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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Montag, 23. August 2010, 00:34


Gebogene Welt

von MagunSimurgh


Ich gestehe meine Schuld zu Beginn ein: diese Kolumne ist ein Rettungsfloß. Sie war mal eine persönliche Nachricht, die versuchte, das folgende Stück Schreiben etwas zu hinterleuchten. Vielleicht gibt es ja irgendwem irgendwas, was auch immer, wem auch immer, wofür auch immer.

Guten Tag.


Gebogene Welt

Die Glocken der Aurora schlagen Borealis. In Endlosschleifen tropft das Blut in Fantasien. Konvex steht auf dieser Linse – durch die ich doch am Ende nur Zerstreuung erfahre. Es bleibt ein ewiger Kampf, den ich passiv austrage. Dabei scheint es viel weniger grausam, sich einen Krieg bloß vorzustellen! Welch Grausamkeit ist es dennoch gegen sich selbst. Ich spiegel' mich im Himmel und hauche Halleluja in die kalte Luft, nur um zu sehen, ob sie festgefroren ist. Ich kann mich frei bewegen, in dieser blinden Dunkelheit des Sonnenlichts – nur für die Menschheit wär sie tödlich.

Für die gebeugte Menschheit ist es lebensnotwendig – in diesem sonnigen Dunkelschein erstarre ich. Ob sie noch gasförmig ist, sehe ich der heißen Luft schon an, und schweige, im matten Himmel spiegelt sich nichts. Welch Harmonie mit sich selbst! Kriege auszutragen, ist grausam genug. Erleuchtung erfahr' ich von Anfang an durch eine konkave Linse. Blut tropft nur im Kino. Und die Borealis schlägt die Aurora K.O..

Gerade Welt.


Ich gestehe auch, dass ich selber Schwierigkeiten habe, den Text zu erklären. Es ist einer, bei dem ich in eine unsinnig anmutende Bildebene gesprungen bin, weil das Gefühl, das hinter diesem Text steht, mir selbst nicht wirklich erklärbar schien, nicht ernsthaft beschreibbar.
Die Vertonung (Anm.: die ich hier aus diversen Gründen nicht mehr zeigen kann) sollte das etwas entlasten – ich hoffe sehr, dass dadurch zumindest die Grundstimmung auf den Zuhörer überspringt. Ich versuche mal, die Entstehunggeschichte wiederzugeben, vielleicht wird es dann klarer:
Es gab zuerst die Hintergrundmusik zu diesem Text, die mich dann dazu inspirierte, auch einen Text zu verfassen. Der erste Satz kommt einfach aus einem der Instrumente, die ich zur Vertonung benutzt habe, es heißt „Aurora-Glocken“ – keine Ahnung, warum. Die Aurora Borealis ist eigentlich lautlos und darin unheimlich. Es ist absurd, dass sie jetzt Glocken schlägt, und dann auch noch getrennt. Also das Licht (aurora) vom Norden (borea – die Taiga ist die „boreale“ Nadelwaldzone), wiederum absurd.
Konvexe Linsen sind Sammellinsen – paradox, dass sie Zerstreuung bringen. Ein Kampf, den man passiv austrägt, wie geht das? Ist Verweigerung ein Kampf? Wie kann man sich einen Krieg nur vorstellen, während man einen Kampf austrägt? Ganz einfach: Es ist Kopfkino. Der freie Geist spinnt frei. So setzt sich der ganze erste Teil aus Paradoxien, Absurditäten und anderen Unmöglichkeiten zusammen.
Die Vorstellungen des lyrischen Ichs sind etwas surreal, fast ein bisschen verrückt – seine gebogene Welt passt nicht zu der „Geraden Welt“, die sich im zweiten Abschnitt darstellt. Der zweite Teil ist spiegelverkehrt – die reale Welt passt nicht zu vorgestellten, sie sind unvereinbar. Wie das lyr. Ich und seine Umwelt offenbar – es fühlt sich fremd in dieser Welt, es passt nicht in sie, die beiden sind unvereinbar.
Es erträgt die Sonne nicht, die für die „gebeugten Menschen“, die Schafe, die Nichtdenker, wie auch immer sie in der Literaturgeschichte genannt wurden, so lebensnotwendig ist. Die realte Welt ist nicht so spektakulär. Die Luft ist ein Gas, ganz normal und nichts spiegelt sich im Himmel – und die „gebeugten Menschen“ (darin steckt eine gewisse Ironie) betrachten das als Harmonie und wägen sich glücklich und eins mit sich selbst darin. Aber sie irren sich. Sie stehen im „sonnigen Dunkelschein“ – die Sonne, der sie so nacheifern (wie viele dem schönen Wetter – ist das nicht ein bisschen arm, nur bei schönem Wetter gute Laune zu haben? Bei Sonne kann sich doch jeder freuen, das ist keine Kunst!). Die Sonne jedenfalls verdeckt den „Dunkelschein“, also die eigentlich verdrängten Probleme dahinter.
Die reale Welt ist simpel, aber damit nicht besser. Hier stellt man sich Kriege nicht vor, hier finden sie statt! Durch Zerstreuung (konkave Linsen sind Zerstreuungslinsen) sucht man Ablenkung und glaubt darin, etwas Wahres zu finden, etwas Schönes. „Erleuchtung“ – was wiederum absurd ist. (Ist die reale Welt absurd? Widerspricht sie sich doch offenbar selbst!) Die Selbstherrlichkeit der Zerstreuung leugnet das Schlechte der Realität „Blut tropft nur im Kino“ – das Schlechte scheint für die „gebeugte Menschheit“ nur Fiktion, sie leugnet es, um sich selbst zu gefallen.
Und zum Schluss schlägt die Borealis zurück, verleibt sich die Aurora wieder ein – verurteilt sie zum Schweigen. Unspektakulär. Die „echte“ Welt eben, die erst jetzt (aufgrund der Spiegelung des Textes) verrät, dass sie es ist, die im zweiten Abschnitt beschrieben ist, die „gerade“ Welt. Wahrheit und Kopfkino nur schwer zu trennen – unvereinbar und doch einander bedingend.


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