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Kein Thema

Sonntagskolumnen


Die Kolumne des Teams "keinThema.de"



Samstag, 17. September 2011, 23:45


Eine Schlucht

von wupperzeit


Als ich die ersten Mails einer lieben Freundin aus Österreich erhielt, endete sie immer mit: „Grüße ins Tal“, ich habe mir nichts dabei gedacht, einfältig, wie ich oft bin, bis sich aber herausstellte, dass sie Wuppertal für ein Tal hielt, und nicht für eine Großstadt, von der es, an der Einwohnerzahl gemessen, in Österreich nur drei oder vier gibt. Wuppertal eine Art Schlucht, so sind sie, die Österreicher, sie sagen: „Warten wir, wie es sich ausgeht“, und, wenn sie jemanden besonders sympathisch finden: „Er soll in Oarsch gehen“, oder: ein Mail, nicht eine, oder „schiach“ statt: eklig, und man trägt dort Badeschlapfen im Sommer, ein schlechter Torwart ist: ein Eiergoalie…Ich liebe diese Sprache sehr.

Darum geht es aber nicht, auch nicht darum, dass sofort mein Lokalpatriotismus auflammt, wenn jemand Wuppertal- Oberbarmen noch nicht begeistert bereist hat. Wuppertal ist eine durchschnittliche deutsche Großstadt, ca. 400. 000 Einwohner, sie sieht ein wenig zerstückelt aus, weil ein Genie auf die Idee kam, mehrere Städte planlos in einer Kommunalreform zusammenzufügen, auffällig und erwähnenswert ist die berühmte Schwebebahn, die hohe Sektendichte pro Einwohner, - die höchste in der Bundesrepublik, - und der viele Regen, er fällt, mal warm, mal kalt, 400 Tage im Jahr. Regen, Spinner, Schwebebahn, dafür sind wir berühmt.

Etwas Besonderes wird diese Stadt für einen selbst doch nur, wenn man dort lebt. Sie wird einem vertraut, man passt sich ihr an, man will nicht fort und sich nicht woanders vorstellen, wenn man einigermaßen zufrieden ist mit seinem Leben. Man ist ein Teil dieser Stadt, unbewusst beeinflusst man das Tagesgeschehen, wenn auch nur, indem der Busfahrer morgens auf einen warten muss, oder die Verkäuferin im Stammlebensmittelgeschäft schon wieder nach hinten in die Metzgerei laufen muss, weil Herr wupperzeit um 19.45 Uhr noch etwas vergessen hat, was er jetzt unbedingt braucht, oder der Wirt in der Stammkneipe ginge pleite, ohne die abendlichen Besäufnisse des Herren w., oder auch nur, weil ein Fußgänger in der Fußgängerzone ausweichen muss, der Ablauf ist gestört für einige Sekunden…

Von allen diesen Dingen und ihrer Wichtigkeit, wenn auch nur im Kleinen, wüsste meine österreichische Freundin aber gar nichts, wenn sie mich nicht zufällig kennen gelernt hätte, sie hätte 400. 000 Menschen einfach nicht registriert, hatte sie jedenfalls nicht, hätte sie vielleicht nie in ihrem Leben, die Stadt wäre für ihr Leben völlig unwichtig gewesen. Jetzt horcht sie natürlich auf, wenn, beispielsweise, ein Irrer hier einige Stadtteile in die Luft jagt, weil ihn seine Mutti nicht lieb gehabt hat, und sie denkt: „Hoffentlich ist dem lieben Andreas nichts passiert…“. (Äh…, ich hoffe, sie denkt das…). Die Stadt ist also wichtig für sie, weil sie sie personifiziert, Herr W. lebt dort, und ich denke genauso über die Schlucht, in der sie lebt.

Deshalb verreist man ja auch: Ein Urlaub vom eigenen Ich und seinen Grenzen, die der Alltag ihm zieht, auch die Ortschaft, oder heißt es: „Örtlichkeit“?, aber das klingt ein wenig nach: Sie wissen schon. Aber schön wäre es, wenn man ab und zu die eigene Wichtigkeit, die des eigenen Alltags, den man sich in einer, beispielsweise: Stadt zusammengelebt hat, durch, sagen wir: ein Mail relativieren ließe, ohne zu verreisen oder umzuziehen, und ohne zu sterben, natürlich.

