dort? Las er wirklich aktiv? Auf einmal merkte ich, dass jemand vor der Tür stand. Seine Hand hatte die Klinke schon ein wenig heruntergedrückt.
Herr, nur eine einzige Chance diesen Moment ungeschehen zu machen, die Karte wieder einzustecken, den Band zurückzustellen und mich auf dem Schemel aus der Situation wieder herauszudrehen? Diese Chance werde ich nicht bekommen. Damals war ich so nervös geworden, dass ich das Bild in mein Sakko des Konfirmationsanzugs steckte und das Buch hastig zurückstellte. Großvater hatte die Tür schon halb geöffnet und sprach noch zu jemand anderem. Ich stand vom Schemel auf und baute mich ebenfalls vor der Tür auf, so als wollte ich gerade gehen. Die Aufmerksamkeit des rüstigen Mannes galt plötzlich wieder mir: „Ah Lars, da bist Du ja. Das Zählen wird doch nicht so schwer gewesen sein?“, sagte er und zog mich ohne weitere Erklärungen von mir abzuwarten, wieder ins Wohnzimmer.
Die Erwachsenen, unserer sehr gesunden und mehrere Generationen umfassenden Familie, hatten schon einen sehr fröhlichen Pegel erreicht. Obwohl ich zur Enkelgeneration gehörte, weil mein Vater noch mal geheiratet hatte, war ich vom Alter eher bei den Urenkeln, die mich aber doof fanden und die Enkel, die bis zu zwanzig Jahre älter waren als ich, konnten mit mir nichts anfangen, weil sie Kinder hatten, die fast so alt waren wie ich. Irgendwie störte ich das Gefüge, irgendwie hatte ich keine Bindung zur Familie Lauterbach und jetzt brannte das Nazi-Foto von Großvater auf meiner Brust. Ich wollte nur noch weg. Wollte dieses Foto ansehen und herauskriegen, was es damit auf sich hat. Ich wollte weg, weil ich beständig Angst hatte, dass Großvater ins Arbeitszimmer gehen und bemerken würde, dass sein Nazi-Lesezeichen fehlt. Und ich hoffte, dass vielleicht ein anderer hereingehen würde, sodass der Verdacht nicht gleich auf mich fallen würde, wenn der Verlust bemerkt werden würde.

Als Tante Helga, mit ihrem großen Ausschnitt und ihren niveaweißen Riesenbrüsten, mich zum Abschied an sich drückte, um sich von mir zu verabschieden, spürte ich, wie sie das Bild zerdrückte, hörte, wie es knitterte. So gleich erwartete ich, dass sie fragen würde, was ich denn da hätte. Aber sie fragte nicht und alle anderen, die mich stärker oder beiläufig drückten, als sie gingen, erwähnten es nicht.
Der restliche Tag floss unter Eierlikör, Bier und Wein dahin, mehrmals wurde ich aufgefordert doch auch mal zu kosten, aber ich wollte nicht, weil ich Angst hatte, die Kontrolle zu verlieren. Das trug mir keine Pluspunkte ein und meine Eltern irritierte es, aber sie waren, glaube ich, sogar stolz, denn im letzten Jahr, war es einmal vorgekommen, dass ich volltrunken zu Hause von Ihnen aufgefunden worden bin. Möglicherweise glaubten sie am Tag meiner Konfirmation wirklich, ich sei erwachsen geworden.

Als mein Vater zum Aufbruch drängte, hatte ich Glück, dass Opa zwar rüstig, aber doch nicht mehr so rüstig war, den ganzen Tag ohne Nickerchen durchzustehen. So geschah es, dass wir mit der Erlaubnis seiner Haushälterin und Pflegerin, nach Hause fahren konnten, ohne dass ich Großvater zum Abschied noch ein Küsschen geben, mit ihm eine Zigarre rauchen oder gar noch auf ein Schnäpschen wecken musste.

Später auf dem Rückweg, irgendwo auf der A7, saß ich auf der Rückbank unseres Audis 80 B4 hatte den Kopf in den Nacken geworfen und schaute in die sternenklare Maiennacht. In meinem Kopf hämmerten Trent Raznors Nine Inch Nails die Spiralen weiter herunter, sang von Mr. Self Destruct und das Firmament zog an mir vorüber. Das Verlangen war groß das Foto herauszuholen und einfach nur anzustarren. Mein Großvater, der Gottesmann, der liebe Opa, hatte ein Geheimnis, eine Vergangenheit, die ich nicht kannte, die nie Thema in meiner Familie war, dass erregte mich, aber ich verstand nicht, welche Konsequenzen das haben könnte.



II. – Wie ich zu Kein Verlag kam


Mit knapp Sechszehn, einem Modem mit einer Geschwindigkeit von 56k und einem Interneterlebnis durch den Compuserve Netscape Navigator, entwickelte sich für mich die Recherche, wer Großvater in der Vergangenheit war, als schwierig. Wikipedia gab es noch nicht. Google unbekannt und Yahoo oder Alta Vista lieferten alles Mögliche, aber keine brauchbaren Ergebnisse für meine Suchanfragen. Auch mit Fireball zog ich eine Niete. Mühsam, teuer und ergebnislos verliefen die Recherchen.

Gleichzeitig bekam ich mit, dass Großvater oder seine Haushälterin häufiger als sonst anriefen und auch unter anderem nach mir fragten. Meine Eltern dachten wohl erst, dass dieses Interesse daran läge, dass ich mich nicht ordentlich verabschiedet hätte – Kunststück, wenn Vater gehen will und Opa weiterschlafen soll – und weil ich noch nicht die Dankesschreiben an die liebe Verwandtschaft verfasst hatte. Vor Letzterem drückte ich mich und ich drückte mich auch davor mein vieles Geld, in einen neuen Computer zu stecken. Solange ich nicht wusste, wer mein Großvater war, wollte ich das Geld nicht einfach so ausgeben. Zurückgeben kam aber auch nicht infrage. Ich steckte in einem Dilemma. Wahrscheinlich ging es meinem Großvater ganz ähnlich, aber das wusste ich nicht.

