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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Sonntag, 31. Mai 2015, 10:53


Copy & Paste und Kunst

von Sekundärstille


Kunst liegt immer im Auge des Betrachters, soviel ist natürlich klar.
Wenn wir nicht gerade der Meinung von Beuys (alles ist Kunst) vollkommen zustimmen, machen wir uns meist ein ganz genaues, subjektives Bild davon, was für uns unter den Kunstbegriff fällt und was nicht.
Für mich musste ein Kunstwerk immer etwas vom Künstler geschaffenes sein, etwas, wohinter gedankliche Arbeit steckt, ein Prozess, der dem Werk Eigenständigkeit gibt. Dass sich Künstler auf andere Werke beziehen oder sogar fremde Arbeiten in Ihre integrieren gehört natürlich auch dazu, zumal, wenn das Endergebnis doch wieder für sich spricht und einer gewissen kontextuellen Änderung unterworfen wurde.
So ist es ja auch in der Literatur, vieles ist von Anderem inspiriert oder angeregt, greift auf, schafft es aber, diese Einflüsse zu etwas neuem zu vereinen.
Nun sehen wir aber die Arbeiten von Richard Prince. Prince ist ein Künstler aus den USA, der schon früher immer wieder Werke anderer durch bloßes Kopieren in den Status der Kunst erhoben hatte (beispielsweise Marlboro Reklamebilder). Sein neuestes Projekt sind Instagram-Fotos.
Instagram, für alle, die es nicht kennen, ist eine Art Facebook für Fotos. Gepostet werden private Schnappschüsse von allem Möglichen oder Selfies, ohne großen Anspruch und meist auch nicht für die Ewigkeit bestimmt.
Im Laufe der Zeit hat Prince sich eine Sammlung solcher Instagram-Fotos zugelegt. Er druckte die Bilder, ohne ihr Verfasser zu sein, im Galerieformat aus und versah sie mit einem kurzen Kommentar. Alle Bilder sind belanglos, pummelige Mädchen im Badeanzug oder einfache Porträts vor Hauswänden.
Nun sind also diese Schnappschüsse in den Status der Kunst erhoben worden, obwohl sie von den ursprünglichen Verfassern nie als solche gedacht gewesen sind.
Die Ausstellung, die diese Werke zeigt, heißt großspurig „The new Portrait“, als stünden Instagram-Fotos für eine neue Bildästethik und jedes Bild kostet 90.000 Dollar.
Übrigens, alle sind schon verkauft.
So las ich das am Samstag in der Süddeutschen Zeitung und fragte mich also zuerst aufgebracht, wie überhaupt jemand 90.000 Dollar für ein im Internet frei verfügbares Foto ausgibt, nur weil sich eine Künstlersignatur und ein banales Kommentar darunter befinden. Inzwischen gibt es sogar schon eine Gegenaktion, die in ähnlichem Stil online Abzüge verkauft, jedoch für nur 90 Dollar.
Dann aber dachte ich über die Bilder an sich nach.
Wir können also durch einfaches selektieren bereits vorhandener Fotos aus dem Internet, einer dann kontextuellen Enthebung (Galerieprint) und der Signatur des Künstler-Stars neue Kunstwerke schaffen, die gekauft werden, mehr braucht es dazu scheinbar nicht.
Was also bedeutet, dass die Umstände der Entstehung des Werkes, eventuelle Urheberrechtsverletzungen oder die Privatsphäre der abgebildeten Personen völlig egal sind, denn es fällt ja dann unter der Kunstbegriff. Eventuelle Klagen der abgebildeten Personen (die nicht um Erlaubnis gefragt wurden) würden dann wohl auch aus diesem Grund (Kunstfreiheit?) abgewiesen werden, so in der Süddeutschen.
Wie weit kann Kunst gehen? Und: wäre so etwas in der Literatur auch möglich? Wir könnten auch irgendwelche Forenbeiträge, Google-Suchergebnisse oder Twitter-Meldungen in einer Anthologie sammeln, die dann heißt „das neue Lesen“.
Von Kritikern werden Prince´s Arbeiten anscheinend hoch geschätzt, der Kunstkritiker Jerry Saltz etwa findet es beachtenswert, wenn sich Künstler „in neue, irreale Räume“ vorwagen.
Ich frage mich einfach, wie weit sie gekommen ist, die Ideenlosigkeit. Copy & Paste kann jeder, dazu braucht es keine Künstler. Was meint Ihr dazu?
Dieser Artikel ist übrigens mein Einstand in die KeineJugend Kolumne, Kunst ist einfach ein Thema, das mich interessiert und ich hoffe, es passt euch Literaten :).


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Dieter Wal
Kommentar von Dieter Wal (01.06.2015)
Glasklare Schreibe. Weiter so.
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Sekundärstille
Kommentar von Sekundärstille (01.06.2015)
Danke Dir!
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (08.06.2015)
Gerne gelesen, auch wenn ich inhaltich hier und da nicht übereinstimme.
Grundsätzlich nimmt die Kolumne die um sich greifende Stimmung auf, das Kopieren bestenfalls ein Kavaliersdelikt ist. Da wird dazu führen, dass immer mehr Schüler und Studenten in ihren Texten (von "Arbeiten" kann man dann ja nicht mehr sprechen) kopieren und plagiieren und dies für ihr eigenes Schaffen halten und ausgeben. Quasi eine naive Schamlosigkeit und dreiste Internet-Hörensagen-Hörigkeit.
Das führt dazu, dass Leute Universitätsabschlüsse bekommen, die weder einen geraden Satz schreiben, geschweige denn etwas eigenständig erarbeiten können.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (09.06.2015)
Gleich am Anfang zwei "s" vergessen, sorry!
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