Vor 100 Jahren: Tausende Hunde im Kriegseinsatz an vorderster Front

Referat zum Thema Krieg/Krieger

von  eiskimo

Es ist doch alles gesagt über diesen Wahnsinns-Krieg, den Ersten,  seine Schlachten, das Schlachten.. Die Mondlandschaften, die er hinterließ, die Millionen Toten. Eigentlich.
Wenn ich jetzt in Frankreich nicht einen äußerst sachkundigen Hundeliebhaber getroffen hätte, würde ich hier einen Punkt machen und sagen: Richtig, genug der schrecklichen Geschichte. Aber besagter Freund von der Société Centrale Canine (ein Verband, der die Interessen der Hunde-/besitzer vertritt), hat mir völlig neue Geschichten und Fakten über „la grande guerre“ vermittelt, die mich total fasziniert, aber auch sehr betroffen gemacht haben. Nämlich zum Einsatz der Hunde bei beiden verfeindeten  Armeen. Folge: Ich habe mich geradezu verbissen in diese vier „Hundejahre“ 1914-1918.
„Ihr Deutschen wart natürlich viel besser vorbereitet auf den militärischen Einsatz von Hunden, ihr  hattet das methodisch, auch durch entsprechende Züchtungen, angebahnt,“ erklärt mir der Hundekenner. So sei das Zahlenverhältnis zu Beginn des Krieges höchst ungleich gewesen: 6000 Hunde auf Seiten Deutschlands gegen nur 250 bei den Franzosen. Auch in der Verwendung dieser Hunde habe ein großes Ungleichgewicht bestanden. Die französische Armee setzte sie ausschließlich als „Sanitäter“ zum Auffinden von Verschütteten oder Verletzten ein – sie trugen tatsächlich eine Banderole mit dem Roten Kreuz – während die deutsche Seite sie bereits systematisch auch bei Patrouillen, zur Unterstützung der Wachsoldaten, als Melde-Hunde und sogar für den Transport von Nachschub nutzte. Bevorzugte Rassen seien gewesen Airedale Terrier, Doberman, Rottweiler – vor allem aber der deutsche Schäferhund.  Anekdote am Rande: Mit Beginn des Krieges durfte diese Rasse mit dem Namen des Feindes nicht mehr „berger allemand“ genannt werden, sondern hieß fortan „berger d´Alsace“, also elsässischer Schäferhund....
Nachdem deutsche Truppen bis weit in das gegnerische Territorium vorgedrungen waren, erkannte der französische Generalstab dort sein taktisches Defizit und verordnete eine Art Mobilmachung für … Hunde. Viele patriotische gesinnte Hundebesitzer boten daraufhin ihre Tiere an, aber auch die Tierheime (les fourrières) wurden angewiesen, geeignete Hunde zu liefern. Es wurden landesweit Hundeschulen der Armee eingerichtet (les chenils), spezielle Hunde-Ausbilder rekrutiert , dann auch ein zentrales Veterinäramt für die Armee-Hunde aufgebaut, und – man höre und staune – Bäckereien und Metzgereien für die Herstellung von Hundekuchen umfunktioniert.
Die Grundausbildung der Hunde sah vor, sie als erstes „stumm und geländetauglich“ zu machen, also ihren Bell-Reflex zu unterdrücken und sie für das Laufen und Springen in unzugänglichem Gelände zu trainieren. Dann wurden sie an den „Kriegslärm“ gewöhnt (Geschützdonner, Gewehrsalven, explodierende Granaten...) und schließlich einer Spezialisierung zugeführt. Die einen lernten, Lasten zu tragen oder auch zu ziehen. Konkret waren das Behältnisse für Nachrichten oder Munition, die zwischen den Front-Linien „apportiert“ werden mussten. Diese „Verbindungshunde“ (estafette) waren vom Feind kaum auszumachen, und sie fanden nach erfolgter Mission tatsächlich zu ihrem „Herrchen“ zurück – oft über Kilometer.
Es wurden auch Gespanne ausgebildet, die Munition oder  Maschinengewehr-Lafetten zu ziehen hatten. Wieder andere richtete man ab für die Witterung und Meldung feindlicher Bewegungen: Diese Hunde konnten auf Entfernung von bis zu 200 Metern menschliche Gerüche ausmachen und entsprechend Laut geben. Bei Spähtrupps oder zur Absicherung bei der Truppenverlegung  ganz wichtige Aufgaben.
