Wie ein Lauer Sommerregen (Abschnitt 2)

Erzählung zum Thema Seele

von  Mondsichel

Da war einfach diese Geborgenheit, nach der ich mich so lange sehnte, als wäre ich zu Hause angekommen. Es war das erste Mal das ich diesen lauen Sommerregen in mir spürte und ich wünschte das er nie vorbei gehen möge... Er half mir schließlich auf und brachte mich zurück ins Bett. Bei Kaffee und Kuchen machten wir es uns dann gemütlich und plauderten fröhlich miteinander wie zwei alte Freunde... Ricky war sein Name, er klang fröhlich und auch ein wenig humorvoll. Und so war es auch, er riss die schärfsten Witze. Und je ungezwungener ich lachte, desto unbeschwerter wurden wir. Als ich ihm meinen Namen nannte, da wiederholte er ihn in einer verträumten Art und Weise. „Annabelle, was für ein schöner Name“ murmelte er und erinnerte mich ein wenig an meinen Chef. Der hatte damals das selbe gesagt als ich mich ihm vorstellte. Ich wollte aber jetzt nicht in Depressionen versinken, nicht jetzt, nicht in diesem Augenblick... Irgendwie schien er aus mir unerklärlichen Gründen froh darüber zu sein das ich eine Fremde war, es schien als hätte er lange nicht mehr so ungezwungen reden können. Wir unterhielten uns über alle möglichen Dinge, man kann sagen, wir redeten über Gott und die Welt. Aber über seinen Job oder seine Schule lies er sich irgendwie nicht aus, er bat mich einfach nur nicht danach zu fragen, es wäre besser so. Auch wenn ich das nicht so wirklich verstand, ich akzeptierte es. Unter der Bedingung das er seinerseits ebenfalls nicht danach fragt. So waren wir auf unsere Weise quitt...

Je länger wir miteinander sprachen, desto entspannter wurde ich und die Umrisse der Welt wurden klarer vor meinen Augen. Dann sah ich ihn zum allerersten Mal wie er wirklich aussah und mir fielen wieder die leuchtenden Sterne in seinen Augen auf. Ich musste ihn ganz fasziniert angeschaut haben, denn er fragte: „Ist was?“ und legte dabei ein umwerfendes Lächeln auf. „Nein, ich habe nur jetzt endlich die Welt mit anderen Augen gesehen“ sagte ich. Er schaute ein wenig verduzt, aber im nächsten Moment war er schon wieder beim nächsten Thema... Plötzlich klingelte es vorne an der Haustür und Ricky entschuldigte sich für einen Moment. Erst war nichts zu hören, doch dann schien es da vorne eine große Begrüßungszeremonie zu geben. Es polterte und klapperte, ein Mischmasch aus vielen Stimmen drang an mein Ohr und ich verstand nur „Konzert“, „Das wird ne Party“ und „Morgen Abend um 20 Uhr“. Mehr konnte ich dem Gespräch leider nicht entnehmen, aber ich wollte auch nicht fragen als er wieder zurück kam... Ricky setzte sich wieder und eröffnete mir das er am nächsten Abend mit seinen Freunden verabredet ist. Sein Blick schien zu sagen das es ihm unendlich leid tut. Ich sagte nur: „Du musst doch nicht die ganze Zeit bei mir hier hocken, wir sind doch nicht verheiratet.“ Ich versuchte ernst zu wirken, aber Ricky umarmte mich nur und flüsterte mir ein „Danke“ ins Ohr. „Du musst Dich nicht bedanken, das ist Dein gutes Recht. Wäre ich nicht hier, dann wärst Du auch gegangen.“ Sein Blick wurde ernst und traurig, damals verstand ich es noch nicht. „Ich bin froh das Du hier bist...“ seine Worte klopften wie ein Donnerschlag auf mich ein, in meinem Herzen zog ein leichter Schmerz ein. Und eine Welle unbekannter Gefühle legte sich in sanften Schauern über mich. Erneut spürte ich den lauen Sommerregen, der meine Seele liebevoll liebkoste... Diese Nacht hatte viele Träume  für mich, was ich träumte weiß ich leider nicht mehr. Ich weiß nur das ich keine Alpträume hatte. Ricky hatte es sich in seiner Wohnstube auf dem Schlafsofa gemütlich gemacht, er hatte mir ja sein eigenes Bett überlassen.

