Selbstgespräche

Satire

von  Reliwette

Es war schon immer wichtig, eine eigene Meinung zu haben. Deshalb führe ich seit Jahrzehnten Selbstgespräche, nicht den ganzen Tag lang, sondern nur zu besonderen Anlässen. Ich muss dazu anmerken, dass ich keinen Diplom - Psychologen für meine Probleme in Anspruch nehme, weil ich über viele Jahre mit Therapeuten in einem Team in "Sachen Sozialtherapie" zusammengearbeitet habe, der Schwerpunkt lag aber eher in der Bedeutung "zusammen gearbeitet" habe. Ich gehe davon aus, dass Ihnen, liebe Leser, der Unterschied zwischen"zusammen gearbeitet" und "zusammengearbeitet" bekannt ist? Es ist nämlich möglich, dass - wenn man zusammen arbeitet (also z.B. in einem Raum) - durchaus gegen einander wirken kann. Das nur einmal zur Einläutung meiner Selbstexploration - nicht zu verwechseln mit "Selbstexplosion".
Ich las in einer Fachzeitschrift (für was eigentlich?), dass Selbstgespräche ein Zeichen für hohe Intelligenz seien. Mir fiel auf, dass mir keiner widerspricht, wenn ich mich - mit mir selbst redend - auf ein heikles Thema einlasse. Was mir ein Therapeut in einer solchen Situation anmerken würde, weiß ich ja aus der jahrelangen Zusammenarbeit.
Meistens habe ich mich geärgert, wenn ich ein Selbstgespräch beginne. Ich sage niemals zu mir:"Hast du das eben gehört (oder gesehen) ? Ein intelligenter Mensch fragt nicht, sondern gibt sich gleich selbst die Antwort und wertet aus: "Arschloch!" oder "nicht zu fassen!"
Ich hatte damals einen guten älteren Bekannten in der Nachbarschaft. Er hieß Gisbert, war frisch verheiratet und allmählich immer unglücklicher. Von meinem Balkon aus hörte ich seine Frau zetern, sehr laut, sehr schrill und sehr anhaltend.
Gisbert erzählte mir, dass er nach solchen Ereignissen in den Keller ging und Zettelchen schrieb, die er an die Wände seiner gemeinsamen Abstellkammer heftete. Unter anderem sei dort zu lesen - so berichtete er mir - " ich bring die Alte um!". Das blieb der Gemahlin nicht für immer verborgen. Eines Tages holte sie selbst die Kartoffeln aus dem Keller!
Diese Morddrohungen gab es jetzt schriftlich, was zunächst die Polizei, später die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief. Gisbert trug es mir zu, wobei ich ihm ansah, dass er Beratung suchte.
"Ich hätte Dich warnen können", entgegnete ich, denn Dein Vorgänger hatte ähnliche Probleme mit ihr. Der Vorgänger war ein Kollege von mir. Wir arbeiteten in der selben Dienststelle. Von daher wusste ich, dass er über zwei Vorderladerwaffen verfügte, zwei wunderschöne Duellpistollen, Kaliber 42, fünfschüssig, weil sie über eine Trommel verfügten, wie es eben bei Revolvern der Fall ist.
Das Dumme war, dass nur einschüssige Vorderladerwaffen erwerbscheinfrei sind, wobei die restlichen Kammern nicht dem Kaliber entsprechend aufgebohrt sind. Dumm war auch, dass die Frau davon wusste und dass mein Kollege keine "heimlichen Zettel" verfasste, sondern seine Drohungen verbal zum Ausdruck brachte. Das rief schon damals zunächst die Polizei, später die Staatsanwaltschaft und noch später das Gericht auf den Plan.
Wie schon angedeutet, erschien Gisbert nach der Scheidung auf der Bildfläche und übernahm.
Ich machte mit mir selbst die Erfahrung, dass Selbstgespräche Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte dem Haushalt fernhalten. Auch wurde mir klar, dass stets die anderen die Idioten sind, niemals der zueigene Harvey im Ohr, der Verhaltensmaßregeln zuflüstert. Auch habe ich stets vermieden, mit Dachrinnen oder Balkonen Zwiesprache zu halten, um nicht unliebsam aufzufallen. Denn die Erahrung lehrte mich, dass sich die Menschen gegenseitig misstrauisch beäugen, was ja zur Einführung der Geheimdienste in die Gesellschaften führte.
"Traue niemandem über 3 und schon gar nicht dem eigenen Vater!" So hat es der Sage nach ein lakonischer Krieger (Gegend in Griechenland) seinem Sohn eingetrichtert und ihm trotz seiner Versicherung: "Ich tu Dir nichts!", die flache Seite seines Schwertes über den Kopf gezogen, um mit der schmerzlichen Erfahrung für Nachdruck seines Rates zu sorgen.
Wenn also jemand für menschliches Verhalten (im humanistischen Sinne) plädiert, gibt er den Umstehenden unter Umständen keinen guten Rat, denn jeder versteht unter"Menschlichkeit" etwas anderes, zum Beispiel, wenn die Rettungsboote voll sind und einer mehr im Boot selbiges zum Sinken bringt!
"Wenn dir jemand die Vorfahrt nimmt, ist er zunächst einmal ein Arschloch", sagt Harvey in mein Ohr, denn Harvey geht davon aus, dass der Fahrer das entweder mit Absicht oder aus Rücksichtslosigkeit gemacht hat. Kennen Sie den Unterschied? Harvey kämme niemals auf die Idee, dass es sich um einen blinden Fahrer handeln könne.
Wenn man sich erst einmal an die Quintessenz seiner Selbstgespräche gewöhnt hat, hört man sich immer öfter wie durch einen Schleier sagen "Neee, neee, neee!" Daraus resultiert eine wichtige Erkenntnis: "Wundere dich nicht, sondern staune!"
Auch die Erkenntnis, wie Kuhscheiße auf ein Dach kommt, fällt wie Schuppen von den Haaren: es muss sich um eine Erderhöhung handeln aus einer Zeit vor Errichtung des Gebäudes" Nee, denken Sie jetzt nicht ernsthaft darüber nach! Harvey versucht zuweilen, seine Träger in die Irre zu führen.
Prost! Austrinken!
Denken Sie immer daran: niemals aufgeben, denn noch sind wir - oder aus einer anderen Perspektive: dennoch sind wir!
Ihr/Euer alter Kunstmeister

