Eintracht Prügel gegen Hangover 96: Im Eifer des Gezechs

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von  Janoschkus

+++ Ein Spielbericht zum sozialen Abstiegsduell aus der Veltins Plattenbau-Arena. +++

Die Hangoveraner spielten mit dem roten Bordeaux von links nach rechts, während die Eintracht mit Dosenbier und schwarzen Springerstiefeln von rechts nach rechts agierte. Die angespannte Lebenslage bei den ausgemachten Abstiegskandidaten ließ bereits im Vorfeld vermuten, dass an diesem herrlichen Sommerabend aus einem einfachen Trink-Spiel purer Ernst werden könnte. Die Zuschauer auf den Balkonen der gegenüberliegenden Betonhöhlen erwarteten ein spannendes Matschauge.

Die ordentlich angetüdelten Kontrahenten liefen mit ihren „Stramm-wie-ein-Stamm“-Formationen auf, schickten ihre beschränktesten Argumente in die Verteidigung und ihre treffsichersten Körperteile in den Angriff. Während Eintracht Prügel im Bereich des Kopfnüsse verteilenden Kahlschlagschädels mit gelb und rot vorbelastet war, ging Hangover 96 untenrum komplett vorbestraft in die Partie.

Der erste Tor des Abends war ein 96er, schielte von Beginn an munter auf und schlug einen linken Haken an der Kauleiste seines beeinträchtigten Gegenübers, das sich davon allerdings unbeeindruckt zeigte und lediglich ein Achsel-Schulz-Zucken erkennen ließ. Der Eintracht Prügelknabe hatte bereits vor Spielbeginn mit einer auf dem Oberschenkel ausgedrückten Zigarette für Aufsehen gesorgt und ging auch in der Folge regelwidrig zu Werke, als er einen unberechtigten Stafstoß mit voller Wucht in die Magengrube der 96er verwandelte und somit zum zwischenzeitlichen 1:1 ausglich.

Und spätestens jetzt machte sich auch der Kater der Hangoveraner nach der englischen Woche bemerkbar: Noch am Mittwoch hatte man sich bei einem Kneipengerangel in einem Irish Pub in der Innenstadt in einen feucht-grimmigen Rausch gespielt und, trotz knapper Niederlage auf fremdem Boden, gut geschlagen. Heute jedoch zollte Hangover dem Gelage Tribut, da es über weite Strecken ein schnelles Umschaltspiel im Kopf vermissen ließ und nach einigen missglückten Konterbierversuchen mehr und mehr im Abseits stand.

Die Eintracht hingegen nutzte diesen Durchhangover und nahm sich eine fünfminütige Eiszeit, in der sie sich Crushed  Eis ins Vodka Red Bull Glas schüttete, wobei ein ordentlicher Schluck der Eintracht Prügel verlieh, sodass sie, völlig frei vor dem gegnerischen Tor stehend, einen sehenswerten Kinnlattentreffer landen konnte.

Folgerichtig kamen die angeschlagenen Elf Zähne der 96er immer mehr ins Straucheln, büßten mit zunehmender Spieldauer den nötigen Biss und auch den letzten Hauch Phonetik ein, zumal die Hangoveraner bereits ihr Wechselkontingent auf der Bank vor dem Rewe in jahrelangen Sessions weggesoffen hatten.

Und doch konnten sie sich mit dem nötigen Glühwein-Kännchen Glück noch einmal fangen: Nachdem es nach einer rüden Würgeattacke der Eintracht lange Zeit danach ausgesehen hatte, als sei die Luft bei den 96ern so langsam raus, fanden sie wie durch ein Bommerlunder-Wunder zurück in die Partie – und das, obwohl die Eintracht ihren Schwitz-Kasten bis dahin weitgehend sauber gehalten hatte: Nach einer überraschenden Körpertäuschung jedoch spielte 96 wie von der Umklammerung befreit auf, drang in den Strafraum seines Gegenübers ein und ließ nun auch dort das Aluminium scheppern, indem es dem Vollpfosten mit Schmackes in die Kinderplanung traf.