Auch nicht bedacht hatte ich, dass mein Vater noch im gleichen Jahr meiner Konfirmation nullte und es eine ganz große Feier geben würde, wo alle die, die mir gestern noch Geld geschenkt hatten, wieder auftauchen würden. Selbstverständlich auch Opa. Selbstverständlich, wenn er vorher nicht tot umfallen würde. Er fiel nicht tot um und ich bekam, als ich nach mehreren E-Mails, ja ich besaß damals schon eine, von der Uni den Hinweis bekam, mich an das Stadtarchiv Minden zu wenden und eine Kopie des Fotos und des Textes beizulegen. Die Idee erschien mir brauchbar und bald darauf hatte ich Post aus Minden. Per E-Mail, wie es mir zunächst vorgeschwebt war, ging es nicht. Kein Netz.

Meine Mutter war natürlich neugierig geworden, warum ihrem Sohn das Stadtarchiv Minden schreibt und bohrte während des ganzen Nachmittages, seit ich von der Schule gekommen war, nach, was „die“ von mir wollen. Sie kam nicht auf die Idee, dass ich „die“ zuerst angeschrieben haben könnte. Schließlich gab sie nach und ließ ab mit dem Hinweis, dass es bestimmt mit Vaters Geburtstag nächsten Monat zu tun hätte, denn seine Familie käme ja aus Minden. Die Worte hallten bei mir unheilvoll nach. Erst da realisierte ich, dass die Lauterbachs in kurzer Zeit wieder mit Allemann über mich hereinbrechen würden. Inklusive meines Großvaters, wenn er nicht vorher tot umfallen sollte.

Als ich allein in meinem Zimmer saß, drehte ich das Kuvert. Wie schlimm würde es werden? Insgeheim hoffte ich, dass sie meine Anfrage wer das auf dem Foto sei, wo das sei und was es mit dem Satz auf sich hätte, nicht beantworten können. Dann wäre die Sache aus der Welt, beschloss ich und ich beschloss auch, dass ich das Foto vernichten und meinen Großvater mit unschuldigen Rehaugen ansehen würde, falls er mich fragen sollte, ob ich an seinen Perry Rhodans gewesen sei. Zitternd riss ich das Kuvert auf.

Sehr geehrter Herr Lauterbach,

gerne helfen wir Ihnen bei Ihrer Anfrage. In der Kürze der Zeit war es uns leider nicht möglich, alle Ihre Fragen zu beantworten.“

Ich atmete durch.

„Allerdings können wir Ihnen mitteilen, dass die Rechte, der auf dem Foto im Vordergrund abgebildeten Personen, Pfarrer Pleß ist, und die Textzeile aus einer Ansprache Pleß aus dem Jahre 1934 stammt. Pfarrer Pleß erlangte Anfang der dreißiger Jahre Bekanntheit, weil er der erste Pfarrer in Deutschland war, der 1931, also zwei Jahre vor der Machtergreifung, ein Paar getraut hatte, bei dem der Bräutigam und große Teile der Hochzeitsgesellschaft im Braunhemd zum Altar erschienen waren.

Auf dem Foto ist das Portal vom Mindender Dom zu sehen. Aus welchem Jahr es stammt, kann ohne größere Recherchetätigkeiten nicht bestimmt werden.“

Jetzt war mir speiübel und die Buchstaben verschwammen hinter den Tränen, die in meinen Augen standen. Ich schluchzte und machte wohl so merkwürdige Geräusche, dass meine Mutter rief, ob alles in Ordnung sei. Daraufhin fing ich mich, und echote ja, ja, und als meine Mutter nachhakte, rief ich, dass mein PC gerade abgestürzt sei und ich vergessen hätte zu speichern. Ach so, erhielt ich dann beruhigt zur Antwort. Ach so, das passte haargenau.

Im letzen Absatz wiesen die Mindener darauf hin, dass sie mir einen Antrag auf Archivrecherche und eine Kostentabelle beigelegt hätten, aus der hervorginge, wie teuer weitere, umfassendere Recherchen seien. Ich schniefte und hatte genug Informationen. Mit verbissenen Lippen starrte ich noch mindestens eine Stunde auf das Bild meines Großvaters, der so stolz und quietschvergnügt dem Nazipfarrer vor den Braunhemden die Hand und die Worte reicht. Aus dem Spiele PC würde nichts werden. Kein Spiele PC, kein Duke Nukem, kein : „Oh, much better now.“


III. Wie ich zu kein Verlag kam


Vaters großer Tag. Er Nullte. Alles war bestellt. Natürlich waren wir wieder bei Großvater, aber diesesmal nicht in seinem Haus, sondern in dem Restaurant wo die Familie Lauterbach die großen Jubiläen feierte und sich auch sonst gerne Schützenvereine und Karnevalisten zum Ringelpiez und allgemeinem Besäufnis die Hand reichten. Albrechts Landgasthaus. Es konnte draußen der hellste Tag des Jahres sein, in Albrechts Landgasthaus war es immer dunkel. Die bernsteinfarbenen Butzenscheiben, die vielen Tiergeweihe und Knochen an den Decken, das gelbfarbene Deckenlicht und die dunkle Holzvertäflung, alles, selbst der Vollbart und das Haupthaar des Schankwirts, alles war dunkel, muffig und für einen Halbwüchsigen wie mich: stinklangweilig. Als Achtjähriger hatte ich noch Spaß daran gehabt die Spielomaten mit der lachenden Sonne, die hier aber auch nie scheinte, mit dem zugesteckten Geld meiner Verwandtschaft zu füttern, aber an Vaters Geburtstag war mir auch dieser Spaß schal geworden.

