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Kein Thema

Sonntagskolumnen


Die Kolumne des Teams "keinThema.de"



Mittwoch, 04. Januar 2012, 23:24


I: Ich schreibe, also bin ich. (?)

von MagunSimurgh


Hinweis: Liebe Leser, herzlich willkommen im Jahr 2012. Diese mehrteilige Kolumne ist eine Gemeinschaftsproduktion der Autoren  modedroge,  tausendschön,  wupperzeit,  Fremdkoerper,  MagunSimurgh und  bookishasearlgrey.

„Ramme einen Pfahl
in die dahinschießende Zeit.
Durch deine Hand rinnt der Sand
und bildet Formlosigkeiten,
die sogleich auf Nimmerwiedersehen
in sich selbst einsinken:
vertanes Leben.“
(Günter Kunert: Vorschlag)

Vielleicht ist Schreiben genau das: ein Vorschlag. Eine Idee, wie etwas sein könnte oder gewesen sein könnte. Ein Pfahl, der die Zeit anhielt, doch was wir lesen, ist nur die Spur eines Pfahls, der einmal da steckte.


MagunSimurgh:

In meinem Lebenslauf finde ich immer wieder zwei zentrale Bedürfnisse:
Zum einen suche ich eine Ordnung, ich glaube, das ist nichts Ungewöhnliches, der Wunsch, etwas klar zu fühlen, eine Richtung, eine Tendenz, ein was auch immer. Schreiben ist für mich Ordnen. Diese kryptischen, manchmal schwerfälligen Dinger ergeben in mir einen Sinn und nur deswegen schreibe ich, weil ich dieses innere Bedürfnis habe, ein System zu haben, und wenn es nur dieses Kartenhaus ist, aus nichts als Buchstaben, dessen innere Korrelate so flüchtig sind und sofort zerfallen, wenn ich es aufgeschrieben habe. Das treibt mich an.

Zum anderen frage ich mich oft, und das nicht nur im Bezug aufs Schreiben, ob es anderen Menschen genau so geht, ob es eine Art gemeinsame Schnittmenge in unserem Erleben gibt. Deswegen studiere ich, was ich studiere. Vielleicht wird gerade im Schreiben eine zentrale Verwundbarkeit mancher Menschen deutlich. Ich weiß es nicht, doch ich glaube schon, dass das Schreiben gewisse innere Vorgänge offenbart. Das hat ja mit dem Leib-Seele-Problem der Literatur, der Frage nach dem Verhältnis von Autor und Ich-Erzähler, erst mal nichts zu tun. Auch Gedanken sind innere Vorgänge – auch Konstruktionen, Abstraktionen.

Vielleicht führe ich mein Leben, indem ich diverse Rechenoperationen an meinen zentralen Fragen ausführe: Die Summe ist klar. Ich frage mich, wieso andere Menschen das hier alles tun, warum sie schreiben, warum sie das Nichts mit Inhalt füllen.



tausendschön:

Ich kenne zwei Arten von Offenbarung beim Schreiben. Zum einen die innere Offenbarung: die Gewahrwerdung innerer Vorgänge durch Assoziation; darunter fällt auch die Suche nach Ordnung. Zum anderen die äußere Offenbarung: sich der Welt zu offenbaren. Schreiben ist geduldig bei der Suche nach dem Selbst, auch tröstlich, und der Zaudernde hat Zeit und Raum, die Worte zu finden, die ihn der Welt am besten begreiflich machen können.

Schreiben jedoch ist mehr als Präzisieren. Vor allem innere Offenbarung kann mystische Züge tragen. Sie hat in meiner Wahrnehmung einen Geruch nach Weihrauch in einer dunkelfeuchten Kellerecke. Sie befriedigt mich, und ich habe mich darin so sehr geübt, daß ich das Schreiben dazu gar nicht mehr benötige. Auch zur äußeren Offenbarung ohne das geduldig wartende Papier, also zur spontanen Selbst-Kommunikation, entwickle ich zunehmend den Mut. Für mich ist das eine wichtige Entwicklung. Allein so kann das Schreiben zum Selbstzweck werden.

Schreiben als Selbstzweck ist Freude am Spiel. Diese Art zu schreiben hat auch etwas mit Ordnung zu tun, doch nicht primär mit der inneren. Vielmehr geht es mir dabei um das Festhalten von Ordnung im Chaos der Welt, um das Festhalten von poetischen Zuständen, die die Welt dann und wann einnimmt. Es geht dabei auch um die inneren Zustände, die zugleich instantan und exemplarisch sind, als Teil des Gefüges. Heute schreibe ich, weil es mir so große Freude macht, einen Zustand scheinbarer Ordnung zu fixieren.

“ Hinterlass mehr als die Spur
deiner Tatze, das Testament
ausgestorbner Bestien, davon die Welt
übergenug schon erblickt.“



Schreiben kann also wie der Sand sein, der einem durch die Finger rinnt. Zerfallene Formlosigkeiten und der Versuch, sie zu zähmen. Eine Rechenoperation, ihm eine Form zu geben, die vielleicht mit dem Namen Reintegration beschrieben werden könnte.

Teil zwei folgt nächste Woche: Wetten, dass ich schreibe?


