Kaltes Licht

Roman zum Thema Familie

von  Mutter

Mit einem kleinen Lächeln stieg Savena die einhundertsiebenundfünfzigste Stufe zu dem Gemach ihrer Großmutter empor. Als Kind hatte sie jedes Mal alle Stufen gezählt, wenn sie auf dem Weg in das Turmzimmer war, das Taffy als Studierstube benutzte. Nachdem sie die ersten Male immer andere Ergebnisse erhielt, weil sie sich verzählt hatte, war daraus eine Gewohnheit geworden. Sie hatte nie überlegt, wie oft sie die Stufen schon gezählt hatte, aber es musste Hunderte oder Tausende Mal gewesen sein. Sie spürte die kriechende Kälte, die in dem alten Gemäuer auf der Lauer lag auf ihrem Gesicht und langsam nach ihr griff. Obwohl ihr vom Aufstieg noch warm war, zog sie unwillkürlich ihre Jacke fester um sich. 
Außer ihr kam kein Besucher jemals hier herauf, dafür war der Weg zu weit und zu beschwerlich, und niemand in der Familie wusste, warum Großmutter Taffy immer noch darauf bestand, hier oben zu bleiben. Das Haus der Di Tereols besaß die Größe eines kleinen Schlosses, und es gab genug ebenerdige Räume, in denen Taffy ihre Ruhe gehabt hätte. Aber Savena konnte den Wunsch ihrer Großmutter nach der luftigen Höhe nachvollziehen. Schon früher hatte sie die eleganten, schlanken Türme, die das Haus zierten, als die schönsten Plätze empfunden.
Endlich hatte sie die Tür am Ende der Wendeltreppe erreicht, und stieß sie auf, nachdem sie kurz geklopft hatte. Sie betrat den runden Raum - einen der höchsten Punkte über Avuto, und die offenen, großen Fenster erlaubten einen guten Ausblick über die endlose, brodelnde Stadt unter ihnen. Die letzten Strahlen der Sonne waren kurz davor, jenseits der Hügel im Meer zu versinken, und füllten das Zimmer mit einem falschen Versprechen von rötlicher Wärme.
Fröstelnd trat sie einen Schritt an den schweren Tisch, der den Raum beherrschte. Darauf aufgebahrt lag eine frische, noch gut erhaltende Leiche, mit der ihre Großmutter sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte, und die außerdem der Grund dafür war, warum sich die beiden fast eine Woche nicht gesehen hatten. Die Leiche, und Savenas Prüfungen.
Taffy blickte von ihrer Arbeit auf und sah Savena über ihre Brille hinweg an. Der alten Frau schien die Kälte in dem Raum nichts auszumachen. ‚Und?‘ fragte sie dann mit einem Lächeln.
Bis jetzt hatte Savena ihren Gesichtsausdruck bewusst neutral gehalten, aber jetzt brach ihre Freude aus ihr heraus. Sie lief schnell die paar Schritte um den Tisch herum und umarmte Taffy. ‚Bestanden. Ich habe bestanden‘, rief sie.
Taffy beglückwünschte sie und klopfte ihr dann auf den Rücken, um die enge Umarmung zu beenden. ‚Ich bin zu krumm, um lange in aufrechter Position gehalten zu werden. Ich könnte zerbrechen‘, sagte sie lächelnd, als sie ihren Kittel zurechtrückte und noch einmal Savenas Arm drückte. ‚Hast du es den anderen schon erzählt?‘ wollte die alte Frau wissen.
Savena nickte und suchte nach einer Möglichkeit, sich zu setzen, aber dazu musste sie erst einen Stuhl frei räumen, der unter einem Haufen alter Häute begraben war.
‚Wie geht es voran?‘ fragte sie mit einem Blick auf die Leiche.
Taffy sah nachdenklich auf den leblosen Körper und zögerte einen Moment, bevor sie antwortete: ‚Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich denke, ich weiß, was sie getötet hat, aber es gibt da noch einige Ungereimtheiten.‘
‚Hast du versucht, ihren Geist zu beschwören?‘
Taffy verzog das Gesicht. ‚Irgendetwas blockiert sie. Sie kommt nicht. Aber ...‘ und mit einer abwehrenden Handbewegung fuhr sie fort, ‚... was ist mit deinen Prüfungen?‘
Savena rollte ihre Ärmel hoch und zeigte Taffy die rosigen Streifen der frisch verheilten Narben an den Unterarmen. Mit weichem Finger folgte Taffy den Linien und fragte dann: ‚Hast du dir die Schnitte selbst gesetzt?‘
Savena nickte und bedeckte ihren Arm wieder. ‚Ich muss genauso in der Lage sein, saubere Schnitte zu setzen, wie, sie wieder zu heilen.‘
‚Ich nehme an, das sind nicht die einzigen Wunden gewesen.‘ Taffy hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und rückte sich ihre kleine Brille zurecht. ‚Was passiert, wenn jemand nicht gut genug ist? Wenn schlimme Narben zurückbleiben?‘
‚Dann fallen sie durch, und tragen ihr ganzes Leben eine Erinnerung daran.‘
‚Und wenn sie so schlecht sind, dass ihnen Schlimmeres passiert?‘
Savena lachte. ‚Dann hätten sie nicht zur Prüfung zugelassen werden sollen. Und es gibt die Meister, die eingreifen können. Es ist schon Jahre her, dass ein Student bei den Prüfungen zu Tode gekommen ist.‘
‚Es ist also schon passiert.‘ Taffy schüttelte kurz den Kopf. ‚Ich habe in meiner Ausbildung vieles ertragen müssen, aber ob ich in der Lage wäre, mich selbst zu verstümmeln, weiß ich nicht.‘
Savena musste bei dem missbilligenden Blick ihrer Großmutter erneut lachen und sagte: ‚Es gibt kein besseres Mittel, dich zur Sorgfalt zu erziehen, als wenn dein eigener Körper das Studienobjekt ist.‘
Taffy nickte und sah ihre Enkelin an, und Savena konnte die Wärme und den Stolz spüren, die in dem Blick lagen.