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Kommentare zu diesem Text

Al-Badri_Sigrun (61)
(10.01.20)
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 Reliwette meinte dazu am 11.01.20:
Jaaa, ich tendiere zum letzten Teil Deines Kommentars, liebe Sigrun. In meinem Alter ist Mensch ohnehin nur noch Zielgruppe für Correga Tabs, Inkontinentbuxen, Brillen,Hörgeräte, ggfls noch SUV der überteuerten Art - ach ja - Festbuchungen auf Malle, wenn die Ferienzeit vorbei ist. Die Geheimdienste dieser Welt lesen meine Beiträge auf KV, um zuverlässig über den Stand weltpolitischer Ereignisse informiert zu sein. Ansonsten tappen die im Dunkeln, informieren die amerikanische Administration falsch.
Also, Du bist zwar gläsern, sobald Du ins Internet gehst, aber man kann auch Spaß daran haben, wenn man z.B. auf facebool keine Altersangaben zur Person macht!
Danke für Deinen Kommentar! Reli

Antwort geändert am 11.01.2020 um 15:10 Uhr

Antwort geändert am 11.01.2020 um 15:11 Uhr

 GastIltis (10.01.20)
Hallo Reli,
dass dein Beitrag hochinteressant und äußerst bemerkenswert ist, steht außer Frage. Die Problematik der Selbstgespräche auch! Eine besondere Rolle spielt, speziell für mich, aber auch die Sache mit den Zetteln. So hatte vor zig Jahren meine Frau an bestimmten Tagen die Angewohnheit, sie kam dann immer, dienstlich bedingt, zwei bis drei Stunden später als ich nach Hause, war über Mittag aber kurz da, um mir Zettel mit meist vier Aufträgen zu schreiben und an den Kühlschrank zu heften. Dass soetwas lästig ist, versteht sich. Irgendwann habe ich dann, meine Frau hat eine äußerst schwer nachzumachende Schrift, die Zettel neu geschrieben, und die Aufträge auf das erträgliche Maß von zwei reduziert. Die dann erledigt und abgehakt. Meine Frau kam dann so gegen 19 Uhr, nahm den Zettel ab, nickte und sagte, OK, alles erledigt!
Irgendwann habe ich ihr das dann gebeichtet und die Zettelwirtschaft war ein für allemal aus der Welt. Ob nun daraus ein Rat für dich (Gisbert?) und deine Belange erwachsen könnte, vermag ich nicht zu sagen.
Sei herzlich gegrüßt vom schreib- und lesefreudigen Gil.

 Reliwette antwortete darauf am 10.01.20:
Interessant, lieber Gastiltis, obwohl, Du hast doch nicht innerlich gedacht, dass Du "die Alte umbringen" willst, wie Gisbert seinerzeit? Gisbert lebt nicht mehr. Das alles ist vierzig Jahre her. Er war damals 71. Es hätte in der Zeitung gestanden, wenn er 111 geworden wäre. Wir haben uns aus den Augen verloren! Er ilebte im Ruhrgebiet - ich in Ostfriesland (danach). Er hat mich einmal in Ostfriesland besucht und eine Ferienwohnung in unserem Haus gebucht. Leider hatte er seine Frau mitgebracht, die ihn auch in der schönen Umgebung nervte. Ja ja, wo die Liebe hinfällt, liegen auch oft die Nerven blank. Wie beschrieben, es ist eine Satire, die das Leben schrieb. Ich habe sie lediglich nacherzählt.
Ach so - Du hast ihre "hingeworfene" Schrift dermaßen gut kopiert, dass sie selbst darauf reingefallen ist? Aus vier Aufträgen wurden zwei! Genial! Waren noch andere Auffälligkeiten? Schreib sie auf - oder kann sie hier mitlesen?????Lieber Gruß! Reli!

