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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Sonntag, 16. Januar 2011, 00:20


Plädoyer für den Materialismus

von Fremdkoerper


Schon bei der bloßen Erwähnung des Begriffs treten die MoralistInnen auf den Plan. Trotz der ursprünglichen Bedeutung, die eine Konzentrierung auf das menschlich Fassbare fordert, werden heute mit Materialismus meist Konsumgesellschaft und Kapitalismus, Gier und Egoismus gleichgesetzt und vermeintliche oder tatsächliche Missstände kritisiert. Ganz verkehrt ist dies nicht: So wenig, wie Formen des Zusammenlebens und abstrakte Wünsche wie Liebe und Glück je konkret einzuordnen sein werden - und der Zeitpunkt, wo sie es wären, würde die endgültige Zementierung der Aufklärung zur Herrschaft über den Menschen bedeuten - so sind die Objekte der Bedürfnisbefriedigung natürlich ebenso materiellen Urspungs wie die Bedürfnisse. Wo sie es nicht sind, wurden Bedürfnisse sublimiert, zu Esoterik und Religion, die längst eine ganze Palette von ebenso kapitalistisch produzierten Produkten im Gepäck haben- und mittlerweile in globaler Konkurrenz stehen. Doch leider sind die Produkte des Seelenheils, der Rituale und der jenseitigen Versprechungen längst nicht so inhaltsleer wie die Werbung für die neuesten Trends und Hits, auch wenn beide vom Schein der nicht erfüllbaren Versprechen umgeben sind.

Der Glauben, oder noch schlimmer: die Gewissheit, dass das Leben einen höheren Zweck hat, der jenseits des Körperlichen liegt, besitzt schon die Anlage zu dessen aktiver Vernichtung. Die Verneinung aller Körperlichkeit führt im besten Fall zu selbstfeindlicher Askese, im schlimmsten zu Folter und Mord unter dem Banner eines höheren Ziels, das nie erreicht so ziemlich alles legitimieren kann. Während der Katholizismus seine Transzendenz längst größtenteils in Ritualen pflegt, fordern die meisten Evangelikalen ständige Selbstkasteiung, vor deren Erziehung oft auch bei anderen nicht zurückgeschreckt wird. Den Nazis mit ihrer Vorstellung von Volksseele und germanischem Sendungsbewusstsein war der Materialismus völlig zuwider und dessen Seelenlosigkeit (auf deren Anführungszeichen bewusst verzichtet werden soll, denn die Verneinung des Seelenbegriffs ist alles andere als negativ zu sehen) wurde mit der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“, die auch am Kapitalismus Schuld gewesen sein soll, in Verbindung gebracht. Doch selbst vielen KommunistInnen ist die Perspektivhaftigkeit ihres Denkens zur Ersatzreligion geworden. Motiviert durch Marx' historischen Materialismus, der sich, auf die Zukunft bezogen, von religiösen Visionen nur bedingt unterscheidet, hatte man ein höheres Ziel vor Augen, dass sowohl die eigene Bedeutung als auch die anderer zum kleinen Bruchteil im großen Kampf reduzierte und den Stalinismus als Mittel, das vom Zweck geheiligt wurde, erträglich machte.

Der Glaube, an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens und folglich auch der eigenen körperlichen Empfindungen macht nicht nur hart gegen sich, sondern auch gegen andere, deren Leben die selbe nichtige Bedeutung angesichts des Jenseits oder des hohen Weltzwecks hat. Und so steht hinter der Aussage „Da muss man/ müssen wir/ musst du eben durch“ die Verachtung jeglichen individuellen Glücksempfindens und die definitive Absage an einen wie auch immer gearteten anderen Zustand. Sowohl der Glaube an die Bedeutungslosigkeit des individuellen, physischen Lebens, als auch dessen bewusste Erkenntnis als zu überstehende Qual, die letztendlich zur Affirmation wird, sind zwei Formen des selben Abgrunds. Wo der Nihilismus nicht einmal vor der realen Welt halt macht, ist er vom diesseitsfeindlichen religiösen Eifer kaum zu unterscheiden.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Fremdkoerper
Kommentar von Fremdkoerper (17.01.2011)
du hast vollkommen recht. ich hätte erwähnen sollen, dass es um eine veränderung der moral, sozusagen zu einer materialistischen gehen soll. ich kritisiere eine moral, für die eigene bedürfnisse bedeutungslos sind, eine selbstlosigkeit als für alle gefordertes prinzip, von der viel zu viele glauben, dass sie in der lage ist, die missstände zu beseitigen.
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Matthias_B
Kommentar von Matthias_B (17.01.2011)
Der Materialismus könnte eh schon seit Unzeiten eher Antrieb menschlichen Handeln sein....
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Fremdkoerper
Kommentar von Fremdkoerper (17.01.2011)
ey ludwig, kannste die negationen nicht mal zu ende denken?
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Fremdkoerper
Kommentar von Fremdkoerper (18.01.2011)
ludwig, ich war mir auch nicht so sicher, ob ich diesen doch sehr anspruchsvollen text dem geneigten publikum zumuten kann. aber ich möchte die form an einem einfachen beispiel demonstrieren.
nehmen wir an, ein text hieße "plädoyer für die friedfertigkeit" und würde darlegen, wie schlimm gewalt in sämtlichen bereichen des menschlichen lebens ist- meinst du, es wäre arg schwer für die menschen, aus der verneinung der gewalt auf die forderung nach friedfertigkeit zu schließen? wieviel negationen hat gewalt denn noch? bekommt man nicht schon in der ersten klasse logische grundsätze mit gegensatzpaaren aufgezeigt?

ps: dass jede reaktion auf diesen anschein von unzurechnungsfähigkeit (wegen der ich dich auch gerne von jeder schuld freispreche) ein fehler war, weiß ich, daher bitte ich dich, mir das nicht unter die nase zu reiben.
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