Als ich mich am Morgen des Geburtstages umzog, holte ich aus meiner Geheimschublade das Foto. Ich überlegte, denn ich hatte tierischen Schiss davor, meinem Großvater unter die Augen zu treten: einstecken oder nicht einstecken? Dieses Scheißfoto. Warum nicht verbrennen? Aber andererseits? Wenn Großvater, dass wusste ich von der Enkelgeneration, namentlich Andreas, mich zurechtweisen sollte, mich vor versammelter Mannschaft in den Senkel stellen sollte – so nannte er das – dann könnte ich es ihm ja heimzahlen, könnte mich wenigstens wehren; dann wäre er das Arschloch und nicht ich, wie es wahrscheinlich alle Lauterbacher, die noch auf mein Dankesschreiben warteten, also alle, eh schon dachten. Wenn ich das Foto bei mir hätte, könnte ich seiner Aufgeblasenheit die Luft rauslassen. Kurzentschlossen steckte ich es ein. Es sollte mich schützen.

Anders als bei meiner Konfirmation waren auch die familienfremden Freunde meines Vaters und meiner Mutter eingeladen und sorgten wenigstens dafür, dass ich nicht permanent in ein Gesicht der Familie Lauterbach blicken musste, das, wenn es mich sah, natürlich nicht versäumte, mich mit kaum merklichen Anspielungen daran zu erinnern, dass ich mich ja noch immer nicht bedankt hätte. Hallo Lars, schön Dich zu sehen, seit Deiner Konfirmation haben wir ja gar nichts mehr von Dir gehört. Ach was, dachte ich, aber statt meinerseits pampig zu werden, lächelte ich verlegen, nickte oder log mir eine verschwiemelte Erklärung zu Recht, die alles noch schlimmer machte.
Den ganzen Tag über war ich wie in Watte gepackt und verweigerte auch nicht, falls angeboten, einen Schnaps oder ein Glas Sekt. Meine Eltern beachteten das nicht. Angeblich, weil sie so beschäftigt waren, sich um alle Gäste zu kümmern. Wie in Trance saß ich auf meinem Stuhl oder schwebte durch den Saal. Ich nahm erst wahr, wenn ich wahrgenommen wurde. Tante Helga war auch wieder mit dabei, Tante Helga zeigte wieder ihre milchweißen Drüsen in einem noch pompöseren Ausschnitt und sie drückte mich wieder. Immerhin, Tante Helga ersparte es mir, mich wegen des fehlenden Dankes winden zu müssen, statt dessen lud sie mich sogar zu sich und Bernd – ihrem damaligen Lebensgefährten – ein: Komm uns doch mal besuchen, Lars. Ich würde mich ganz doll freuen. Ich mich auch Helga, antwortete ich, lächelte und verfolgte weiter eine der Kellnerinnen, die mit Sekt-, Schnaps-, Biertabletts die Gesellschaft befriedigte. Kurz bevor ich mein Ziel erreichte, spürte ich einen festen Handgriff auf meiner Schulter und hörte meinen Großvater:
„Junger Mann!“
Wenn ich bis dato nicht gewusst hatte, wie es ist, sich scheiße zu fühlen, von dem Zeitpunkt an, wusste ich es. Mein ganzer Körper war labbrig, nicht mehr unter meiner Kontrolle. Ich war erwischt worden, ich wurde zur Rede gestellt. Meine Unfähigkeit, meine Schlechtigkeit und meine Nichtsnutzigkeit, alles, selbst die schlimmste Wichsfantasie, alles was ich unter meinem Bett und in meinen Erinnerungen bislang vermüllt und verdrängt hatte, alles das, würde nun von Gott vor der gesamten Mannschaft, nein Menschheit verkündet werden.

Mein Großvater hatte, obwohl er sich mit einer Hand auf eine Krücke stützte, keine Mühe mich so umzudrehen, dass ich ihn ansehen musste. Mir ging es furchtbar. Als ich ihn sah, fühlte ich mich wie ein Schädling, wie jemand, der es nicht verdiente Beachtung oder Liebe zu verdienen, seine schon gar nicht und ich sah ihn noch immer an, wie einen Gott.