Eintracht Prügel aber blieb am Ball, kramte jetzt tief in der Trickkiste, holte die Brechstange raus und beförderte, mittlerweile völlig hacke, mit der Spitze eins, zwei, drei wohlplatzierte Hiebe direkt in den Winkel - der Kniekehlen seines Kontrahenten, der daraufhin wie ein kühles Weizen umgesenst zu Boden ging. Das Publikum aus Plattenbau-Balkonien gegenüber schnalzte mit der Zunge, schüttelte den Vokuhila, blies in die Vuvuzela und konnte sich das subtile Gegröle auch in den Spielunterbrechungen nicht verkneifen.

Für Hangover derweil schien die Partie gelaufen, wobei seine allerletzte Hoffnung darin nun bestand, dass Prügel überheblich werden und sich selbst einen Wein stellen würde. Und tatsächlich: Der Sack war jetzt derart zu, dass er den Deckel auf die Flasche nicht mehr drauf machen konnte, sein Gegenüber nach weiteren vier Gläsern nur noch doppelt sah und sich für den Falschen der Beiden entschied, als er zu einem bilderbuchmäßigen Seitfallzieher anhob. So jedoch landete er jenen lediglich auf dem verlotterten Wohnzimmertisch, der unter seinem Hünen-Gewicht barst und splitterte, während der echte 96er teilnahmslos daneben kauerte und beinahe ins Glas biss.

Und so endete die Partie mit einem knappen, letztlich aber der Trinkfestigkeit angemessenen Unentschieden – schließlich war auf beiden Seiten ordentlich Pfeffi drin. 96 und Eintracht gehen in Zwietracht auseinander und teilen sich die Punkte, Kratzer und Fleischwunden in ihren aufgequollenen Suffgesichtern, die wie zwei rote Laternen in die kühle Abendluft des Brennpunktviertels ragten. TATÜ TATA-bellenplatz Krankenhaus.

Und wie fasst es noch gleich eine alte Fußballweisheit so überaus treffend zusammen: „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist auf’n Latz!“

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Kommentare zu diesem Text


 Didi.Costaire (30.01.15)
Hier trifft fachlich kompetent geschildert die geballte Wortgewalt auf einen flüssigen Schreibstil. Spätestens bei der Formulierung
wobei ein ordentlicher Schluck der Eintracht Prügel verlieh
wird deutlich, dass es dabei nicht um Rasenballsport geht.
Schöne Grüße von Nieder- nach Sachsen, Dirk
(Kommentar korrigiert am 30.01.2015)

 Janoschkus meinte dazu am 06.02.15:
nee, eher eine verrasenballsporthornung des brausekonzerns und dessen werbephilosophie. :)
ich freue mich, das ist ein wirklich großes lob von dir!
gruß jan
Graeculus (69)
(30.01.15)
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 Janoschkus antwortete darauf am 06.02.15:
vielen dank! :)

 plotzn (31.01.15)
Gekonnte Reportage aus der Hooliganszene, Janosch (muss nicht Hooligan sein, aber der Mix aus Alkohol, Gewalt und Fußball legt das nahe). Mit viel Wortwitz geschrieben und sehr kurzweilig zu lesen.

Liebe Grüße, Stefan

 Janoschkus schrieb daraufhin am 06.02.15:
ich hatte nicht explizit an hooligans gedacht - die idee kam mir, als ich von einer bekannten hörte, dass ein türkischer vater, der mit seiner familie in einem plattenbauviertel wohnt, seine kinder unter alkoholeinfluss schlägt. das ist absolut nicht witzig, aber da sieht man mal, welch ernsten ursprung witzige texte haben können. oft dient ja der witz/ der unterhaltungsfaktor auch dafür, um etwas aufzuzeigen und allgemein zugänglich zu machen.
ich freue mich sehr über dein lob. :)
gruß jan
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