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keinEinhorn

keinEskapismus, keinRosa, keineLiebe.


Die Kolumne des Teams "keinEinhorn"



Mi., 27. März
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Lyrik für Loser

von Stimulus


Wie viele Menschen lebten zu Zeiten Goethes? 800 Millionen? Wie viele davon konnten lesen und schreiben und wie viele von denen hatten Zeit, Muße und Interesse, sich der Dichtkunst zu widmen? Um wie viel weniger waren es in den Jahrhunderten zuvor? War es da nicht naheliegend, sich auf diesem Gebiet hervorzutun, um die eigene Lebensweisheit zu verkünden und die Gesellschaft, wenn nicht zu verändern, so doch zu beeindrucken? Und war es nicht quasi die Pop-Art der vergangenen Jahrhunderte, da es meist schnell und en passant zu konsumieren war? Ist Goethe sinnbildlich der Big Mac der klassischen Dichtung, Fast Food für Nicht-Analphabeten, die Aussagen umso größeren Glauben schenkten, je eingängiger sie waren. Wäre Schiller heute ein begnadeter Bild-Redakteur?

Heute hat sich die Menschheit insgesamt vielleicht nur verzehnfacht, die Zahl der alphabetisierten Menschen jedoch verhundertfacht. Der Alphabetisierungsgrad in den entwickelten und in den Transformationsländern liegt bei 99%, weltweit bei 80%.
Ist Dichtung daher nicht heute erst recht das geeignete Mittel, um Inhalte zu transportieren oder ist Lyrik etwas für Loser?

Genie bricht sich Bahn. Nicht jedem späteren Großdichter war diese Karriere an der Wiege gesungen worden. Man muss nicht schreiben können, um zu dichten, auch wenn es manchem Dichter guttäte. Dass es daher heute auch mehr gute Texte bzw. mehr große Dichter geben muss, nur weil so viele mehr schreiben können, erschließt sich mir nicht. Wer ist denn überhaupt ein großer Dichter? Der, den die kleine, elitäre Fachwelt als solchen anerkennt? Wie klein darf diese Welt sein, um ernsthaft als großer Künstler zu gelten? Ist großer Dichter, wer die Massen erreicht? Warum soll Massengeschmack immer und zwangsläufig schlechter Geschmack sein? Oder der, der mit seinem Schaffen auch die Zeit überdauert? Das wird erst die Zeit zeigen. Woran soll man denn einen zeitgenössischen und gleichzeitig zeitüberdauernden Dichter erkennen? Wenn man davon ausgeht, dass progressive Künstler ihrer Zeit immer voraus sind, ist auch klar, warum nur tote Dichter gute Dichter sein können.

Die klassische Dichtung hat ihre Höhepunkte erlebt und ist formal wohl kaum mehr zu steigern. Die moderne Dichtung ist auch ziemlich ausgereizt, was die Vielzahl albernster Produktionen ausreichend illustriert. Die postmoderne Dichtung reproduziert in eklektizistischer Manier alles Gewesene und kann daher neben der beständigen Wiederholung ästhetischer Genüsse bestenfalls inhaltlich insofern neu sein, als sie zeitgenössisch konkret ist. Schiller konnte nicht dezidiert über Genmanipulation schreiben, wohl aber über die menschliche Hybris.

Tatsächlich leiden wir also eher darunter, dass es heute eine Vielzahl von Personen mittlerer Begabung gibt, die nachahmen können, wie die Altvorderen schrieben. Wer von denen hat aber auch nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Verse es bereits gibt und welche flach- und tiefgründigen Inhalte darin beschrieben sind? Nur weil die meisten von uns so wenige davon kennen, befinden wir uns doch nicht in einem Ozean lyrischen Entzückens. Nein, lediglich unser mangelnder Tiefgang lässt uns auch flache Tümpel stolz durchkreuzen. Wir lesen auch lieber zeitgenössische Verse, selbst wenn sie vielleicht nur mittelprächtig sind.

Die sogenannten Großen überdauerten die Zeit, weil sie inhaltliche und sprachliche Maßstäbe setzten. Und das ist umso leichter, je weniger es davon gibt. Wer also heute Maßstäbe setzen will, der suche sich ein geeigneteres Feld und keine so abgegraste Wiese, wie die Lyrik. Nichts ist künstlerisch langweiliger. In der heutigen Vielfalt der Unterhaltungsmöglichkeiten wird man zuallerletzt zu Dichterlesungen gehen oder sich Gedichtbändchen kaufen. Das ist so tot, wie irgendetwas und nur ein paar Leichenschänder wuseln da noch ein wenig herum. Man schaue sich um, wer Dichtung produziert (auch bei den besseren Songtexten) und wer sie konsumiert: Sind diese Trauerklöße aus Schwermut und Sehnsucht die progressiven Künstler, die unsere Gesellschaft voranbringen?

Lyrik ist was für Loser.


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