„Lars, ich glaube ich muss ein ernstes Wort mit Dir reden und ich bin davon überzeugt“ und dabei hob er, so gut er es in seinem Alter noch konnte, seine Stimme „dass hier der richtige Ort dafür ist, denn ich glaube, dass Du so meine Worte nicht vergessen wirst.“
Natürlich wurde es augenblicklich ruhiger im Saal, natürlich erstarben die Gespräche, schwieg die Musik und natürlich waren alle Augen auf mich gerichtet. Mich den missratenen Lars.
„Du kannst Dir sicherlich denken, warum ich Dich zur Rede stelle. Du kannst Dir sicherlich denken, dass Du Deinen Großvater maßlos enttäuscht hast.“
Das Gesicht meines Großvaters veränderte sich, während er sprach. Erst sah ich den Mann, der mit seinem kugelrunden Kopf, damals voller Herzenswärme und Frische seinen letzten Enkel begrüßte, dann sah ich die Wut und den Verfall, dann sah ich eine alte Kartoffel, deren Keime Warzen sind und die nicht satt in der Farbe sondern blass und bleich sind und währenddessen hörte ich wie eine Litanei auf mich niederprasselte: eine Litanei, in der Großvater mehrmals den Krückstock auf den Boden donnerte.
„Lars! Antworte. Ich habe Dich gefragt, ob Du etwas zu Deiner Entschuldigung vorbringen kannst?“
Wo war mein Vater, als ich zur Sau gemacht wurde? Ich weiß es nicht. Vater hatte auch an dem Tag, als er selber Jubilar wurde, als er selber Nullte, noch soviel Respekt vor seinem alten Herrn, wie damals, als der ihn noch mit dem Teppichklopfer vermöbelt hatte, als der ihn, selbst als er Student war, geohrfeigt hatte. Vater wird sich verkrümelt haben, wird sich tausend Erklärungen und Rechtfertigungen zurechtgelegt haben, warum er mich und seinen Vater allein gelassen hat. Aber auch niemand sonst drängte sich aus der Masse, niemand nahm den Zuchtmeister zurück, keiner stand dem pubertierenden Lars bei. Natürlich heulte ich.
„Lars, ein Lauterbach flennt nicht. Ein Lauterbach entschuldigt sich. Steh doch endlich gerade, Junge! Schau mich an! Reich mir die Hand, Lars, und entschuldige Dich! Hier, jetzt und bei uns allen!“ und tatsächlich streckte er mir in diesem Moment seine Hand hervor.
Seine alte, haarige, knöcherne Hand mit den hervorgetretenen Adern verwandelte sich in die Hand des jungen Adjutanten des Nazi-Kameraden Pleß.
„Jawoll Opa!“, brüllte ich unvermittelt und schob ein „Heil Hitler! Opa!“ hinterher. Opa wich nur unmerklich zurück, denn sein Stolz war stärker, und ich spürte, dass der gesamte Saal versteinerte und alle mit der Angst kämpften. In meinen Tonfall hatte sich eine Mischung aus Wahrheit und der Hysterie eines gebrochenen Stolzes vermischt, dass allen klar war, dass ich nicht einfach wahnsinnig sondern verletzt worden war.

Bevor Opa seine Hand zurückziehen konnte, schlug ich pfeffernd ein, brüllte „Danke Opa! Danke für Deine Scheißkohle und dieser Moment wird mir unvergeßlich bleiben.“ und zog das Foto mit der anderen Hand heraus und hielt es ihm direkt vors Gesicht, ja pappte es ihm voller Zorn an die Stirn. Opa taumelte, zog an meinem Griff, merkte, dass ich nicht gewillt war, seine arthritische Hand loszulassen und fing an mit dem Krückstock auf mich einzuschlagen: „Du Schmerlapp, Du Nichtsnutz. Du widerliches Stück Scheiße. Ich bin kein Nazi!“, keifte der alte Mann und ich lachte und spürte nicht die Schläge, lachte in sein feuerrot gewordenes Gesicht und spuckte ihn sogar an.

Das wars.
Den letzten Schlag führte Opa nicht mehr aus.

Auch seine Pflegerin, die endlich kapiert hatte, was im Gange war, kam zu spät. Opa, mit hocherhobenen Züchtigungsstock, fiel tot um. Sein Herz, sein Hirn, alle Organe waren gleichzeitig gecrasht und stürzten ohne Wiederkehr ab. Klatsch, Krach, Aus. Ungebremst schlug er mit dem Hinterkopf aufs Parkett. Die alte Kartoffel heulte nicht, sie blutete. Opa war tot umgefallen.

Was dann geschah, weiß ich nicht mehr. Etliche Arme zogen an mir, man schlug mich, man verbarg meinen Kopf, riss mir die Hände weg, schlug mir in die Fresse und dann war es vorbei. Aber noch nicht ganz, denn ich erwachte Wochen später in einem Krankenhaus, hatte alles vergessen, was kurz vor dem Zusammenkrachen meines Großvaters und danach geschehen war und wurde ganz langsam an den Moment meiner letzten Erinnerung herangeführt.

Diesen Job, mich wieder mit mir selbst bekannt zu machen, übernahmen irgendwelche Psychologen und mir wildfremde, aber nicht unsympathische Fachleute. Ich erinnere mich heute noch gerne an die schwarzhaarige Psychologin, in deren Augen ich jedes Mal versank und bei deren Lachen und Lächeln ich mich an alles erinnern konnte, nur nicht daran, woran ich mich erinnern sollte.
Und meine Mutter und mein Vater? Sie erschienen nicht. Auch dann nicht, als ich mich wieder daran erinnerte, dass ich den Stock meines Großvaters quer übers Gesicht gezogen bekommen hatte und mich daran erinnerte, dass ich ihm dass Foto von ihm und Pleß an die Stirn geklatscht hatte.

Wochenlang lag ich schon in dieser Anstalt und von der großen Familie Lauterbach war noch immer keiner vorbeigekommen. Warum auch? Wer hätte mir auch zur Nazifizierung meines Großvaters mit Todesfolge gratulieren sollen? Mir war klar, dass ich von allen, auch von Papa und Mama verstoßen worden war. Was hätte sonst passieren sollen? Klare Sache, ich war zur Adoption freigegeben worden.

Aber ich sollte mich irren. Etwas anders, als ich es mir zurechtgelegt hatte, war es schon gelaufen. Aber das wusste ich noch nicht. Eines Tages hieß es, dass ich Besuch hätte und im Besuchsraum saß: Tante Helga. Hochgeschlossen. Aus einem Impuls heraus war es mir möglich sie zu umarmen. Diesesmal umarmte ich sie. Hielt sie fest, drückte sie an mich, so fest, als sei sie ein Rettungsring und dann heulte ich los und dann heulte sie los und dann flennten wir beide. Meine Fresse war ich dankbar gewesen in diesem kaltgekachelten Puff, eine Seele wiederzuerkennen, von einer Seele geborgen, gehalten zu werden, die mich wenigstens ein bisschen mehr kannte, als der Kaffeeautomat, den ich bis dato literweise erleichtert hatte. Helga hatte mir in dem Moment das Gefühl gegeben, nicht mehr rettungslos durchs All zu trudeln. Helga hatte mich eingefangen, Helga nahm mich auf, aber Helga erklärte mir auch, was sonst noch so, nach Opas Tod passiert war.

