richtung heimat

Skizze zum Thema Heimat

von  Zeder

die uhr tickt auf nasser straße. ein bautrupp reißt ein graues haus ein. die steine rieseln die nassen wände hinab, der staub verfestigt sich mit regenwasser, die sekunden zerreiben unter meinen füßen. immer veränderung.

lass mich einen gedanken fassen und
ihn einrahmen,
auch wenn ich keinen platz für ihn habe
und
auch wenn ich niemanden kenne, der platz hat
für mich.

der bahnhof stirbt aus. dort verlaufen sich menschen, dort hinten weit von mir,
verlaufen sich im regen, verirren sich ineinander. man schiebt sich hin und her,
man klagt über das wetter, man klagt die welt an und kann niemals gewinnen.
nun gehen die lichter aus, über mir, hinter mir, vor mir.

ich entzünde ein streichholz und es zischt kurz. ich verbrenne mir die finger am sommerregen,

die menschen ziehen vorbei richtung heimat, immer richtung heimat, alles was sie tun ist hin und her zu laufen um schlussendlich wieder nach hause zu kommen. und ich glaube, das ist gut. ich glaube, das ist schön für sie.

lass mich diesen moment einrahmen
und zumindest irgendwo für später aufheben
vielleicht
in einem schließfach im bahnhof
oder auf der nächsten polizeistation
vielleicht auch
in der großstadtpsychatrie
oder
in einem fremden herzen.

wenn man sich ganz zusammennimmt und den punkt im bauch findet, der einen trägt und wiegt, dann zieht sich die welt für einen kurzen augenblick in sich zusammen, dreht sich, ordnet sich neu. so kann man sein schicksal verändern, so kann man jemanden rufen, auch, wenn man ihn noch garnicht kennt. ich rufe und rufe und rufe und rufe und rufe...

und es ist schön, dass nachts der himmel klar ist, und dass ich, wenn ich morgens aufwache, denken kann, dass ich nur von tränen träumte. dass ich nicht geweint habe, niemals, niemehr.



_

unsere jugend verlebten wir an einer autobahnbrücke. gedankencamping. wir beide dort am geländer auf der suche nach todeslust, weil jeder unserer schritte passiv war. so passiv, dass der sprung nie zu stande kam. vielleicht haben wir uns im grunde auch zu sehr geliebt, zu oft.
denn wenn man jemanden mit wildem haar neben sich liegen hat, dann bleibt die zeit ab und an einfach stehen. dann dreht man sich im bett und sucht die perfekte position, die verrenkung von zwei körpern mit maximaler berührungsfläche. die herzen so nah beieinander, dass die liebe kaum einen weg zurücklegen muss, damit nichts davon abreiben kann an gedanken, an zweifel und an zeit(verlust).
und in der s-bahn betrachtete man die spiegelung zweier köpfe und die entfremdung von mensch und mensch geht in der masse unter, verirrt sich in ihr, denn man hat eine hand die man hält und man blickt in die selben traurigen augen und im hintergrund läuft geigenmusik mit klavier und die welt zirkuliert runde um runde und findet keinen anfang und findet kein ende und hat kein ziel.

du malst bilder von bäumen. immer bäume und mond. großer mond, kleiner mond, großer baum, kleiner baum. winter. die blätter sind zu anstrengend, kosten zu viel zeit, sagst du. ein paar striche, gelbweißgrau, dann das nächste blatt. die bilder wirfst du wahllos aus dem fenster, schreibst sätze darunter. der baum ist verstand, der mond ist mutter, sagst du. aber deine mutter liegt tot in der erde und die blumen vertrocknen auf ihr. du reibst an deinen leberflecken, reibst an deiner lippe, zupfst und summst mit wahnsinnigen augen. vielleicht muss ein künstler so sein.
die weinflasche ist leer. ich sitze auf dem bettrand und spiele lautlos geige. der bogen geitet durch luft, der koffer ist leer. du blickst nicht auf. kein einziges mal an diesem abend. draußen zertritt der regen deine bilder, weicht sie auf, spült sie weg. am morgen, wenn ich gehe, sammle ich ein paar davon und trockne sie. ich habe eine schachtel, die deinen namen trägt.

ich rufe an, du nimmst nicht ab.
ich rufe im innern, ich rufe leidvoll und schmerzhaft, du nimmst nicht ab.


_

irgendwo anders ist die welt blau,
ist strand, ist meer,
sind muscheln, sind kinder,
die ehrlich spielen, die
barfuß laufen
und träume haben
auch ohne ziel und
ohne anfang -

ich suche mir einen stern als mutter, einen stern als vater, oder soll das die sonne sein?
ich suche mir einen stern, der ich bin. einen kleinen, ohne planeten, nur weltraumstaub und vakuum, irgendwo. in einer fernen galaxie wird meine heimat sein, ich muss nur so lange leben, dass ich dort hinfliegen kann. und ich werde dort kein grab mehr brauchen.


ich trage meinen kopf in der welt umher, meine größte last. ich trage und schiebe und schmeiße und röchle. ich stehle die farben von deinen bildern. ich.
ich versinke im asphalt.

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Kommentare zu diesem Text

ungesagt (34)
(02.08.08)
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 Zeder meinte dazu am 02.08.08:
ich nicke und knickse und lächle und strahle und nicke!
MinusMalMinusIstPlus (25)
(03.08.08)
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 Zeder antwortete darauf am 03.08.08:
hui, dankeschön! das fiel mir jetzt so ein....
lake26 (46)
(12.08.08)
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Data-LAB (37)
(13.08.08)
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