Später erzählte er mir das er in dieser Nacht so ruhig wie noch nie zuvor geschlafen hatte. Er spürte und fühlte das Selbe wie ich, nun waren wir nicht mehr einsam und alleine... Als ich am nächsten Morgen erwachte saß er schon wieder auf dem Stuhl, auf dem er eingenickt war über das Warten auf mich. Ich schaute ihn an, er sah so süß aus wenn er schlief. Ricky war eigentlich ein Traummann, wenn man es mal so betrachtete. Dunkle Haare, Drei-Tage-Bart, muskulöser Körperbau, cirka 1,90 m groß und Augen die wie tausend Sterne strahlten. Das ist jetzt keine Metapher, es war wirklich so. Eigentlich hatte er sehr düstere Augen, aber es schienen kleine Lichtblitze in ihnen zu funkeln, wie die Sterne am Horizont. Als ich ihm das irgendwann mal sagte, da meinte er dann nur zu mir: „Und in Deinen Augen strahlt der Mond, damit wäre der Abendhimmel in uns beiden erfüllt. Das heißt wir dürfen uns jetzt nie mehr aus den Augen verlieren, sonst fehlt dem Horizont ein Stück. Mond und Sterne gehören zusammen. Wir gehören auch zusammen. Du bist und bleibst einfach meine beste Freundin, das soll sich nie ändern, hörst Du Annabelle?“ Dabei schaute er mich sehr ernst an und ich wusste das ihm das sehr viel bedeutete, mehr als alles andere auf dieser Welt...

Vorsichtig versuchte ich Ricky zu wecken, erst blinzelte er etwas verwirrt, aber dann lächelte er mich an. „Du bist endlich wach. Wie geht es Dir denn heute? Ich hab schon Kaffee gekocht und Frühstück gemacht.“ Ich lächelte zurück. „Mir geht es heute viel besser, so langsam wird es glaube ich.“ Der Sternenhimmel begann wieder zu leuchten. Er stand auf und goss Kaffee ein, setzte sich ans Bettende, so das wir uns in die Augen sehen konnten. Dann aßen wir Frühstück, alberten herum und stießen dabei noch die Kaffeekanne vom Bett, die polternd zu Boden fiel. Der Morgen endete in einem lautstarkem Gelächter... Ricky meinte dann zu mir das er einkaufen gehen müsste, aber wie er auf die Straße ging, das wunderte mich doch schon sehr. Er zog sich eine leichte Jacke an, setzte ein Käppi tief ins Gesicht und zu guter Letzt war da noch die Sonnenbrille. Ich fragte nicht was das soll, irgendwie hatte ich das Gefühl das die Frage ihm unangenehm wäre. Also ließ ich es bleiben und dachte mir nur meinen Teil... Während er weg war nahm ich mir ein Buch aus dem Bücherregal und begann zu lesen um mir die Zeit zu vertreiben. Irgendwann ging ich zum Fenster und schaute hinaus. Ich erkannte die Gegend, der Baum unter dem er mich gefunden hatte war nur wenige Schritte vom Haus entfernt. Ein kleiner Weg führte an ihm vorbei und nicht unweit davon stand ein weiteres Haus. In der Ferne sah ich ein paar Gebäude stehen, die aber eher wie Hochhäuser aussahen. Irgendwo da musste Ricky jetzt sein zum Einkaufen... Verträumt blickt ich hinaus, beobachtete Vögel und Schmetterlinge auf der Wiese. Es war eine schöne Gegend, viel schöner als meine kleine Stadt. Wo ich in einer billigen Bruchbude innerhalb einer Plattenbausiedlung wohnte. Ich mochte gar nicht mehr zurück, aber ich wusste, eine Dauerlösung wäre die Unterbringung bei Ricky nicht. Also musste ich schauen das ich irgendwo eine Wohnung bekommen würde, aber wie sollte ich das ohne Geld bewerkstelligen? Irgendwie versank ich nun doch wieder in Depressionen und Ricky war nicht da, verdammt... Plötzlich legte sich ein Hand von hinten auf meine Schulter und eine fremde Stimme fragte mich: „Sag mal wie kommst Du hier rein? Und wer bist Du überhaupt?“ Ich drehte mich um und blickte in zwei himmelblaue Augen, die mich fragend und etwas angenervt anschauten. Mir blieb erst mal die Stimme weg...

