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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Dienstag, 15. Februar 2011, 23:27


Quo vadis, Abiturient?

von MagunSimurgh


Gastkolumne von  wortverdreher
Vielen Dank im Namen des Teams.

Quo vadis? Wo soll es hingehen? Das fragten sich nicht nur die alten Römer, das fragen sich auch Jahr für Jahr tausende von Schulabgängern, die, vom Schulsystem im Dunkeln gelassen, ihre Reise ins Unbekannte antreten.
Zwölf oder dreizehn Jahre haben sie sich durch die Tiefen einer auf Allgemeinbildung abzielenden Wissensvermittlung gekämpft, ohne dabei jemals einen Einblick in das wahre Leben zu bekommen. Ja, sie haben hundert Male durchgekaut, wie Hitler die Macht ergriff oder wie Picasso den Pinsel schwang, um Guernica zu erschaffen. Aber gibt es für all das angehäufte Wissen auch nur den kleinsten Praxisbezug? In der Regel nicht. Da wird man einmal zum Berufsinformationszentrum gekarrt, da darf man einen unkoordinierten Wandertag zur nächstgelegenen Universität, der mehr Ausflugs- denn Informationscharakter hat, mitmachen und dann soll man, mit Absolvieren der Reifeprüfung, als mündiger Erwachsener ins Leben starten. Vor allem ins Arbeitsleben oder dem vorgelagerten Studentenleben. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?

Man könnte nun vorweg kontern, dass die Schule zuletzt auch zur Selbständigkeit erzieht. Allerdings müsste man sich dann die Gegenfrage gefallen lassen, warum wir unserer Zukunft in Form dieser jungen Menschen, nicht den Start erleichtert. Würde es denn wirklich schaden, Grundlegendes, wie das Verfassen eines zeitgemäßen Bewerbungsschreibens, einzuüben? Schüler im Endstadium sehen sich auf einmal vielen Problemen gegenüber, die sie vorher gar nicht auf dem Schirm hatten. Und allein das kann überfordern.

Auf der einen Seite gibt es die, so nenne ich sie einfach mal, Formalia. Eigentlich Kleinigkeiten, die man, einmal einstudiert, schnell verinnerlicht hat. Kennt man seine Wege, findet man die offenen Stellen im Internet in der Zeitung oder sonstwo. Dann sind Bewerbungsschreiben kein Problem mehr, dann lächelt man nur noch müde, wenn man den Antrag für einen Studienplatz ausfüllt. Dennoch handelt hier kaum eine Bildungseinrichtung nach dem Motto "Übung macht den Meister". Selten bis gar nicht wird Unterrichtszeit darauf verwendet einen Bewerbungstest zu simulieren. Stattdessen wird lieber jedes Jahr wertvolle Zeit und Mühe an PISA vergeudet.

Daneben fehlt es an einer passenden Ausgestaltung des Unterrichts. Es herrscht der paradoxe Zustand, dass seit Jahren etliche der beliebtesten Studiengänge im Unterricht keine Erwähnung finden oder ein Dasein als Randnotiz fristen. Wer hat denn schon einmal in der Schule erfahren, wie eine der grundlegendsten Normen unserer Gesellschaft, der § 433 BGB, funktioniert? Niemand. Und dennoch stürzen jährlich tausende auf ein Jurastudium. Wahrscheinlich weil ihnen die ganzen amerikanischen Anwaltsserien so gut gefallen. Dumm nur, dass das deutsche Rechtssystem völlig anders funktioniert. Ähnlich verhält es sich z.B. auch mit allen Wirtschaftswissenschaften. Wohin die Reise die Unifrischlinge führt, erfahren sie also in diesen Bereichen völlig unnötig und vermeidbar häufig erst viel zu spät auf zumeist unangenehme Weise.

