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Kein Thema

Sonntagskolumnen


Die Kolumne des Teams "keinThema.de"



Sonntag, 23. Dezember 2012, 00:12


Nach Hause fahren

von bookishasearlgrey


Keiner kanns schon mehr hören vielleicht, aber trotzdem möchte ich über das so genannte „Nach Hause fahren an Weihnachten“ sprechen. Im studentischem Umfeld ist es schließlich seit Wochen ein Thema, wenn man in Berlin wohnt und der Großteil der KommilitonInnen zu den sogenannten „Zugezogenen“ gehört. Auf den ersten Blick scheint alles so klar: Man fährt „nach Hause“, zu dem Ort der Herkunft, der Familie und feiert „Weihnachten“, DAS christliche Fest. Ich finde es absurd und lustig, wie wenig in Wahrheit das „Nach Hause fahren an Weihnachten“ mit dieser Definition zu tun hat. Ungetaufte Ost- und Westkinder „fahren nach Hause“, Mitglieder von zerstrittenen Familien „fahren nach Hause“, Scheidungskinder fahren „nach Hause“, an den Wohnort eines Elternteils, an dem sie nie zu Hause waren and so on and so on...
„An Weihnachten nach Hause fahren“ beinhaltet so viel mehr, als Geschenke abzustauben. Es sagt viel über Verwurzelung und Pflichtbewusstsein aus, über Zusammenhalt, oder Einsamkeit und den mangelnden Alternativplan als zugezogener Großstadtsingle mit verleugneten und doch bestehenden Familienidyllen. Ist es, hm, Heimweh? Und wonach denn, wo man sich doch oft so fremd vorkommt, an diesen Orten, an die man da fährt, weil man seit Jahren am 23.12. das selbe Zugticket löst. "Zu Hause" ist da, wo man verkannter ist als im letzten Urlaubsort, oder doch bekannter als im alltäglichen Umfeld, und vielleicht auch richtig erkannt, vielleicht aber auch nicht. Wo einem die Menschen seltsame Namen geben und in Dialekten sprechen, die man nach 10 Bier vielleicht als Persiflage hinkriegt, von denen die Zunge aber mittlerweile Muskelkater bekommt. Mit verdrehter Sprache und einem Arm voller Geschenke rechtzeitig vor Silvester zum klassenpassenden Besäufnis mit Aperol-Spritz statt Holunder-Hugo zuhause zurück, fragt man sich, wer man denn nun eigentlich ist, und ob man es denn nicht doch am meisten in den vollen Zügen und zwischen den Jahren war, all die Zeit, die verstrichen ist seit?
Wir haben vielleicht irgendwann aufgehört zu fragen, warum wir Weihnachten „nach Hause fahren.“ Es kann aber eine durchaus spannende Reise in die eigene Identität sein, die Begriffe auseinanderzunehmen und es zu tun.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (23.12.2012)
Zuerst dachte ich, das wird eine übliche über-betuliche Kolumne, zu deren Über-Versöhnlichkeit zum Jahresende sich viele hinreissen lassen, doch zwischen den Zeilen wirft sie doch die Frage nach Identität auf. Nach Identität des "Wo kommst Du her? bzw. Wo kommst Du "wech"? (Ruhrgebiet, die wollen immer weg) ...dieser unserer achso moblien studierenden Jugendlichen, die sich als Weltbürger fühlen, aber nicht wissen, wann der Bäcker um die Ecke auf hat.
Gerne gelesen.
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BLACKHEART
Kommentar von BLACKHEART (23.12.2012)
Eine sehr interessante Frage, die hier aufkommt. Nämlich die nach dem "zu Hause". Nach dem "wo", dem "wann" und dem "wie".

Für mich persönlich hat James Hetfield die passende Antwort gegeben:

"Where I lay my head is home"

(METALLICA - "Wherever I may roam")
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wortverdreher
Kommentar von wortverdreher (24.12.2012)
Interessante Kolumne.

Das wirft doch eigentlich die Frage auf, ob es nicht zumindest Lebensphasen ohne ein festes Zuhause gibt. Das Standardbeispiel Studium liegt auf der Hand. Da ist man immer noch hin- und hergerissen zwischen der Herkunftsheimat und einem neuen Ort, von dem man ja auch nicht recht weiß, ob er ein Zuhause sein oder schon nach einigen Jahren wieder verlassen wird.
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Dieter_Rotmund
Kommentar von Dieter_Rotmund (27.12.2012)
Ergänzung:
"...dieser unserer achso moblien studierenden Jugendlichen, die sich als Weltbürger fühlen, aber nicht wissen, wann der Bäcker um die Ecke auf hat und glauben, dies liese sich via ihres schicken Smartphone im Internet googeln."
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