Und bevor ich antworten konnte schubbste mich diese Person aus dem Schlafzimmer, Richtung Haustür. Er hatte schulterlanges braunes Haar und einen stämmigen Körperbau, die blauen Augen funkelten wild und böse. Der Typ zischte mich nur noch an: „Vergiß was Du hier gesehen hast“ Wenn du irgendwem erzählst das Ricky hier wohnt, dann bekommst Du ganz großen Ärger mit mir!“ Damit knallte er mir die Tür vor der Nase zu und ich stand im Nachthemd und nackten Füßen draußen. Da stand ich dann noch eine ganze Weile und wusste nicht was ich machen sollte... Oben öffnete sich irgendwann das Fenster und der Typ brüllte nur noch: „Mach das Du endlich verschwindest!“ Dann grummelte er was von wegen „Immer diese Weiber“ und noch irgendwas, was ich nicht verstand. Na toll! Nun stand ich halbnackt auf der Straße, mitten in der Fremde. Ich verstand die Welt nicht mehr und irrte hilfesuchend in der Gegend herum. Irgendwann dann kam ich an eine Art Gasthaus, wo ich mich erst einmal auf eine Bank setzte und bitterlich weinte. „Verdammt, hätte ich das Auto doch stehen gelassen!!!“ fluchte ich unentwegt vor mir hin. „Wie siehst Du denn aus? Es ist nicht gerade vorteilhaft im Nachthemd unterwegs zu sein...“ Eine junge Frau die ungefähr in meinem Alter war sprach mich etwas spöttisch an. Ich blickte zu ihr hinauf und als sie meine Tränen sah, da kniete sie sich nieder. „Hey, sorry wenn ich Dich verletzt habe. Was ist denn passiert?“ Ihr Blick war jetzt viel freundlicher und netter. Ich schüttete mir mein Herz aus und ihr Blick verfinsterte sich ziemlich. „Sei froh das Du da raus bist. Der Ricky ist ja noch OK, aber sein Bruder Flo ist ein Arschloch! Das ist wieder mal typisch... Komm erst mal rein, wir müssen was ordentliches zum Anziehen für Dich finden. Ich bin übrigens Fabienne und wie heißt Du? Ich bin Annabelle. Annabelle? Was für ein schöner Name!“ Da war es wieder... ich hatte das Gefühl das mich diese Worte immer wieder einholen würden... Aber vielleicht sollte es auch so sein...

Wir gingen zusammen ins Haus und Fabiennes Mutter suchte mir erst mal ein paar ordentliche Klamotten raus. Nachdem ich Fabienne erzählt hatte in welcher Lage ich stecke machte sie mir einen Vorschlag: „Sag mal kannst Du vielleicht singen? Öh, singen? Ja! Wir bräuchten für unser Unterhaltungsprogramm eine Sängerin und wenn Du singen könntest, dann wäre das doch der perfekte Job für Dich! Du bekommst natürlich freie Kost und ein eigenes Zimmer. Und Du bekommst natürlich pro Auftritt auch ein ordentliches Entgeld!“ Das Angebot war verlockend, aber ich wusste nicht so recht ob ich dafür geeignet war, ich wünschte mir ich wäre es. Ich sagte für eine Probe erst mal zu, um mich selbst auszutesten und es klappte wunderbar. Damals fiel mir das noch nicht so auf, aber es schien so als würde sich jeder Wunsch und jeder Traum an diesem Ort bewahrheiten... Fabienne war ein klasse Mädchen, sie war zwar nicht besonders groß, aber wie sagt man so schön: „Klein aber Oho!“ Sie hatte einen pfiffigen und verzottelten Haarschnitt, braune Haare, muntere grüne Augen, volle Lippen und eine üppige Figur. Sie hatte zwar eine große Klappe, aber sie war doch so herzlich, das man sie einfach nur lieb haben musste. Am selben Nachmittag rief sie dann auch gleich noch bei Ricky daheim an und regte sich am Telefon so ziemlich auf. Offensichtlich hatte sie seinen Bruder Flo am Hörer... Neben einigen Schimpfwörtern flogen auch noch einige andere private Sachen durch den Äther. Fabienne war ziemlich aufgebracht, Flo und sie verhielten sich am Telefon wie ein altes Ehepaar.