Zuletzt bleibt die Frage der Fragen über: Was will/soll ich nur werden? Ohne Anhaltspunkte, aber bitte nach schon zwölf Schuljahren, wird der unwissende Schüler in die raue Wirklichkeit entlassen, wo es doch so wenig Aufwand wäre, eine Berufsberatung, abseits von romantisierenden, alternden Lehrkräften zu installieren, die gerne mal erzählen, dass man studieren soll, wonach man sich fühlt. Es ist jemand nötig, der der nächsten Generation offen und ehrlich, die richtigen Fragen stellt und Aufklärung betreibt. Jemand, der sich auskennt. Jemand, der frühzeitig zum Nachdenken anregt und mit überkommenen Vorurteilen aufräumt.
Was sind heutzutage die Merkmale eines Studiums? Erreiche ich damit garantiert ein hohes Einkommen? Bekomme ich schnell einen sicheren Job nach Abschluss? Schonungslos, sollte bereits hier ein entschiedenes "Nein" präsentiert werden. Hat man "falsch" studiert (damit meinen ich einen großen Teil des Angebots z.B. Geschichte ohne Lehramt), kann man trotz exzellentem Abschluss froh sein, wenn man nicht der neueste Kunde der Arbeitsagentur wird. Selbst mit der "richtigen" Wahl kann es sein, dass häufig zuerst nur Praktika herausspringen, weil man studiert hat, was auch 3 Millionen andere studiert haben. Und das große Geld ... naja das kommt vielleicht mit dem vorhergesagten Fachkräftemangel wieder. Oftmals kann eine Ausbildung mit anschließendem Studium, vielleicht auch in Kooperation mit einem Arbeitgeber, viel lohnender sein, weil man dort schon einen Fuß in der Tür hat. Genau das sind die Gedanken, die man vorher mit auf den Weg geben muss, damit hinterher nichts bitter bereut wird. Genau das gibt es bisher nicht.

Einiges liegt im Argen. Nichts wird absehbar geändert. Es bleibt, was immer bleibt: die Hoffnung. Mögen alle ihren Weg finden.


Anmerkung:
Mein Text basiert im wesentlichen auf eigenen Erfahrungen sowie auf den Erfahrungen von Menschen, die mich beruflich wie auch privat umgeben und zwischen 20 und 30 Jahre alt sind.

Inspiriert durch FrauGeheimrätins Kolumne.

Und ja: Ich weiß, dass mein zweiter Satz nicht die völlig korrekte Übersetzung des ersten Satzes ist.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Fremdkoerper
Kommentar von Fremdkoerper (21.02.2011)
wenn ein, wie ich vermute, ex-bwl-student versucht, auf den richtigen pfad des lebens zu führen, kann man es sich bequem machen, mal so richtig die sabber aus dem mund tropfen lassen und sich das anhören, was sämtliche familienmitglieder, insofern nicht gerade alt-68er, bereits seit beginn der zehnten klasse gepredigt haben und mindestens bis zum studienabschluss (falls es keinen gibt, bis zur rente oder tod) weiterpredigen werden.

ob es am alter oder am weltbild liegt, dass er dabei viele veränderungen in den letzten jahrzehnten überhaupt nicht mitbekommen hat?
bewerbungen, samt gesprächen und speziellen tests stehen längst ab klassenstufe 8 in allen schultypen auf dem lehrplan. praktika, besuche von netten arbeitgebern wie aus dem örtlichen raffrollowerk, der bundeswehrkaserne und der aok sind ebenfalls fester bestandteil auf dem weg zum abschluss. das rechtssystem könnte aber wirklich mal ein wenig mehr eingang in den lehrplan finden, genauso wäre es wünschenswert gewesen, wenn der grw (gemeinschaft-recht-wirtschaft) -lehrer mehr ahnung von wirtschaftlichen prozessen gehabt hätte.

am lehrplan liegt es also nur sehr bedingt, dass es wortverdreher zufolge immer noch zu viele geschichtsstudentInnen (ohne lehramt!) gibt, die sein kostbares steuergeld verpulvern. auch wenn er es noch nicht bemerkt hat, schule ist im wandel. ursprünglich sollte sie die grundlage einer ideal gedachten bürgerlichen gesellschaft und die teilhabe aller am gegenseitigen austausch in einer bürgerlichen öffentlichkeit ermöglichen, was schon immer im widerspruch zum wirtschaftssystem stand und so nur einen kleinen teil der bevölkerung dem ideal einigermaßen nahe brachte.
beim ideal nie angekommen, geht es jetzt, nach diversen schwankungen in der vergangenheit wieder abwärts- die teilhabe an der gesellschaft tritt hinter verwertungsmöglichkeiten zurück, deshalb sind seit ein paar jahren in sachsen auch sämtliche naturwissenschaften in der sekundarstufe II pflicht geworden, die leistungskurswahlmöglichkeiten wurden eingeschränkt.