Sie und meine Mutter hätten es damals geschafft, mich aus der Traube, der auf mich einschlagenden Lauterbacher, herauszuziehen und in den Audi meines Vaters zu schaffen. Meine Mutter sei stinksauer auf mich und auf ihren Mann gewesen, der wohl heulend versuchte, den kaputten Kopf seines Vaters zu kitten, während Mutti alle Lauterbache verflucht hätte. Sie hätte geflucht, dass es jetzt vorbei sei, alles vorbei sei und sie sich umsonst verschenkt und ich alles kaputtgemacht hätte. So erzählte es mir jedenfalls Helga. Was heißt erzählte? Sie schluchzte es mir feucht ins Ohr, während wir uns drückten und ich erinnerte mich, dass ich in jener Nacht, in der Opa aufgeklatscht war, auf der Rückbank des Audi 80s irgendwann zu mir gekommen und im Rückspiegel das Gesicht meiner Mutter gesehen zu haben, von der ich immer gedacht hatte, dass sie eine schöne Frau ist.

Im Rückspiegel sah ich eine Frau, deren Gefühle, deren Gesicht so grün und eklig aussahen, deren Augen noch mehr als sonst hervorquellten, dass ich dachte, ich bin die Frucht der fürchterlichsten Hässlichkeit. Ich erinnerte mich, dass Manon, was für ein schöner Name, dass Manon, meine Mutter, mich beständig anfauchte, was ich mir eingebildet hätte, warum ich so introvertiert sei, ständig vor dem Computer hängen würde, mich verschließen würde, nie mit ihr oder meinem Vater sprechen würde, dass ich ihr alles kaputtmachen würde, obwohl sie mir nie einen Stein in den Weg gelegt hätte. Dann war wieder alles schwarz. Aus dem Unfallbericht weiß ich, dass es nicht ein Stein, sondern ein 7,5 t war, der sich ihr für immer in den Weg gelegt hatte. Mich konnte die Feuerwehr rausschneiden und retten. Das war das zweite Mal, dass ich per Kaiserschnitt zur Welt gekommen bin.

Und mein Vater? Auch das wusste Helga. Mein Vater würde wahrscheinlich jetzt, wo ich und Helga uns schluchzend in den Armen hielten, in irgendeiner anonymen Klapse auf dem Boden krauchen, Krümel zusammenschieben, heulen und nicht verstehen warum die Krümel, der Staub nicht zu seinem Vater werden würde. Paps war vollkommen zerstört. Und wer war schuld, dachte ich? Wer hatte sich diese verfickte Scheiße ausgedacht? Wer war Schuld, dass alles im Arsch war, dass ich Helga anfing mehr zu lieben, als meinen Opa, meine Mutter oder Paps? Wer war schuld?, dachte ich und kannte die Antwort.
„Lars, wenn Du willst, kannst Du erstmal zu mir kommen“, heulte mir Helga zum Abschluss ihres Besuches ins Ohr. Ich nickte. Kein Opa, keine Eltern, keine Familie: Was blieb mir also übrig?


IV. Wie ich zu kein Verlag kam (IV. – I)


Tante Helga ist die Patentante von Andreas. Tante Helga hatte schnell die Provinz satt, und war – für Lauterbacher Verhältnisse - Großstädterin in Bremen geworden. Helga strickte, Helga malte, Helga schrieb Gedichte, Helga machte Urlaub in Norwegen, Helga hatte Männer, Helga war nebenbei Lehrerin und Kunsterzieherin, Helga hatte was – rein spirituell - mit Rudolf Steiner, Helga war nicht Lauterbach. Helga war Helga, Helga hatte Karriere im öffentlichen Dienst gemacht.

Aufgrund der schweren Traumata, die alle Kapazitäten mir, Lars, bestätigten und aufgrund der Tatsache, dass es keinen Präzedenzfall für: Fünfzehnjähriger bringt Neunzigjährigen mittels an die Stirn gepappten Fotos um, gab es endlich, nachdem ich schon meinen siebzehnten Geburtstag unter psychologischer Betreuung verbracht hatte, das OK, dass ich bei meiner Tante Helga in Bremen Ostertor, meine unterbrochene Schulkarriere wieder aufnehmen und unter Helgas Aufsicht mein Abitur schaffen sollte.

Ich konnte den Moment, mich aus den anonymen Fesseln, Wänden, Fahrstühlen, geregelter Tabletteneinahmen, die ich in den letzten neunzehn Monaten erlebt hatte, zu befreien, nicht abwarten. Schon morgens um sieben, saß ich vor dem Heim, rauchte selbst gedrehten Tabak und wartete auf Heiner, den momentanen Stecher von Helga. Heiner sollte mich in Helgas Renault 4 abholen.