Sie war damit die letzte in einer langen Reihe von Di Tereols, die alle verschiedene Bereiche der Magie an den Akademien der Stadt studiert hatten, und obwohl die Nekromantie ihrer Großmutter nicht weiter von ihrem eigenen Magiebereich hätte entfernt sein können, verband die beiden die Studie des Körpers, des toten und des lebenden. Beide hatten sich für ihre Magie ein umfassendes Wissen der Anatomie aneignen müssen. Es gab in der Familie niemand, mit dem sich Savena so gut verstand wie mit Taffy. 
Viel zu gut, nach Ansicht von Taffys Sohn und Savenas Vater, der seine väterliche Autorität immer wieder von dieser Freundschaft untergraben sah.
‚Es ist schon lange her, dass sich eine Di Toreol auf die Physis spezialisiert hat. Ich glaube, die letzte war Großtante Ared. Ich habe sie kaum gekannt, aber sie muss sehr gut gewesen sein. Vielleicht findest du in der Bibliothek im Westflügel noch einige ihrer alten Aufzeichnungen.‘
Savena nickte und verschwieg Taffy, dass es erst Großtante Areds Aufzeichnungen gewesen waren, die sie zur Physis gebracht hatten. Schon mit sieben Jahren hatte sie die alte Bibliothek, mit der ihre Eltern wenig hatten anfangen können, für sich entdeckt. Sie hatte sich nachts dort eingeschlossen, und die trockenen Seiten bei Kerzenlicht gelesen, und wenig später den erstaunten Eltern ihren Wunsch eröffnet, Physis zu studieren. Sie hatte nicht Areds Liebe und Fürsorge für den Körper geteilt, wohl aber ihre Faszination damit.
‚Was für ein Mensch ist Onkel Nathanael?‘
Taffy schien von dem plötzlichen Themenwechsel kaum überrascht. ‚Er wird dich in mancherlei Hinsicht erstaunen. In vielem ist er ganz anders als dein Vater. Er ist beweglicher, und unbedachter. Zu mehr Risiken bereit. Ich denke, es ist kein Zufall, dass gerade er in die Ostlande gegangen ist, um sein Glück dort zu versuchen.‘
‚Was ist mit seiner Magie passiert?‘ Seit ihrem Entschluss, den Onkel in Purassur zu besuchen, hatte sie angefangen, Märkisch zu lernen, und mit ihm in der neuen Sprache zu korrespondieren, aber sie waren sich beide noch sehr fremd.
Taffy schüttelte den Kopf. ‚Sie war nie sehr stark, aber er hatte auch kein großes Interesse daran. Es faszinierte ihn, was man mit Magie alles machen kann, aber er war nicht bereit, hart dafür zu arbeiten. Er sah sie mehr als einen interessanten Zeitvertreib an. Ich denke, es ist gut, dass er sich dagegen entschieden hat.‘
‚Obwohl er damit gegen die Tradition verstieß?‘
‚Es waren nicht immer alle Di Toreols Magier. Es gab auch früher schon andere Berufe in unserer Familie. Manchmal habe ich das Gefühl, das einzige, was in dieser Familie nicht toleriert wird, ist Misserfolg. Und Nathanael ist erfolgreich genug gewesen. Sein Handelshaus ist eines der wichtigsten in Purassur. Er wird sich freuen, dich zu sehen.‘
Savena überlegte, welches Bedürfnis Taffy wohl verspürte, ihrem Sohn wieder zu begegnen. Es musste schon über zehn Jahre her sein, dass Nathanael in Avuto gewesen war.
Sie bemerkte erst, wie viel Zeit vergangen war, als Taffy aufstand, um einige Kerzen zu entzünden. Das Zimmer war schon fast komplett ins Dunkel getaucht.
‚Ich gehe besser wieder runter, es muss bald Zeit zum Essen sein. Kommst du nach?‘
Taffy nickte und kehrte zurück an ihren Tisch. ‚Geh nur, ich habe nur noch kurz mit meinem Gast zu tun, dann komme ich zu euch.‘

