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Jugend und mehr – oder weniger


Die Kolumne des Teams "Montagsteam"



Sonntag, 27. Februar 2011, 21:35


... und wenn Märchen nicht ausgestorben sind, dann leben sie heute noch.

von MagunSimurgh


von  Sunnyschwanbeck

„Es war einmal vor langer Zeit…“ Dieser Satz hat mich früher jeden Abend ins Bett gebracht.
Ich rannte nach dem Zähneputzen barfuß in mein Zimmer, hielt das dicke Märchenbuch in meinen kleinen, klebrigen Händen und ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen, bis Mama kam, um mir daraus vorzulesen.

Ich mache nun seit 2 Wochen ein Praktikum in einer Grundschule und der dazugehörigen OGS (offene Ganztagsschule). Es macht mir wahnsinnig viel Spaß und bestätigt eigentlich nur meinen Wunsch, später einmal Grundschullehrerin zu werden.
Nachdem ich 4 Stunden im Unterricht bin, und den Grundschülern beim Lesen, Schreiben und Rechnen helfe, gehe ich runter in die OGS. Dort sind meine Hauptaufgaben eigentlich mit den Kindern zu spielen, malen oder ihnen etwas vorzulesen.
Als ich letztens mit meinem Grüppchen von 10 Kindern, die immer mit mir malen wollen, am Maltisch saß, fragte ich, was denn ihr Lieblingsmärchen sei. Große Augen und offene Münder. „Märchen?“ fragten sie im Chor. „Kennen wir nicht.“ Ich war entsetzt. Meine ganze Kindheit über habe ich mich von Rapunzel, Schneewittchen, der kleinen Meerjungfrau, Rotkäppchen und anderen Prinzessinnen und Prinzen ins Bett bringen lassen, und meine Grundschulkinder kannten kein einziges.
Cheyenne kratzte sich angestrengt denkend am Kopf. „Ist Rapunzel neu verföhnt nicht auch ein Märchen?“ Sie grinste und war anscheinend froh, doch noch eins zu kennen.
Ich seufzte. So etwas ist doch nicht vergleichbar! So ein dahingerafftes Animationsgeschisse mit unseren schönen, alten, geschriebene Märchen. Ich erklärte ihr dass Märchen eigentlich in Büchern stehen und man sie Kindern oft Abends vorm Schlafen gehen vorliest, dass Rapunzel natürlich eine Märchenfigur ist aber das Märchen dort im „3D Kinoerlebnis für Jung und Alt und auch nur für 13,99€“ etwas abgeändert ist.
Aber ich dachte mir, wo die Kinder nun schon Märchen-Kinofilme anschauen, dass sie vielleicht wenigstens die guten, alten, Hand gezeichneten, Walt Disney Filme kennen.
Wieder falsch.
„Walt Disney? Was für ein ulkiger Name!“ riefen sie. Aber Niemand kannte die schönen Lieder von „Die Schöne und das Biest“, „Der König der Löwen“, „Arielle die kleine Meerjungfrau“, „Aristocats“. All das, was ich als Kind geliebt hatte, wurde durch Animationsfilme und komische Hörbücher ersetzt, doch ich hatte zumindest etwas erreicht: Ich hatte die Kinder neugierig gemacht. Sie wollten mehr von den Prinzessinnen erfahren mit den ulkigen Namen, also entschloss ich mich mein altes Märchenbuch am nächsten Tag mitzubringen.

Ich las ihnen sieben Märchen vor, am Stück, und jedes fanden sie spannender als das nächste.
Rotkäppchen, die zertanzten Schuhe, Brüderchen und Schwesterchen, die 7 Raben, die kleine Meerjungfrau.
Während die Jungs ganz wild auf den bösen Wolf waren liebten die Mädchen die Geschichte von der Nixenprinzessin. Ich durfte gar nicht mehr aufhören vorzulesen. Und auch wenn Märchen manchmal etwas brutal zugehen (dem Wolf wird der Bauch aufgeschlitzt o.ä.), so wird den Kindern damit vermittelt, dass das Gute über das Böse siegt.
Die Kinder liebten die Märchen so sehr, dass sie ihre Eltern fragten, ob sie nicht auch ein Märchenbuch für Zuhause haben könnten.
In der OGS bin ich jetzt nur noch die „Märchen-Tante“, und wenn wir malen dann Froschkönige, böse Wölfe, hohe Türme und verwunschene Wälder.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Kommentar von FrauGeheimrätin (23) (28.02.2011)
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Kommentar von Skala (28.02.2011)
Mir gefällt deine Kolumne auch sehr, Sunny, ich liiiebe Märchen!
Und es ist schade, dass es überhaupt Kinder gibt, die gar nicht wissen, was Märchen sind... ich frage mich oft, was Eltern sich dabei denken, ihre Kinder zwar mit eigentümlichen, animierten Trickfiguren (mit meist grausamst quietschigen Stimmen) bedröhnen zu lassen, ihnen aber Rotkäppchen und Schneewittchen usw. vorzuenthalten...
Na ja, lies mal schön weiter, fein gemacht!
Liebe Grüße, Ranky.
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Kommentar von wortverdreher (36) (28.02.2011)
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wupperzeit
Kommentar von wupperzeit (28.02.2011)
Noch schöner ist es, Märchen erzählt zu bekommen, also die literarischen, bei den Anderen ist es das nicht immer. Gerne sehe ich sie auch im Fernsehen, möglichst in einer tschechischen Version, ich habe kürzlich völlig verzaubert „Frau Holle“ geschaut. Und dann sieht man wieder die Bilder aus der Kindheit, die damals anders waren als in den Filmen, und die heute anders sind als in der Kindheit, und auch nicht immer schön. Aber am Ende wird alles gut, deshalb werden Märchen auch vermutlich so geliebt: weil sie auf eine schöne Art erzählen, das am Ende alles wieder gut wird.

Mir hat Deine Kolumne auch sehr gefallen,

Andreas
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MagunSimurgh
Kommentar von MagunSimurgh (28.02.2011)
Und die allgemeine Sehnsucht nach Happy-Ends, wobei die Betonung auf Sucht liegt, ohne das Sehnen damit negativ konnotieren zu wollen, ist ja in unserer Kultur offensichtlich.

Eine schöne Kolumne, Sunny.

Ich finde die Zeichentricksachen gar nicht so blöd, aber ergänzend wären sie schöner, Märchen darf man schon kennen.
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Kommentar von bookishasearlgrey (29) (01.03.2011)
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (02.03.2011)
Nominiert für den kitschigsten Kolumnentext 2011.
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