Eine besonders markante Spezialisierung erfuhren die „chiens ratiers“ … die Rattenfänger-Hunde. Zur Erinnerung: Der Horror des Stellungskrieges wurde ja bekanntlich noch gesteigert durch die Anwesenheit unzähliger Ratten, die in den Schützengräben – insbesondere nachts – ihr Unwesen trieben. Sie fraßen nicht nur die kargen Rationen der Soldaten, sondern nagten auch deren Ausrüstung an, wenn nicht sogar die Schlafenden selber – sofern diese bei dem “Rattenzirkus“ überhaupt schlafen konnten... Über 800 dieser Rattenfänger-Hunde kamen auf französischer Seite zum Fronteinsatz. Meist waren es Terrier, die man für ihre besondere Jagd-Mission trainiert hatte. Erst wurden sie mit einer Ratte zusammen in einen Käfig gesperrt, um das „Geschäft“ zu lernen, dann mussten sie im offenen Gelände ´ran...
Aus einem Soldatenbrief, der im November 1916 in die Heimat geschickt wurde, kennt man Rubis, einen „ratier“, der allein 200 Ratten eliminiert haben soll. Er starb Ende 1916 bei einem Granat-Einschlag
Man könnte an diese Stelle philosophieren über die Nähe des Menschen zur Ratte – das spare ich mir. Auch die Frage nach der Tierquälerei steht längst im Raume, und inwieweit der Mensch die Treue seines Haustieres gebrauchen (missbrauchen?) darf, um eigenes Leben zu schonen.....
      Zurück zur rein militärischen Denke: Da muss noch ergänzt werden, dass in einer Armee beileibe nicht jeder Hund seinen „Sold“ bekommen durfte. Zugelaufene Hunde, die es in großer Zahl bei all den Zerstörungen rund um die Frontabschnitte gab, durften nicht bleiben, so gern die Soldaten diese treuen Begleiter auch bei sich behalten hätten – nicht registrierte Kostgänger wurden konsequent entfernt, sprich eingeschläfert. Nur Hunde mit ausgewiesener militärischer Funktion hatten an der Front eine Daseinsberechtigung.
Am Ende des Ersten Weltkrieges hatte  Frankreich über 15.000 Hunde in den „Kampf fürs Vaterland“  geschickt, die nach dem 11. November 1918 folgerichtig …. demobilisiert werden mussten. Über 6000 Hunde aber waren „an der Front gefallen“ oder wurden als „vermisst“ gemeldet. …
Privat zur Verfügung gestellte Hunde wurden dann ordentlich an ihre stolzen Besitzer zurück geführt. Einige Hunde behielten militärische Funktionen als Wachhunde. Ein paar andere bekamen tatsächlich für „heroischen Einsatz“ Medaillen, ja, sie durften bei den Sieger-Paraden mit defilieren.  Ein Großteil aber fand zurück zu einer friedlichen Mission. Sie begleiteten fortan, nach entsprechender Umschulung, die über 3000 Veteranen, die blind aus dem Krieg zurückgekehrt waren. Klingt nach einem versöhnlichen Ende, kann es aber angesichts der  unfassbaren Leiden und Zerstörungen dieses Krieges nicht sein.
Jedenfalls endet hier mein kleines Referat über Frankreich und seinen „Hundeeinsatz“ im Ersten Weltkrieg. Zu wissen, dass auf deutscher Seite mit derselben Entschlossenheit Tiere mit in den Krieg geholt wurden – Pferde sowieso, Mulis, Brieftauben... - macht das Thema für mich nicht leichter.  Vielleicht hattet Ihr, liebe Leser, auch noch nicht von dieser Seite aus, aus der Warte der Tiere,  über Krieg nachgedacht. Vielleicht habt Ihr dann auch, so wie ich, nun eine neue Facette von menschlicher Verirrung entdeckt. Ein Grund mehr, dieser Gattung „mores zu lehren“!
Dass es nach jenem Ersten dann auch den Zweiten Weltkrieg gab und die vielen Stellvertreter-Kriege bis heute, bei denen  der Mensch auch wieder bedenkenlos Tiere zum Einsatz brachte und opfert(e), lässt mich allerdings eher skeptisch sein....
Bibliographie: Louis Jupin, Les chiens militaires dans l´Armée Francaise, Paris 1887
                        Henri Bernard Bichelonne, Lucien Tolet: Le chien sanitaire, son rôle, son dressage
                        Paris, 1907
                        Paul Mégnin: Les chiens de France, soldats de la Grande Guerre, Paris 1919
                        Sophie Licari in Centrale Canine, Magazine , No. Spécial, Mars 2018
die  genannten Bücher sind einsehbar über die médiathèque@centrale-canine.fr, dort einsehbar sind auch beeindruckende Illustrationen (meist Postkarten) zum Thema – einfach /photothèque anfügen