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Kommentare zu diesem Text

Elvarryn (36)
(29.04.09)
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 Mutter meinte dazu am 29.04.09:
"Hey, endlich trauste Dich an nen Roman ;)"
Du bist ja süß ... :D
Der ist zu 95% fertig, 500+ Manusskript-Seiten, schon etwas 'betagter'. Den Anfang des zweiten Romans dazu habe ich mal relativ zu Beginn angefangen auf KV zu stellen, dann aber mangels Feedbacks wieder aufgehört.

Inzwischen stehe ich da drüber ... :D

Sie ist die Haupt-Protagonistin. Also keine Angst, bleibt im Präteritum und es kommt auch keine Ich-Perspektive ... ;)
Elvarryn (36) antwortete darauf am 29.04.09:
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 Mutter schrieb daraufhin am 29.04.09:
Okay ... bleibt aber in der Vergangenheit. Großes Indianer-Ehrenwort.
*fingerhinternrückenkreuztundboshaftlächelt*

:)

Nein, alles wird gut ...

Wirklich.
Elvarryn (36) äußerte darauf am 29.04.09:
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 Mutter ergänzte dazu am 29.04.09:
Weiß ich auch zu schätzen ...

Ich meinte auch nur, dass meine Erwartung sich inzwischen geändert hat. Es gibt ein paar Leute, von denen ich weiß, dass sie längere Prosa lesen, das genügt mir, um es hier hochzustellen, und wenn dann andere noch zusätzlich drauf landen, iss das ein Bonus ... :)

KV gehört halt (noch) der Lyrik ...

 Martina (29.04.09)
Gerne gelesen...ich mag die Art, wie du schreibst und BEschreibst. Lg Tina

 Mutter meinte dazu am 29.04.09:
Oh, danke schön ...

Gruß zurück. :)
blaubeermund (26)
(23.05.09)
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 Mutter meinte dazu am 23.05.09:
Oh, danke schön ... :)

Aber bei uns scheint die Sonne ... ;)
AnnaKarenina (31)
(28.05.09)
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 Mutter meinte dazu am 28.05.09:
Gehste ja bei dem anderen auch drauf ein - ich kenne den Vorwurf. Die meisten Leser lieben meine Nebenfiguren, haben aber oft Schwierigkeiten, mit den Hauptcharaktern warm zu werden (jedenfalls in dieser Erzählperspektive). Wird bestimmt später besser, iss aber natürlich blöd, so früh Potential zu verspielen ...

Ich schaue mir den 'toten Fisch' noch mal genauer an, und schau, ob ich da noch was aus der rauskitzeln kann ... ;)

Und: Gib' mir alles, was Du hast - das ist gutes Zeug, und extrem konstruktiv.

Danke ... :)
AnnaKarenina (31) meinte dazu am 28.05.09:
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Desdemona (39)
(25.10.09)
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 Mutter meinte dazu am 25.10.09:
Na, dann warte ich doch mal ab und schaue, ob's Dich noch umhaut ... ;)

M.
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