21. Strophe

Text

von  ManMan

21
Es stehen Wahlen an und man versammelt sich.
Auch wir sind unterwegs.
Schade sei nur, sagt Vanessa, dass Murak zu Hause bleibe
derzeit wirke er so melancholisch

Abwechslung wäre gut für ihn. Ich bremse heftig.
Wir sind da, stelle ich fest und gebe ihr
den  Kuss, den ich ihr längst schon geben wollte.

Ja, sagt sie. Wir steigen aus.
Ein halbgefüllter Saal im dritten Stock
wo es nach Fisch riecht und nach Fett
die Mensa ist nicht weit entfernt.

Politiker verschiedener Couleur
reden und schimpfen, ohne viel zu sagen.
Bald macht sich Langeweile breit.

Vanessa starrt die dicke, rote Nase
des Mannes an, der vor uns sitzt
und wacht dann unversehens auf.

Es ist die Rede vom Asyl:
das Recht werde missbraucht, ist man sich einig
unter Deutschen. Nur Vanessas Miene
wird zusehends finsterer.

Sie meldet sich zu Wort, direkt nach einem Manne
der selbstgefällig mit verkniffenen Lippen
Verstärkung an den Außengrenzen fordert
gegen Afrikaner und Chinesen.

Darf’s auch eine Mauer sein, fragt sie zurück
mit Minenfeld und Selbstschüssen vielleicht
für alle, die es dennoch wagen? Merken Sie
nicht, wie unmenschlich Sie sind?!

Beifall und Pfiffe hallen
als wir längst im Auto sitzen
noch in meinen Ohren nach.

Vanessa, du warst mutig!--
Sie winkt ab: Ach was!
Ich hab’ nur an Murak denken müssen.--

Trotz der späten Stunde staut sich der Verkehr
wir müssen warten und
meine Hand berührt Vanessas Knie.

aber in den Augen, die auf mich gerichtet
sehe ich den Vorwurf, den sie mir dann macht
wegen meiner Eifersucht auf Murak.

Das macht mir zu schaffen, Dichter
denn es ist nicht gut für dich und mich!--
Vor uns löst der Stau sich langsam auf.

Warum soll es denn für mich nicht gut sein
frage ich mit Trotz in meiner Stimme.
Wieder schaut sie mich eindringlich an.

Wer die Eifersucht zu Gast hat, sagt sie
der verzichtet darauf, neugierig zu sein.--
Dann stößt sie die Hand weg: Fahr schon, ich will heim!--

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Kommentare zu diesem Text

Caterina (46)
(19.07.08)
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