Antwort geändert am 10.01.2020 um 19:06 Uhr

 GastIltis schrieb daraufhin am 10.01.20:
Danke der Nachfrage, aber weitere „gravierende Auffälligkeiten“ gibt es nicht. Solche Aufforderungen wie: „Hör auf zu atmen“, nehme ich nicht wörtlich, beziehe sie mehr auf das möglicherweise Geräuschvolle des Vorganges. Soweit wie Fritz Graßhoff gehe ich nicht (Auszug)

„Meine Frau
Tut mir Strychnin in den Reis -
Ich fand die Dose!
Sie weiß noch nicht, dass ich es weiß -
Die Ahnungslose!
Ich muss sie, so leid es mir tut
Mit dem Beil erschlagen, die gute Seele!
Ich bin in Gewissensot -
Wenn ich die Richtung verfehle
Schlägt sie mich tot!“

Herzlich grüßt dich Gil.

 Reliwette äußerte darauf am 11.01.20:
Jaaa, die Frage:"Weshalb atmest du so laut?" kenne ich von meiner Frau! Ich sage dann etwas wie: ": das OTRIVEN ist alle!", obschon ich das gefäßverengende Zeug seit 50 Jahren nicht mehr nehme. Es soll ja auch süchtig machen. Das funktioniert mit Alkohol allerdings viel besser! Der Text (wie oben) könnte auch von Ringelnatz sein, aber Graßhoff hatte auf jeden Fall den Schalk im Nacken- herrlich!
Grüße! Reli

 EkkehartMittelberg (10.01.20)
hallo Reli, wer Selbstgespräche führt ist autark. Am besten führt man sie in abhörsicheren Räumen. Gut trainierte Selbstgesprächler leben selbst dann noch unterhaltsam, wenn die Welt untergegangen ist.
Monologische Grüße
Ekki

 Reliwette ergänzte dazu am 11.01.20:
Hallo Ekki, ich höre Dich ! Jaa, abhörsicher. Mir ist es schon scheißegal, wer das alles mitkriegt. Die Welt der Menschen wird mir immer unsympathscher - bis auf zählbare Ausnahmen!
Grüße - Reli

 Bergmann (10.01.20)
Mein alter Kunstmeister, dir hör ich gern zu! Nee nee nee nee nee ... ja ja ja ja ja ja ... du bist eine tragende Säule der Freiheit auf kv.
Herzlichst grüßt dich dein Zauberlehrling aus Bonn!

 Reliwette meinte dazu am 11.01.20:
Ach ja, lieber Uli Bergmann. Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich. Unser alter Freund K.-H. Schreiber würde Dir zurufen: "Mein lieber congenialer Freund!" Ich schließe mich ihm an und füge hinzu: "Noch sind wir!"

 Graeculus (10.01.20)
"Traue niemandem über 3 und schon gar nicht dem eigenen Vater!" So hat es der Sage nach ein lakonischer Krieger (Gegend in Griechenland) seinem Sohn eingetrichtert und ihm trotz seiner Versicherung: "Ich tu Dir nichts!", die flache Seite seines Schwertes über den Kopf gezogen, um mit der schmerzlichen Erfahrung für Nachdruck seines Rates zu sorgen.
Woher hast Du das? Kannst Du mir bitte die Quelle angeben? Es interessiert mich.

 Reliwette meinte dazu am 11.01.20:
Ich kann die Quelle meiner "Lehrstücke" schon lange nicht mehr ausmachen: zu alt - zu unbequem. Es mag ein Spielfilm gewesen sein, der sich mit diesen martialischen Kriegern beschäftigt hat. Ein Kulturfilm war es mit Sicherheit nicht. Offensichtlich haben ganz viele Menschen diesen Film gesehen, denn man hat ein Sprichwort daraus gemacht: "Traue niemandem über 50!". Icke lach mir schief! Grüße!

 Graeculus meinte dazu am 11.01.20:
Ach so, ein Film. Aber wirklich "niemandem über 3", nicht "über 30"?
"Trau niemandem über 30", das kenne ich, wenn auch nicht von den Spartanern.

 Reliwette meinte dazu am 11.01.20:
Lieber Graeculus, es handelt sich bei der Satire eben um eine Satire. Sie lebt von Überzeichnungen. Es ist ja heutzutage so, dass selbst die Scheiße nicht mehr authentisch ist, weil sie von vielen Medikamenten verunreinigt wird.. Im Bier sind bereits drei Krankmacher enthalten: Glyphosat, Nitrit/Nitrat und Nitrosamine.
Ob es sich als Dreijähriger gesund leben lässt? Herzlichst! H.T.R.
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