Ich dachte nur so bei mir, was sich neckt das liebt sich und kicherte in mich hinein. „Du kannst Ricky sagen das Annabelle bei uns bleibt, wenn er sie sehen will soll er gefälligst her kommen! Bei Euch kann man sie ja nicht mehr vorbeischicken. Da läuft man ja gleich Gefahr halb nackt vor die Tür gesetzt zu werden! Und wenn Du ihm das nicht ausrichtest, dann komme ich persönlich vorbei um Dir die Leviten zu lesen, ist das klar? Damit wäre das Telefonat beendet!“ *RUMMS* Sie knallte den Hörer wutentbrannt auf die Gabel und schon lichtete sich der Ärger wieder... Am nächsten Tag kam Ricky dann tatsächlich vorbei, er umarmte mich erst einmal ganz fest und entschuldigte sich für das unverschämte Verhalten von seinem Bruder. Das war mir inzwischen so egal, ich war froh Ricky wieder zu sehen. Er blieb eine ganze Weile da und wir machten eine gemütliche Runde unter Freunden. Vor Kurzem noch hätte ich mir das nicht vorstellen können und nun war alles ganz anders. Ricky war sehr erstaunt als er hörte das ich jetzt als Sängerin in der Gastwirtschaft arbeiten würde und er wollte natürlich auch dabei sein wenn ich singe. An diesem Abend sang ich nur für Ricky, der da saß und mir die Daumen drückte. Es schien als würde er jeden Ton in sich aufsaugen und sein Lächeln gab mir so viel Kraft. Nur eines war an diesem Abend seltsam. Fabienne und Ricky hatten offensichtlich ein Geheimnis vor mir. Zumindest hab ich nur einen kurzen Unterhaltungsfetzen mitbekommen. „Und wie war gestern das Kon...“ Ricky hielt Fabienne in diesem Moment den Mund zu und blickte sie regelrecht verzweifelt an. „Bitte erzähle Ihr nichts davon, sie weiß es nicht und das ist auch gut so...“ Fabienne nickte nur und lächelte. „Dann hast Du ja richtig Schwein gehabt Alter!“ Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm einen Stups in die Rippen. Er lachte verlegen und kratzte sich am Kopf. Was das zu bedeuten hatte blieb mir noch lange schleierhaft, aber der Zufall wollte es das ich es doch schneller raus bekam als alle hofften...

Im Grunde war es sogar Fabiennes Unbedachtheit. Sie schickte mich hinauf in ihr Zimmer um etwas zu holen, da ich eh gerade nach oben wolle. Auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lagen haufenweise Zeitungen und ausgeschnittene Artikel. Sie war Fan einer Band die sich „Silvermoon“ nannte, überall an ihren Wänden klebten Logos und Poster der Band. Na ja und ausgerechnet unter den Zeitungen auf dem Tisch lag das was sie haben wollte. Wohl oder übel fielen mir bei der Gelegenheit auch einzelne Fotos der Bandmitglieder in die Hand. Ich starrte auf das Foto das ich nun in der Hand hielt, diese Augen, dieses Lächeln, das war RICKY! Er sah völlig anders aus auf diesem Bild, aber er war es, verdammt er war es! Ich musste mich erst einmal setzen, während ich nur auf das Foto starrte. Als Fabienne das Zimmer betrat und mich mit dem Foto da sitzen sah wurde sie aschfahl. Das erste Mal das ich sie so gesehen habe... Es dauerte einen Moment bis ich die richtigen Worte fand: „Er ist also in einer Band. Das ist der Job von dem er nie erzählt hat und nach dem ich auch nie fragen durfte... Warum solch eine Geheimniskrämerei?“ Fabienne schloss die Tür hinter sich, holte sich einen Stuhl an den Tisch, setzte sich und griff nach meiner Hand. „Weißt Du... „Silvermoon ist hier eine der beliebtesten Bands. Die Jungs und vor allem Ricky sind heiß begehrte Singles. Ricky wollte nicht das Du es erfährst, weil er Angst hat Dich als ehrliche Freundin zu verlieren. Du warst die Erste die ihn so akzeptiert hat ohne zu wissen wer er ist. Er hat sich immer nach ehrlichen Freunden gesehnt. Aber in seiner Position ist das fast unmöglich!"

(c)by Arcana Moon


Anmerkung von Mondsichel:

Abschnitt 2/3

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