11. Oktober : Machen Kühe auch Campingurlaub?

Tagebuch

von  Raggiodisole

Ein wunderschöner Sternenhimmel am Morgen, es wird ja erst so gegen 8 Uhr hell hier.
Gestern Abend hatten wir auch noch ein nettes Plauscherl mit zwei dieser Jugendlichen, die wir auf dem Weg schon ein paar Mal getroffen hatten. Sie sind aus der Schweiz und mit einem Religionslehrer von Ponferrada aus unterwegs - sozusagen als Abschluss ihrer Firmvorbereitung. Find ich einfach toll.
Wir frühstücken in einer Bar und machen uns dann auf den Weg. Über eine wackelige Fußgängerbrücke  über das Flüsschen Miño. Man kann sich schwer vorstellen, dass im Frühjahr zur Schneeschmelze der Stausee ganz voll ist.
Es geht der Straße entlang – und immer bergauf, zwar nicht steil, aber stetig ansteigend. Aber wir kommen gut voran und mit jedem Kilometerstein steigt das Glücksgefühl. Es sind nur mehr ca. 70 km bis nach Santiago.
Die Herberge in Airexe steht verlassen da. Die Hospitalera hat einen Zettel hinterlassen, man möge sich selber eintragen und den Stempel nehmen, sie sei Essen gegangen. Ok, dann halt mal auf eine andere Art und Weise.
Wir lassen unsere Rucksäcke erst mal in der Herberge und holen uns in der Bar gegenüber was zu essen.


Auf der Wiese neben dem Haus grasen ein paar Kühe friedlich vor sich hin. Mitten auf eben dieser Wiese stand ein Zelt und wir staunten nicht schlecht, als plötzlich eine der Kühe in das Zelt hineinging und sich dort niederließ. Als mich Gitti dann noch todernst fragte, ob diese Kühe hier wohl Campingurlaub machten, war es um meine Fassung geschehen. Ich konnte mich vor Lachen kaum halten und auch Gitti kämpfte bald mit den Lachtränen.

Zurück in der Herberge kann ich noch heiß duschen, aber als Gitti unter der Brause steht ist erst mal Sense. Ein kleines Rinnsal ergoss sich über sie, und dann war Schluss. Nix mit Wasser … also nicht nur nix mit heißem Wasser, … überhaupt mit Wasser. Zum Glück war Gitti noch nicht eingeseift. Und wir waren schon vorher in der Bar vis a vis und haben ein Pilgermenü gegessen, sonst wäre Gitti wahrscheinlich ausgeflippt. Weil hungrig und OHNE Dusche, nicht auszuhalten.
Wir haben uns gerade ein wenig hingelegt, als plötzlich ein älterer Mann herein kommt, sich auf eines der Betten wirft und augenblicklich in einen tiefen Schlaf fällt. Gitti sagt, er hat eine ziemliche Alkoholfahne und dürfte auch sonst schon lange keine Dusche gesehen haben. Wir haben ihn auch schon in der Bar gesehen, wo er einen Schnaps nach dem anderen gekippt hat. Wir. Wir nehmen an, es ist einer der Dorfbewohner, der hier einfach so seinen Rausch aus schläft.
Es dauert auch nicht lange und er scheint wieder fit zu sein, verlässt die Herberge und steuert geradewegs in die Bar.
Auch wir holen uns noch einen Kaffee und als der Mann wieder Richtung Herberge torkelt, sprintet Gitti ihm nach. Und sie und ich staunen nicht schlecht, als der gute Mann plötzlich einen Rucksack ausräumt, sich frische Socken herausnimmt und anschickt, diese auch anzuziehen.
Gittis Nase ist sehr empfindlich und sie schlägt dem Mann vor, er möge doch bevor er die frische Kleidung anzieht erst mal duschen.* Aber er „versteht“ weder sie noch mich, als ich das ganze ins Spanische übersetze. Grunzt nur vor sich hin und verschwindet wieder. Das scheint heute dann aber eine unruhige Nacht zu werden. Unruhig und kalt. Es gibt keine Decken in der Herberge. Also werd ich halt mit Fleecepulli und langer Hose in den Schlafsack kriechen.
Inzwischen sind auch noch andere Pilger eingetroffen und die Betten füllen sich. Und irgendwann taucht auch die Hospitalera auf und ich bekomme doch noch eine Decke.
Morgen wollen wir nach Melide und vorher unbedingt die Kirche in Furelos besuchen. P. Norbert hat mir ein Bild vom „Christus von Furelos“ geschickt. Ich hab es mir ausgedruckt und unter mein Tragegurtsystem am Rucksack gesteckt. Seit dem Regen vor Villalcazar del Sirgo ist es zwar unkenntlich, aber er wird mich auch so beschützen.


*irgendwann in der Zwischenzeit ist das Wasser wieder zurückgekommen …

Illustration zum Text
(von Raggiodisole)
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Kommentare zu diesem Text

MicMcMountain (59)
(04.01.08)
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 Raggiodisole meinte dazu am 04.01.08:
danke fürs mitwandern, Mic ...
und schade, dass du nicht da warst ... ich bin überzeugt, dass Doña Felipe auch für dich noch eine habitación en una calle muy tranquila aufgetrieben hätte ... außerdem stand in unserem Zimmer noch ein drittes Bett ... also alles kein Problem*ggg*

wünsch dir noch einen schönen Tag
Regina
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