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Kein Thema

Sonntagskolumnen


Die Kolumne des Teams "keinThema.de"



Sonntag, 24. März 2013, 00:26


Büchertod

von Fremdkoerper


Jeden Tag werden unzählbare Mengen an Schriften und Ergebnissen geistiger Anstrengung vernichtet. Altpapier und Wärmequelle - niemanden kümmert es, es sei denn, es landen fünf Korane in einer afghanischen Müllverbrennungsanlage. Trotzdem und natürlich mit einigem Recht sitzt in Deutschland das Zitat aus Heines Almansor sehr locker und wie es unter den Bedingungen reiner Reflexhaftigkeit eben zu erwarten ist, ist es zu einer Nullaussage verkommen, die jedem Inhalt völlig ungeachtet als politisches Zweckmittel benutzt werden kann.

Daher ist schon mal das Vernichten von Schriften und anderen Geisteserzeugnissen, dass nicht auf den Autor von „Dr. Norden“ abzielt, sondern nur aufgrund persönlicher Änderungen im Geschmack und Platzproblemen im privaten Bereich erfolgt, etwas gänzlich anderes als deren öffentliche symbolische Zerstörung. In Zeiten digitaler Verbreitungswege können Büchervernichtungen nur noch symbolischen Zweck besitzen, da eine tatsächliche praktische Auslöschung veröffentlichter Gedanken nur unter massiver Einwirkung eines riesigen staatlichen Zensurapparats und kaum mit der Stürmung von Bibliotheken zu erreichen ist. Und selbst die symbolhafte Bücherverbrennung muss nicht zwingend NS-Analogien aufweisen. Ich habe als Matheproblemkind beispielsweise einmal ein Mathelehrbuch nach Ende der Verwendungszeit dem Lagerfeuer übergeben und mich unschuldig gut dabei gefühlt.

Schließlich ist da noch das Problem inhaltsleer gewordener NS-Vergleiche. Üblicherweise hat jede Gruppierung oder Strömung ihre Reflexwörter, zumindest zeitweilig konnte unter bestimmten Gruppen ein markiges „Nazi“ oder „Gutmensch“ es mit jeder gut geführten Argumentation aufnehmen. Was würde daher die symbolische Vernichtung eines Buches, das die Vernichtung von Menschen propagiert, bedeuten? Zum einen etwas völlig anderes als die Zerstörung von Büchern, die sich dem individuellen Glück aller Menschen oder, naheliegender, der Kritik an Zuständen, die diesem entgegenstehen, verschrieben haben. Zum anderen aber ohne Zweifel eine gefährliche Gratwanderung, denn die öffentliche Auslöschung eines Gedanken, der davon nicht weniger gedacht wird aber fortan immer auch den Versuch seiner Vernichtung mit sich trägt, verdeutlicht die Unfähigkeit, das Denken argumentativ zu beeinflussen und zeigt sich so mit der körperlichen Gewalt, die einem Menschen das Sprechen verwehren will, verwandt.

Das Ritual funktioniert nur, wenn es in seiner Durchführung nicht reflektiert wird. Es ist die unbewusste Handlung der Gemeinschaft. Jede symbolische, öffentliche Vernichtung von Büchern trägt jeder Intention ungeachtet auch immer den Hang zur Demobilisierung des Denkens mit sich, was in Form gemeinschaftsstiftender Handlungen besonders gefährlich ist. Der öffentliche Scheiterhaufen und der heimische Kamin sind kaum zu vergleichen und „Mein Kampf“, „Im Westen nichts neues“ und Konsalik-Hefte ebensowenig. Zugleich gibt es keine heiligen Bücher; für sie dürfen nie dieselben Maßstäbe wie für Menschen gelten. Unmittelbar an die Würde des Menschen schließt sich die Freiheit der Kunst an. Eine symbolische Vernichtung von Büchern als Teil einer Absicht, deren Zweck nicht eben diese Vernichtung ist, muss immer möglich sein und bleibt der Einzelfalluntersuchung überlassen. Sarrazin auf der Dartscheibe zu hause oder das symbolträchtige, als Kunstaktion der Berliner Biennale 2012 deklarierte „Recyclen“ von „Deutschland schafft sich ab“ - beides zeigt das problematische Wechselfeld zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Mensch, Gedanken und deren Transzendenz.


 
 

Kommentare zu diesem Teamkolumnenbeitrag


MagunSimurgh
Kommentar von MagunSimurgh (31.03.2013)
Was ich aus deinem Text mitnehme, ist, dass man das Sprichwort "Aus einer Mücke einen Elefanten machen." eigentlich oft ziemlich falsch deutet. Es bedeutet nämlich nicht unbedingt, überzureagieren, sondern oft viel mehr: so reagieren wie immer. Undifferenziert. Wenn man auf jede Bücherzerstörung gleich reagiert, ungeachtet deren Intention und Botschaft, dann macht man aus einer Mücke einen Elefanten.
Daraus wird deutlich, dass wir nicht im Mückenfall beispiellos stark reagieren, sondern oft einfach nur so, wie wir es gewöhnlich tun, reflexartig, schreibst du ja auch dazu, ohne Nachdenken.

Ich sehe deine Kolumne damit als eine Ermahnung zu mehr Differenziertheit bei der Beurteilung von egal was.
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