Es war Winter und ich genoss den Moment der Freiheit auf den Bahnhöfen des Lebens. Ein Zug endet, ein anderer Zug, mit Kennzeichen Blablabla, wird kommen und mich mitnehmen. Leider habe ich diesen Moment, als ich ihn genoss, als ich ihn rückstandslos verbrauchte, nicht wirklich begriffen. Ich genoss es einfach, in der Zwischenzeit meines Lebens, meiner Bahnsteige oder an einer der Weichen, abhängen zu dürfen.
Dann kam Heiner, wir lachten, wir klatschten uns ab, ich schmiss meinen Seesack hinein und stieg vorne ein. Gegen elf Uhr schlugen Heiner und ich bei Helga auf und Helga drückte mich ganz fest: „Schön, dass Du endlich da bist, Lars.“


IV. Wie ich zu kein Verlag kam (IV. – II)

„Lala!, Lala! Wach auf! Lala! ... “, das hörte ich erstmals, als der Winter in Bremen vorüber, und ich mich daran gewöhnt hatte, dass bei Helga und Heiner die Klotüren immer offenstanden, dass Helga und Heiner nackt durch die zum Glück recht große Altbauwohnung liefen und viel Freude auch mit sechzig am Sex hatten. Aufgrund dieser Umstände lehnte ich stets ab, wenn mich jemand bei Helga besuchen wollte. Es kam zum Glück nicht all zu oft vor, dass mich jemand besuchen wollte, um mit mir abzuhängen. Allerdings, was häufiger vorkam, hatte ich über die vielen bunten Rezepte, die mir die Psychologen verschrieben hatten und durch meine Erfahrungen, die ich in ihrem Psychoknast sammeln konnte, eine prima Methode gefunden mein Taschengeld aufzubessern. Die Kunden riefen an, wir trafen uns und am Ende waren sie glücklich und ich war auch glücklich. Was daran falsch sein sollte, verstand ich nicht. Ein gutes Geschäft ist es, wenn alle Beteiligten glücklich sind und das waren sie. Ich überlegte, ob ich nach der Zwölften abgehen oder das Abitur unter dem Dach von Helga und Heiner machen sollte. Das waren keine Probleme. Der schlimmste Tag in Bremen war nicht, als ich nicht aufpasste und Heiner, dem das nichts ausmachte, auf dem Klo sitzen sah, sondern als Helga mich überredet hatte, meinen Vater zu besuchen. Noch bevor wir die Klapse betreten hatten, verweigerte ich mich plötzlich, und als Helga mich fragte, ob wir vielleicht erstmal warten sollen, wurde ich aggressiv. Als ich mir die Szene, am gleichen Abend, als wir wieder in Bremen waren, ins Gedächtnis rief, wie Helga und ich am Zaun, unweit des Pförtners standen und ich Helga mit beiden Armen gegen das Metallgitter drückte und schüttelte, und immer wieder ausstieß: Ich ge-he da nicht rein, hast Du ver-stan-den! Ich ge-he da nicht rein!“, sah ich Helgas Gesicht ganz deutlich vor meinem geistigen Auge. Sie hatte Angst; ihr ging der Arsch auf Grundeis. Zum ersten Mal hatte Sie Angst und bekam eine Ahnung, wer da mit Ihr unter einem Dach lebte. Die Vorstellung, dass Paps hinter einem, der vielen, vergitterten Fenster vor sich hinvegetierte und seinem missratenen Sohn daran die Schuld gab, konnte und kann ich nicht ertragen. Als ich seinen Psychoknast sah, als ich die Gitterstäbe, das festungsgleiche Anwesen sah, hakte es bei mir aus. Zum Glück hatte irgendeine Notbremse in meinem Schädel signalisiert, dass es, unmittelbar vor dem Eingang einer Nervenheilanstalt, keine besonders gute Idee sei, seine Tante zu Tode ängstigen und zu schlagen, ließ ich so plötzlich ab, wie ich angefangen hatte, und marschierte wieder zu Helgas Renault. Helga kam nicht sofort hinterher. Es dauerte eine ganze Weile und ich bin mir sicher, dass sie bei Vater war.
Als sie endlich wieder kam, stiegen wir wortlos ein und fuhren zurück nach Bremen. Nur einmal auf der Fahrt, etwa auf der Hälfte der Strecke, fragte sie mich, ob ich auch regelmäßig meine Pillen nehme. Da sie mich nicht grüßen ließ, schloss ich, dass Vater entweder eine Tablettenmumie war oder ich für ihn Tod sei. Wie ich es auch drehte, ich kam immer zum Schluss, dass wir füreinander gestorben waren.


Als ich „Lala“ hörte, als ich zu „Lala, wach doch auf“, schließlich, langsam aufwachte, träumte ich gerade. Es war ein wilder Sextraum aber ich weiß nicht mehr, wen ich da im Traum flachlegte, aber das war alles nichts gegenüber dem Schock, den ich bekam, als ich meine Augen langsam öffnete. Helga, nackt, mit ihren dicken Hängetitten, saß auf der Bettkante, und ich wollte es einfach nicht glauben, mit ihrer rechten Hand massierte sie meinen Schniedel und – ich wollte kotzen – mein Sperma lief klebrig ihre alte Hand herunter. Als sich nach einem bewussten Blinzeln, nichts an der Szenerie geändert hatte, schrie ich wie ein dummes Weib los, dass eine weiße Maus sieht, zog meine Beine an und die Bettdecke hoch und schrie weiter. Ich wollte es einfach nicht fassen. Und Helga? Sie kicherte.
„Lala“, flötete Helga, „Was ist denn los, ich habe nur ein bisschen nachgeholfen. Seit über einem halben Jahr bist Du hier und hast immer noch keine Freundin. Das ist doch nicht gesund. Du brauchst eine Freundin. Glaub mir, das ist viel besser, als die ganzen Pillen. Ihr Männer müsst darauf achten, dass ihr euer Zeug loswerdet, sonst könnt ihr gar keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen.“
Ich war so entsetzt, so fassungslos, dass mich ihre vollkommene Ungerührtheit sprachlos machte. Stumm beobachtete ich den Hintern meiner Tante, wie er sich mit einem Schmatz vom Laken hob und aus meinem Zimmer in Richtung Küche marschierte.
„Ich muss hier raus“, dachte ich nur, wusste aber, dass es als Alternative, nur das Heim gab und da würde ich vielleicht noch mehr durchdrehen als hier. Wieder war ich in einem Dilemma.

