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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Samstag, 24. Juli 2010, 15:42


Verzeihung, ich habe ein wenig fantasiert

von MagunSimurgh


Rummel

Wir wollten nur Riesenrad fahren. Es gab keinen anderen Grund, aus dem wir jemals aufstanden, wenn das Ereignis des Tages ein Kollektivtanz war. Es reizt nicht, die Spitze der Gauß-Glockenkurve zu sein. Die Revolution ist ein Randgebiet, ein mathematischer Grenzwert zwischen Realitäts- und Wahnsinn. Die einen suchen die Wirklichkeit, sich ihr zu unterwerfen. Sie werden Erfinder, und zwar solche, wie sie der Evolution, dem Kind des puren Zufalls, an Innovation nicht nachstehen. Die anderen sind in der Lage, den Wahn zu riechen, sie lecken jede Silbe davon, als wäre es der köstlichste Tropfen Dasein. Sie mixen sich einen Wortcocktail zwischen die Synapsen. Doch unausgesprochen wird er bitter im Mund, der Wahn, deshalb muss er ausgespuckt werden, so lange er noch süß schmeckt.
Dabei sollten Wahnsinn und Irrsinn niemals verwechselt werden. Der Irre richtet die Absurdität des eigenen Daseins gegen sich, der Wahnsinnige leugnet sie als Erscheinung des unüberblickbaren Chaos. Wir warfen die Laborkittel über die Schultern, farbbekleckst, als wären wir die Helden beider Revolutionen. Nüchterne Künstler, betrunkene Wissenschaftler. Eine Seele, zwei Erscheinungen.
Wir waren Laborlemminge. Wir waren kleine Tiere mit Baumwollfell, die sich im Stromfluss zwischen Ionen versteckten. Wir spielten Fange mit den Rätseln, die uns unsere Menschlichkeit aufgab. Laborlemminge, so nanntest du uns, als wir uns freund wurden. Wir schlenderten die Kiessteinpromenade entlang. Um uns herum passierte ein schöner Tag für andere Menschen. Ein Date, die erste Autoscooterfahrt mit Papis Geld, ein erster Kuss, ein Losgewinn – wir blieben zielstrebig: Wir wollten nur Riesenrad fahren.

Ein drehendes Riesenrad ist der Pol, um den sich das Hirnmagnetfeld spinnt. Die Aussicht führt zu peripherem Bedeutungsverlust des Einzelnen: Man fühlt sich klein.
Am Fahrgeschäft angekommen blinzelten wir ob des blendenden weißen Lacks dieses wundesamen Gebildes, dasselbe denkend: Wäre das hier London, es wäre sein Eye, durch das es mit Laserstrahlen durch uns hindurchblickt, bis wir unsere eigene Irrelevanz gestehen und unsere Unschuld auch. Plötzlich verstummte die Umgebung und unser Blick tunnelte auf die Kabine, die in der höchsten Stellung stehen geblieben ist. Lautlos verformte sie sich unter dem Eindruck, dass Lichtgeschwindigkeit nur eine Brechzahl ist, ein Wert, in dessen Überschreitung der Zusammenbruch des Raumes zur Fantasie gipfelt.
Der Ton ging wieder:
Aus der Spitze der obersten Gondel ragte ein Felsen heraus. Ein Stück Abgrund tat sich auf. Alle Menschen, außer den statistischen Ausreißern, blickten nach oben. War das einer der ihren? Das konnte nicht sein. Zu so etwas war doch keiner fähig:
Eine kleine Figur tanzte auf dem Gestein, als gäbe es nichts Leichteres im Leben als Schwindelakrobatik in luftiger Höhe. Sie bewegte sich zum Takt einer Musik, die am Boden keiner hören konnte, die es vielleicht auch nicht gab. Als er fertig war, verbeugte sich der Mensch im weißen Turnanzug und verschwand ohne die große Aufregung seines Erscheinens wieder, als wäre er nur Avantgarde, die Platz machen muss für die Hauptattraktion. Es gab einen Tusch.
Und von der Klippe des Riesenrads sprang ein Fallschirmspringer. Er klappte die zarten Flügelchen aus und glitt dann hinab auf einem Teppich aus Luft. Es war so fantastisch. Er war die Verkörperung eines Traumes und insofern ein Held, denn er vermochte der Wahrheit zu entkommen. Er sprengte die Statistik – er war systematischer Fehler auf dem Papier und bezweifelte die Richtigkeit des Experiments. Er setzte zur Landung an, mit der Leichtigkeit von Coldplay‘s „Parachutes“ und der Schwerkraft philosophischer Gedanken. Ein Kunststück ohne Telemark.

Im Inneren des Faraday-Käfigs zuckten Blitze ihren donnernden Applaus. Er markierte das platte Ende dieses wundervollen Schauspiels.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Fremdkoerper
Kommentar von Fremdkoerper (26.07.2010)
ich finde, die kolume hängt ein wenig an ihrem eigenen sprachlichen niveau, dass sie sich zu hoch gesteckt hat, hoch im sinne von abgehoben wie oben auf dem riesenrad. dadurch gehen all die spitzen, die das recht haben, viel bedeutungsvoller platziert zu werden, auf der permanent hochstaksigen sprachebene unter. und manchmal wirkt es ein wenig zu abgehoben, wo es doch um ein riesenrad geht.

und das sage ich, obwohl du diese episode des lebens mit viel inhalt und guten gedanken füllen konntest. ich bin, während ich die kolumne lese, ein wenig hin und hergerissen zwischen wow-gefühlen und komm-mal-wieder-runter-gedanken.
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wortverdreher
Kommentar von wortverdreher (26.07.2010)
Mir fällt das schon länger auf - also das mit der bestimmte Sprachform. Es liegt nicht daran, dass das Niveau hoch oder niedrig ist, sondern an der Art der Sprache. Mich erinnert das immer an einen Freund von mir der Informatik und Mathematik studiert und heute an der Uni unterrichtet. Das hört sich ganz genauso an, wenn er die Welt erklärt.
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