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Kommentare zu diesem Text

Echo (34)
(27.03.18)
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Graeculus (69)
(27.03.18)
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 eiskimo meinte dazu am 27.03.18:
Danke für Dein Interesse, hier die Quellen
Bibliographie: Louis Jupin, Les chiens militaires dans l´Armée Francaise, Paris 1887
Henri Bernard Bichelonne, Lucien Tolet: Le chien sanitaire, son rôle, son dressage
Paris, 1907
Paul Mégnin: Les chiens de France, soldats de la Grande Guerre, Paris 1919
Sophie Licari in Centrale Canine, Magazine , No. Spécial, Mars 2018
die genannten Bücher sind einsehbar über die médiathèque@centrale-canine.fr, dort einsehbar sind auch beeindruckende Illustrationen (meist Postkarten) zum Thema – einfach /photothèque anfügen
Graeculus (69) antwortete darauf am 27.03.18:
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 eiskimo schrieb daraufhin am 27.03.18:
Dann ist dieser Beitrag ja ein gefundenes Fressen - ich kann Dir vielleicht die genannte Zeitschrift besorgen, falls es die noch im Handel gibt .....
Wie heißt Dein Buch genau? Jetzt bin ich ja auch angefixt...
cu
Marjanna (68) äußerte darauf am 27.03.18:
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Graeculus (69) ergänzte dazu am 27.03.18:
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Marjanna (68) meinte dazu am 28.03.18:
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 Dieter_Rotmund (27.03.18)
Das ist kein schlechtes Referat, aber die Betroffenheits-Attitüde macht sehr viel davon kaputt, finde ich. Die solltest Du rauslassen, wir Leser können uns sehr gut unsere eigene Meinung bilden, Danke!

 eiskimo meinte dazu am 27.03.18:
Ja, ich weiß... Das wirfst Du mir jedes Mal vor...Aber die eigenen Meinung des Lesers entsteht auch in der Reibung an jener des Autors - Widerspruch ist ja nicht verboten
lG
eiskimo
Echo (34) meinte dazu am 27.03.18:
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 Dieter_Rotmund meinte dazu am 27.03.18:
Betroffenheit ist nicht verboten.

Ach herrje, natürlich ist Betroffenheit nicht verboten. Es geht hier aber darum, den Text besser zu machen.
Man könnte z.B. die Betroffenheit drin lassen, wenn der Referent etwas mehr Persönliches einfließen läßt, z.B. woher er diesen französischen Freund kennt o.ä.
Graeculus (69) meinte dazu am 27.03.18:
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 TassoTuwas (27.03.18)
Interessant und aufschlussreich.
Ein Thema, das einmal näher zu beschreiben verdient hat.
LG TT
P:S. Literatur ohne Emotionen, geht gar nicht

 eiskimo meinte dazu am 27.03.18:
Danke für das Bekenntnis zur Betroffenheit - ich mag mich auch nicht hinter der Pseudo-Objektivität verstecken,zumal mich das Thema wirklich getroffen hat, nicht im Kopf, sondern im Herzen
Marjanna (68)
(27.03.18)
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 eiskimo meinte dazu am 28.03.18:
Ja, diese bedingungslose Treue... Und was macht der Mensch?
Heute ist die Tierhaltung ja eine ganz andere - wie weit weg ist Deine Russland-Episode!!
lG
eiskimo
Marjanna (68) meinte dazu am 28.03.18:
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 ManMan (28.03.18)
Ich teile die Ansicht von Dieter_Rotmund. Dieser gute Text wird ohne die Darstellung der eigenen Betroffenheit gewiss besser.

 eiskimo meinte dazu am 28.03.18:
Das wäre wie Fußball ohne Leidenschaft....Ein bisschen Feuer muss schon sein (sag ich für mich)
eiskimo
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