Die Wochen danach erlebte ich immer surrealer. Die sexuellen Anspielungen Helgas, die ja nicht hässlich war und auf viele Männer ihrer Altersklasse wahrscheinlich attraktiv wirkte, wurden heftiger. Ihr schien ihr Feuerwehreinsatz Spaß gemacht zu haben und den Spitznamen „Lala“, den sie mir am gleichen Tag verpasst hatte, benutzte sie nun ständig und bald drauf auch alle anderen. Dafür noch mal danke, Tante Helga.
Mein Abitur schrieb ich ab. Ein weiteres Jahr bei Sex-Helga durchzustehen, erschien mir unmöglich. Die Zwölfte, als Abgangszeugnis, mit einem voraussichtlichen Schnitt von 3,7 musste reichen. Zumal ich auch gar keinen Bock mehr hatte und keinen Sinn mehr darin sah, ein Abitur in gleicher Qualität zu machen. Das lohnte den Stress nicht, befand ich. So fieberte ich dem Tag entgegen, wo ich mein Zeugnis erhalten würde und duldete Nippel- und Reibungsangriffe von Helgalein. Wobei man sich das nicht zu einfach vorstellen darf. Einmal musste ich am Frühstückstisch ertragen, wie Helga die Essgewohnheiten Heiners aufs Korn nahm. Nein, nicht weil er zu fettig oder schlicht, zu ungesund esse, sondern, weil er all das Zeug fresse, was sein Sperma so schlecht und besonders salzig schmecken lasse. Er solle doch mal auch an sie denken und mehr Ananas essen. Das waren die Gespräche, die in mir Bilder evozierten, auf die ich gerne verzichtet hätte.

IV. Wie ich zu kein Verlag kam (IV. – III)


„Man, Lala, warum zickst Du denn so rum? Fick mit ihr und wir haben hier wieder unsere Ruhe.“
Nur mit Mühe gelang es mir, den Schluck Bier nicht auf den Couchtisch zu sprotzen, konnte aber nicht verhindern, dass mir ein wenig Pils aus der Nase lief. Heiner und ich saßen im Wohnzimmer, guckten irgendein Championsleague Spiel – Dortmund oder Bayern - während Helga bei irgendeiner Lesung war.

Wortlos reichte mir Heiner, der mich an Clint Eastwood mit Vollbart erinnerte, ein Taschentuch. „Helga mag junge Kerle, wie Dich. Sie steht drauf, Jungspunde wie Dich, einzuführen. Sie macht das gerne, wegen der anderen Frauen, weil so verklemmte Typen wie Du, dann einfach wissen, wie es geht, verstehste?“
„Kein Wort“, antwortete ich tonlos.
„Ist ja auch egal, nur ... Du bist doch nicht schwul, oder?“
„Nicht dass ich wüsste. Und wenn Du mir an den Sack gehen willst“, für einen Augenblick hielt ich in diesem Haushalt alles für möglich, „trete ich Dir die Fresse ein.“
„OK, Du scheinst nicht schwul zu sein. Scheinst aber irgendwie ein Aggro Problem zu haben. Aber, man, Lala, dann tu uns allen doch den kleinen Gefallen und nimm sie Dir vor. Zieh sie durch. Leb und tob Dich aus. Liebe ist schön, Sex ist schön, wo ist Dein verschissenes Problem?“
„Ich will meine Tante nicht ficken! Verstanden? Ich will sie einfach nicht ficken. Außerdem ist Helga Deine Frau, oder nicht?“, ich war völlig verwirrt, was Heiner der Vollbart Eastwood von mir wollte.
„Du bist der spießigste Drogist, den ich kenne“, schüttelte Heiner den Kopf.
„Was wird denn das für eine Nummer?“
Jetzt erst drehte sich Heiner zu mir um und sah mir ins Gesicht:
„Meinst Du ich hätte nicht gemerkt, wer Dich da alle naslang anruft und wie viele Rezepte du einlöst? Welchen scheiß Elektro-Gimmickzeug Du Dir leisten kannst? Meinst Du, ich rieche nichts? Das stinkt nicht so in Deinem Zimmer, weil Du alle fünf Minuten Deine Wichse in die Bettdecke schmierst. Ich bin nicht blöd, Lala. Aber umso weniger verstehe ich, warum Du hier die prüde, katholische Landpomeranze mimst. Anscheinend macht dieses Chemozeug und die Kleberkacke einen auch blöde im Kopf.“
Darauf sagte ich erstmal nichts. Erst nach einer ganzen Weile fragte ich, warum ihm, dass denn so wichtig sei, dass ich mit Helga in die Kiste gehe. Heiner verdrehte seine Augen, sagte nichts und baute sich stattdessen einen Joint. Mäßig interessiert beobachtete ich ihn und erwartete schon gar keine Antwort mehr, als Heiner, nachdem er den ersten Zug genüsslich genommen hatte, antwortete:
„Na, sie wird ruhiger Lala. Du bist ihr Joint, verstehste? Du hast sie fickrig gemacht und nun will sie Dich durchziehen, und wenn Du aber nicht mitmachst, dann wird sie noch fickriger. Nervöser. Sie schiebt einen Affen und das, lieber Lala, geht mir auf den Sack. Ich will meine Ruhe, Harmonie, Leben und leben lassen. Keinen scheiß Stress und schon gar nicht morgens. Ich will meinen Kaffee trinken und nicht hören, dass dann aber meine Wichse scheiße schmeckt, klar?“
„Klar“, antwortete ich.
„Dann fickst Du sie?“
„Im Leben nicht.“


IV. Wie ich zu kein Verlag kam (IV. – IV)


Keine zwei Wochen später stand Andreas ihr Patenkind auf der Matte. Helga war begeistert und schien vor Freude fast durchzudrehen, dass Andi gekommen sei. Während ich noch überlegte, was daran so toll sei, bemerkte ich, dass Heiner seit der Minute, als Andi bei uns aufgeschlagen war, eine super Laune hatte. Bald danach begriff ich auch wieso. Es war schamlos und noch nervtötender, als die Anwanzereien, der ich mich vorher hatte erwehren müssen.