Einen derartigen Urlaub von der eigenen Wichtigkeit wünsche ich Ihnen gelegentlich und für heute:

Einen schönen Tag.


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Respekt (19.02.12)
Rettet den Wettersmalltalk (12.02.12)
Gäste und Kunden (05.02.12)
Bier, Holz und Kind an Bord (29.01.12)
Weil es mich ärgert. (22.01.12)
Von Sprech- und Sprachstörungen (15.01.12)
II: Solche Scheißgedichte kann doch jeder Idiot schreiben. (08.01.12)
I: Ich schreibe, also bin ich. (?) (01.01.12)
Keine Zeit, muss Mathekalender machen (25.12.11)
Geschenke (18.12.11)
Altruismus (11.12.11)
I want to believe- Ein uneinlösbares Versprechen. (04.12.11)
Wir haben ein Ergebnis. (Am Ende der Mathematik) (27.11.11)
Geräusch (20.11.11)
1982 (13.11.11)
Was in der Zeitung steht (06.11.11)
Von der Unmöglichkeit, im Kreis zu gehen. (30.10.11)
Nachts ist es hässlicher als draußen (23.10.11)
Die Evolution der Süchtigkeit (16.10.11)
Forever young (09.10.11)
Zentralverriegelung (02.10.11)
Die Wendeltreppe (25.09.11)
Eine Schlucht (18.09.11)
Über Pornografie (11.09.11)
Ich mach so Berlin (04.09.11)
Sonderangebote (28.08.11)
Facebook und so (21.08.11)
Obwohl...Nun ja. (14.08.11)
Wofür ich dankbar bin (07.08.11)
Trau. (31.07.11)
Ravi Wuppertal (24.07.11)
Für jemanden (17.07.11)
Die emanzipierte Beziehung (03.07.11)
Ganz anders (19.06.11)
Wieder märchenhaft (12.06.11)
Eine und die Kolumne (05.06.11)
Man sollte (22.05.11)
Sie schlachten den Tod aber ganz schön aus (15.05.11)
Hommage an Mutti (08.05.11)
Folklore (01.05.11)
Das Gesetz und die Propheten (24.04.11)
Die Guillotine für den Tag (03.04.11)
Warum ich ab Stuttgart 21 ausgestiegen bin (27.03.11)
Damsel in Distress (06.03.11)
Will mehr (20.02.11)
Wahre Liebe III (13.02.11)
Berliner Uschi-Ich (30.01.11)
Wahre Liebe II (23.01.11)
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Vergewaltiger und Narzissen (05.09.10)
Währungen (29.08.10)
Ein Kampf (22.08.10)
Zweibeinige Pferde (15.08.10)
Napiersche Stäbchen (08.08.10)
Schachbrettphilosophen (01.08.10)
Über Monotropismus (25.07.10)
Vorurteile (11.07.10)
Sieg der Nettigkeit (04.07.10)
Wickelräume und Payback (27.06.10)
Heraldische Improvisation (20.06.10)
Ganz ehrlich - (13.06.10)
Du sollst nicht Gott spielen (06.06.10)
Mißstände, Mißverständnisse (30.05.10)
Von Serienjunkies und Revolverhelden (23.05.10)
Was macht schon ein schlechtes Gewissen? (16.05.10)
Danke (09.05.10)
Omerta (02.05.10)
Parvenüs (25.04.10)
Warum wir über Physik schreiben sollten (18.04.10)
Strabaphilomatik (11.04.10)
Jugend, ein Niemand (28.03.10)
Eine Operette (21.03.10)
Warum man einen weißen Hasen jagt, wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht. (14.03.10)
Ganz Frau (07.03.10)
Wahre Liebe (28.02.10)
kirschprinzip (21.02.10)
Wessen kann ich mir gewiss sein? (14.02.10)
Bauernopfer brennen nicht mehr, sie rauchen bloß noch (31.01.10)
Eine Warnung (24.01.10)
Ein Sozialromantiker (17.01.10)
Mein Wort des Unjahres (10.01.10)
Gescheiterte Existenzen (03.01.10)
Weihnachtsfrieden und Glühweinrausch (20.12.09)
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