Jemand, der frühzeitig zum Nachdenken anregt und mit überkommenen Vorurteilen aufräumt.

endlich kommen die macherInnen, die erklären: "mensch, mit geschichte, soziologie und germanistik wirst du nicht reich werden!" eine ganze generation wird dann die welt mit neuen augen sehen. doch leider:
Einiges liegt im Argen. Nichts wird absehbar geändert. Es bleibt, was immer bleibt: die Hoffnung. Mögen alle ihren Weg finden.

amen. was für änderungen sind denn noch denkbar? produktionsbezogener werkunterricht? lateinunterricht nur noch an privatschulen?
ich hoffe auf mehr "aufklärung betreib[ende]" gastkolumnen.
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AlmaMarieSchneider
Kommentar von AlmaMarieSchneider (21.02.2011)
Es gibt ja viele Meinungen über Ausbildungssysteme, Schulsysteme und Weiterbildungseinrichtungen. Beachten sollte man, daß man es nicht mit Systemen zu tun hat, die die Weiterentwicklung und Bildung unserer Kinder nach deren Eignung fördern, sonder hier spielen die Ansprüche und Interessen von Industrie und Handwerk eine maßgebliche Rolle.
In meiner Schulzeit war das noch nicht so krass wie heute. Lebenslauf war meist prosa und handschriftlich. Da waren 500 Bewerbungen absurt. Da ging man einfach vorbei, fragte nach der Personalabteilung und stellte sich vor. Zu 90% klappte ein Gespräch und wenn nicht führte zumindest ein Abteiler durch den Betrieb und zeigte künftige Einsatzorte. War gegenseitiges Interesse vorhanden ging alles ziemlich schnell und problemlos.
Heute wird ein Theater abgezogen und man findet das auch noch stilvoll und toll. So ein Krampf, nur Geldverschwendung, Eigendarstellung und ein Sammeln von Nachweisen um die eigene Daseinsberechtigung zu belegen.
500 Bewerbungen bearbeitet zu haben ist doch was oder? Oder sind wir nur mal wieder typisch deutsch? Alles 200% ig?
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Kommentar von wortverdreher (36) (21.02.2011)
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Kommentar von wortverdreher (36) (21.02.2011)
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MagunSimurgh
Kommentar von MagunSimurgh (21.02.2011)
Hm – was ist mit den erstaunlich hohen Durchfallquoten in Klausuren an der Universität?
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Kommentar von Skala (21.02.2011)
@Magun: Diese Magendarmquoten (klingt doch gleich nicht mehr so bröckelig) liegen wahrscheinlich daran, dass Studenten prinzipiell hoffnungslos faul, desinteressiert, dumm, unengagiert und ungebildet sind. Das war zumindest die Kernaussage der Tochter unserer Oberstufenkoordinatorin (Betonung auf Ober- und -koor-), die meinte, uns in einem rhetorisch wie inhaltlich ausgefeilten Vortrag mitteilen zu müssen, dass Studenten, die unerhörterweise in eine Semesterarbeit drei Kommafehler einbauen, ihre Karriere in einen Pappkarton packen und auf dem Dachboden verstauen können und ohnehin mal als Fast-Food-Verkäufer enden, sollten sie diese immens hohe Fehlerquote nicht in der folgenden Arbeit ausgemerzt haben.
Mit diesem Vortrag hat sich die junge Dame allerdings, habe ich mir sagen lassen, an sämtlichen Unis der Umgebung zur völligen Lachnummer gemacht... was mir irgendwie nur ein schadenfrohes Grinsen entlockt.

@wortverdreher: Ich mag deine Kolumne. Angenehm formuliert, gut zu lesen und da steckt wirklich viel Wahres drin, was ich in meinem Alltag im Moment immer wiederfinde. (Beispiel Bewerbungsschreiben z.B. Am Freitag hatten wir ein "Vorstellungsgesprächstraining" - haha, anderthalb Stunden herumgelungert zu meinem Amusement und nicht viel mitgenommen - und einer der ersten Sätze lautete: "Wir werden keine Zeit darauf verschwenden, Bewerbungsschreiben zu üben, das müsst ihr alles können." Das letzte Mal, dass ich ein Bewerbungsschreiben verfassen musste, war bei meinem Praktikum und da habe ich mir tierisch einen abgebrochen, weil mein Lehrer in der neunten Klasse, als Bewerbung Thema war, nur Kopien aus irgendwelchen Achziger-Jahre-Büchern zu benutzen pflegte, die, in denen die Personen alle Birte, Dörte oder Rainer heißen und als Hobby "Federball" oder ähnliches angeben...)
Zur Ausgestaltung des Unterrichts: Wir haben heute in Latein eine Talkshow simuliert, Stoiker vs. Epikureer. Ich spiele durchaus mit dem Gedanken, mich auf ein Lateinstudium einzulassen, wenn schon die alten Römer so interessantes Unterhaltungsprogramm im Fernsehen boten... :D
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Kommentar von wortverdreher (36) (21.02.2011)
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Kommentar von wortverdreher (36) (21.02.2011)
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Kommentar von Skala (21.02.2011)
Quatsch, Latein gesprochen, das fehlte auch noch! (Wobei ich gerne verstecke, dass ich Latein fließender spreche, als die alten Römer... *hüstel*)... :D
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Kommentar von wortverdreher (36) (21.02.2011)
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