Heute würde ich behaupten, dass Andi eine Familienpackung Viagra intus gehabt haben musste, denn wenn ich in der Wohnung war, trieben es die beiden lautstark miteinander, wo auch immer sie gerade waren. Seit langer Zeit vertickte ich meine Tabletten nicht, sondern nahm sie selbst ein. Heiner ließ natürlich keine Gelegenheit aus, mich anzugrinsen oder mir zu verstehen zu geben, dass Andis Spaß mein Spaß hätte sein können. Dass ich eine andere Definition von Spaß hatte, wollte ihm nicht einfallen, aber es ging ihm trotzdem blendend. Er trank Kaffee, Bier und schaute noch mehr Fußball und niemand kritisierte ihn dafür, oder nestelte an ihm rum. Heiner hatte endlich Ferien von seiner Frau und jeder konnte ihm ansehen, wie sehr er dass genoss. Ich aber war vollkommen am Ende mit den Nerven.

Eines Nachts, es war endlich einmal ruhig geworden, saß ich in der Küche und trank einen Kaffee. Schlafen konnte ich eh nicht mehr. Mit Andi hatte ich bis dahin kein Wort gesprochen, obwohl er schon mindestens eine Woche bei uns war. Nachdem endlich einmal ruhe in unserem Familienpuff war, trank ich meinen Kaffee und beobachtete die ersten rötlichen Vorzeichen des Sonnenaufgangs. Aber dieser Moment der Ruhe währte nicht lang. Immerhin hörte ich ausnahmsweise keine Rammelgeräusche, sondern hörte, wie eine Person Sachen zusammenpackte. Sollte es wahr sein? Sollte Andi abreisen? So plötzlich wie er gekommen, wieder abhauen? Ich versuchte nicht zu atmen, mich nicht zu bewegen, weil ich befürchtete, dass wenn ich es täte, ich feststellen müsste, dass ich mir alles eingebildet hätte. Auf einmal hörte ich die Stimme von Heiner. Er flüsterte.
„Und Du kannst wirklich nicht länger bleiben, Andi?“
„Ne, keine Chance Heiner.“
„OK. Dank Dir aber, dass Du so schnell vorbei kommen konntest.“
Dann hörte ich es rascheln und klimpern und ich wettete meinen Arsch darauf, dass ein paar Scheinchen den Besitzer wechselten. Zahlte Heiner für seinen Urlaub oder Andi für den genossenen Spaß? Wie krank war das denn?
„Na, dann gute Fahrt, ich hau mich wieder hin. Tschüss Andi.“
„Tschüss Heiner.“
Kaum, dass die beiden sich voneinander verabschiedet hatten, stand Andi, groß, schlank, gepflegt und braun gebrannt in der Küche.
„Hoppla, Du bist Lars, oder?“
«Ja.»
«Lange nicht mehr gesehen. Ist ja auch ne Menge passiert. Gibt’s noch einen Kaffee?»
«Ja.»
«Fein.»
«Haust Du ab»
“Ja. Ich muss.“
“Hat’s Spaß gemacht?“
“War OK.“
Ich stellte die Tasse ab, weil ich nicht glauben wollte, was ich gerade gehört hatte:
„Nur OK? Ich meine ...“
„Ich weiß schon, was Du meinst, Lars, aber Helga ist eine besondere Frau und ich bin schon über dreißig. Das kann nur noch OK sein.“
Mir wurde schlecht.
„Du hast sie nicht befriedigt, Andi? Willst Du mir das erzählen?“
„Hey, Lars Du Stinker, natürlich habe ich sie befriedigt, aber es wird nicht lange vorhalten. Sie will was anderes.“
Mir wurde schlecht.
„Hey, was ist denn los. Was machste denn für ein Gesicht. Alter Falter, Helga ist doch eine super, liebe Frau. Aus welcher Höhle kommst Du denn? Oh, sorry, Du, aber, Du bist wirklich etwas seltsam.“
„Ja, ja schon gut, Andi“, unterbrach ich ihn „Wohin fährst Du?“
Jetzt stellte Andi seine Tasse auf den Tisch.
„Nach Berlin. Wieso?“
„Ich komm mit.“
„Und wo willst Du pennen?“
„Bei Dir?“
„Ich bin schwul.“
Für einen Moment zögerte ich, dann grinste ich ihn an.
„Umso besser.“

Ich glaubte ihm kein Wort, pfiff auf mein Zeugnis und hatte keine zehn Minuten später meinen Seesack gepackt und saß auf dem Beifahrersitz von Andis Golf Cabriolet und konnte zwischen Barbara Streisand, Bee Gees und Abba Kassetten auswählen. Trotzdem genoss ich die Fahrt, die Stunden, die ich im Niemandsland meines Lebens verbrachte. Kein Schulabschluss, keine Bindung mehr aber endlich bereit für eine offene Zukunft.

to be continued ...





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