Kein Thema
Sunny tanzt (06.07.14)
Schweigen und Schreiben (03.11.13)
Es kann nicht jeden Sonntag Ei geben. Schon gar nicht das Gelbe. (13.10.13)
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Klein Fritzchen (29.09.13)
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Das lebt (15.09.13)
Müde (08.09.13)
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Lerm (25.08.13)
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Gute Besserung (04.08.13)
Die "Göttliche Komödie" und Erbeershakes (28.07.13)
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Ein Verein (14.07.13)
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Prioritäten (26.05.13)
Kolumbus (19.05.13)
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Kreide auf X (05.05.13)
Dingmontage (28.04.13)
Habt ihr jetzt endlich genug erfahren? (21.04.13)
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Büchertod (31.03.13)
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Es ist kein Elefant im Raum, also fang doch an mit mir zu sprechen. (10.03.13)
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Warum wir alle super sind (17.02.13)
Nostalgie (10.02.13)
Langweilig (03.02.13)
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Michael Jackson und andere Wechselgetriebe (06.01.13)
Böller statt Brot (30.12.12)
Nach Hause fahren (23.12.12)
Kantig (bzw. eben nicht) (16.12.12)
Raus aus der Schule! (09.12.12)
Trip ins Paradies (02.12.12)
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Der Autor ist untot (18.11.12)
Blut und Öl (11.11.12)
Usw. (28.10.12)
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Wetten, und: Dass? (07.10.12)
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Ein Unfall (23.09.12)
Ich trag Pink, und das aus politischen Gründen. (16.09.12)
Eine Leuchte (09.09.12)
Gründe (02.09.12)
Life is pain (26.08.12)
Im Hier. Und Jetzt. (19.08.12)
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Wer bin ich? Und wenn ja, wie komplex? (22.07.12)
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"Apfelmus generieren" (08.07.12)
Kolumnen schreiben (01.07.12)
Postkartengrüße und Portraitmalereien aus Krakau (24.06.12)
Fahnenflecken (17.06.12)
300 Witze (10.06.12)
Mal was aus dem Leben (03.06.12)
Die Angst vor Fehlern oder: Auch die Götter in weiß würfeln wie wir (27.05.12)
Vorhang im Gesicht (20.05.12)
Der fundamentale Attributionsfehler und die Liebe (13.05.12)
A rush and a push and the words// that you write with are yours. (06.05.12)
Details (29.04.12)
Zusammenhänge (22.04.12)
Bindungen, Biegungen, Brechungen. (15.04.12)
Stolz, Ehrgeiz, Charakter (08.04.12)
Teamunfähigkeit (01.04.12)
Spitzomen (25.03.12)
das graue Sichten (18.03.12)
Warum die Hoffnung vielleicht zuerst stirbt (11.03.12)
Fern sehen (04.03.12)
Einigkeit und Recht und Freizeit. (26.02.12)
Respekt (19.02.12)
Rettet den Wettersmalltalk (12.02.12)
Gäste und Kunden (05.02.12)
Bier, Holz und Kind an Bord (29.01.12)
Weil es mich ärgert. (22.01.12)
Von Sprech- und Sprachstörungen (15.01.12)
II: Solche Scheißgedichte kann doch jeder Idiot schreiben. (08.01.12)
I: Ich schreibe, also bin ich. (?) (01.01.12)
Keine Zeit, muss Mathekalender machen (25.12.11)
Geschenke (18.12.11)
Altruismus (11.12.11)
I want to believe- Ein uneinlösbares Versprechen. (04.12.11)
Wir haben ein Ergebnis. (Am Ende der Mathematik) (27.11.11)
Geräusch (20.11.11)
1982 (13.11.11)
Was in der Zeitung steht (06.11.11)
Von der Unmöglichkeit, im Kreis zu gehen. (30.10.11)
Nachts ist es hässlicher als draußen (23.10.11)
Die Evolution der Süchtigkeit (16.10.11)
Forever young (09.10.11)
Zentralverriegelung (02.10.11)
Die Wendeltreppe (25.09.11)
Eine Schlucht (18.09.11)
Über Pornografie (11.09.11)
Ich mach so Berlin (04.09.11)
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Facebook und so (21.08.11)
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Trau. (31.07.11)
Ravi Wuppertal (24.07.11)
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Die emanzipierte Beziehung (03.07.11)
Ganz anders (19.06.11)
Wieder märchenhaft (12.06.11)
Eine und die Kolumne (05.06.11)
Man sollte (22.05.11)
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Das Gesetz und die Propheten (24.04.11)
Die Guillotine für den Tag (03.04.11)
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Damsel in Distress (06.03.11)
Will mehr (20.02.11)
Wahre Liebe III (13.02.11)
Berliner Uschi-Ich (30.01.11)
Wahre Liebe II (23.01.11)
Thrown out of Drama School (Phantom/Ghost) (16.01.11)
Was ich im letzten Jahr dank Berg- und Hegemann gelernt habe (09.01.11)
Hommage an etwas (02.01.11)
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Besetzt (28.11.10)
Mut zur Möblierten Melancholie! (21.11.10)
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Eine Soundso (10.10.10)
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